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Die Bologna-Kopie

Von Jan-Martin Wiarda

Geschickt experimentiert Amerika mit der europäischen Hochschulreform.

Die Bologna-Kopie© bilderbox - Fotolia.com
Es ist eine Nachricht, die auf den ersten Blick verblüfft: Während in Deutschland das Image der neuen Studienabschlüsse auf dem Tiefpunkt angekommen ist, wird in drei US-Bundesstaaten diese Woche offiziell der Startschuss für das »Tuning USA«-Projekt gegeben. Hinter dem amerikanisch-großspurig anmutenden Titel steckt eine äußerst europäische Idee: »Tuning USA« ist die amerikanische Adaption des Bologna-Prozesses, ebenjener kontinentalen Studienreform, die auch den deutschen Hochschulen Bachelor und Master gebracht hat - wobei viele Professoren und Studenten eher von einer schönen Bescherung sprechen würden: Überfrachtete Stundenpläne, bürokratische Hürden auf dem Weg ins Ausland und teilweise sogar gestiegene Abbrecherquoten lauten nur einige der lautstarken Klagen über die Reform, die viele Hochschulen als von oben aufgezwungen erlebt haben.

Und dann das: Dutzende Universitäten in Indiana, Minnesota und Utah machen sich mit Unterstützung einer privaten Stiftung freiwillig auf den Weg nach Bologna in einem Projekt, das auf der gemeinsamen Vorarbeit europäischer und amerikanischer Wissenschaftler fußt und, im Falle seiner erfolgreichen Evaluation, Pilotcharakter haben soll für andere US-Bundesstaaten. Auf den zweiten Blick jedoch kann man die Amerikaner für ihre Weitsicht nur loben. Seit Jahren haben sie mit Spannung beobachtet, wie die Europäer ihr Hochschulsystem neu erfinden, haben die Erfolge mitangesehen und die schlimmsten Fehler analysiert - sodass sie jetzt im »Tuning USA«-Projekt keineswegs ganz Bologna übernehmen. Sie picken sich heraus, was gut funktioniert, vom sogenannten Diploma Supplement über die Definition von Lernergebnissen bis hin zur Neubestimmung des studentischen Workloads. Klingt technisch, ist aber für das seit Jahrzehnten praktisch unveränderte US-Hochschulsystem eine Revolution. Europa wird für die Amerikaner dabei zum Versuchslabor: Je mehr hier funktioniert, desto mehr werden sie kopieren - aus der komfortablen Position des Beobachters heraus.

Übrigens: Auch die Südamerikaner und Australier sind längst fleißig am Nachmachen. Bei allem berechtigten Ärger scheint auf der deutschen Reformgroßbaustelle eine Erkenntnis aus dem Blick geraten zu sein: Bologna-Europa, so steht es auch im viel beachteten US-Bericht zum Pilotprojekt, entwickelt sich zu einem gefürchteten Konkurrenten der amerikanischen Hochschulen im Wettstreit um die klügsten Köpfe - weltweit.

Aus DIE ZEIT :: 08.04.2009

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