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Die Doktormacherin - Ute von Lojewski

VON MARION SCHMIDT

Fachhochschulen haben kein Promotionsrecht und keinen wissenschaftlichen Nachwuchs. Ute von Lojewski hat in Münster trotzdem Möglichkeiten gefunden, Absolventen zu promovieren und sie zu Professoren zu machen. Ein Vorbild für andere Hochschulen?

Die Doktormacherin - Ute von Lojewski© Presseamt Münster / MünsterViewProf. Dr. Ute von Lojewski ist "Hochschulmanagerin des Jahres 2013"
Sie hätte den geraden Weg nehmen können, er lag weit ausgebreitet vor ihr. Die klassische Karriere einer Wissenschaftlerin: studieren, promovieren, lehren, forschen, Professur. Doch Ute von Lojewski bog nach einiger Zeit, die sie an der Universität zugebracht hatte, von diesem Weg ab. Sie wollte ihr betriebswirtschaftliches Wissen nicht nur lehren, sondern auch anwenden, deshalb ging sie als Controllerin in ein Unternehmen. Erst Jahre später kehrte sie in die akademische Welt zurück - nicht als Wissenschaftlerin, als Managerin.

Es sind nicht immer die geraden Wege, die zum Erfolg führen. Manchmal sind es die Umwege, und manchmal sind diese Umwege sogar die besten Wege. Ute von Lojewski ist heute Präsidentin der Fachhochschule (FH) Münster, einer der größten und erfolgreichsten Fachhochschulen in Deutschland. Ihr Vorgänger Klaus Niederdrenk hat die Hochschule lange geführt und groß gemacht. Aber die 58-jährige Betriebswirtin hat sie - was zunächst kaum einer erwartet hatte - noch weiter an die Spitze gebracht. Für ihre Leistungen wird Ute von Lojewski an diesem Donnerstag von der ZEIT und dem CHE-Centrum für Hochschulentwicklung als »Hochschulmanagerin des Jahres 2013« ausgezeichnet.

Vieles von dem, was sie für sich selbst und für die Hochschule erreicht hat, war auf direktem Wege nicht möglich. Wie etwa die Sache mit den Promotionen und den Berufungen.

Es gibt immer mehr Studenten an der FH - und immer weniger Professoren

Die Fachhochschulen, sagt Ute von Lojewski, seien die einzigen Betriebe in Deutschland, die sich ihren Nachwuchs nicht selbst ausbilden dürften. Wissenschaftliche Fachkräfte bekommt man als Hochschule nur, wenn man sie auch promovieren darf. Das aber dürfen bislang nur die Universitäten. Noch. Denn langsam bewegt sich etwas in dem über Jahrzehnte fest zementierten Hochschulgefüge - hier die elitären Unis, die für die Wissenschaft ausbilden, dort die praktischen Fachhochschulen, die für die Unternehmen ausbilden.

Diese Aufteilung funktioniert nicht mehr. Es gibt mittlerweile außerordentlich forschungsstarke Fachhochschulen, und es gibt - das wird gern verschwiegen - nicht wenige Fachbereiche an Unis, deren Forschungsergebnisse äußerst dürftig sind. Deshalb wird nun heftig gerungen um das Promotionsrecht. Waltraud Wende, Wissenschaftsministerin in Schleswig-Holstein, hat den ersten Vorstoß gewagt: Mit einem neuen Hochschulgesetz soll es demnächst auch den Fachhochschulen ihres Landes möglich sein, Doktoranden auszubilden. Bislang geht das nur in Kooperation mit Universitäten, und die lehnen das oft ab. Auch Ute von Lojewski würde gern selbst Promotionsurkunden ausstellen. »Wir sind eine der forschungsstärksten Hochschulen bundesweit«, sagt sie, »wir brauchen das Promotionsrecht für unsere Personalentwicklung.«

Die Fachhochschulen haben ein Problem. Immer mehr Studenten wollen an einer FH studieren, gleichzeitig wird es immer schwieriger, Professoren zu finden, die sie unterrichten wollen. Woran liegt das? Zunächst am bereits erwähnten Promotionsrecht. Und daran, dass die Fachhochschulen keine Stellen anbieten können, auf denen sich Wissenschaftler für Professuren qualifizieren könnten. Zum anderen: Ein FH-Professor darf nicht direkt aus dem Hörsaal kommen, er muss mindestens drei Jahre Berufserfahrung in der freien Wirtschaft vorweisen. Das bedeutet, er kann nicht aus den eigenen Reihen rekrutiert werden - man muss ihn von einem Unternehmen abwerben. Und wenn die Wirtschaft so gut läuft wie im Moment, ist das schwer. Mit hohen Gehältern jedenfalls können die Fachleute nicht gelockt werden.

Was die Fachhochschulen aber bieten können, sind Freiheit von Forschung und Lehre und familienfreundliche Arbeitszeiten. Gründe, die auch Ute von Lojewski dazu bewogen haben, aus der Wirtschaft in die Wissenschaft zurückzukehren. Im Unternehmen musste sie häufig 60 oder mehr Stunden in der Woche arbeiten, ihren Mann und die zwei Kinder hat sie kaum gesehen. »Das kann es nicht sein«, habe sie sich damals gedacht, »ich habe doch keine Kinder bekommen, damit die Kinderfrau sie aufwachsen sieht.« So wurde sie Professorin, erst in Osnabrück, von 1992 an dann in Münster.

Ute von Lojewski sitzt in ihrem Büro in einem etwas schmuddeligen Altbau mit Blick in den Park mit dem Schloss, in dem ihre Kollegin, die Rektorin der Westfälischen Wilhelms-Universität, residiert. Schon an der Lage lässt sich erkennen, dass Fachhochschulen manchmal wie akademische Einrichtungen zweiter Klasse behandelt werden. Aber »Frau von Lo«, wie sie von ihren Mitarbeitern so liebe- wie respektvoll genannt wird, ärgert das nicht. Sie redet nicht gern über Probleme, sie löst sie lieber - auf ihre eigene Art: Sie betreut Doktoranden, die später an einer Partneruniversität promovieren, und schickt Nachwuchsprofessoren in Betriebe. Sie wirbt mit einer Kampagne um Wirtschaftsfachleute und lässt Headhunter nach Ingenieuren suchen. »Ich kann hartnäckig Themen verfolgen«, sagt sie und lächelt. »Und bei manchen habe ich sogar ein gewisses Sendungsbewusstsein.«

Beim Thema Promotionen etwa: Schon jetzt bildet die FH Münster über 100 Doktoranden aus, über einen Umweg: Die Fachhochschule hat ein eigenes Promotionskolleg, in dem Promovierende drei Jahre lang unterstützt werden. Für solche Projekte kriegt die FH keinen Cent vom Land. »Zum Glück haben wir ein Globalbudget«, sagt die Betriebswirtin. Die meisten Doktoren werden die FH anschließend verlassen, weil es dort keine Stellen für sie gibt. Nur wenige kommen später als Professoren zurück. Also hielt Ute von Lojewski nach einer Lösung Ausschau, gute Leute direkt nach der Promotion zu halten und zugleich für eine Professur weiterzuqualifizieren.

Die Präsidentin sieht sich als Managerin und hat ein Faible für Wettbewerbe

Dabei hilft ihr das »Karrieremodell Nachwuchsprofessor«. Damit werden promovierte Absolventen zunächst befristet für drei Jahre an der Hochschule angestellt und parallel in Praxisphasen in Unternehmen so qualifiziert, dass sie die Einstellungsvoraussetzungen für FH-Professoren erfüllen. Für dieses Modell konnten bislang vier Nachwuchsprofessorinnen gewonnen werden, die derzeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft pendeln.

Das Modell war in der Hochschule zunächst umstritten. Drei Sitzungen des Senats, also des obersten akademischen Beschlussgremiums, hat es gebraucht, bis sich alle Mitglieder zu diesem ungewöhnlichen Prozedere durchringen konnten. Hauptkritik war: Die Nachwuchsprofessoren erwürben zwar Berufs-, hätten aber keinerlei Führungserfahrung. Ute von Lojewski seufzt ein bisschen, als sie das erzählt. Abstimmungsprozesse in akademischen Gremien können manchmal anstrengend sein, aber sie sind wichtig für den inneren Zusammenhalt. »Man muss solche Dinge intensiv mit allen diskutieren, aber dann auch entscheiden«, sagt die Präsidentin. Sie ist zäh genug. Und verbindlich genug.

Ähnlich erging es ihr mit einer anderen Idee: einer Werbekampagne, um neue Professoren zu gewinnen. »Wenn man für eine BWL-Professur nur noch 15 Bewerbungen bekommt oder eine Stelle bei den Ingenieuren vier Mal ausschreiben muss, um ausreichend gute Bewerber zur Auswahl zu haben, muss man sich etwas einfallen lassen«, sagt von Lojewski. Und ihr fiel etwas ein: Mit Slogans wie »Bei uns dürfen Sie spielen« warb sie im Frühjahr auf Flyern und in Zeitungsanzeigen um Leute aus der Wirtschaft. Natürlich gab es anfangs Vorbehalte, ob der Auftritt nicht zu flapsig sei, und die Sorge, die Hochschule könnte sich lächerlich machen. Auch diesmal wurde intensiv diskutiert und die Kampagne schließlich mit allen Fachbereichen abgestimmt. Bislang gab es viele Nachfragen, aber noch keine Berufung.

Umwege muss Ute von Lojewski immer gehen, wenn sie Geld braucht. Die Zuschüsse des Landes reichen oft nicht aus, um gute Studienbedingungen zu schaffen, es muss auf anderen Wegen Geld in die Hochschule fließen, beispielsweise durch Drittmittel von Forschungsorganisationen, Stiftungen oder Unternehmen. Von Lojewski hat im vergangenen Jahr 15,7 Millionen Euro aus externen Quellen geschöpft. Doch Drittmittel gibt es nicht allein auf Antrag, das Fördergeld wird immer im Wettbewerb vergeben. Ute von Lojewski sagt, sie habe »ein Faible für Wettbewerbe«. Sie liebe Situationen, in denen sie sich messen müsse: »Ich brauche diesen Kick.«

Die meisten Wettbewerbe gewinnt sie. Aus dem »Qualitätspakt Lehre« des Bundes etwa hat sie 8,3 Millionen Euro bekommen. Auch hochschulintern verteilt sie die Gelder nicht mit der Gießkanne. Ob das E-Learning-Angebot, mit dem sich Studenten virtuell auf Prüfungen vorbereiten, oder Rechennachhilfe für Mathematikstudenten - »nur wirklich gute Ideen werden belohnt«. Firmen oder Stiftungen direkt um Geld zu bitten, etwa für Stipendien, macht sie dagegen ungern. »Ich bettle nicht gern.« Das Geld soll nicht fließen, weil sie es ist, die fragt, sondern weil Sponsoren Studenten unterstützen wollen.

Ute von Lojewski ist Professorin für Rechnungswesen und Controlling, eine Zahlenfrau, sachlich, pragmatisch. Als sie vor fünf Jahren Präsidentin wurde, hat sie gleich das Berichtswesen an der Hochschule eingeführt, in Form einer sogenannten Academic Scorecard. Darüber werden, ähnlich wie in einem Unternehmen, mit den einzelnen Abteilungen oder Fachbereichen strategische Ziele vereinbart, die dann von den Professoren umgesetzt werden müssen. Da wird etwa definiert, um wie viel Prozent die Quote der Studienabbrecher gesenkt oder der Anteil ausländischer Studenten erhöht werden soll.

»Frau von Lo« sitzt in ihrem Büro oft über Tabellen, vergleicht Studienanfänger- und Absolventenzahlen, sie schaut auf die einzelnen Fächer, die Einnahmen aus Drittmitteln. Über allem schwebt die Frage: Wo muss man nachjustieren? Sie richtet die FH rigoros auf Qualität aus. Als erste Fachhochschule bundesweit hat die FH Münster die Systemakkreditierung erfolgreich durchlaufen - ein wichtiges Qualitätssiegel. Die Hochschule muss nun ihre Studiengänge nicht mehr extern begutachten lassen. Das spart Zeit und Geld. »Ute von Lojewski ist offen für innovative Modelle in der Hochschulführung, sie lässt sich mutig immer wieder auf Neues ein«, sagt Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE. Im Qualitätsmanagement sei sie »Vorreiterin in Deutschland«. »Ich wollte immer Managerin werden« sagt Ute von Lojewski, »jetzt bin ich es.«

Die Auszeichnung »Hochschulmanager des Jahres« wird gemeinsam von der ZEIT und dem CHE-Centrum für Hochschulentwicklung vergeben. In einem mehrstufigen Verfahren wurden zunächst diejenigen Hochschulen identifiziert, deren Präsidenten seit mindestens 2011 im Amt sind und die sich in den Bereichen Forschung, Lehre, Internationalisierung und Karriereförderung verbessert haben. Die Leitungen der dreißig besten Hochschulen wurden schriftlich befragt, welches Führungsverständnis und welche Maßnahmen zu den Erfolgen geführt haben. Die Entscheidung über den Preisträger hat eine sechsköpfige Jury getroffen. Die Autorin dieses Beitrags war Mitglied der Jury.

Aus DIE ZEIT :: 28.11.2013