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Deutschland holt auf

von Gerrit Rößler

Die USA sind nach wie vor das attraktivste Zielland deutscher Nachwuchswissenschaftler. Nicht wenige von ihnen verabschiedeten sich von Deutschland auf lange Zeit oder auf Dauer. Dieser Talentschwund scheint dem Gestern anzugehören, das geht zumindest aus einer aktuellen Studie des German Academic International Netzwerk (GAIN) hervor. Das GAIN-Netzwerk hat das Ziel, deutsche Wissenschaftler in Nordamerika bei ihrer eventuell geplanten Rückkehr nach Deutschland zu unterstützen.

Deutschland holt auf© Mark Evans - iStockphoto.comGAIN unterstützt mehr und mehr Nachwuchswissenschaftler bei der Rückkehr nach Deutschland
Lange schien es, dass in Deutschland hoch ausgebildete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschung lieber im Ausland, besonders in den USA betreiben wollten. Gerade im Zusammenhang mit dem vielbeklagten Fachkräftemangel stellte das eine besorgniserregende Diagnose dar. Dabei wurde die Rückkehr nach Deutschland vor allem durch drei Aspekte erschwert: Zum einen schien das Wissenschaftssystem im Vergleich zu Nordamerika als zu unflexibel, verwirrend und finanziell unattraktiv, zum anderen fehlten jungen Wissenschaftlern nach Jahren im Ausland oft die Netzwerke und Informationen, die für die Jobsuche und Kooperation in der Heimat erforderlich waren. Zum dritten gab es für Auslandsdeutsche keine zentrale Anlaufstelle, die Fragen beantworten, Informationen bereitstellen und, nicht zuletzt, hartnäckige Gerüchte wiederlegen konnte. Dies hat sich in den letzten Jahren radikal geändert, wie eine Studie des Umfragezentrums Bonn im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt.

Die Studie hatte das Ziel, den beruflichen Verbleib der Teilnehmer der GAIN-Jahrestagungen 2004 bis 2011 zu untersuchen. GAIN ist eine gemeinsame Initiative der Alexander von Humboldt Stiftung, des DAAD und der DFG, der seit ihrer Gründung 2003 die Hochschulrektorenkonferenz sowie alle deutschen außeruniversitären Forschungseinrichtungen als assoziierte Partner beigetreten sind. Bei den Tagungen treffen jährlich rund 300 Wissenschaftler auf hochrangige Vertreter der deutschen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Die kontinuierliche Arbeit über so einen langen Zeitraum weckt natürlich die Frage danach, was eigentlich mit den Teilnehmern all dieser Tagungen in der Zwischenzeit passiert ist. Wo sind sie heute? Wie ist ihre berufliche Karriere verlaufen?

Hoher Rückkehrer-Anteil

Insgesamt 1.665 Teilnehmer wurden per Online-Fragebogen kontaktiert, die Rücklaufquote betrug 48 Prozent. Bei den Teilnehmern der Tagungen 2004 bis 2009 lag der Anteil der Rückkehrer bei mehr als zwei Drittel. Weniger als 30 Prozent dieser Gruppe verblieben in Nordamerika, und auch von diesen viele nicht auf Dauer. Da viele der Teilnehmer der beiden jüngsten Tagungen ihren ursprünglich geplanten Postdoc-Aufenthalt zum Befragungszeitpunkt Januar bis März 2012 noch nicht beendet hatten, lag dort der Anteil der Rückkehrer mit nur 48,4 und 12,9 Prozent erwartungsgemäß entsprechend niedrig.

Deutschland holt auf © Forschung & Lehre Aktuelles Aufenthaltsland der Befragten in Bezug zum Jahr der Tagungsteilnehmer
Insbesondere die Schwierigkeit einer langfristigen Karriereplanung und die als niedrig empfundenen Gehälter in Deutschland wurden von den Teilnehmern in der Vergangenheit regelmäßig kritisiert. Im direkten Vergleich zeigt die Studie nun, dass die Chance, eine dauerhafte Stelle zu bekommen, in Deutschland besser geworden ist als sie in den USA ist. 12,5 Prozent der Zurückgekehrten haben eine W2- oder W3-Professur in Deutschland, die mit einer Dauerstelle ("Tenure") in den USA vergleichbar ist. 10,7 Prozent haben eine Juniorprofessur. Rund 28 Prozent leiten eine Nachwuchsgruppe. 24 Prozent sind als Postdoktoranden oder wissenschaftliche Mitarbeiter tätig und 14 Prozent arbeiten in der Wirtschaft. Dagegen haben nur 7,1 Prozent der in Nordamerika Verbliebenen eine Stelle als Associate oder Full Professor und nur 3,8 Prozent leiten eine Nachwuchsgruppe oder Ähnliches. Der Anteil an Assistant Professors, also an zeitlich begrenzten Positionen, liegt bei 14,7 Prozent. Die weitaus meisten (67 Prozent) arbeiten dort weiterhin als Postdoktoranden oder wissenschaftliche Mitarbeiter in Positionen, die in der Regel schlechter bezahlt werden als vergleichbare Positionen in Deutschland.

Der Anteil derer, die über 80.000 Euro pro Jahr verdienen, liegt bei den Rückkehrern bei 16 Prozent, bei den in Nordamerika Verbliebenen bei 15 Prozent. Der Anteil derer, deren Gehalt sich zwischen 40.000 und 80.000 Euro pro Jahr bewegt, liegt bei den Rückkehrern mit 70 Prozent gegenüber 38 Prozent in Nordamerika wesentlich höher. Weniger als 40.000 Euro pro Jahr verdienen 14 Prozent der Rückkehrer und 47 Prozent der in Nordamerika Verbliebenen. Insgesamt stellt sich also die Einkommenssituation in Deutschland besser dar.

Vorher-Nachher-Effekt

Es hat sich auch gezeigt, dass der Blick nach Deutschland oft mehr Sorge bereitet als notwendig. Es gibt offenbar eine Diskrepanz zwischen den erwarteten und den tatsächlichen Herausforderungen bei der Rückkehr. Während zwölf Prozent derer, die ihre Rückkehr planen, die Einkommenssituation in Deutschland als Herausforderung sehen, empfinden diese nur zwei Prozent der bereits Zurückgekehrten als Problem. Eine andere häufig genannte Herausforderung ist die Stellensuche vom Gastland aus. Tatsächlich lag bei 84 Prozent bei der Rückkehr eine Stellenzusage vor und nur 16 Prozent der Rückkehrenden kamen ohne Angebot oder Zusage nach Deutschland zurück. Aber auch von denen konnte die Hälfte innerhalb von drei Monaten nach Rückkehr eine neue Stelle in Deutschland finden.

Allein durch die verschlechterte wirtschaftliche Lage in den USA lässt sich dieser Trend nicht erklären, da die ersten vier der in der Studie untersuchten Jahre ja noch vor der Finanzkrise von 2008 liegen. Stattdessen kann man annehmen, dass die stetigen und konsequenten strukturellen Reformen Wirkung gezeigt haben, und Deutschland als attraktive Alternative gegenüber dem Wissenschafts- und Innovationsgiganten USA gesehen wird. GAIN und seine Partner sind sich aber einig, dass Deutschland sich nicht auf den positiven Ergebnissen der Studie ausruhen darf, sondern weiter seine Stärken ausbauen muss. Besonders für die langfristige Karriereplanung muss es mehr und sicherere Möglichkeiten geben. Auch bei der Rückkehr von Doppelkarrierepaaren müssen noch weiter reichende Formen der Unterstützung gefunden werden. Man ist aber, wie die Studie zeigt, auf dem richtigen Weg. Vielleicht wird man der Lösung dieser Probleme bei der nächsten GAIN-Tagung 2013 in San Francisco einen Schritt näher kommen.


Über den Autor
Gerrit Rößler ist GAIN-Programmleiter in der DAAD-Außenstelle in New York.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2013

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