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Deutschland-Stipendium: "Flagge zeigen"


Das Gespräch führte JAN-MARTIN WIARDA

Ein Gespräch mit dem Rektor der Universität Duisburg-Essen über Sinn und Nutzen des Deutschland-Stipendiums.

"Flagge zeigen" - Interview Rektor Universität Essen© Universität Duisburg-EssenProf. Ulrich Radtke ist Rektor der Universität Duisburg-Essen
DIE ZEIT: Herr Professor Radtke, sind Sie der letzte Fan des Deutschland-Stipendiums?

Ulrich Radtke: Das glaube ich kaum. Doch selbst wenn es so wäre: Ich kann nur von den Erfahrungen ausgehen, die wir an unserer Universität machen, und die sind sehr ermutigend.

ZEIT: Das einst so großartig verkündete Ziel von 160.000 Stipendien liegt in weiter Ferne, die Hochschulen scheinen nicht einmal die für 2011 vorgesehenen 10.000 einwerben zu können. Die Opposition fordert, das Projekt zu begraben, und spricht von einer Pleite. Wovon sprechen Sie?

Radtke: Ich spreche davon, dass viele offenbar gar nicht wollen, dass das Programm zu einem Erfolg wird. Sicher: Die offiziell angestrebte Größenordnung ist utopisch und wird niemals erreicht werden. Das sollte die Regierung endlich eingestehen. Umgekehrt aber kann es nicht sein, dass eine an sich wundervolle Idee systematisch kaputt geredet wird, weil man grundsätzlich dagegen ist, dass hervorragende Studenten für ihre Leistung ausgezeichnet werden. Oder - noch schlimmer - womöglich nur, weil die Initiative dazu von einer bestimmten Partei ausging.

ZEIT: Die zehn Prozent sind also utopisch - sogar aus Sicht des Rektors, dessen Universität stets als Paradebeispiel dafür herhalten muss, dass die Akquise der Stipendien doch gelingen kann?

Radtke: Sie kann auch gelingen, eben nur nicht in der Größenordnung. Doch selbst in strukturschwachen Regionen gibt es ausreichend Privatleute und Unternehmen, die spenden wollen und es tun, sobald man sie persönlich anspricht.

ZEIT: Verraten Sie mal Ihr Rezept.

Radtke: Das Rezept heißt: Flagge zeigen, beim Rektor angefangen, denn er ist das Sprachrohr der Universität. Es reicht eben nicht, mir in Reden halbherzig eine neue Stipendienkultur zu wünschen, ich muss mich täglich dafür einsetzen. Wir hier in Nordrhein-Westfalen haben seit drei Jahren das NRW-Stipendium, schon die Akquise dafür hat mich persönlich enorm viel Arbeit gekostet. Das alles aber hätte wenig geholfen, wenn nicht auch die Fakultäten voller Engagement mitgezogen hätten. Kurzum: Zur direkten Ansprache, zum Aktivieren eigener Netzwerke in Politik und Wirtschaft, sehe ich in der Anfangsphase keine Alternative.

ZEIT: Sie sind Rektor, nicht Chef-Fundraiser!

Radtke: Ehrlich gesagt bin ich immer beides, auch unabhängig vom Deutschland-Stipendium. Aber Sie haben recht, natürlich müssen in einer zweiten Phase Strukturen und Routinen entwickelt werden, um die Verwaltung der Stipendienvergabe und die Kontaktpflege zu den Spendern zu gewährleisten. Dafür habe ich bereits einen Mitarbeiter eingestellt.

ZEIT: Wie das? Viele Ihrer Rektorenkollegen klagen doch, der nötige Aufbau einer Fundraising-Abteilung sei durch den geringen Zuschlag, den der Bund pro Stipendium zahlt, gar nicht möglich.

Radtke: Wir sind, könnte man sagen, in Vorleistung gegangen. Meine Kolleginnen und Kollegen haben aber recht: Der sogenannte Overhead ist tatsächlich komplett unrealistisch berechnet. Damit sind weder die Personalkosten noch Reise- oder Sachkosten abgedeckt, all das drückt der Staat uns einfach aufs Auge. Solange der Overhead nicht erhöht wird, werden viele andere Hochschulen nicht mitmachen.

ZEIT: Sie schon. Was versprechen Sie sich davon?

Radtke: Ganz einfach: Wenn ich genügend Stipendien einwerben kann, erhöhe ich die Attraktivität unserer Universität. Es gibt zahlreiche Unterstützungsmaßnahmen für bedürftige Studenten, aber kaum Möglichkeiten, hervorragende Studenten in einem »Honors Program« zu fördern und frühzeitig in Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern zu bringen. In Duisburg-Essen stärken wir damit unser Konzept, unabhängig von familiärem Hintergrund und nationaler Herkunft beste Bildungschancen zu bieten.

ZEIT: Ist das so? Kritiker befürchten, dass die Stipendien gar nicht bei denen ankommen, die sie wirklich brauchen.

Radtke: Unsere Zahlen sprechen eine andere Sprache. Wir sind die einzige Universität in Deutschland, an der mehr als die Hälfte der Studenten Bildungsaufsteiger sind ...

ZEIT: ... also aus Nichtakademikerfamilien stammen ...

Radtke: ... und 35 Prozent in Einwandererfamilien aufgewachsen sind. Diese Zusammensetzung unserer Studierendenschaft findet sich eins zu eins in unserer Stipendienverteilung wieder. Und ich will noch mal betonen: Es handelt sich um ein Exzellenz- und kein Sozialprogramm.

ZEIT: Ist es der Exzellenz geschuldet, wenn die große Mehrheit der Stipendien in den Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften landen? Oder doch eher blanken Wirtschaftsinteressen?

Radtke: Auch dieser Vorwurf entspricht nicht der Realität. Bei uns werden zwei Drittel aller Stipendien ohne jede Auflage von den Spendern bereitgestellt, gesetzlich gefordert ist nur ein Drittel. Nicht nur unsere zahlreichen Einzelspender sind da sehr offen. Nehmen wir zum Beispiel auch unsere beiden Großspender Deichmann und Grillo, die 50 beziehungsweise 60 Stipendien finanzieren - ohne mitbestimmen zu wollen, für welches Fach wir sie vergeben. Viele Unternehmen sind viel weltoffener und unverkrampfter, als man es ihnen unterstellt.

ZEIT: Hand aufs Herz: Statt der von Ihnen als utopisch bezeichneten Zielzahl von 160.000 Stipendien - wie viele sind realistisch erreichbar?

Radtke: Auf eine Quote von einem Prozent der Studenten, also rund 20.000 Stipendien bundesweit, kann man damit ohne Weiteres kommen. Einige wenige Universitäten mit schlagkräftigen Ehemaligen-Organisationen können auch zwei Prozent schaffen. Das ist doch was! Ich kann nicht sagen: Nur weil die Bundesregierung eine unrealistische Zielmarke gesetzt hat, ist das Programm schlecht und gescheitert, wenn am Ende 40.000 Stipendien entstehen.

ZEIT: Gegner des Programms warnen, das Geld, was der Staat für die Stipendienausgebe, werde er beim Bafög wieder einsparen.

Radtke: Das zeigt die Unehrlichkeit der Diskussion. Auf der einen Seite wird gespottet, das Programm sei eine Schrumpfnummer und Wachstum völlig ausgeschlossen, auf der anderen Seite heißt es, »Schavans Prestigeobjekt« werde das Bafög schlucken. Nur mal zum Vergleich: Dieses Jahr investiert der Staat rund drei Milliarden Euro ins Bafög - und 18 Millionen Euro ins Deutschland-Stipendium. Wahrscheinlich sogar noch weniger, wenn die 10.000 Stipendien nicht voll werden.

ZEIT: Sie haben Ihr Kontingent für dieses Jahr ausgeschöpft. Würden Sie gern noch Stipendien derjenigen Hochschulen »erben«, die das nicht schaffen?

Radtke: Auf keinen Fall! Was wir vermeiden müssen, ist eine Spaltung der Hochschullandschaft in Verlierer und Gewinner. Wir sind froh mit den Stipendien, die wir bekommen, und freuen uns über eine allmähliche Ausweitung.

Aus DIE ZEIT :: 29.09.2011

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