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Deutschlandstipendium: ... und es nützt ihnen doch!

VON WERNER MÜLLER-ESTERL

Das Deutschlandstipendium sei ein Fehlschlag, schrieb ZEIT-Redakteurin Marion Schmidt. Werner Müller-Esterl, Präsident der Goethe-Universität Frankfurt, widerspricht: Studenten - und die Hochschule selbst profitieren davon.

Deutschlandstipendium: ... und es nützt ihnen doch!© ra2 studio - Fotolia.comDas Deutschlandstipendium - Besser als sein Ruf?
Die Frankfurter Goethe-Universität ist seit 2008 eine autonome Stiftungsuniversität. Mit ihrer neuen Verfassung vollzog sich auch ein Mentalitätswandel: Weniger Staat, mehr Selbstverantwortung, mehr Eigeninitiative.

Sie führt in eigener Regie Berufungsverhandlungen, errichtet und schließt Studiengänge und plant Bauprojekte. Als Stiftung hat sie zudem den Auftrag, das private Engagement für die Universität zu erhöhen. Dieses Ziel verfolgt auch das Nationale Stipendienprogramm. Es wurde 2010 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als Public-Private-Partnership-Modell eingeführt.

Über das Nationale Stipendienprogramm gelang es der Goethe-Universität in den vergangenen drei Jahren, 2,1 Millionen Euro von privaten Stiftern und Unternehmern einzuwerben; die Summe wurde vom BMBF auf 4,2 Millionen Euro aufgestockt. Zurzeit erhalten 606 Studierende die Unterstützung; dies entspricht 1,3 Prozent aller 45.000 Studierenden.

Bundesweit liegt der Schnitt bei 0,76 Prozent. Wenngleich auch in Frankfurt nicht die einst von der Politik erhofften 8 Prozent erreicht wurden.

Dennoch ist das Deutschlandstipendium keine »teure Fehlsteuerung«, wie der Beitrag "Deutschlandstipendium: Was am Ende übrig bleibt" von Marion Schmidt in der ZEIT vom 24. Juli konstatiert. Auch trifft das Fazit »Viel Aufwand, wenig Nutzen« nicht zu. Im Gegenteil: Hochschulen wie die Goethe-Universität profitieren erheblich von dem Programm. Warum?

Vier Gründe, die für das Deutschlandstipendium sprechen

Zunächst: In Deutschland gibt es eine Reihe von Förderwerken, die sich die Unterstützung begabter junger Menschen auf die Fahnen geschrieben haben; sie erreichen insgesamt gut zwei Prozent der Studierendenschaft. Das ist eine vergleichsweise geringe Zahl, bedenkt man, dass etwa in den USA mehr als 50 Prozent der Studierenden Studienbeihilfen beziehen. Darauf hat das BMBF 2010 mit der Einführung des Deutschlandstipendiums reagiert.

Das Deutschlandstipendium

Die Idee
Bildung gilt in Deutschland als Sache des Staates; bedürftige Studenten werden mit Bafög gefördert. Eine Stipendienkultur wie in den USA fehlt hierzulande. Das soll sich mit dem 2010 eingeführten Deutschlandstipendium ändern. Die Förderung eines Studenten beträgt 300 Euro pro Monat. Die Summe wird je zur Hälfte vom Bund und von privaten Spendern finanziert. Das private Geld müssen die Hochschulen einwerben. Der Bund fördert an jeder Hochschule ein Kontingent, bemessen an der Zahl der Studierenden. Nicht ausgeschöpfte Plätze können an andere Unis abgegeben werden. Der Anteil der Geförderten soll langfristig auf 8 Prozent erhöht werden.

Die Umsetzung
Im Jahr 2013 erhielten 19.700 Studenten ein Deutschlandstipendium. Das sind 42 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Gemessen an der Gesamtzahl der Studierenden, wurden allerdings nur 0,76 Prozent der Studenten damit gefördert. Politisches Ziel waren 1,5 Prozent. Ein Grund: Bis heute machen etwa 120 Hochschulen bei dem Programm nicht mit. Und von denjenigen, die sich daran beteiligen, schaffen knapp 40 Prozent es nicht, ihr Kontingent zu erfüllen. Einigen Hochschulen fehlen Partner in der Wirtschaft und Mittel für ein professionelles Fundraising. Der Bund gibt eine Verwaltungskostenpauschale von 7 Prozent auf die Förderung.

Die Kritik
Manche Hochschulvertreter lehnen das Programm aus ideologischen Gründen ab. Viele andere kritisieren den hohen Aufwand für das Fundraising. Im vergangenen Jahr hatte der Bundesrechnungshof gerügt, dass in den Jahren 2010 bis 2012 nur gut 60 Prozent der Bundesmittel in Form von Stipendien bei den Studenten angekommen seien. Der Rest sei vor allem für Werbekampagnen und Verwaltung aufgewendet worden. In einem jetzt bekannt gewordenen Prüfbericht ans Bundesbildungsministerium heißt es, das Stipendiensystem habe »wesentliche Ziele nicht erreicht«, das Ministerium müsse bis Ende Januar 2015 nachbessern.
Damit wurde für die Hochschulen erstmals ein Anreiz geschaffen, eigene Förderprogramme aufzubauen. Mit knapp 20.000 Einzelförderungen im laufenden Jahr und bemerkenswerten Steigerungsraten - allein 42 Prozent Zuwachs 2013 - ist das Deutschlandstipendium ein Erfolgsmodell geworden. Denn es hat nicht nur zur größeren Attraktivität der beteiligten Einrichtungen beigetragen, sondern binnen kürzester Zeit auch eine Förderquote erreicht, die an jene der etablierten deutschen Förderwerke heranreicht.

Sodann: Das Stipendium hilft den Studierenden. Sie bekommen über den Zeitraum von einem Jahr monatlich 300 Euro. Das mag für manche wenig sein; tatsächlich ist es aber viel Geld, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Bafög-Fördersatz lediglich bei monatlich 445 Euro liegt. Stipendiaten der Goethe-Uni nutzen denn auch gerne die Zeit, lassen den sonst für ihren Lebensunterhalt unverzichtbaren Nebenjob ruhen, bereiten sich auf Prüfungen vor oder legen ein Auslandssemester ein.

Weiterhin: Das Programm beschränkt sich nicht auf reine Elitenförderung, sondern kann auf die jeweilige Universität zugeschnitten werden. In Frankfurt kommen 15 Prozent der Stipendiaten aus dem Ausland oder weisen einen Migrationshintergrund auf; 38 Prozent stammen aus Nicht-Akademiker-Familien.

Diese Zahlen spiegeln sich auch insgesamt in der Studierendenschaft der Goethe-Universität wider. Die vergleichsweise heterogene Gruppe der Geförderten wird durch ein differenziertes Auswahlverfahren gewährleistet, wie es die Politik seit Jahren von den Hochschulen einfordert; dabei werden keineswegs nur Leistungen in Schule und Studium, sondern es wird auch soziales Engagement gewürdigt.

Schließlich: Das Deutschlandstipendium schärft das Profil der Hochschule. Als »echte« Bürgeruniversität vor 100 Jahren gegründet, trägt die Goethe-Universität mit ihrem Stipendienprogramm dem Anspruch Rechnung, ein Stück dessen, was jeder Studierende erhält, den Menschen in Stadt und Region zurückzugeben. So beteiligen sich die Stipendiaten ehrenamtlich an sozialen Projekten, von denen die Bürgerschaft Frankfurts profitiert; dazu zählen neue Vorschläge zur Unterbringung von Obdachlosen oder zur ökologisch korrekten Mülltrennung. Das BMBF-Programm dient somit der Bindung der Universität an die Bürgerschaft. Es dient aber auch der Bindung der Stifter an die Uni.

Denn Hochschulen knüpfen durch das Deutschlandstipendium dauerhafte Kontakte zu privaten Stiftern. Die Klage über eine fehlende Stiftungskultur in Deutschland ist alt. Wenn es stets beim Lamentieren bleibt, ändert sich nichts. Es bedarf Kontinuität und Vertrauen, um das Interesse privater Geldgeber für Hochschulen zu gewinnen. Dazu nutzt das Deutschlandstipendium, da es um die Förderung junger, tatkräftiger Menschen geht. Nichts tun Stifter lieber! So hat die Goethe-Universität sukzessive den Kreis der Begünstigten ausgeweitet und jedes Mal die Maximalförderquote erreicht: angefangen mit 185 Stipendien im ersten, 382 im zweiten und jetzt 606 im dritten Förderjahr.

Zugegeben - nicht jede deutsche Hochschule hat ein so spendierfreudiges Umfeld wie die Goethe-Universität. Und private Unterstützung erfordert Arbeit und Anstrengung. Will die Goethe-Universität im kommenden Jahr wiederum die maximale Stipendienzahl erreichen, die das BMBF boniert, so wird sie Stifter und Spender für 1,2 Millionen Euro finden müssen - ein enormer Kraftakt. Umso wichtiger ist das eindeutige Bekenntnis der Hochschulleitung zur Stiftungsidee.

Stipendien sind Chefsache

Und: Werben um Stipendien für die eigenen Studierenden ist keine lästige Pflicht, sondern Chefsache. Dabei ist die Hochschulleitung auf ein professionelles Fundraising angewiesen, das ihre Aktivitäten flankiert und gewonnene Kontakte pflegt. All das gibt es heute in Frankfurt; all das ist aber auch nicht über Nacht entstanden, sondern seit der Umwandlung zur Stiftungsuniversität über die Jahre hinweg gewachsen.

Wer eine neue Kultur etablieren will, braucht einen langen Atem, zumal wenn sie - wie die Stiftungskultur in Deutschland - auf keiner Tradition aufbauen kann. Ausschlaggebend für den Erfolg der Hochschulen sind dabei nicht nur ihre Leistungen in Forschung und Lehre, sondern ebenso sehr eine glaubwürdige Idee und die Überzeugungskraft der Menschen, die dahinterstehen.

Selbstverständlich gibt es bei allen Initiativen Verbesserungsbedarf, auch beim Stipendienprogramm; so ließe sich der hohe Verwaltungsaufwand reduzieren, wenn zentrale BMBF-Mittel nicht ins Marketing, sondern gleich erfolgsorientiert an die Universitäten fließen würden. Dennoch darf nicht zu früh der Stab über ein Programm gebrochen werden, das den Grundstein für eine neue Kultur legen will.


Über den Autor
Werner Müller-Esterl ist Präsident der Goethe-Universität Frankfurt.

Aus DIE ZEIT :: 28.08.2014

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