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Deutschlandstipendium: Was am Ende übrig bleibt

VON MARION SCHMIDT

Viel Aufwand, viel Marketing und wenig Nutzen. Das Deutschlandstipendium muss neu aufgestellt werden.

Was am Ende übrig bleibt© thingamajiggs - Fotolia.comGrundgedanke des Deutschlandstipendiums war eine Beteiligung der Wirtschaft bei der Förderung leistungsstarker Studenten
Kellnern muss sie jetzt nicht mehr. Jana Felde, Studentin an der Universität Bremen, bekommt seit einem Jahr ein Deutschlandstipendium. 300 Euro im Monat. »Ich bin sehr glücklich darüber«, sagt die 22-Jährige, die Summe sei für sie eine große Entlastung. »Ohne das Stipendium müsste ich nebenbei arbeiten und hätte weniger Zeit fürs Studium.«

Um Jana Felde das Stipendium zu ermöglichen, muss sich die Uni Bremen ganz schön anstrengen. Denn das Geld dafür kommt nur zur Hälfte vom Bund, die andere Hälfte, also 150 Euro pro Student und Monat, muss die Hochschule von privaten Spendern einwerben. Keine leichte Aufgabe in Bremen. Der Rektor persönlich geht Klinkenputzen bei Unternehmen, eine Mitarbeiterin telefoniert Geldgebern hinterher. Hinzu kommt das Auswahlverfahren. Jährlich bewerben sich bis zu 800 Studenten um rund 150 Stipendien, eine Auswahlkommission sichtet mehrere tausend Seiten mit Zeugnissen, Motivationsaufsätzen, Empfehlungsschreiben und Nachweisen von sozialem Engagement.

»Das Programm ist uns wichtig, wir wollen Studenten unterstützen«, sagt Alexa Meyer-Hamme, Referentin für Bildungskooperationen an der Uni Bremen und zuständig für die Akquise der privaten Mittel. »Aber wir haben einen irren Aufwand damit.« Intern werde daher immer wieder kritisch diskutiert, ob man sich das in der Form weiterhin leisten könne. »Es wird jedes Jahr schwieriger, Geld einzuwerben«, sagt Meyer-Hamme, »wir Hochschulen graben uns in der Region alle gegenseitig das Wasser ab.« Schon jetzt schafft es die Uni Bremen nicht, das ihr zugeteilte Kontingent von Deutschlandstipendien auszuschöpfen. So geht es den meisten Hochschulen bundesweit. Es lässt sich einfach zu wenig privates Geld auftreiben.

Selbst Eliteuniversitäten werben nur Geld für 25 Stipendiaten ein

In Deutschland gibt es keine besonders ausgeprägte Spendenkultur wie etwa in den USA. Bildung gilt hierzulande als Sache des Staates, und mit einer Bestenauslese von Studenten tut man sich auch schwer. Die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) wollte das ändern, als sie 2011 das Deutschlandstipendium einführte. Sie wollte eine Stipendienkultur aufbauen, Staat und Wirtschaft sollten gemeinsam in leistungsstarke Studenten investieren. An sich ein guter Gedanke.

Studieren mit Stipendium

Vielfältiges Angebot
Mehr als tausend Stiftungen, Unternehmen, Privatpersonen und Hochschulen vergeben Stipendien. Die größten Anbieter sind die 13 Begabtenförderwerke (die Studienstiftung des deutschen Volkes, die Stiftung der Deutschen Wirtschaft sowie die Stiftungen der politischen Parteien und der Kirchen). Hinzu kommen die Deutschlandstipendien. Einen Überblick über die Angebote geben die Websites stipendienlotse.de und mystipendium.de.

Gute Chancen
Etwa vier Prozent aller Studenten erhalten ein Stipendium. Die Begabtenförderwerke haben im Jahr 2013 insgesamt knapp 26.000 Stipendiaten unterstützt. Die Zahl hat sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Bei der Auswahl ist die Abiturnote wichtig, aber man kann auch ohne Einserschnitt ein Stipendium bekommen. Viele Stiftungen legen Wert auf gesellschaftliches Engagement, manche fördern spezielle Zielgruppen wie etwa Migranten.

Große Unterstützung
Die Deutschlandstipendiaten erhalten 300 Euro monatlich. Die Begabtenförderwerke orientieren sich bei ihrer Ausschüttung am Bafög, die monatliche Förderung hängt also vom Einkommen der Eltern ab und beträgt maximal 670 Euro. Hinzu kommt ein Büchergeld von 300 Euro. Es gibt nicht nur Stipendien für den Lebensunterhalt, sondern auch für Auslandsaufenthalte oder Sprachkurse. Viele Förderwerke bieten Begleitprogramme mit Vorträgen und Akademien an.

Nur wenige profitieren
Zahl der an deutschen Hochschulen eingeschriebenen Studenten (1) und Zahl der Studenten, die mit einem Deutschlandstipendium gefördert werden (2):
(1) (2)
2011 2.381.000 5.400
2012 2.499.000 14.000
2013 2.618.000 19.700
Heute muss man sagen: Das ist nicht gelungen. Das Deutschlandstipendium ist eine teure Fehlsteuerung. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis zueinander. Es wäre sinnvoller, von dem Geld zusätzliche Tutoren zu bezahlen, um die Studienbedingungen für alle zu verbessern, als weiter mit übermäßigem Einsatz Geld für einzelne Studenten einzusammeln. Drei Jahre nach dem Start des Programms erhalten 19.700 Studierende ein solches Stipendium, das sind genau 0,76 Prozent aller Studenten. Im Gesetz vorgesehen war für diesen Zeitpunkt eine doppelt so hohe Zahl, nämlich 1,5 Prozent. Doch nicht einmal mehr die Regierung glaubt daran, dass das ursprüngliche Ziel von 8 Prozent jemals erreicht werden kann. Im Koalitionsvertrag ist nur noch die Rede von 2 Prozent, bis 2017. Und selbst das ist für einen Großteil der Hochschulen nur schwer zu erreichen. Bis heute machen etwa 120 der Hochschulen gar nicht mit, und von denjenigen, die sich am Programm beteiligen, schaffen knapp 40 Prozent es nicht, ihr Kontingent zu erfüllen. Die Uni Konstanz etwa, eine von zehn Exzellenzuniversitäten, hatte im vergangenen Jahr lediglich 25 Stipendiaten. Die FU Berlin, bundesweit eine der größten Unis, hatte 64, die Uni Bonn 45. Sicher, es gibt auch andere, wie etwa die Frankfurter Goethe-Uni, die 867 Stipendien vergeben konnte, oder die Uni Duisburg-Essen mit 527. Doch ein Blick in die aktuelle Statistik zeigt: In der Breite konnte sich das Programm bislang nicht durchsetzen - und wird es wohl auch nicht mehr.

Eigentlich müssten alle Unis Fundraising-Abteilungen auf- oder ausbauen, um die privaten Mittel einzuwerben. Doch mit dem geringen Zuschlag, den der Bund dafür zahlt, ist das nicht möglich. Der sogenannte Overhead für Verwaltungskosten beträgt sieben Prozent und deckt weder Personal- noch Reise- oder Sachkosten. Für die Einwerbung von 100 Stipendien bekommt eine Hochschule nicht einmal 12.000 Euro. Davon kann kein Mitarbeiter eingestellt werden. »Der Bund erfindet Programme, ohne die Folgekosten zu beachten - und die Hochschulen dürfen sich um die Finanzierung kümmern«, schimpft Bernd Klöver, Kanzler an der HAW Hamburg. Die HAW hat bislang keine Deutschlandstipendien vergeben. Klöver hält das Programm für ein »bürokratisches Monster«. Außerdem weigert sich der Asta, in der Auswahlkommission mitzumachen. Die Studierendenvertretung hält das Stipendium für die »Elitenförderung« eines kleinen, »leistungskonformen« Teils der Studenten.

Zum Wintersemester hat die Fachhochschule nun aber einen Weg gefunden, sich doch zu beteiligen: Sie hat die Akquise der Spenden an die Stiftung der HAW Hamburg ausgelagert. »Für uns ist das ein Testballon«, sagt Klöver. Wenn der nicht fliegt, steigt die Hochschule wieder aus. Denn bislang ist der Nutzen für die Unis gering. »Im besten Fall schaffen wir damit einen Einstieg in die Philanthropie«, sagt Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. »Wir haben die Hoffnung, dass Privatleute, die einen Stipendiaten unterstützen, dann auch Geld für andere Dinge spenden.« An der Uni Bremen allerdings hat Meyer-Hamme die Erfahrung gemacht, dass das Programm eher andere Projekte »kannibalisiert«.

Und was machen die Hochschulen in strukturschwachen Regionen? An der Fachhochschule Kiel hat man sich entschieden, nicht mitzumachen. Für den Präsidenten Udo Beer ist das Deutschlandstipendium »ein Programm für Baden-Württemberg«. Damit würden vor allem große Unis an wirtschaftsstarken Standorten unterstützt. Wenn er einen Abend mit dem Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein veranstaltet, dann liegen hinterher 500 Euro in der Kasse. Das ganze Programm sei »eine Schnapsidee«. »Wir stecken unsere Energie lieber in eine gute Ausbildung aller Studenten als in das Fundraising für einige wenige«, sagt Beer. Außerdem: »Für 300 Euro geht doch kein Student irgendwohin.«

Auch wenn sich jeder einzelne Stipendiat über zusätzliche 300 Euro im Monat freuen mag - das Stipendium ist nicht sonderlich attraktiv. 300 Euro reichen, um einen Nebenjob zu kündigen, aber nicht, um davon zu leben. Bei den 13 Begabtenförderwerken gibt es mehr Geld, und die Stipendien haben ein klares Profil. In Bremen hat man bereits die Erfahrung gemacht, dass die besten Stipendiaten zu anderen Förderwerken abwandern. »Das Deutschlandstipendium hat keine Haltung, keine Linie«, sagt Nils Birschmann von den privaten SRH Hochschulen. Dadurch sei es auch Stiftern schwerer vermittelbar. »Viele sehen den Mehrwert nicht und ziehen sich aus dem Programm zurück.« Weil es so schwer ist, private Geldgeber zu finden, sind einige Hochschulen mitunter bereit, den Wünschen von Unternehmen recht weit entgegenzukommen. Die RWTH Aachen etwa legt Förderern Kandidatenlisten vor, auch an anderen Unis dürfen Stifter mitauswählen, wen sie unterstützen wollen.

Da, wo Firmen diese Mitsprache haben, werden vor allem künftige Ingenieure, Naturwissenschaftler und Betriebswirte gefördert. Das bringt das Stipendium in eine Schieflage, weil letztlich nicht nur die Leistung zählt, sondern auch das Fach. Es gibt aber auch Unis, die Bremer gehört dazu und die Uni Duisburg-Essen, die es anders machen. Und die dafür sorgen, dass das Deutschlandstipendium nicht sozial ungerecht ist, wie Gegner oft behaupten. Eine Sonderauswertung der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks belegt, dass 44 Prozent der Stipendiaten aus Nicht-Akademikerfamilien kommen. Bei den anderen Begabtenförderwerken sind es 27 Prozent. Dennoch steht kein anderes Projekt des Bundesbildungsministeriums so in der Kritik wie das Deutschlandstipendium.

Dazu muss man sich die finanziellen Dimensionen dieses Programms noch einmal anschauen: Um 0,76 Prozent der Studenten zu fördern, gab das Bundesbildungsministerium (BMBF) im letzten Jahr 21 Millionen aus. Die dafür im Haushalt eingeplanten Mittel lagen bei knapp 28 Millionen Euro, sie wurden nur nicht alle abgerufen. Im neuen Haushalt wurden daher auch zehn Millionen Euro weniger Mittel zur Verfügung gestellt. Um das politische Prestigeprojekt in den Markt zu drücken, waren rund dreieinhalb Jahre mehr als ein Dutzend Dienstleister im Auftrag des Ministeriums damit beschäftigt, das Programm bekannt zu machen, umzusetzen und anzupreisen. Allein acht Agenturen entwickelten Kommunikationskonzepte und Medienstrategien, weitere zwei führten Fundraising-Schulungen für Hochschulmitarbeiter durch, hinzu kamen große Jahresveranstaltungen, Rechtsberatung, technischer Support. Das ergab eine Kleine Anfrage der Linken im vergangenen Jahr. Das Deutschlandstipendium sei »ein neues Programm, das auf freiwilligen Leistungen von Zivilgesellschaft und Wirtschaft basiert und deshalb auf eine breite Bekanntheit in der Öffentlichkeit und bei den Akteuren angewiesen ist«, erklärte dazu der Staatssekretär im BMBF, Helge Braun, auf eine weitere Anfrage der Grünen.

Der Bundesrechnungshof rügt die hohen Verwaltungskosten

Um diese Ausgaben zu rechtfertigen, bejubelt Bundesministerin Johanna Wanka (CDU) jede noch so kleine Steigerung beim Stipendienprogramm. Von 2012 auf 2013 habe es ein Wachstum von 42 Prozent gegeben. Das klingt nach viel, heißt aber, dass lediglich 0,16 Prozent aller Studenten mehr ein Stipendium bekommen. Der Bundesrechnungshof rügte im Januar die Mittelverschwendung. Nur gut 60 Prozent der Bundesmittel waren in den Jahren 2010 bis 2012 in Form von Stipendien bei den Studenten angekommen.

Im vergangenen Jahr stellte das BMBF 21 Millionen Euro für Stipendien zur Verfügung - und 5,6 Millionen Euro für die Durchführung. Darin enthalten sind die vielen Werbekampagnen, aber auch die Verwaltungspauschalen, die an die Hochschulen gezahlt werden, zur Unterstützung der Fundraisingaktivitäten. Wegen dieser unverhältnismäßig hohen Kosten überprüft der Rechnungshof jetzt das Deutschlandstipendium. Ende offen. Womöglich muss Jana Felde bald wieder kellnern.

Aus DIE ZEIT :: 24.07.2014

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