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Der Zufall in der Forschungsförderungspolitik


Von Hubertus Buchstein

Zufälle spielen bei wissenschaftlichen Entdeckungen immer wieder eine erstaunliche Rolle. Auch belehrt uns die Wissenschaftsforschung, dass manche vielversprechende Innovation selbst von den aufmerksamsten Gutachtern des Wissenschaftsbetriebes nicht erkannt worden ist. Gebe es vielleicht eine Möglichkeit, den Zufall gleichsam "einzuplanen" in die Verfahren der Wissenschaftsförderung? Ein Vorschlag.

Der Zufall in der Forschungsförderungspolitik© Thomas Graf - Fotolia.comSind Zufälle in der Forschungsförderungspolitik planbar?
In Jonathan Swifts 'Gullivers Reisen' (1726) findet sich eine köstliche Persiflage auf Francis Bacons 'New Atlantis' (1624) und die dort geschilderte Akademie der Wissenschaften.

Bacon hatte diese Akademie zum eigentlichen Zentrum des gesamten gesellschaftlichen Lebens von 'New Atlantis' gemacht. Streng und hart arbeiten die Wissenschaftler an immer neuen Erfindungen, die das Leben schöner und die Welt besser machen. Auch in Swifts satirischer 'Akademie von Lagado' fühlt man sich an die Dauerinnovationsrhetorik von manchen Wissenschaftspolitikern unserer Tage erinnert, allerdings auf ganz andere Weise. Denn die eifrigen Wissenschaftler in Lagado reagieren auf die Erwartungshaltung ihrer Regierung auf permanente wissenschaftliche Innovation mit der Erfindung einer speziellen Maschine, gleichsam einer Erfindungs-Erfindungsmaschine. Auf kleinen Holzwürfeln enthält sie alle wichtigen Worte der Landessprache, die regelmäßig neu zusammengewürfelt werden. Die aus der zufälligen Aneinanderreihung der Worte entstehenden neuen Sätze fungieren dann als neue Ausgangspunkte für die wissenschaftliche Arbeit.

So bizarr Swifts Erzählung anmuten mag, für Akteure im heutigen Wissenschaftsbetrieb birgt sie möglicherweise ein bislang noch nicht ausgeschöpftes Anregungspotenzial moderner Innovations- und Forschungsförderungspolitik. Denn Swifts Satire hat einen durchaus rationalen Kern. Zufälle, so wissen wir aus der historischen Wissenschaftsforschung, spielen bei der wissenschaftlichen Innovation eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und wir wissen gleichfalls aus der Wissenschaftsforschung, dass manche viel versprechende Innovation selbst von den aufmerksamsten Gutachtern innerhalb des Wissenschaftsbetriebs nicht erkannt worden ist. Auch Experten können sich irren, und sie irren sich zuweilen tatsächlich.

Die 'Peer-Review' 'under Review'

Diese Erfahrung deckt sich mit ernüchternden Ergebnissen aus der Forschung über die Qualität von Peer-Review-Verfahren wissenschaftlicher Zeitschriften. Verschiedene empirische Analysen von Gutachterurteilen über Manuskripte für renommierte Fachzeitschriften haben derartig hohe Diskrepanzen aufgewiesen, dass Alfred Kieser diese Befunde in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu dem Schluss gelangen ließ, "man könne die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung eines Manuskripts auch dem Wurf eines Würfels anvertrauen." (F.A.Z. 11. Juni 2010). Dieser Gedanke ist weniger absurd, als er auf den ersten Blick erscheinen mag.

Als Konsequenz ihrer Unzufriedenheit mit Expertengutachten bei der Wissenschaftsförderung haben sich in der Vergangenheit vereinzelt Stimmen geregt, die den Zufall systematisch in die Forschungsförderungspolitik integrieren wollen. So wurde der englische Physiker Les Allen im Londoner 'Times Higher Education Supplement' schon in den 1990er Jahren mit folgender Äußerung zitiert: "I suggest that the Engineering and Physical Science Research Council throw out the panels, throw out the referees and have a lottery for all the available funds. Such a system would be fairer than the present one and would also be better at supporting truly original research. Pure chance must give me more hope than the opinions of a subset of my peers." (Neil Duxbury, Random Justice. Oxford 1999, Seite 89)

Ein Vorschlag: Das Los bei der DFG

So weit möchte ich in meinem Änderungsvorschlag zur finanziellen Forschungsförderung gar nicht gehen. Doch vor dem Hintergrund der zitierten Stimmen möchte ich mit Blick auf die Forschungsförderungspolitik, bzw. die Förderung wissenschaftlicher Forschungsprojekte durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) folgenden moderateren Vorschlag machen: Ein Prozent des Förderetats für Einzelanträge wird unter all denjenigen DFG-Anträgen, die im Begutachtungsverfahren zu "gemischten Voten" gelangten - also mindestens eine klar positive Expertenbewertung erhielten - und die aufgrund von anderen kritischen Voten im Zuge der Beschlussfassung im Kollegium der DFG abgelehnt worden sind, per Losverfahren vergeben.

Dieser Vorschlag basiert also auf einer Kombination von Expertenwissen und Zufall. Vollständig würde man auf das Expertenwissen bei dem einprozentigen Anteil schon deshalb nicht verzichten, da mindestens eine positive Begutachtung vonnöten wäre, um in den Lostopf zu gelangen. Auf diese Weise bliebe eine Barriere gegen den Anreiz errichtet, dass sämtliche Kollegen auch ohne ausgereifte Projektidee bei der DFG Anträge allein in der Hoffnung stellen, dass Fortuna ihnen hold ist und sie ein "Förderlos" gewinnen; die Gutachter würden solche Anträge wie gewohnt schnell aussortieren können. Auf den Zufall würde man bei diesem Förderanteil allerdings insofern rekurrieren, als sich die Forschungsförderungspolitik der DFG bei umstrittenen Projektanträgen nicht mehr allein und rigide auf die fachliche Kompetenz der Gutachter und auf die adäquate Interpretation der Gutachten durch die Mitglieder der Fachkollegien verlassen müsste.

Ein Hundertstel des Fördervolumens wäre somit eine Art wissenschaftliches Risikokapital. Wobei es mir zunächst nicht auf die exakte Relation dieses Anteils ankommt, sondern den Grundgedanken des Vorschlages. Dem blinden Zufall fällt darin eine durchaus rationale Rolle zu. Die Dosierung von einem Prozent Zufall könnte als Instrument fungieren, um potenziell innovativen wissenschaftlichen Leistungen, die von den begutachtenden Experten nicht als solche erkannt werden, im Wissenschaftsbetrieb eine zusätzliche Eingangsschleuse bereit zu stellen.

Vom Autor ist 2009 im Campus-Verlag das Buch "Demokratie und Lotterie. Das Los als politisches Entscheidungsinstrument von der Antike bis zur EU" erschienen.


Über den Autor
Hubertus Buchstein ist Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Greifswald.


Aus Forschung und Lehre :: August 2011

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