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Deutsche Hochschulen gehen "offshore"

Von Christian Bode

Immer mehr deutsche Hochschulen kooperieren mit Hochschulen anderer Länder bzw. gründen in anderen Ländern neue Institute oder ganze Einrichtungen. Welche Länder bzw. Regionen stehen bei diesem Export im Vordergrund? Welche hochschulpolitischen Ziele sind damit verbunden?

Deutsche Hochschulen gehen "offshore"© GUCGerman University in Cairo
Über 600 fröhlich lärmende Absolventen und ihre stolzen Angehörigen füllen den größten Konferenzraum Kairos. Die ägyptische Nationalhymne wird intoniert, dann die deutsche, verdiente Professoren aus den Partneruniversitäten Ulm und Stuttgart geehrt, schließlich die Urkunden ausgegeben: Die "German University in Cairo" (GUC) verabschiedet ihren ersten Jahrgang. Der Gründer, Professor Ashraf Mansour, ehemaliger DAAD- und Alexander- von-Humboldt-Stipendiat an der Uni Ulm, kann zufrieden sein; ebenso seine privaten Sponsoren, die, wie es sich für gute Muslime gehört, einen Teil ihres Vermögens dem allgemeinen Nutzen widmen. Die Absolventen der überwiegend naturwissenschaftlichtechnischen Studiengänge sprechen perfekt englisch, dagegen ist ihr Deutsch auch nach zwei Jahren obligatorischen Unterrichts eher bescheiden, sofern sie nicht Absolventen der vorzüglichen deutschen Schulen in Kairo sind oder einen Teil ihres Studiums in Deutschland absolviert haben.

Ihr Abschluss ist ein ägyptischer, allerdings von deutschen Agenturen akkreditiert; über gemeinsame Abschlüsse mit den Partneruniversitäten wird noch beraten. Die Absolventen und ihre Familien haben pro Jahr rund 8.500 Euro Gebühren entrichtet (für die besten gibt es bis zu 50 Prozent Ermäßigung). Die deutsche Seite hat - über den DAAD aus Mitteln des Bundesbildungsministeriums und des Auswärtigen Amtes - seit der Gründung 2001 rund 3,5 Millionen Euro aufgewendet, überwiegend für deutsche Dozenten, Administratoren sowie für Stipendien. Auch die Fraunhofer- Gesellschaft, die Deutsche Welle und einige Firmen sind mit von der Partie. Das Projekt erfreut sich in beiden Ländern höchster politischer Unterstützung.

Der arabische Raum

Die GUC hat erhebliche Ausstrahlung im arabischen Raum gehabt und die deutschen Hochschulen als Gründungspartner "hoffähig" gemacht. Wenig später wurde die Deutsch-Jordanische Hochschule (GJU) in Amman gegründet, die sich allerdings in wesentlichen Punkten unterscheidet: Sie ist eine staatliche Hochschule mit zurzeit 1 100 Studierenden und hat ein Konsortium deutscher Fachhochschulen unter Führung der FH Magdeburg-Stendal zum Partner. Unterrichtssprache an der GJU ist Englisch, im vierten Jahr ist aber ein einjähriger Deutschlandaufenthalt obligatorisch. Es wurde sogar ein eigener Masterstudiengang für Deutsch als Fremdsprache entwickelt, um der Nachfrage an Deutschlehrkräften nachzukommen. Der Deutschlandaufenthalt integriert Studien- und Praxisinhalte für möglichst alle Studierenden. Der Ausbau der Hochschule wird auch indirekt durch die Umwandlung früherer Kreditschulden in staatliche Investitionshilfen finanziert.

Noch nicht so weit ist die "German University of Technology" in Oman, die gerade die ersten knapp einhundert Studierenden für zunächst vier Studiengänge zugelassen hat. Sie hat die RWTH Aachen als Paten und deren vormaligen Rektor, Professor Rauhut, zum Gründungsrektor. Sie wird aus dem Privatvermögen des Religionsministers finanziert; auch dieses Projekt wird vom so genannten "Exportprogramm" des DAAD unterstützt.

Entbehrlich ist solche Unterstützung dagegen im Fall der "King Abdullah University of Science and Technology" in Jeddah, bei der Geld bisher keine erkennbare Restriktion darstellt. Hier sind die ausländischen Hochschulen, darunter auch die TU München, als gut honorierte Serviceleister, Qualitätsgaranten und als "Zugpferde" für das Marketing gefragt. Ähnliches gilt für die neueren Gründungen in den Golfstaaten Qatar, Kuwait, Dubai und Abu Dhabi, bei denen prominente anglo-amerikanische Universitäten und die Pariser Sorbonne beteiligt sind. Das Besondere an diesen (Golf-)Universitäten ist, dass sie weniger auf den (eher spärlichen) einheimischen Nachwuchs als vielmehr auf ausländische Kundschaft zielen: Bildungsangebote als Teil einer Strategie für die "Zeit nach dem Öl".

Vorreiter dieser Strategie war Singapur, das inzwischen mit Hilfe prominenter ausländischer Hochschulen auf dem geplanten Weg zum "education hub" ein großes Stück vorangekommen ist. Inzwischen sind dort 25 bis 30 Prozent der Studierenden Ausländer. Mit von der Partie ist auch die TU München, die ein "German Institute of Science & Technology" (GIST) mit naturwissenschaftlich- technischen Masterstudiengängen betreibt.

Der asiatische Raum

Asien, genauer Südostasien und China, ist die eigentliche Schwerpunktregion für "Offshore"-Aktivitäten. Das Motiv dieser Länder ist dabei allerdings vorrangig auf die Versorgung der eigenen studierwilligen Jugend und auf den Import westlichen Know-hows gerichtet. Das deutsche Engagement hat hier schon Tradition: So wurde die Tongji- Universität in Shanghai von einem deutschen Arzt gegründet (1907), das Indian Institute of Technology Madras (Chennai) wurde mit deutscher Entwicklungshilfe aufgebaut (1958) und auch das angesehene Asian Institute of Technology (AIT) Bangkok verdankt seine Entwicklung deutscher Unterstützung (1967).

Heute gibt es in diesem Raum wesentlich mehr, wenn auch weniger spektakuläre deutsche Initiativen. Am prominentesten sind wohl das "Chinesisch- Deutsche Hochschul-Kolleg" (CDHK) an der Tongji-Universität in Shanghai und die "Sirindhorn International Thai- German Graduate School of Engineering" am King Monkut's Institute of Technology in Bangkok (RWTH Aachen). Beim CDHK, das gerade sein zehnjähriges Bestehen feierte, beeindruckt vor allem das Engagement der deutschen Wirtschaft: 27 Lehrstühle sind von deutschen Firmen gesponsert. Natürlich hat das mit der Dynamik des dortigen Wirtschaftsstandorts zu tun; ein vergleichbares Engagement der deutschen Wirtschaft sucht man bei anderen Projekten vergebens. Bemerkenswert ist ferner die Unterrichtssprache Deutsch, die Doppel-Master-Option mit den deutschen Partnerhochschulen (u.a. TU Berlin, TU München, Universität Bochum) und die wachsende Zahl deutscher Studierender, für die das CDHK eine Art Brückenkopf in einem ansonsten schwer zugänglichen Land darstellt. Neben dem CDHK entwickelt sich mit Hilfe eines deutschen Fachhochschul- Konsortiums ein Kolleg mit technik-orientierten Bachelorstudiengängen. Wenn die von allen Beteiligten angestrebte Zusammenführung der beiden (FH- und Uni-)Kollegs tatsächlich gelingt, würde fern in Shanghai ein bemerkenswertes Kapitel deutscher Hochschulgeschichte geschrieben...

Osteuropa

Der dritte Raum, der sich für "transnationale" Initiativen eignet, ist Osteuropa einschließlich der früheren GUS-Staaten. Auch hier gibt es nicht nur Interesse an westlichem Know-how, sondern mehr noch den Wunsch und das Bedürfnis, die eigenen Talente möglichst im Lande zu halten. Da ist dann die ausländische Hochschule "vor Ort" die bessere Alternative zum Auslandsstudium, zumal sie in der Regel auch erschwinglicher ist. Wohl auch deshalb sind die Projekte in Osteuropa fast durchweg so genannte Kooperationsprojekte, die in oder an einer heimischen Universität betrieben werden. Häufig von Hochschulpartnerschaften ausgehend, die der DAAD im Programm "Ostpartnerschaften" seit über 20 Jahren fördert, haben sich inzwischen stabile Austauschprogramme entwickelt: Deutsche Rechtsschulen in Polen (Krakau, Warschau, Danzig), die einheimische Juristen auf Deutsch fortbilden und auf einen Deutschlandaufenthalt vorbereiten; deutsche Fachzentren für Recht und Wirtschaft (beide in Moskau); die Projekte des DAAD-Programms "Deutschsprachige Studiengänge" mit oder ohne Doppeldiplom, z.T. institutionalisiert in der Handelshochschule in Warschau (zusammen mit der Universität Mainz) und gar die deutschsprachigen Fakultäten (TU Sofia mit Karlsruhe und Braunschweig, TU Budapest mit TU Karlsruhe).

Abweichend von diesem Kooperationsmuster ist die Deutsch-Kasachische Universität (DKU) vor einigen Jahren von einer Handvoll deutscher Dozenten und Lehrkräfte als selbständige Unternehmung gegründet worden und hat sich inzwischen auf die politische Tagesordnung beider Staaten hochgearbeitet.

Geplante Kooperationen

Nun stehen zwei weitere (stark politisch motivierte) Großprojekte an, die Deutsch-Türkische Hochschule in Istanbul und die "Vietnamese German University" in Ho Chi Minh City, dem früheren Saigon. Ein drittes Großprojekt, die von Pakistan gewünschte Gründung einer Deutsch-Pakistanischen Technischen Hochschule in Lahore, wurde im fortgeschrittenen Planungsstadium angesichts der politischen und finanziellen Turbulenzen erst einmal vertagt.

Für die Deutsch-Türkische Universität wurde (im Gegensatz zu den meisten anderen Gründungsvorhaben) ein Regierungsabkommen geschlossen. In Kürze soll ein deutsches Hochschul- Konsortium gegründet werden, das dann die Aufbauleistungen koordiniert. Da die Hochschule eine staatliche sein soll und deshalb dem türkischen Hochschulrecht unterliegt, ist eine deutsche Einflussnahme (etwa zur Qualitätssicherung bei Doppelabschluss-Programmen) eher nur indirekt und informell möglich. Demgegenüber soll die - ebenfalls staatliche - Vietnamese German University, die auf eine Initiative des Landes Hessen zurückgeht, eine paritätische Mitwirkung deutscher Regierungs- und Hochschulvertreter in den Entscheidungsorganen erlauben. Auch hier ist ein entsprechendes deutsches Hochschulkonsortium zur Zeit in Gründung. In beiden Projekten trägt das Sitzland die Hauptkosten; die finanzielle deutsche Beteiligung soll sich auf je ca. drei Millionen Euro jährlich belaufen, wobei sich im Fall Saigon das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Land Hessen die Kosten teilen wollen.

Unter regionalen Gesichtspunkten bleibt zu ergänzen, dass es in Afrika- Subsahara, Lateinamerika und in den westlichen Industrieländern fast keine solchen Offshore-Projekte gibt: teils wegen widriger Marktbedingungen, teils wegen politischer Zurückhaltung der Gastländer, teils auch mangels vergleichbarer Dichte der akademischen Zusammenarbeit; erwähnenswerte Ausnahmen sind die Aktivitäten der Universität Bochum in Kapstadt und der Universität Heidelberg in Chile.

Keine Standard-Projekte

Schon die kurz beschriebenen Fälle machen deutlich, dass es keine Standard-Projekte "von der Stange" gibt, sondern dass sich Anlässe und Motive, Akteure und Beteiligte, Größe, Fächer, Organisation und Finanzierung erheblich unterscheiden. Die meisten Projekte (rund 40) haben sich "Bottom-up" aus Hochschul- Initiativen entwickelt und werden im Rahmen eines BMBF-finanzierten DAAD-Programms ("Studienangebote deutscher Hochschulen im Ausland") gefördert; einige größere Projekte sind "Top-down" politisch initiiert und werden von Hochschulen implementiert. Die Studienangebote konzentrieren sich stark auf Technik und Naturwissenschaften, gelegentlich auch Wirtschaftswissenschaften und Recht, und sind damit eindeutig entwicklungsorientiert. Hauptakteure sind dementsprechend die Technischen Hochschulen und entsprechende Fachhochschulen. Bevorzugt werden Kooperationen mit potenten Hochschulen des Gastlandes, selbständige Neugründungen sind eher selten. Doppelabschlüsse oder "joint degrees" sind eher die Regel als die Ausnahme. Die Unterrichtssprache ist meist Englisch (mit begleitendem Deutschunterricht), nur in wenigen Fällen wird komplett in Deutsch unterrichtet. Die Hauptfinanzierung kommt aus unterschiedlichen Quellen des Gastlandes, Studiengebühren sind unverzichtbar, aber in der Regel nicht ausreichend. Finanzielle Erträge sind nicht ernsthaft zu erwarten, Kostendeckung ist schon schwierig genug. Die Zusatzfinanzierung aus deutschen Fördermitteln dient nicht zuletzt dazu, den deutschen Partner unabhängig(er) vom ausländischen Sponsor zu machen, zumal die Vorstellungen von "Universität" doch interkulturell erheblich variieren. Die Mitwirkung der deutschen Seite in den Organen der jeweiligen Hochschule ist unterschiedlich ausgeprägt, meist eher schwach entwickelt und mehr auf Vertrauen als auf Rechtstitel gegründet.

Hochschulpolitische Ziele

Fragt sich nach alledem, was die erheblichen Aufwendungen an Zeit, Kraft, Nerven und Geld rechtfertigt, die von deutscher Seite in solche Projekte investiert werden. Auf der politischen Ebene geht es vorrangig um eine neue Variante des Werbens für den Studien- und Wissenschaftsstandort Deutschland ("Schaufenster") und vielleicht auch um das Ziel, deutsche Hochschulen als "unternehmerische" Hochschulen auf dem internationalen Bildungsmarkt "vor Ort" zu positionieren. Gelegentlich kommen dezidiert außenwirtschaftliche und außenpolitische Erwägungen - wie der verstärkte "Dialog der Kulturen" - hinzu. Auf Seiten der Hochschulen geht es dagegen eher darum, das eigene internationale Renommee zu stärken und auf diese Weise mehr kluge Köpfe aus aller Welt anzuziehen - auch in die Mutterhochschule in Deutschland. Hinzu kommt hier und da die Erwartung, Forschungskooperationen zu akquirieren und neue Netzwerke aufzubauen, die immer wichtiger werden als Basisstruktur für internationale Kooperationen aller Art. Und manchmal spielen auch, nicht nur hier, durchsetzungsstarke Einzelpersönlichkeiten, historische Zufälligkeiten und Traditionen sowie ganz gelegentlich auch eine gewisse Lust am akademischen Abenteuer eine Rolle, eine Mischung, die auch sonst in der Geschichte der Hochschulen für mancherlei Innovationen verantwortlich gewesen ist.

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2009

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