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Die Auserwählten

VON CHRISTINE BRINCK

Von Dresden aus in alle Welt: Ein kleines Politik-Institut an der Technischen Universität bildet Spitzennachwuchs aus.

Die Auserwählten© misterQM - Photocase.comDie Bewerberquote für den Studiengang Internationale Beziehungen an der TU Dresden befindet sich auf Harvard-Niveau
Wenn an der TU Dresden wieder einmal die Plätze für den Studiengang Internationale Beziehungen (IB) vergeben werden, bewerben sich jedes Jahr etwa 700 Abiturienten - genommen werden aber nur 36. Damit liegt die Bewerberquote noch höher als im Fach Medizin und befindet sich auf Harvard-Niveau. Wer hier sein Studium beginnt, darf sich zur Elite zählen. Im Onlinenetzwerk für Alumni ist zu lesen, wo IB-Absolventen überall unterkommen: als Mitarbeiter der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den UN etwa, im Auswärtigen Amt, aber auch bei Wirtschaftsunternehmen wie der Boston Consulting Group und PricewaterhouseCoopers.

Es gab Zeiten, da war das Wort Auslese mit dem verachteten Wort Elite gekoppelt. Deutsche Universitäten kannten die ZVS, Auswahlverfahren galten als unfair und ungerecht, gut nur für die Ballett- oder Musikhochschule. Auslese war das jährliche Ritual an Hochschulen wie Stanford oder Yale, den haute écoles oder Oxford und Cambridge; Deutschland indes hatte das Gesetz, das jedem Abiturienten einen Studienplatz garantierte.

In Dresden dagegen kennt man das Auswahlprinzip, seit der IB-Studiengang dort im Wintersemester 1998/99 an den Start ging. Getragen wird der Studiengang vom Zentrum für Internationale Studien. Dort entscheidet jährlich eine Kommission über die Aufnahme der Studenten. Doch wie siebt man eigentlich aus, wenn unter den Bewerbern deutlich mehr 1,0-Abiturienten als Plätze vorhanden sind? Gute Sprachkenntnisse seien Voraussetzung, heißt es in Dresden, auch Auslandsaufenthalte, meistens ein Austauschjahr in der Schulzeit, Praktika und soziales Engagement. Gute Allgemeinbildung, die Fähigkeit zur Analyse und Argumentationskraft werden in den Einzelgesprächen getestet. In einem Motivationsschreiben müssen die Bewerber erklären, warum sie genau diesen Studiengang besuchen wollen.

Wichtig ist aber auch: Die Studenten sollten nicht allein auf die Karriere ausgerichtet sein, ihre Teamfähigkeit ist so wichtig wie ihr Informationsstand in Bezug auf internationale Geschehnisse und Entwicklungen. Das 1,0-Abitur nützt nichts, wenn der Bewerber nicht erkannt hat, dass es sich beim IB-Studiengang nicht um ein reines Politikstudium handelt. Der Studiengang fordert einiges: Neben Lehrveranstaltungen über das Völker- und Europarecht oder die US-Außenpolitik werden die Studenten in zwei Sprachen ausgebildet. Das ist einmalig nur in Dresden zu haben; St. Gallen wäre im deutschsprachigen Raum ein Modell, das diesem Vorgehen ein wenig ähnelt. Die IB-Studenten besuchen für gewöhnlich dieselben Veranstaltungen wie die reinen Fachstudenten, und das oft in jüngeren Semestern. Sie müssen überdies ein Auslandssemester absolvieren.

Dafür arbeiten die Dresdner unter anderem mit Hochschulen in den USA, der Türkei, Russland, Mexiko oder Tansania zusammen. Auch Praktika im Ausland sind Teil des Programms, etwa bei internationalen Organisationen. Dass die Professoren bei der Auswahl der Studenten offenbar fast alles richtig machen zeigt sich darin, dass etwa von den im Jahr 2005 immatrikulierten Studenten 33 nach nur sechs Semestern ihren Bachelor ablegten. Die Bachelorabsolventen sind so erfolgreich, dass sie für ihr Masterstudium meist ins Ausland ziehen und dort keine Mühe haben, auch an Spitzeninstituten wie der School of Advanced International Studies in Washington oder Oxford und Cambridge unterzukommen. Doch die Dresdner beobachten den Abgang ihrer Zöglinge auch mit einem weinenden Auge, da sie für ihren eigenen Masterstudiengang hauptsächlich auf Studenten angewiesen sind, die aus anderen Studiengängen kommen und die die hohen Anforderungen im Grundstudium noch nicht kennen gelernt haben. Auch machen befürchtete Mittelkürzungen dem ZIS zu schaffen.

Die Umstellung auf Bologna hat man in Dresden zur Profilschärfung genutzt. So wurde das Masterstudium in zwei Fächer geteilt: Globale Politische Ökonomie einerseits und Internationale Organisation und Institutionen andererseits. Das hat den Schritt zum Master in zwei Jahren realistischer gemacht. Sollten die IB-Studenten tatsächlich einmal zweifelnd überlegen, was bloß aus ihnen werden soll, dann müssen sie nur einen Blick in die Alumni-Datenbank werfen. Ihre Vorgänger sind schließlich schon da, wo sie einmal hinwollen.

Aus DIE ZEIT :: 21.10.2010

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