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Die außerplanmäßige Professur in der Medizin


von HEIKO SORG und KARSTEN KNOBLOCH

Der außerplanmäßige Professor (APL) spielt in der Medizin eine wichtige Rolle. Wie hoch sind die Anforderungen, um eine solche Professur zu erlangen? Ein Zehn-Jahres-Vergleich der APL-Regeln der Medizinischen Fakultäten gibt hier Aufschluss.

Die außerplanmäßige Professur in der Medizin© Forschung & Lehre Ein Zehn-Jahresvergleich zeigt: Die Anforderungen einer außerplanmäßigen Professur haben sich deutlich erhöht
Die Ernennung eines Privatdozenten zum außerplanmäßigen Professor (APL) stellt die letzte Karrierestufe vor der Berufung auf einen Lehrstuhl und damit vor der Ernennung zum Universitätsprofessor dar. Der Titel wird von Hochschulen an Personen verliehen, die promoviert und habilitiert sind und zudem in Forschung und Lehre nach Ansicht ihrer Fakultät hervorragende weiterführende Leistungen erbracht haben.

An den meisten deutschen Medizinischen Fakultäten geht der Verleihung der Bezeichnung nicht mehr nur ein bestimmter Zeitraum voraus: sie ist vielmehr an die Erfüllung bestimmter Anforderungen in Forschung und Lehre nach der Habilitation geknüpft, die sich jedoch zum Teil beträchtlich unterscheiden. So wurden im Jahr 2000 in einer Untersuchung mögliche Punkte zur Vereinheitlichung und/oder Vereinfachung des APL-Verfahrens zur Diskussion gestellt. Grundlage für diese Forderung war eine erste Bestandsaufnahme der damals überprüften APL-Ordnungen deutscher Medizinischer Fakultäten.

Dabei wurden große Unterschiede insbesondere bei der Bewertung der Mindestzeit nach der Habilitation, der Forschungsleistungen sowie der geforderten Lehrleistungen festgestellt. In einer neuen Bestandsaufnahme (2010) wurden die aktuellen APL-Ordnungen Medizinischer Fakultäten deutscher Hochschulen erneut evaluiert. Ziel war es, sich einen Überblick über die Voraussetzungen zur Erlangung einer APL-Professur in Bezug auf die in der Tabelle zusammengefassten Parameter zu verschaffen. In der Gesamtbewertung zeigt sich hier ein zwar hohes, mittlerweile eher homogeneres Anforderungsprofil an die Kandidaten. Wie jedoch häufig diskutiert, so gilt auch bei den APL-Ordnungen, dass die verfügbaren Richtlinien nicht unbedingt der Realität entsprechen, sondern an den verschiedenen Standorten eher als Leitfaden Verwendung finden.

Hauptunterschiede und Kritik

Im Wesentlichen können im Zehn-Jahresvergleich die folgenden Hauptunterschiede bzw. Kritikpunkte an APL-Ordnungen aufgegriffen werden:

Lehrtätigkeit: Übereinstimmend wurde in den aktuell gültigen APL-Ordnungen nur das Kriterium der Lehrtätigkeit von allen genannt. So weisen die Ordnungen mehrheitlich eine genaue Beschreibung von Art, Umfang und Inhalt der geforderten Leistung auf. Die zeitlichen Mindestanforderungen an die Lehrtätigkeit variieren jedoch weiterhin erheblich und sind seit dem Jahr 2000 deutlich gestiegen. Ein weiteres Kriterium für eine entsprechende Lehrtätigkeit ist die Betreuung von Dissertationsoder Diplomarbeiten, die an 21 Fakultäten gefordert wird und einer Steigerung um 87,5 Prozent im Vergleich zum Jahr 2000 entspricht.

Forschungs- und Publikationsleistung: Mit 94 Prozent werden eine hinreichende Leistung in der Forschung und mit 88 Prozent hieraus hervorgehende wissenschaftliche Publikationen benötigt. Eine genaue Regelung der Forschungsleistung mit Forderung oder Wunsch einer Einwerbung von Drittmitteln wird in 31 Prozent genannt. Die wissenschaftliche Leistung kann bzw. muss durch eine entsprechende Anzahl an Veröffentlichungen dokumentiert werden und ist damit drittwichtigste Voraussetzung zur Ernennung eines APL-Professors. Eine starre Orientierung an Impaktfaktoren, wie noch im Jahr 2000 vorherrschend, findet hier nicht mehr zwangsläufig statt, sondern richtet sich mittlerweile eher nach peer-reviewed Artikeln sowie nach der Anzahl von Erstund/ oder Letztautorenschaften.

Zeit als Privatdozent: Hier hat sich in den letzten zehn Jahren keine Vereinheitlichung eingestellt. Immer noch werden hier Mindestzeiten als Privatdozent von zwei bis hin zu sechs Jahren angegeben. Jedoch hat sich die Möglichkeit der Verkürzung dieser Zeiten durch Berufung oder andere Leistungen an aktuell mehr als der Hälfte der Fakultäten durchgesetzt. An 16 Fakultäten erlaubt die APL-Ordnung die Verkürzung der Mindestzeit als Privatdozent bei Erreichen einer Listenplatzierung im Rahmen eines Berufungsverfahrens.

Die außerplanmäßige Professur in der Medizin © Forschung & Lehre Tabelle: Voraussetzungen für die Erlangung einer APL-Professur an Medizinischen Fakultäten der Deutschen Hochschule im Jahre 2010

Hohe Anzahl Habilitationen

Nicht nur als Qualitätsmerkmal für die allgemeine Öffentlichkeit sichtbar, sondern auch für die Karrierechancen des Kandidaten spielt die APL-Professur eine wichtige Rolle. Die Häufigkeit, mit der im Bereich der Medizin Promotions-, Habilitations- und auch APL-Verfahren durchgeführt werden, wird von anderen Fakultäten häufig argwöhnisch betrachtet und bisweilen abwertend kommentiert. Der akademische Qualifikationsnachweis der Habilitation in der Medizin wurde hierbei kritisch hinterfragt und auch dessen Abschaffung in Frage gestellt.

Dies führte jedoch dazu, dass sich die Medizin selbst dieser Problematik widmete und entsprechende Untersuchungen durchführte. Unabhängige Studien konnten zeigen, dass das Erreichen akademischer Titel ein Vorankommen in der persönlichen Laufbahn signifikant unterstützt und deren Abschaffung, trotz teilweise doch erheblicher quantitativer sowie qualitativer Anforderungen und Bindung an die Krankenversorgung, von einer großen Mehrheit nicht gewünscht werden würde. In einer Untersuchung mit 616 medizinischen Habilitanden wurde gleichwohl im Jahre 1998 von 80 Prozent ein dringender Reformwunsch geäußert. Die ersten Schritte zu einer Vereinheitlichung der Anforderungen, insbesondere bei der Habilitation, sind auf dem Weg. Zudem bleibt die Anzahl erfolgreich durchgeführter medizinischer Habilitationen, trotz signifikant ansteigender Anforderungen, konstant hoch.

Ferner sind in der Fachgruppe der Medizin und Gesundheitswissenschaften 48 Prozent (n=2998) der gesamten Privatdozenten und APL-Professoren deutscher Hochschulen im Jahre 2009 beschäftigt gewesen. Die Häufigkeit der erfolgreichen akademischen Verfahren mag zusätzlich in der überdurchschnittlichen wissenschaftlichen Aktivität medizinischer Fakultäten liegen, was sich auch in der erfolgreichen Bewilligung von Fördermitteln aus der Exzellenzinitiative der Bundesregierung 2006/ 2007 widerspiegelt, in welcher die Hochschulmedizin gesamtdeutsch überproportional beteiligt war.

Detaillierter und unheitlich

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich die Anforderungen an Privatdozenten zur Erlangung einer APL-Professur im Zehn-Jahresvergleich deutlich erhöht haben und in der Beschreibung detaillierter geworden sind. Bei genauerer Betrachtung hingegen bleiben die gegenwärtig gültigen deutschen APL-Ordnungen Medizinischer Fakultäten jedoch äußerst uneinheitlich.

Hierbei bleibt zu klären, ob die teilweise sehr hohen standortgebundenen Bedingungen und die generelle Heterogenität der APL-Anforderungen mit Blick auf die Karrieremöglichkeiten und Chancengleichheit der Kandidaten noch gerechtfertigt sind. Zudem schreitet die Vereinheitlichung der medizinischen Habilitationsordnungen in Deutschland bereits gut voran und sollte daher auch für den akademischen Karriereschritt der APL-Professur möglich werden. Solange jedoch selbst die Anforderungen an akademische Grade innerhalb der Medizin nicht einheitlich geregelt sind, kann auch keine faire und korrekte Vergleichbarkeit zu anderen Fachgebieten hergestellt werden.


Über die Autoren
Dr. med. Heiko Sorg arbeitet an der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Professor Dr. Karsten Knobloch ist leitender Oberarzt an der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover.


Aus Forschung & Lehre :: Juni 2012

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