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Die fetten Jahre sind vorbei

VON MARION SCHMIDT UND MARTIN SPIEWAK

Das Wissenschaftssystem steht vor einem großen Umbruch. Die Unis fürchten Sparrunden.

Die fetten Jahre sind vorbei© ferkelraggae - Fotolia.comDer Wissenschaftsrat berät derzeit über die "Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems"
Es geht um etliche Milliarden Euro, die an Hochschulen und Forschungseinrichtungen jährlich verteilt werden - und die bald wegfallen könnten. Es geht um Macht, Einfluss, Prestige. Wer bekommt wie viel Geld von wem? Wer entscheidet, über welche Themen geforscht wird? Wer darf mit wem kooperieren? Es geht um nicht weniger als um die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems. »Jetzt werden die Weichen gestellt für die nächsten zwei, drei Jahrzehnte«, sagt Berlins ehemaliger Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). In der Öffentlichkeit wird davon allerdings wenig wahrgenommen, Forschungsförderung ist komplex, auch die Politik hält sich bislang bei dem Thema zurück. »Damit kann ich nicht Wahlkampf machen«, sagt Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP). Doch für viele Professoren und Uni-Präsidenten gibt es seit Monaten kein wichtigeres Thema.

Der Wissenschaftsrat berät derzeit über die »Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems«. Anfang Juli will das wichtigste akademische Beratergremium seine Empfehlungen vorlegen - rechtzeitig, um noch Einfluss zu nehmen auf den dann beginnenden Bundestagswahlkampf. In einem ersten Entwurf macht das Expertengremium eine Reihe von Vorschlägen, die insbesondere darauf abzielen, die Hochschulen zu stärken. Denn da ist zuletzt etwas grundsätzlich aus der Balance geraten: Während die Etats der außeruniversitären Forschungszentren wie der Max-Planck-Gesellschaft oder der Helmholtz-Gemeinschaft seit Jahren steigen, können die Unis mit den geringen Zuwächsen bei den länderfinanzierten Grundmitteln nicht einmal die Inflation ausgleichen - obwohl sie immer mehr Aufgaben bewältigen und Studenten betreuen müssen.
Alle wissen: Das kann so nicht weitergehen. Nun bringen sich die Akteure der akademischen Welt in Stellung und versuchen, ihre Pfründen zu sichern oder auszubauen. Ein bislang nicht da gewesener Kampf um die Ressourcen im deutschen Wissenschaftssystem hat begonnen.

Forschung ist so attraktiv wie noch nie

Es ist viel erreicht worden in den vergangenen zehn Jahren. Besonders in der Forschung standen deutsche Universitäten noch nie so gut da wie heute. Die Exzellenzinitiative sowie diverse Förderpakete von Bund und Ländern zu Forschung, Lehre und Studienplätzen haben viel Geld ins System gespült, die öffentlichen Ausgaben für die Hochschulen sind zwischen 2000 und 2012 von rund 17 auf knapp 25 Milliarden Euro gestiegen. Viele Hochschulen haben das Geld und die ihnen vielerorts gewährte Autonomie über Haushalt und Personal genutzt, um ihre Forschungsstrukturen auszubauen, Graduiertenschulen für die Ausbildung des Nachwuchses einzurichten und Kooperationen mit außeruniversitären Forschungszentren zu verstärken. Deutschland ist international wettbewerbsfähiger geworden. Nun reisen selbst Leiter amerikanischer Universitäten an, um sich die Doktorandenausbildung hierzulande anzuschauen. Zudem gelingt es immer häufiger, exzellente Wissenschaftler aus dem Ausland anzuwerben oder deutsche Wissenschaftler zurückzuholen. »Wenn jemand zum Beispiel vom California Institute of Technology, also einer der besten Forschungsuniversitäten der Welt, nach Erlangen wechselt, dann hat sich wirklich etwas verändert«, sagt Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) (siehe Interview "Riskante Schieflage").

Der Bund soll die Universitäten retten

Diese Erfolge drohen zu verpuffen, wenn in den kommenden Jahren die befristeten Förderprogramme auslaufen - und weder Bund noch Länder für eine weitere Finanzierung sorgen können. Schon heute schaffen es die Länder nicht, ihre Hochschulen, für die sie seit der Föderalismusreform 2006 allein verantwortlich sind, angemessen auszustatten. Der Anteil der Länder an der Finanzierung der Hochschulhaushalte ist seit 1995 von etwa 89 Prozent auf knapp 84 Prozent im Jahr 2012 kontinuierlich gesunken.

Das klingt zunächst nicht dramatisch, aber wenn man die konkreten Summen betrachtet, hat der Bund seine Zuwendungen in dem Zeitraum von 1,8 Milliarden Euro auf zuletzt 4 Milliarden Euro angehoben - eine Steigerung um über 60 Prozent. Die Länder hingegen haben ihre Ausgaben für die Hochschulen in den vergangenen drei Jahren kaum noch gesteigert. In einigen Bundesländern werden schon jetzt die Bildungsetats abgesenkt, beispielsweise in Sachsen-Anhalt, wo die Wissenschaftsministerin gerade ihr Amt verlor, weil sie nicht dazu bereit war, den ohnehin klammen Hochschulen 50 Millionen Euro zu streichen.

Die Unis werden sich vielerorts auf ungeahnte Sparrunden gefasst machen müssen, wenn von 2020 an die Schuldenbremse greift und die Länder keine neuen Schulden aufnehmen dürfen. Zu gern würden die Unis deshalb Geld vom Bund nehmen. Doch der darf die Hochschulen nicht direkt und unbefristet unterstützen; das Grundgesetz verbietet es. Das sogenannte Kooperationsverbot gilt mittlerweile zwar weithin als Fehler; alle Parteien wollen es rückgängig machen. Doch die Streitfrage lautet: Wer soll vom Geld des Bundes profitieren? Allein die Wissenschaft, wie es die CDU favorisiert, oder auch Schulen oder Kitas, wie es die SPD fordert? Vor der Bundestagswahl wird es zu keiner Einigung mehr kommen. Aber immerhin bewegt sich der Bund.

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) will den Beitrag aus Berlin - anders als ihre Vorgängerin Annette Schavan - »keinesfalls auf einige wenige Eliteeinrichtungen« beschränken. Wanka sieht den Bund neben der Co-Finanzierung neuer Studienplätze vor allem bei »strategischen Entscheidungen in der Pflicht«. Da kann sie sich vorstellen, langfristig Lehrstühle oder auch ganze Institute zu fördern. Etwa bei Fächern, in denen großer Fachkräftemangel herrscht. Denkbar wäre auch eine stärkere Beteiligung Berlins an der Lehrerausbildung. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) dagegen fordert 3.000 Bundesprofessuren - allerdings ohne zu sagen, wie das ohne Verfassungsänderung möglich sein soll.

Für die Hochschulen ist der Bund mittlerweile so etwas wie der Messias und Bill Gates in Personalunion: jemand, der ihnen viel Gutes verspricht - und das dann auch finanzieren kann. Auf die Länder will sich keiner mehr verlassen. Alle sind sich einig: Das Kooperationsverbot muss weg, damit der Bund die Unis direkt unterstützen kann. Wanka warnt vor zu großen »Illusionen«. Selbst wenn der Wissenschaftsetat im Bund in der nächsten Legislaturperiode weiter steige, so die Ministerin, »Hauptfinanziers der Universitäten müssen die Länder bleiben«. Sie lehnt es daher auch strikt ab, dass der Bund die gesamten Kosten für das Bafög übernimmt; derzeit sind es 65 Prozent. Das hatte der Wissenschaftsrat in einem ersten Entwurf für Empfehlungen vorgeschlagen. Es würde den Bund über eine Milliarde Euro jährlich zusätzlich kosten, ohne jedoch seinen Einfluss auf die Hochschulen zu vergrößern. Doch der Bund hat kein Geld zu verschenken und auch kein Interesse daran, marode Länderhaushalte zu sanieren.

Das Geld reicht nicht für alle

Viele Hochschulen fürchten nun, in dem Poker zwischen Bund und Ländern den Kürzeren zu ziehen. Bei den bisher bekannt gewordenen Vorschlägen und Verhandlungen bleibt es ungewiss, wie viel Geld tatsächlich im System bleiben wird, welche Programme fortgeführt werden - und wer am Ende dafür zahlen wird. Eines ist nur allen klar: Das Geld, egal, woher es kommt, wird nicht für alle reichen, und es wird nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt, sondern im Wettbewerb. Es wird daher große Verteilungskämpfe geben. Hinter den Kulissen wird bereits jetzt heftig darum gestritten, wer denn nun ein Stück vom Bundeskuchen abbekommen soll. Im Gerangel um das Geld zerlegen sich die Unis gerade in Clübchen und Grüppchen. Die großen, forschungsstarken Unis haben sich im Verbund U15 zusammengeschlossen, um ihre Interessen gemeinsam besser durchzusetzen. Die übrigen haben die Sorge, abgehängt zu werden.

Die Not weckt Begehrlichkeiten

Derweil bringen sich die außeruniversitären Forschungszentren in Stellung. Sie sind eine deutsche Besonderheit: In keinem anderen Land der Welt ist die Forschung so stark aufgeteilt in Universitäten und externe Institute. Amerikanische Elite-Unis stehen auch deshalb im internationalen Vergleich immer besser da als deutsche, weil bei ihnen die Forschung gebündelt ist. In Deutschland müssen sich die Unis neben Helmholtz-, Max-Planck-, Fraunhofer- und Leibniz-Instituten behaupten - und sind dabei finanziell benachteiligt. Denn im Gegensatz zu den Hochschulen werden die außeruniversitären Institute mehrheitlich vom Bund getragen. Und durch den Pakt für Forschung und Innovation sind ihnen seit Jahren zuverlässige Etatzuwächse sicher. Die Gewichte haben sich verschoben in der Forschungslandschaft.

»Außeruniversitäre Akteure trachten nach Geländegewinnen zulasten der Universitäten«, sagt Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands. Vor allem die Helmholtz-Gemeinschaft mit ihren 18 Instituten und einem Jahresetat von rund drei Milliarden Euro beansprucht eine Führungsrolle und will selbst, vergleichbar der DFG, Fördergelder vergeben, um darüber mehr Einfluss auf Forschungsthemen auch an Hochschulen zu nehmen. Die Leibniz-Gemeinschaft wiederum bietet an, Exzellenzcluster, also Forschungsverbünde, die im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert wurden, zu übernehmen. Wenn sich dieses »Vormachtstreben«, so Kempen, fortsetze, dann würden »die außeruniversitären Einrichtungen immer mehr zu Köchen - und die Universitäten zu Kellnern«. Und das würde das gesamte Wissenschaftssystem schwächen.

Aus DIE ZEIT :: 13.06.2013

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