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Diagnose: mangelnde Wertschätzung

Von Christian Heinrich

Nordeuropa zieht deutsche Ärzte an. Doch bald dürfte sich das Auswandern nicht mehr lohnen.

Diagnose: Mangelnde Wertschätzung© Stephen Finn - iStockphoto.comAuf nach London: das Royal Hospital
Carsten Grimm war auf der Suche nach einem besseren Leben. Und Annette Bauer wollte eine neue Perspektive. Beide hatten ihr Medizinstudium um das Jahr 2000 abgeschlossen, und was sie in ihrer praktischen Zeit in Deutschland kennengelernt hatten, schreckte sie ab. »Das System war von vornherein so angelegt, dass wir nicht zu Mittag essen konnten und zwei Stunden länger blieben. Anders ließ sich die Arbeit nicht bewältigen«, sagt Bauer. 2003 trat sie ihre Stelle in Schweden an. Grimm ging 2002 nach Großbritannien.

Die Entscheidung wegzuziehen fiel beiden leicht. Viele Ärzte in Deutschland hatten das Gefühl, kaum etwas wert zu sein. Was nicht zuletzt daran lag, dass es genügend Ärzte gab. Heute, gerade einmal zehn Jahre später, sind 5000 Stellen in den Krankenhäusern unbesetzt. In vier Jahren werden es doppelt so viele sein, prognostiziert der Marburger Bund, die Interessenvertretung der Krankenhausärzte. Ebenso dramatisch sieht es in den Praxen aus. Auch hier wird sich der Mangel drastisch verschärfen: Jeder zweite der 150 000 niedergelassenen Ärzte ist über 55 Jahre alt. Und noch immer wandern deutsche Ärzte ab: 2008 verließen nach Zahlen der Bundesärztekammer 2000 von ihnen das Land, noch mal 100 mehr als im Vorjahr. Bundesgesundheitsminister Rösler dachte nun öffentlich darüber nach, einen Teil der Medizinstudienplätze an diejenigen zu vergeben, die bereit sind, sich später einige Jahre als Landarzt in Deutschland zu verpflichten. Längst ist ins Bewusstsein gerückt, wie wertvoll der Nachwuchs geworden ist.

Als die Prognosen eines bevorstehenden Ärztemangels sich allmählich verbreiteten, war Carsten Grimm schon auf dem Weg nach Manchester. Hat er dort das bessere Leben gefunden, das er gesucht hatte? Der Beginn zumindest war schwierig. Erst nach zwei Monaten kam Grimm mit dem regionalen Dialekt der Krankenschwestern in Manchester zurecht. Bis dahin verstand er am Telefon kein Wort, ließ sich den Namen des Patienten geben und ging persönlich auf der entsprechenden Station vorbei. »Die Sprache, die Kultur, natürlich hat man es als Ausländer anfangs etwas schwerer«, sagt Grimm. Aber er lernte auch mehr und schneller, als es in Deutschland der Fall gewesen wäre. »Die Ärzte sind in kleinen Arbeitsgruppen organisiert, häufig wird man direkt vom Chefarzt angeleitet. So muss das Wissen nicht einen langen Weg von oben nach unten durchsickern.« Annette Bauer fühlte sich in Schweden von Anfang an wohl als Ärztin: Weil die Krankenschwestern eine längere Ausbildung absolvieren, die einem Studium ähnlich ist, haben sie mehr Kompetenzen, sie machen alle Blutentnahmen. »Die so gesparte Zeit kann ich dem Patienten widmen.« Für ihre Nachtdienste bekommt sie doppelt so viel Stundenlohn, in Deutschland waren es nur 80 Prozent. »Es ist mir bis heute nicht gelungen, meinen schwedischen Kollegen zu erklären, dass man für einen anstrengenden Nachtdienst so schlecht bezahlt wurde«, sagt Bauer. In Schweden arbeiteten die Allgemeinmediziner meist als Angestellte in Gesundheitszentren, erzählt sie. Sie gehen um halb fünf nach Hause, wenn sie ihre acht Stunden gearbeitet haben. »Arzt zu sein ist hier ein Beruf und keine Berufung.«


Doch die anderen Strukturen haben nicht nur Vorteile, sondern auch ihre Schattenseiten. Hausärzte in Schweden widmen zwar jedem der Patienten eine festgelegte, großzügige Behandlungszeit - der Preis sind allerdings lange Wartezeiten. »Eine Menge Patienten gehen dann einfach in die Notaufnahmen, wo eigentlich keiner mit zum Beispiel chronischem Husten hingehört«, sagt Bauer. Auch die niedrigen Hierarchien bergen ein Problem: Sie verlängern den Entscheidungsprozess; manchmal sind viele Besprechungen nötig, bis endlich eine Entscheidung gefällt und eine Sache beschlossen wird. In Großbritannien war die Situation vor dem Jahr 2002 besonders für Allgemeinärzte schwierig: Die Bezahlung war schlecht, die Arbeitsbelastung durch obligatorische Nachtdienste hoch, potenzielle Kandidaten entschieden sich dagegen. In dieser Zeit warb Großbritannien offensiv um Ärzte aus anderen Ländern. Carsten Grimm wusste von der Situation, aber besser als in Deutschland würde es wohl sein, dachte er, außerdem waren Reformen geplant. Die britische Ärztegewerkschaft setzte grund legen de Verbesserungen durch. Allgemeinärzte brauchten nun keine Dienste mehr zu machen, und Ärzte wurden besser bezahlt, wenn sie Behandlungserfolge vorweisen konnten.

Hierzulande muss der Allgemeinmediziner zwar häufig noch regelmäßig Dienste machen und der Arzt im Krankenhaus die Nadel selbst in die Hand nehmen, wenn er Blutwerte haben möchte - aber muss Deutschland sich wirklich verstecken vor den Ländern Nordeuropas? In den vergangenen Jahren ist das Gehalt der Ärzte hierzulande um zweistellige Prozentbereiche gestiegen, im Vergleich etwa zu Schweden und Großbritannien gibt es keinen Unterschied mehr. Die berüchtigten zehrenden 24-Stunden- Dienste wurden vielerorts abgeschafft. Und die Ausbildung zum Facharzt, um die junge Mediziner vorher häufig kämpfen mussten, ist heute bei der Einstellung meist vertraglich garantiert. Die Absolventen sind zudem in einer komfortablen Situation: Wer heute nach dem Medizinstudium Bewerbungen abschickt, kann sich wenige Wochen später sogar in beliebten Fachgebieten wie der Kinderheilkunde eine Stelle unter mehreren Angeboten aussuchen.

Letztlich ist selbst das in vielen Bereichen überregulierte Gesundheitssystem den Gesetzen des Marktes unterworfen: Gibt es weniger Ärzte im Angebot, steigt die Nachfrage - und mit ihr verbessern sich die Bedingungen für die Mediziner. So dürften die Anreize, hierzubleiben, immer größer werden und der Drang, ins Ausland zu flüchten, abnehmen. Zurückgekommen aber sind Annette Bauer und Carsten Grimm bis heute nicht. »Ich bin schon so lange hier, dass ich mich im schwedischen System zu Hause fühle«, sagt Bauer. Grimm arbeitet heute in Leeds und ist mit einer Engländerin verheiratet - es gibt eben noch wichtigere Gründe bei der Auswahl des Wohnortes als den Beruf. Dem deutschen Gesundheitssystem, das Mediziner heute so dringend braucht, sind diese beiden Ärzte wohl für immer verloren gegangen.

Aus DIE ZEIT :: 22.04.2010

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