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Die Flucht der Klügsten

VON BIRGIT SCHÖNAU

Italiens marodes Uni-System treibt eine ganze Forschergeneration ins Ausland.

Die Flucht der Klügsten© Jonathan Stutz - Fotolia.comAuf den Barrikaden: Studenten protestieren in Rom gegen die Kürzungen am Bildungsetat
Freitagabend, 19 Uhr. »Hier sind nur noch Italiener«, sagt Paolo Robuffo Giordano und lacht, als er in seinem Büro angerufen wird. »Die Deutschen sind schon zu Hause.« Der 35-jährige Forscher arbeitet als Projektleiter am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen, weil er in Italien nicht ewig für einen Arbeitsplatz anstehen wollte.

Robuffo Giordano hat Robotik an der römischen Universität La Sapienza studiert. Seit 14 Jahren gibt es dort keine neuen Stellen für Professoren. In seiner Arbeitsgruppe arbeiten weitere vier Italiener. Die Landsleute seien besonders motiviert, erklärt Robuffo Giordano: »Wir wollen beweisen, dass wir mithalten können.«

Dass italienische Universitäten konkurrenzfähige Wissenschaftler ausbilden, hat sich kürzlich wieder gezeigt. Als das US-amerikanische Magazin Time seine »Menschen des Jahres« auswählte, landete auf Platz fünf die italienische Nuklearphysikerin Fabiola Gianotti - sie hat in Mailand studiert und arbeitet seit Jahren für das europäische Kernforschungszentrum Cern in Genf. »Unser Land ist führend in der Teilchenphysik«, sagte Gianotti - sie meint nicht die Schweiz, sondern Italien. Und wies darauf hin, dass Italien mehr Physikerinnen aufweise als die europäische Konkurrenz. In der Heimat bleiben wollte die Ausnahmewissenschaftlerin trotzdem nicht.

Italien erlebt seit einigen Jahren einen historisch beispiellosen Brain-Drain, eine Massenemigration akademischer Talente. Jeder siebte italienische Wissenschaftler arbeitet derzeit im Ausland. Misswirtschaft, Filz und eine chronische Unterfinanzierung der Hochschulen vertreiben Heerscharen von Nachwuchsforschern aus dem Land. »Die Universität spiegelt die Blockade der italienischen Gesellschaft wider. Auf den wichtigen Posten sitzen die Alten, die Jungen kommen nicht nach«, sagt Claudio De Persis.

Seit vier Jahren lehrt und forscht De Persis in den Niederlanden, zurzeit als Professor für Robotik an der Universität Groningen. Vor einiger Zeit hat man ihm in Rom einen Job in Aussicht gestellt. Doch De Persis möchte nicht mehr zurück: »Als wissenschaftlicher Mitarbeiter erträgst du den Geldmangel noch, als Professor brauchst du aber Mittel, um arbeiten zu können.«

De Persis erzählt von italienischen Professoren- Kollegen, die seit Jahren auf Ferien verzichten, ihre Büroarbeit ohne Sekretärin erledigen, die nachts EU-Projekte bearbeiten und am Wochenende für internationale Fachzeitschriften schreiben. Helden nennt Claudio De Persis diese italienischen Professoren. »Ihre Selbstausbeutung sorgt dafür, dass das System nicht zusammenbricht.«

In Italien habe er sich »geschämt«, zu sagen, dass er an der Uni arbeite, sagt De Persis. »Man gilt da als Versager, als zu langsam für die Wirtschaft.« In den Niederlanden dagegen seien Uni-Professoren hoch angesehen. De Persis muss noch nicht einmal die Landessprache beherrschen, er unterrichtet auf Englisch. In den Niederlanden interessieren nur seine Fähigkeiten als Wissenschaftler und als Dozent. Gerade hat er sich in Groningen eine Wohnung gekauft, die Familie aus Italien kann kommen.

In den internationalen Rankings taucht Italien unter »ferner liefen« auf

Auch Paolo Robuffo Giordano zieht es nicht zurück nach Italien. Gerade hat er beim nationalen Forschungszentrum CNRS im französischen Rennes angeheuert. Drei Stellen für Robotik-Ingenieure hatte das renommierte Institut ausgeschrieben, genommen wurden drei Italiener. Seine Frau, eine Physikerin, hat ebenfalls die Stelle gewechselt, von Stuttgart ist sie nach Salzburg gegangen.

Die Flucht der Klügsten © DIE ZEIT Italiens Ausgaben für Forschung und Entwicklung
Die italienische Dauerkrise macht eine ganze Generation von Forschern zu Job-Nomaden. Wer in der Wissenschaft etwas werden will, muss ins Ausland gehen. In Italien dagegen kann man ausländische Professoren mit der Lupe suchen. Bei den Studenten ist es kaum anders: Nur jeder 20. Student an der La Sapienza (»Die Weisheit«) stammt nicht aus Italien. Nicht zuletzt wegen des Mangels an Internationalität taucht keine italienische Universität in den bekannten globalen Rankings auf einem der ersten hundert Ränge auf.

Il futuro è passato qui, lautet der Slogan der Sapienza. Ein doppelsinniger Satz. Man kann ihn so übersetzen: »Die Zukunft kommt von hier.« Es ginge aber auch so: »Die Zukunft ist hier Vergangenheit.« In den mehr als 700 Jahren ihres Bestehens hat die römische Universität höchst selten auf die feierliche Eröffnung ihres akademischen Jahres verzichtet. Aber in diesem Wintersemester war es so weit. »Die schweren ökonomischen Probleme unseres Landes und das Leiden des öffentlichen Bildungssystems verschärfen die sozialen Konflikte und betreffen auch unsere Universität«, begründete die Sapienza-Führung diesen Schritt. Anders gesagt: Die Lage ist so ernst, da gibt es nichts zu feiern.

Die Universität hat eine große Tradition. Der Dichter Gabriele D'Annunzio studierte hier, die Pädagogin Maria Montessori - und der EZB-Chef Mario Draghi. Doch mit 140 000 Studenten ist Roms Uni auch die größte Europas, eine riesige Lern- und Forschungsfabrik, an der das Studieren zum Überlebenskampf wird. Angesichts von Überfüllung und Chaos scheitert jeder Sechste schon im ersten Semester. Allein die Juristische Fakultät hat 11.000 Studenten - nur 15 Prozent schaffen den Abschluss in der Regelstudienzeit.

Für das Fach Medizin kamen in diesem Wintersemester auf 1.000 Studienplätze 7.000 Bewerber, die gleichzeitig in 85 Hörsälen einen Aufnahmetest ablegen mussten. Dabei ist Medizin eines der ganz wenigen Fächer mit Zulassungsbeschränkungen. Für die meisten Fächer ist noch nicht einmal ein Abitur notwendig, das Abschlusszeugnis einer der vielen Berufsschulen reicht aus.

Keine Regierung hat es bisher gewagt, die Hochschulzulassung neu zu regeln, aus Angst vor dem Zorn der jungen Leute und dem Verlust an Wählerstimmen. Auch das Kabinett parteiloser Experten unter Führung von Mario Monti konnte sich nicht dazu durchringen. Dabei waren in diesem viele Professoren vertreten, und der Premier selbst war früher sogar Hochschulrektor, allerdings an der teuren privaten Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi in Mailand. Vielleicht zeigte Monti deshalb so wenig Gespür für die Sorgen der darbenden Kollegen. Wegen ihres harten Sparprogramms wurde seine Regierung von der Rektorenkonferenz scharf kritisiert.

»Wir geben uns der Illusion hin, dass man an der Bildung sparen und trotzdem konkurrenzfähig bleiben kann«, klagten Italiens Rektoren in einem gemeinsamen Aufruf. »Aber Forschung kann nicht auf den Säulen des Sozialdarwinismus stehen.« Allerdings ist auch der Feudalismus kein Zukunftsmodell für Italiens Hochschulen. Nicht ohne Grund nennt der Volksmund die Professoren auch »Barone« - haben sie es erst einmal geschafft, einen Lehrstuhl zu erobern, so bringen viele erst einmal ihre Familienmitglieder unter.

Der Sapienza-Rektor Luigi Frati gilt als Paradebeispiel für den weit verbreiteten Nepotismus an den Universitäten. Der 69-jährige Mediziner pflegt beste Beziehungen in die Politik und in den Vatikan, an der Uni gründete er einst den Ableger einer christdemokratischen Gewerkschaft. Als Rektor bevorzugt Frati einen informellen, fast familiären Umgangston, er spricht gern Dialekt. Familiär ist auch seine Personalpolitik: Frau, Tochter, Schwiegersohn und Sohn arbeiten an der medizinischen Fakultät der Sapienza.

Fratijunior wurde bereits mit 31 Jahren Professor, in einem Alter also, in dem gewöhnliche Wissenschaftler noch auf ihre Erstanstellung warten. Der Rektorensohn bekam die Stelle, kurz bevor die damalige Berlusconi-Regierung ein Gesetz verabschiedete, das die Beschäftigung von Verwandten der Professoren an derselben Fakultät verbietet. Als Einziger hatte sich ausgerechnet Silvio Berlusconi, der als Feind der Akademiker verschrien war, an eine Reform des maroden Systems zur Stellenbesetzung getraut - er hatte vor den Universitäten keine Angst, als Reservoir für Wählerstimmen kamen sie ohnehin nicht für ihn in Betracht.

Gebracht hat die Neuordnung nur wenig. Besonders in Süditalien seien die Universitäten weiter feudalistisch organisiert, glaubt die Literaturprofessorin Camilla Miglio. »Das gilt auch für Rom mit seiner Nähe zur Macht der Kurie und der Politik.« Miglio arbeitet selbst als Professorin an der Sapienza. Die Literaturwissenschaftlerin ist eine vielfach ausgezeichnete Übersetzerin von Kafka, Brentano und Celan. Bevor sie in Rom unterrichtete, war sie Dozentin in Pisa und an der Orientale in Neapel, der ältesten europäischen Universität für Orient- und Chinastudien.

Mit viel Enthusiasmus können einzelne Professoren noch etwas bewegen

An all diesen Hochschulen hat die gebürtige Süditalienerin eine immer wiederkehrende Erfahrung gemacht: »Das System ist marode, aber als Einzelner kann man immer noch viel bewegen.« Gute Projekte würden sich mit viel Einsatz durchsetzen lassen.« Gerade hat Miglio 400.000 Euro für ein Fünfjahresprojekt bewilligt bekommen. 250.000 davon werden als Gehalt an eine Wissenschaftlerin gehen, die von der Berliner Humboldt-Universität nach Rom zurückkehrt. Tatsächlich blüht die Germanistik in Rom, die Zahl der Erstsemester hat sich innerhalb eines Jahres verdreifacht. Jenseits der Alpen lockt Germania, das Land mit den niedrigen Arbeitslosenzahlen. Aber auch wer eine Forscherkarriere anstrebt, ist in der Germanistik nicht ganz falsch. Von Camilla Miglio ausgebildete Wissenschaftler arbeiten in Oxford und Toronto, darauf ist die Professorin stolz. Sie hofft, dass sie den Nachwuchs in Rom halten kann. »Unsere Uni«, sagt Miglio, »muss sich nicht verstecken. Nur frischen Wind brauchen wir dringend. Aber das gilt nicht nur für unsere Hochschulen, sondern eigentlich für ganz Italien.«

Aus DIE ZEIT :: 07.03.2013

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