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Deutschlandstipendium: endlich am Start


VON JAN-MARTIN WIARDA

Das Deutschlandstipendium funktioniert - aber nur in abgespeckter Form.

Deutschlandstidpendium: endlich am Start© Robert Kneschke - Fotolia.comWie funktioniert das Deutschlandstipendium?
Wenn sie den Namen ihrer Hochschule nicht in der Zeitung lesen müsse, sagt die Uni-Sprecherin, werde sie gern ein paar Sätze zum »Deutschlandstipendium« sagen. Die Sache sei nämlich die, formuliert sie etwas umständlich: Fundraising sei ein ganz neues Aufgabenfeld für ihre Hochschulleitung. »Der Rektor hat das noch nicht so raus.« Wie viele Stipendien man denn schon eingeworben habe? »Ehrlich gesagt, erst eines.« Ein anderer Uni-Sprecher dagegen ist euphorisch. »Das hat super geklappt mit der Einwerbung«, schwärmt Olaf Kaltenborn, Kommunikationschef der Goethe-Universität Frankfurt, »Unser Präsident hat sich von Anfang an reingekniet. Das Kontingent von 161 Stipendien haben wir innerhalb weniger Monaten voll bekommen und schon die Hälfte der Spendengelder fürs nächste Jahr akquiriert.«

Das Stipendienprogramm, von dem Kaltenborn schwärmt und bei dem seine Kollegin ins Drucksen kommt, hat kein geringeres Ziel, als die Studienfinanzierung in Deutschland zu revolutionieren: Von den schwarz-gelben Koalitionären 2009 erfunden, soll es am Ende 160 000 Studenten zu Stipendiaten machen, 300 Euro pro Monat soll jeder von ihnen erhalten, finanziert je zur Hälfte von privaten Geldgebern und vom Staat. Über die Förderung sollen Studenten und potenzielle Arbeitgeber auch näher zusammengebracht werden. Doch selten hat eine gut gemeinte Regierungsidee schon vor der Umsetzung so viel negatives Echo erhalten: Die angestrebte Stipendiatenzahl sei illusorisch, kritisierten Rektoren, sie überfordere die Hochschulen, die mit der Einwerbung alleingelassen würden. Die Opposition bemängelte, die Wirtschaft erhalte noch mehr Einfluss auf universitäre Belange. Und: Hochschulen in wirtschaftsschwachen Regionen würden benachteiligt, weil sie nicht genug finanzstarke Spender fänden.

Jetzt ist das Programm an den Start gegangen - allerdings in einer extrem eingedampften Version. Gerade noch rechtzeitig hatte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Notbremse gezogen: Statt 160 000 Studenten sollen in absehbarer Zeit nur einige Zehntausend in den Genuss der Stipendien kommen, im ersten Jahr ihrer Vergabe lediglich bis zu 10 000. Ein »Abschied auf Raten«, spottet die SPD-Politikerin Isabell Zacharias. Tatsächlich wurde selbst so der Einstieg noch verstolpert: Nur etwa zehn Prozent aller Hochschulen haben im Sommersemester bereits Stipendien angeboten. Immerhin hagelt es, seit Schavan Bescheidenheit zum neuen Leitmotiv des Programms gemacht hat, nicht mehr ausschließlich Negativschlagzeilen: Die ersten Stipendiaten beziehen mittlerweile ihre Unterstützung. Und ob Frankfurt, die Berliner Charité oder die Uni Duisburg- Essen, immer mehr Hochschulen vermelden: Das ihnen zugestandene Kontingent an Stipendien sei bereits durch potenzielle Spender ausgefüllt. Dass die Zustimmung der Rektoren zum Stipendienprogramm zuletzt gewachsen ist, spiegelt sich auch in der bislang einzigen größeren Umfrage zum Deutschlandstipendium wider.

Durchgeführt hat sie Michael Beier, Fundraiser und Marketingchef der Stiftung Universität Hildesheim. Er hat 400 Hochschulen angeschrieben, um zu erfahren, wie das Stipendiensystem ankommt. Über 200 haben geantwortet, 90 Prozent von ihnen wollen an dem Programm teilnehmen. Allerdings: Zu entsprechenden Teilnehmerzahlen haben die Willensbekundungen noch nicht geführt. Beiers Studie ergab, dass auch im Wintersemester erst ein Drittel aller Hochschulen mitmachen dürfte, unter ihnen sind allerdings fast alle großen und renommierten Universitäten. Die Hochschullandschaft scheint sich in zwei Lager aufzuteilen: Auf der einen Seite stehen jene, die schon vor dem Deutschlandstipendium Fundraising-Erfahrung hatten, auf der anderen ist der unerfahrene und bei allem guten Willen ziemlich hilflose Rest. Folglich stapelt auch Schavans Sprecher Robin Mishra weiter tief: Ob man 2012 wie geplant auf 0,9 Prozent Stipendiatenrate erhöhen werde, stehe noch nicht fest, sagt er. »Wir werden auf den Zahlen dieses Jahres aufbauen.«

Kann es so überhaupt noch gelingen, dem Programm zur einst gedachten Größe zu verhelfen? Einer Größe, bei der sich wirklich von der beschworenen »neuen Spenden- und Stipendienkultur« sprechen lässt? Oder haben die Kritiker recht? Isabell Zacharias sagt: »Das Downsizing ist das Eingeständnis der Regierung, dass dieses unsinnige und unsoziale Stipendienprogramm gescheitert ist.« Fakt ist: Die wenigen Stipendien, die es gibt, gehen überdurchschnittlich oft an BWL- oder Technikstudenten, für Geisteswissenschaftler interessierten sich die Firmen seltener. Hinzu kommt: Das Geld für dringend nötige Fundraisingabteilungen liefert das Programm nicht. Zwar legt der Staat sieben Prozent Verwaltungspauschale obendrauf, doch Experten schätzen, dass die Investitionen viermal so hoch liegen. Und die Hildesheimer Studie liefert weitere bedenkliche Zahlen: Von über 1000 angeschriebenen Unternehmen und Stiftungen haben nur vier Prozent geantwortet. Von diesen sagten ein Drittel, sie wären bereit, Patenschaften für Stipendiaten zu übernehmen. Schavans Sprecher ist dennoch zuversichtlich: »Die Hochschulen werden mit dem Deutschlandstipendium attraktiver für Studenten und damit auch für potenzielle Spender. Sie werden deshalb schon im eigenen Interesse ihre Fundraisingabteilungen stärken.«

Wenn das tatsächlich noch gelingen solle, müsse die Politik dringend helfen, mahnt Beier: Die ohnehin zu knappe Verwaltungskostenpauschale sollte umgewidmet werden, in konzertierte Aktionen sei sie besser investiert. So könnte man das Geld etwa in eine bundesweite Infrastruktur stecken wie eine Bundesgeschäftsstelle und regionale Büros. Auch ein öffentlichkeitswirksamer Wettbewerb um die besten Fundraisingkonzepte könnte motivieren. In Bayern laufe das Programm schon äußerst zufriedenstellend, sagt Wolfgang Heubisch - wobei Optimismus in dieser Frage bei ihm zum Job gehört: Er ist der letzte verbliebene FDP-Wissenschaftsminister und damit eine Art Nachlassverwalter seines abgewählten nordrhein-westfälischen Amtskollegen Andreas Pinkwart, der sich das NRW-Stipendium ausgedacht und zum Vorbild für das Deutschlandstipendium gemacht hat. Auch unabhängig von dem Programm sollten sich die Unis um ihre Ehemaligen kümmern, sagt Heubisch. Das sei einfacher und effektiver, als viele dächten. Er selbst habe jahrelang gewartet auf Post von seinen ehemaligen Fakultäten. Als er die neulich endlich von der Alumnigemeinschaft bekam, sagte er: »So, jetzt spende ich was.«

Aus DIE ZEIT :: 18.08.2011

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