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Die doppelte Passion

VON ULRICH SCHNABEL

Wissenschaft und Liebe - die Berlin-Brandenburgische Akademie sucht nach Gemeinsamkeiten und Gegensätzen.

Die doppelte Passion@ Michael Moreno - iStockphoto.comLiebe ist weiterhin ein Rätsel für die Wissenschaft und dennoch sind die Ähnlichkeiten nicht zu übersehen
Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar, der in seinen kürzlich erschienenen Memoiren das Verliebtsein als »den höchsten Grad der Annäherung an den Zustand mystischer Gnade« bezeichnete. Aber selbst wenn man Kakars mystische Sicht nicht teilt, muss man konstatieren: Auch für Wissenschaftler - und gerade im scheinbar so rationalen Forschungsbetrieb - spielt die Liebe eine entscheidende Rolle.

Dabei soll es an dieser Stelle einmal nicht um jene Forschungsprojekte gehen, die uns die Liebe ganz unromantisch zu erklären versuchen - sei es als Ergebnis hormoneller Ausnahmezustände, sei es als Funktion eines genetischen Programms oder als Folge sonstiger neuro-, psycho- oder biologischer Faktoren. Das mag alles seine Berechtigung haben; doch wer die Liebe nur objektiv als kalten Forschungsgegenstand betrachtet, dem gerät leicht die subjektive Perspektive aus dem Blick, die meist die spannendere ist. Denn das Schöne an der Liebe ist ja nicht ihre Erklärung, sondern ihr Erleben. Und das kann selbst die klügsten Köpfe um den Verstand bringen.

Von daher ist es eine längst überfällige Initiative, dass die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) das Thema nun auf die Tagesordnung setzt. »Die Wissenschaft und die Liebe« lautet der Titel eines großen Salonabends an diesem Samstag (19. Januar) in Berlin, an dem das komplexe Sujet aus allen erdenklichen Blickwinkeln beleuchtet wird. Dabei geraten endlich auch die Wissenschaftler selbst als Liebende in den Blick, und man wagt sich an die schwierige Frage heran, wie man als Forscher »die verwirrend-emotionale Welt der Liebe und die analytisch-reflektierte Welt der Wissenschaft« in Einklang zu bringen vermag.

Dass dies beileibe kein banales Problem ist, demonstrieren gerade die Großen der Zunft. Albert Einstein etwa, der als Physiker nahezu Übermenschliches leistete, hat in Liebesdingen bekanntlich recht kläglich versagt. Auch die Liebesgeschichte zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger - die soeben in dem Kinofilm Hannah Arendt wieder auflebt - war von vielen Widersprüchen durchzogen. Solche »Love-Storys aus der Wissenschaft« belegen in Berlin, dass im Leben großer Denker die Liebe meist ganz anderen Gesetzen folgt als die Wissenschaft. Der Vortragstitel des Historikers Jürgen Herres darf da als programmatisch gelten: Liebe - auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat.

Doch die unberechenbare Liebe und die rationale Wissenschaft müssen nicht notwendigerweise gegensätzliche Pole sein. Man kann auch, wie es der frühere BBAW-Präsident Dieter Simon einmal getan hat, mehr Verbindendes als Trennendes sehen. Liebe wie Wissenschaft, argumentierte Simon anlässlich eines Nobelpreisträgertreffens in Berlin, seien schließlich Passionen, die viele Gemeinsamkeiten teilten. So ähnelten sich schon die äußeren Erscheinungsformen. Begegne man etwa Menschen, »die mit wirren Haaren und einem in sich gekehrten Blick grußlos durch die Straßen wandern, im Café grübelnd und mit seltsamem Lächeln vor ihrer Tasse sitzen, die nachts aus dem Bett springen, irgendwohin Nachrichten senden, Notizen machen, sich aus dem Fenster beugen, um den Nachthimmel zu betrachten« - dann habe man es entweder mit Verliebten oder mit Wissenschaftlern zu tun.

Gibt es neben dem Fortpflanzungsauch einen »Kapiertrieb«?

Dabei können beide nur selten vernünftige Gründe für ihre Aufgewühltheit angeben. Die Leidenschaft eines Forschers - etwa für die Details des byzantinischen Rechtssystems oder das Verhalten ultrakalter Atome nahe dem absoluten Nullpunkt - erscheint Außenstehenden meist ebenso unerklärlich wie l'amour fou, die aus heiterem Himmel zwei Menschen füreinander entbrennen lässt. Und ähnlich wie die Liebe kennt auch die Passion für das wissenschaftliche Fragen kein Ende.

Sie kann sich zwar verlagern oder, anlässlich eines neuen Sujets, frisch entflammen. Doch der ursprüngliche Antrieb bleibt derselbe. Nur in einem Punkt gehe es den Wissenschaftlern besser als den Verliebten, meint Dieter Simon: »Entdeckt einer mit 70 einen nie gedachten Gedanken oder einen neuen Stern, wird seine Weisheit gepriesen. Entdeckt er mit 70 eine neue Liebe, zweifelt man an seinem Verstand.«

Warum allerdings der wissenschaftliche Erkenntnisdrang eine ebenso große Macht hat wie die Sehnsucht nach einer neuen Liebe, wieso ausgerechnet das bange Zittern, in das man durch Herzensangelegenheiten gerät, jenen Gefühlen gleicht, die man mit einer plötzlichen neuen Einsicht verbindet, ist aus Sicht der Wissenschaft noch immer ein Rätsel. An dessen Beantwortung haben sich Forscher bislang kaum herangewagt - vielleicht weil es den Kern ihres Liebes- wie ihres wissenschaftlichen Lebens gleichermaßen berührt.

Zumindest den Versuch einer Erklärung wagte der 2011 verstorbene Hirnforscher und Kybernetiker Valentin von Braitenberg. Warum empfinden wir bei Aha-Erlebnissen so eine starke »Hirnlust«? Weil beim Finden eines neuen Theorems - ähnlich wie beim Sex - Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet würden, die das körpereigene Belohnungszentrum anregten. Das deute darauf hin, dass in grauer Vorzeit jener Teil des Gehirns, der für rationale Erkenntnis zuständig ist, mit einem anderen Hirnzentrum verbunden worden sei, in dem Schlüsselreize eines animalischen Triebs angesiedelt worden seien. Die Natur habe den Homo sapiens also nicht nur mit einem Fortpflanzungs-, sondern auch einem »Kapiertrieb« ausgestattet, spekulierte Braitenberg. Deshalb sei beim Menschen das Denken »oftmals auf das eine Ziel hin gerichtet, diese Hirnlust zu erleben«.

Forscher sind ständig unterwegs. Das fördert nicht gerade das Familienglück

Zugegeben: Noch harrt diese Theorie ihrer wissenschaftlichen Bestätigung. Und auch im Berliner Salon Sophie Charlotte wird man dazu keine letztgültige Antwort finden. Doch vielleicht nimmt die Berlin-Brandenburgische Akademie den Abend ja zum Anlass, zu dieser Frage endlich ein groß angelegtes Forschungsprojekt zu starten?

Einen ersten, wenn auch kleinen Schritt zur Empirie des wissenschaftlichen Liebeslebens unternehmen die Mitglieder der Jungen Akademie. Schließlich sei das Thema auf jeder Konferenz beim abendlichen Gespräch präsent, erzählt die Soziologin Magdalena Nowicka vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Und nahezu jeder Forscher kenne den Roman Kleine Welt von David Lodge, in dem der britische Literaturwissenschaftler kenntnisreich das akademische Treiben beschreibt.

Glaubt man Lodge, dann erklärt sich die ausufernde Reisetätigkeit vor allem älterer Wissenschaftler nicht mit Erkenntnisdrang, sondern eher mit dem Streben, unterwegs ihre Liebesaffären pflegen zu können. »Gerade in Großbritannien wird das auf jeder Konferenz zitiert«, erzählt Nowicka, »insbesondere reifere Professoren bauen das gern in ihre Vorträge ein und geben zu verstehen, dass sie diese oder jene Romanfigur persönlich kennen würden.«

In der Realität wird das ständige Unterwegssein aber offenbar weniger als lustvoll denn als beschwerlich erlebt. Das zeigt die Umfrage, die Nowicka mit der Rechtswissenschaftlerin Giesela Rühl unter den Mitgliedern der Jungen Akademie gestartet hat. Demnach empfinden 74 Prozent der Befragten die ständig geforderte Mobilität als Belastung für ihr Liebes- und Beziehungsleben. Wer in der Wissenschaft vorankommen will, muss sich schließlich auf Tagungen zeigen und bereit sein, häufig den Wohnort zu wechseln oder weite Strecken zu pendeln. Im Schnitt 30.000 Kilometer legen die Jungforscher in einem Jahr dienstlich zurück - dies verlangt von ihnen, ihren Partnern und Familien ebenso viel Organisationstalent wie gegenseitiges Verständnis.

Zwar weisen Nowicka und Rühl darauf hin, dass ihre Umfrage mit 43 Teilnehmern nicht als repräsentativ gelten könne; doch ihr Trend dürfte sich in jeder größeren Studie erhärten. »Bei den Doktorandinnen, deren Mentorin ich bin, ist dies stets das erste Thema«, erzählt Nowicka. Meist wird die Familienplanung wegen der wissenschaftlichen Karriere immer weiter hinausgeschoben - oder die jungen Frauen entscheiden sich ganz gegen die Forschung. »Es wäre gut, wenn man früher einen geografischen Fixpunkt haben könnte«, sagt deshalb Giesela Rühl und regt an, über Lösungen wie beispielsweise vermehrte Tenure-Track-Stellen nachzudenken, die nach einer Bewährungszeit die Aussicht auf eine Lebenszeitprofessur bieten.

Auch wenn also das Thema »Liebe und Wissenschaft« noch viele empirische Lücken aufweist und nach weiteren Forschungsprojekten geradezu schreit - eines zeigt sich schon jetzt: Wissenschaftler sind auf Beziehungspartner angewiesen, die ebenso belastbar wie verständnisvoll sind. Häufige Abwesenheiten gilt es ebenso zu ertragen wie die Passion der Geliebten für ein möglicherweise sehr abseitiges Forschungsthema. Sonst wird diese Leidenschaft am Ende genauso als Konkurrenz empfunden wie ein leibhaftiger Seitensprung. Wohin das führen kann, hat der Jurist Dieter Simon einmal als junger Anwaltsgehilfe erlebt: Damals suchte ihn ein 80-jähriger Orientalist auf, der sich nach 55 Jahren Ehe mit der Begründung scheiden lassen wollte, er könne seine Frau nicht mehr sehen. Als man ihn um nähere Erläuterung bat, gab der alte Herr an, es sei nicht eigentlich seine Frau, die ihn störe, sondern es seien ihre Hände. Die erinnerten ihn täglich an den schrecklichsten Moment seines Lebens: als endlich die korrigierten Druckfahnen seines über Jahre erstellten Lexikons vorlagen - und seine Frau diese als Altpapier zum Feueranzünden benutzte.

Aus DIE ZEIT :: 17.01.2013

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