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»Die Folgekosten können hoch sein«

Die Fragen stellte MARTIN SPIEWAK

Als Forscher, Politiker und Manager kennt Jürgen Zöllner die Wissenschaft von innen. Ein Gespräch über die Fehler im System.

»Die Folgekosten können hoch sein«© Modella - Fotolia.comIn der Wissenschaft mangelt es oftmals an der Qualitätssicherung
DIE ZEIT: Herr Zöllner, hat die Wissenschaft bei der Qualitätssicherung versagt?

Jürgen Zöllner: Von Versagen würde ich nicht sprechen, aber sie hat das Problem zu lange nicht ernst genug genommen. Wir leben in einer Wissenschaftsgesellschaft. Wissenschaft durchdringt heute alle Lebensbereiche. Sie ist die akzeptierte Methode, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, auf denen unsere Wirtschaft und unsere Technologie, ja unsere Zivilisation beruhen. Der Staat investiert Milliarden in die Forschung. Wenn dem so ist, dann muss die Gesellschaft sicher sein können, dass die Wissenschaft alles tut, um Schlamperei und Betrug zu verhindern.

ZEIT: Und diese Sicherheit gibt es heute nicht?

Zöllner: Ich fürchte nein. Aus anonymen Umfragen von Kollegen in den Lebenswissenschaften ergibt sich, dass in etwa einem Viertel aller Forschungsprojekte vermutlich nicht sauber gearbeitet wird. Das geht hin bis zu Fälschungen, um ein gewünschtes Ergebnis zu erhalten. Wissen Sie, mit wie vielen solcher Fälle sich die Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) pro Jahr beschäftigt?

ZEIT: Verraten Sie es uns.

Zöllner: Pro Jahr werden bei der DFG 50 Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens angezeigt, von denen nur die Hälfte so ernst genommen wird, dass man sie untersuchen muss. Bei wiederum der Hälfte davon handelt es sich um Streitigkeiten über die Autorenschaft, um die eher innerwissenschaftliche Frage also, wer sich mit den Forscherlorbeeren schmücken darf. Am Ende bleibt nur eine Handvoll Fälle über, in denen es um Datenmanipulation geht. Die Diskrepanz zwischen der Zahl der vermuteten und der Zahl der aufgedeckten Unregelmäßigkeiten ist also offensichtlich. Ich sehe da dringenden Handlungsbedarf.

ZEIT: Sind solche Fehler oder Schummeleien in den Naturwissenschaften bedenklicher als Plagiate in den Geisteswissenschaften?

Zöllner: Überhaupt nicht. Nur sind die Dimensionen hier andere und auch die Auswirkungen. In die Gesundheitsforschung zum Beispiel werden Milliarden investiert. Wenn Sie dann erfahren, dass bemerkenswert viele Schlüsselexperimente aus bekannten Forschungsgruppen von der pharmazeutischen Industrie nicht reproduziert werden können, dann stimmt das bedenklich. Aber die Folgekosten können auch in den Gesellschaftswissenschaften hoch sein. Das zeigt die fehlerhafte Harvard-Studie von Reinhart und Rogoff zum Zusammenhang von Verschuldung und Wirtschaftswachstum. Darauf baute unter anderem der Internationale Währungsfonds einen Teil seiner Politik auf. Die Studie hat mittelbar auch das Verhalten von Frau Merkel in der Euro-Krise beeinflusst. Bis ein Doktorand herausfand, dass die Ergebnisse falsch waren, weil die Wissenschaftler sich in einer Excel-Tabelle vertan hatten.

ZEIT: Aber es gibt doch Gutachter oder zum Beispiel Richtlinien der DFG?

Zöllner: Die Gutachter sind oft überfordert. Wir haben ja - überspitzt gesagt - schon jetzt die Situation, dass die besten Wissenschaftler kaum noch zum eigenen Forschen kommen, weil sie laufend andere Forschungen oder Anträge begutachten müssen. Und die Richtlinien der DFG zum guten wissenschaftlichen Arbeiten stammen aus dem Jahr 1998. Kürzlich haben sie ein paar kleine Aktualisierungen erfahren. Aber mittlerweile eröffnen die modernen Informationstechniken so viele neue Möglichkeiten der Qualitätssicherung. Die sind noch längst nicht ausgeschöpft.

ZEIT: An welche denken Sie?

Zöllner: Die Rohdaten wissenschaftlicher Arbeiten wie Messergebnisse oder Befragungsbögen werden heute alle digital erfasst. Es spräche nichts dagegen, diese Befunde nicht nur aufzuheben, damit man sie auch Jahre später noch überprüfen kann, sondern...

ZEIT: ...das wird ja gemacht.

Zöllner: Aber längst nicht durchgehend! Sonst hätten wir ja nicht immer wieder Berichte über wissenschaftliches Fehlverhalten, die von verschwundenen Originaldaten handeln. Nein, Laborbücher sollten verbindlich gleich mit der Publikation für jeden einsehbar im Internet veröffentlicht werden, und zwar fälschungssicher.

ZEIT: Was bedeutet das?

Zöllner: Ein Wissenschaftler muss, bevor er sein Experiment beginnt, sein Ziel und das methodische Vorgehen schriftlich festhalten. Natürlich kann sich das im Laufe des Projektes ändern, doch muss das für den Leser nachträglich erkennbar sein. Damit niemand mehr einen Versuch mit 21 Laborratten machen kann, in seiner Veröffentlichung aber nur noch 18 nennt, weil die Befunde bei den übrigen drei Ratten nicht zu den gewünschten Ergebnissen passten. Hätten wir hier mehr Transparenz, würde dies die wissenschaftliche Sorgfalt sicher erhöhen.

ZEIT: Aber gleichzeitig wächst der Aufwand für die Forscher.

Zöllner: Dieser Aufwand wäre gerechtfertigt. Jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, gibt einen Teil seines Umsatzes für die Qualitätssicherung aus. Warum reserviert die DFG nicht ebenso einen Teil ihres Etats für denselben Zweck? Damit könnte sie zum Beispiel Forschungsprojekte finanzieren, die nur dazu dienen, andere Experimente nachzustellen, um herauszufinden, ob man zu denselben Ergebnissen kommt.

ZEIT: Das Geld würde anderswo fehlen.

Zöllner: Ich rede hier von ein, zwei Prozent des Budgets. Das würde den Fortschritt der Wissenschaft nicht hemmen. Im Gegenteil: Herauszufinden, dass ein Befund nicht stimmen kann, oder eine etablierte Wahrheit anzuzweifeln ist ja der Sinn von Wissenschaft. Der größte Gewinn aber wäre der zusätzliche Druck auf die Forscher, gewissenhaft und ehrlich zu arbeiten. Wenn ich weiß, dass ein Kollege von mir von der DFG hunderttausend Euro erhält, um meine Experimente ein paar Jahre später nachzukochen, dann hat das eine disziplinierende Wirkung.

ZEIT: Was halten Sie von Routinekontrollen?

Zöllner: Die folgen ja demselben sinnvollen Prinzip des institutionalisierten Zweifels. Die Charité in Berlin überprüft neuerdings nach dem Zufallsprinzip jede fünfzigste Doktorarbeit, indem man sich die Originaldaten anschaut, Ergebnisse nachrechnet oder gegebenenfalls Experimente wiederholt. Das ist nur ein Beispiel. Wie die Qualitätssicherung am Ende aussieht, kann von Fach zu Fach unterschiedlich sein. Wichtig ist nur, dass die Wissenschaft selbst sich dieser Aufgabe stellt. Sonst kann sich später niemand beschweren, wenn irgendwann die Politik tätig wird und Regeln aufstellt, die weniger sachkundig die Besonderheiten der Wissenschaft berücksichtigen.

ZEIT: Haben Sie die Originaldaten Ihrer eigenen Doktorarbeit noch?

Zöllner: Nein. Ich verrate Ihnen etwas: Ich habe noch nicht einmal mehr ein Exemplar der Doktorarbeit selbst. Ich wurde Ende der sechziger Jahre mit einer Arbeit über die verschiedenen Formen des Cytochrom-c-Moleküls im Pferdeherzen promoviert. Im Rückblick würde ich sagen, dass der Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt durch jede meiner Vorlesungen für Studienanfänger größer war.


Über den Interviewten
Jürgen Zöllner, 68, war zwanzig Jahre lang Wissenschaftsminister bzw. -senator, erst in Rheinland-Pfalz, dann in Berlin. Der Medizinprofessor steht heute der Stiftung Charité vor

Aus DIE ZEIT :: 27.12.2013

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