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Die Dissertation von Kultusminister Wöller: Auch bloß ein Plagiat?

VON M. MACHOWECZ UND S. SCHIRMER

Die TU Dresden will die Dissertation von Kultusminister Roland Wöller erneut prüfen. Ist sie nur ein Plagiat? Was passiert da?

Die Dissertation von Kultusminister Wöller: Auch bloß ein Plagiat?© Staatsministerium für Kultus und SportIst auch die Dissertation von Kultusminister Wöller bloß ein Plagiat?
Der Schriftsteller Umberto Eco hat eine Anleitung verfasst, die jeden Doktoranden interessieren dürfte: Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt. In Kapitel I.2 gibt Eco all jenen einen Tipp, die ihr Werk so schnell wie möglich vollenden wollen. Es biete sich an, »eine an einer anderen Universität schon einige Jahre früher geschriebene Arbeit« zu plagiieren: »In Mailand eine Arbeit abzuschreiben, die in Catania angefertigt wurde, bietet die begründete Chance, dass man unentdeckt bleibt.« Nur ein herrlicher Scherz?

Das Catania von Roland Wöller (CDU), gegen den nun Plagiatsvorwürfe erhoben werden, könnte Bonn heißen. Dort schrieb zur Wendezeit ein junger Mann seine Magisterarbeit: Die Anfänge des Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands. Bernd Adolph arbeitet mittlerweile als leitender Beamter in Berlin. Und er ärgert sich. Wöller, sagt Adolph, habe bei ihm abgeschrieben. Tatsächlich weist Wöllers Dissertation, eingereicht 2002 am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der TU Dresden, mindestens grobe Mängel in der Zitierweise auf. Wöller wurde von der Uni, auf Adolphs Beschwerde hin, bereits dafür gerügt: Die »Menge der Übereinstimmungen« zwischen Dissertation und Magisterarbeit, befand der Promotionsausschuss nach seiner Prüfung 2007, sei »bedenklich«. So habe Wöller Übernahmen »nicht im hinreichenden Maße« kenntlich gemacht. Nur: Als Plagiat wertete man das nicht. Wöller behielt seinen Doktor.

1. Warum untersucht die TU Dresden die Dissertation von Kultusminister Wöller ein zweites Mal?

Die Frage stellt sich, zumal Wöller selbst behauptet, es gebe keine neuen Vorwürfe über jene hinaus, die bereits 2007 geprüft worden seien. Allerdings ist genau diese Prüfung in die Kritik geraten. Das Vorgehen des Promotionsausschusses sorgt im Rückblick selbst bei damals Beteiligten für Irritationen: So gab es etwa keine externen Gutachten, einzelne Mitglieder haben die Arbeiten lediglich nebeneinandergelegt und händisch verglichen - ein Verfahren, das versierte Plagiatsforscher belächeln. Dass dies nun öffentlich bekannt wurde, hat an der Hochschule Unbehagen ausgelöst: Sie befindet sich im Bewerbungsverfahren um den Titel einer Elite-Uni; da will man Negativ-PR vermeiden. So erklärt sich auch die Kehrtwende des Dekans der Philosophischen Fakultät, Bruno Klein, der 2007 das Plagiatsverfahren gegen Wöller geleitet hatte. Erst sagte der Kunsthistoriker in Interviews, der Fall sei abgeschlossen. Wenige Tage darauf verkündete Klein, man wolle die Arbeit doch erneut überprüfen lassen. Um »Schaden von der TU abzuwenden«. Gleichzeitig sagte ein Uni-Sprecher, man erwarte aber, dass auch die zweite Prüfung »keine neuen Erkenntnisse« bringen werde. Was die neuerliche Prüfung also gleich wieder entwertete. Rektor Hans Müller-Steinhagen sagt aber, er sei »froh, dass die TU Dresden über ein so ausgezeichnetes Qualitätsmanagement verfügt«.

2. Wie wird nun geprüft - und wann ist mit einem Ergebnis zu rechnen?

Gemäß der »Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis« an der TU Dresden muss das Rektorat eine »Untersuchungskommission zur Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens« benennen; »die oder der Vorsitzende soll die Befähigung zum Richteramt besitzen und nicht Mitglied der TU Dresden sein«. Dieses Gremium wurde von Dekan Bruno Klein angerufen - und hat nun seinen ersten Fall überhaupt. Vorsitzender ist Hans-Heinrich Trute, Professor für Verwaltungsrecht an der Uni Hamburg, ein ausgewiesener Experte für Plagiatsprüfungen: Er war bis 2005 Ombudsmann für Fragen wissenschaftlichen Fehlverhaltens bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bis 2001 arbeitete Trute selbst als Prorektor an der TU Dresden, er ist Mitglied des sächsischen Verfassungsgerichtshofs.

Trutes Kommission gehören vier TU-Professoren an: ein Althistoriker, ein Professor für Massivbau, ein Physiker und die Ärztliche Direktorin des Herzzentrums. Weil noch Semesterferien sind, ist das Gremium bisher nicht zusammengetreten - das soll Anfang September geschehen. »Wir wollen nichts auf die lange Bank schieben«, sagt Trute. Es soll zuerst eine Vorprüfung stattfinden; in deren Rahmen wird etwa auch Roland Wöller selbst angehört. Danach entscheidet das Gremium, ob eine umfassende inhaltliche Analyse erfolgen soll - und ob dazu auch externe Gutachter beauftragt werden. Das sei eigentlich unerlässlich, meint etwa der Dresdner Plagiatsforscher Stefan Weber. »Die Professoren werden keine Zeit haben, nebenbei viele Hundert Seiten durchzuackern«, sagt er. Das Verfahren kann Wochen, aber auch Monate dauern.

3. Welcher Art sind die Vorwürfe gegen die Dissertation von Kultusminister Wöller?

Nach bisherigen Erkenntnissen geht es in der Causa Wöller nicht um seitenlanges plumpes Abkupfern wie etwa im Fall zu Guttenberg. Trotzdem gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sich der heutige Kultusminister vielfach aus fremdem geistigem Eigentum bedient hat - ohne dies zu verdeutlichen. Ein Beispiel sind die beiden Textstellen oben auf dieser Seite: Bei korrekter Zitierweise wäre allein »Wiedervereinigung im kleinen« aus der fremden Arbeit übernommen worden. Allerdings gleicht die Gedankenführung in den Sätzen davor und danach auffällig jener in der Magisterarbeit. Es sieht so aus, als sei die Passage in der Doktorarbeit nur kosmetisch verändert, der »Korea-Krieg« hierbei zum »Krieg auf der Koreanischen Halbinsel« geworden. Ein Fall verschleierten Kopierens? Um weitere Belegstellen und somit das Ausmaß möglicher Plagiate aufzudecken - oder auch, um Vorwürfe zu entkräften -, wird viel Detektivarbeit nötig sein.

Die Dissertation von Kultusminister Wöller hat inzwischen das Interesse anderer Forscher geweckt. Der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Christopher Kopper sagt, er habe sie gründlich gelesen. Und er finde es eigenartig, dass sich dort »auffällig wenige Literaturhinweise auf Forschungsliteratur, die nach 1990 erschienen ist«, fänden - obwohl viel für Wöllers Thema eigentlich relevante Literatur erst nach der Wiedervereinigung erschienen sei. Anders gesagt: Wöller verwende auffallend viel Literatur, die bis zu der Zeit publiziert wurde, in der Bernd Adolphs Magisterarbeit entstand: um 1990. Und auffallend wenig aus der Zeit danach.

4. Hat das Verfahren Konsequenzen für seine Professur an der HTW Dresden?

Roland Wöller betont, dass ihm die wissenschaftliche Karriere wichtig sei, und begründet dies mit seinem »Streben nach Unabhängigkeit«. Er habe immer noch ein zweites Standbein neben der Politik haben wollen. Das sieht er in der Wissenschaft: Seit 2006 ist der Politiker auch VWL-Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden; seit 2003 war er dort bereits Dozent gewesen. Wöller, damals Wissenschaftspolitischer Sprecher der CDULandtagsfraktion, vertrat die Professur von Angelika Meeth-Milbradt, der Frau des damaligen Ministerpräsidenten Georg Milbradt (CDU).

Fraglich, ob Wöller auch mit der Rüge von 2007 seine Stelle noch bekommen hätte: Die »Einstellungsvoraussetzungen für ProfessorInnen an der HTW« verlangen ausdrücklich eine »besondere Befähigung zu wissenschaftlicher Arbeit, die in der Regel durch die Qualität einer Promotion nachgewiesen wird«. Offiziell verweist man an Wöllers Fakultät jedoch darauf, dass der Fall Sache der TU Dresden sei. Überhaupt ruht die Professur Roland Wöllers seit dessen erster Berufung ins sächsische Kabinett im Jahr 2007, ein Büro hat er an der HTW längst nicht mehr.

5. Wird die Affäre Roland Wöller das Amt des Kultusministers kosten?

Das hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Affäre ihn überhaupt den Titel kostet: Sollte das passieren, könnte es brenzlig werden. »Ob die Menge der Verfehlungen für eine Aberkennung reicht, ist aber eine Ermessensfrage«, sagt der Dortmunder BWL-Professor Uwe Kamenz, der mit seinem Netzwerk Profnet Politikerdissertationen überprüft. »Es gibt ja kein Gesetz, in dem geschrieben steht: So viel darf man abschreiben«, sagt Kamenz. Es stelle sich allerdings ohnehin die Frage, ob ein Kultusminister im Amt bleiben könne, dessen Doktorarbeit grobe Verfehlungen aufweise. »Der Kultusminister«, sagt auch Gerhard Besier, Sprecher für Wissenschafts- und Hochschulpolitik der Links-Fraktion im Sächsischen Landtag, »ist politisch verantwortlich für die Schulen, in denen Abschreiben streng geahndet wird.« Er spricht von einer »besonderen Vorbildfunktion«. So sieht es auch Kamenz: Ihm sei schleierhaft, warum sich Wöller nach seiner Rüge ausgerechnet zum Kultusminister habe ernennen lassen.

Aus DIE ZEIT :: 01.09.2011

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