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Die Gefahr der Perversion - Wettbewerb und Gesellschaftsstruktur

Von Rolf Stürner

Das Vergleichen und Kräftemessen von Ideen und Produkten beruht auf einer langen Tradition in westlichen Zivilisationen. In welcher Art und Weise und mit welchen Zielen findet Wettbewerb in der heutigen Gesellschaft statt? Eine kritische Bestandsaufnahme.

Die Gefahr der Perversion - Wettbewerb und Gesellschaftsstruktur© tigerfilm - Photocase.com
Jedem, der über Wettbewerb schreibt und redet, muss der sehr beschränkte Neuigkeitswert seiner Gedanken nur zu klar sein. Dies gilt vor allem dann, wenn er sie nicht fach- oder systemterminologisch einkleidet, sondern allgemeinverständlich darzustellen versucht. Die einfache Sprache lässt den unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Stellenwert des Wettbewerbsdenkens und der Grundstruktur einer Gesellschaft deutlicher werden. Gerade diese enge Verquickung sollte aber davor bewahren, den Schalmeienklängen systemtheoretischer Versuchungen zu erliegen - ganz unabhängig von ihrer Provenienz. Denn die grundsätzlichen Parameter der Gestaltung menschlichen Zusammenlebens erweisen sich auf dem Niveau praktischer Vernunft als durchaus übersichtlicher und weniger variantenreich, als theoretische Modelle dies zuweilen glauben machen wollen.

Regulierung und Zweck des Wettbewerbs

Es gibt keine freiheitliche Gesellschaftsstruktur, die nicht Wettbewerb zwischen ihren einzelnen Akteuren einschlösse. Wettbewerb ist notwendige Folge freiheitlichen Denkens und Handelns. Der freie Austausch von Ideen und Produkten führt zu einem Kräftemessen und Vergleichen, das die wirtschaftliche, wissenschaftliche und soziale Innovationskraft erhöht. Diese Erkenntnis, für die sich Wirtschaftswissenschaftler und ihre rechtswissenschaftlichen Epigonen gerne auf Hayek zu berufen pflegen, ist Gemeingut einer langen sozial- und geistesgeschichtlichen Tradition westlicher Zivilisation, und es wäre töricht, sie bestreiten oder auch nur in Frage stellen zu wollen. Die Auseinandersetzung gilt vielmehr der Art und Weise und den Zielen des Wettbewerbs. Einig ist man sich darin, dass jeder Wettbewerb der Regeln bedarf. Unter dem Schlagwort der "Ordnungspolitik" verbergen sich dann aber völlig unterschiedliche Konzeptionen, die vom engmaschigen Regelwerk bis zur Vorstellung weitgehender Selbstregulierung reichen.

Weithin umstritten ist die Frage nach den Grenzen wettbewerblichen Verhaltens, wie sie sich vor allem bei der Elimination von Mitwettbewerbern stellen kann. Ist sie ein heilsamer und förderungswürdiger gesellschaftlicher Prozess, oder hat besser das Prinzip "Leben und Lebenlassen" zu gelten? Und schließlich bleibt die Kardinalfrage, ob der Mensch dem Wettbewerb zu dienen habe oder der Wettbewerb dem Menschen. Ist sein Zweck zuvörderst Profitmaximierung und Wohlstandsmehrung in erster Linie für die Erfolgreichen oder steht er nicht gleichermaßen im Dienste des Ringens um soziale Gerechtigkeit? Dient er letztendlich nicht auch und nicht zuletzt der Förderung menschlicher Erkenntnisfähigkeit auf der Suche nach Wahrheit? Im Zeitalter weltweit konkurrierender wirtschaftlicher, sozialer und politischer Systeme drängt sich zu alldem noch der Eindruck einer brutalen Selbstregulierung auf globaler Ebene auf, die sich alleine am wirtschaftlichen Erfolg als geeigneter Basis politischer und militärischer Macht orientiert - eine der wenigen Konstanten der Weltgeschichte, deren Bedeutung die Globalisierung eher gestärkt als geschwächt hat.

Wettbewerb und Motivation

Wer hier Orientierung sucht und dabei die Lösung in einem stimmigen Gesamtkonzept gefunden zu haben meint, wie es ein monistisches System zu bieten vermag, wird Enttäuschungen erleben. Dies liegt in der Vielfalt der Motivation menschlichen Handelns begründet. Menschliche Aktivität kann Profitmaximierung ebenso leiten wie reine Freude an kreativer Schöpfung, präpotente Geltungssucht ebenso wie bloße Erkenntnis und Wahrheitssuche, Selbstverwirklichung gleichermaßen wie die Befriedigung aus dem Zusammenwirken mit anderen oder der Dienst an der Allgemeinheit, Egoismus wie Altruismus.

Verfehlte Ideologisierung

Soweit vermeintliche wissenschaftliche Erkenntnis oder politische Programmatik versuchen, menschliches Handeln allgemein oder in einzelnen Wirkungsfeldern mehr oder weniger auf eine Motivation festzulegen und die Gestaltung gesellschaftlicher Bereiche an dieser Motivation auszurichten, entsteht eine Ideologie, die nicht nur die Wirklichkeit verfehlt und verzerrt, sondern auch den Menschen mit ihrem Fühlen und Denken nicht mehr gerecht wird. Die Gewichtung der Motive menschlichen Handelns mag zwar in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen verschieden sein, die Motivation in einer freien Gesellschaft bleibt aber trotzdem stets komplex. Eine Volkswirtschaft, deren Unternehmer, Manager und Arbeitnehmer nur "Profitmaximierung" ins Zentrum ihres Wirkens stellen und alle anderen Motivationsformen ausblenden, wird scheitern - nicht nur - systemimmanent gedacht - wegen fehlender "Nachhaltigkeit" der Profitmaximierung, sondern weil die dienende Funktion des gewinnmaximierenden Wettbewerbs für die Menschen einer Region und die Menschheit überhaupt ebenso verkannt ist wie die integrative Funktion gemeinsamer Arbeit. Alle Modelle der letzten Jahrzehnte im Unternehmens- und Finanzmarktbereich, die diesen Zusammenhängen nicht gerecht geworden sind, haben spürbar versagt und Zusammenbrüche provoziert. Die deregulierenden Gesetzgeber Europas und der europäischen Nationen haben ihre Regelwerke insoweit zu sehr am Gedanken gewinnschöpfenden Wettbewerbs ausgerichtet und traditionelle Regulierungstechniken aufgegeben, die andere Motivationsformen gestützt oder ihnen wenigstens Raum gelassen hätten. Dies hat sich in der Finanzkrise deutlich gerächt, manche Schäden sind nur schwer reparabel, und vor allem haben die herrschenden politischen Parteien darüber das Vertrauen vieler Bürger verloren.

Wettbewerb und wissenschaftliche Motivation

Im Wissenschaftsbereich mag bei angewandten technischen Wissenschaften das Ziel gewinnschöpfender Umsetzung mit ein starkes Motiv sein können. Auf vielen anderen Feldern dominiert aber traditionellerweise der Wettbewerb um die tragfähige Erkenntnis und die Wahrheit. Das alte Motto meiner mehrfachen Gastuniversität Harvard ist "Veritas", auf dem alten Kollegiengebäude meiner Heimatuniversität Freiburg steht als Wahlspruch: "Die Wahrheit wird Euch frei machen". Die Motivation freier Wissenschaft besteht nach diesem Verständnis im Wettbewerb um Erkenntnis und Wahrheit. Dieser Wettbewerb braucht neben Freiheit teilweise durchaus Anregung und Ansporn, Wissenschaftler nützen den Freiraum von sich aus nicht immer und stets zur intensiven Suche nach besserer Erkenntnis.

Fehlsteuerung durch verordnete Parameter

Allerdings erweisen sich viele Versuche zur Stimulierung von Wettbewerb als fragwürdig, weil sie von der klassischen wissenschaftlichen Motivation eher wegführen. Profitmaximierende Markterfolge beim Absatz forschungsbedingter innovativer Produkte, Markterfolge von Veröffentlichungen und Lehrdarbietungen bei zahlenden Abnehmern, numerische Erfassung von Forschungs- und Ausbildungsergebnissen mögen begleitende Indikatoren erfolgreichen Bemühens um bessere Erkenntnis und Lehre sein. Die Quantifizierung von Qualität hat aber deutliche Grenzen. Sicher gibt es keine Qualität ohne Quantität. Die Quantifizierung erlaubt aber keine letztlich tragfähige Qualitätsaussage, sondern führt bei entsprechender Gewichtung zu sich laufend selbstverstärkender Fehlsteuerung weg vom eigentlichen Erkenntniszweck des Wissenschaftsbetriebs.

Deutungshoheit durch Evaluation

Monitoring und Evaluation durch andere Wissenschaftler knüpfen zwar eher an Qualitätskriterien an, bergen aber die unverkennbare Gefahr der Dominanz einzelner Schulen und Strömungen bis hin zur Oligopolisierung in sich. Die Ablehnung aller Projekte unter konzeptioneller Federführung der Rechtswissenschaften im Rahmen der Exzellenzrunden bietet hierfür gutes Anschauungsmaterial und steht in krassem Gegensatz zu Einfluss und Vorbildfunktion gerade der deutschen Rechtswissenschaft in vielen anderen Rechtskulturen. Evaluation lässt sich auch als Mittel im Kampf um die Deutungshoheit von Disziplinen einsetzen. Sie führt dann zum Uniformismus. Im Bereich der Lehre kann sich z.B. unter dem Druck herrschender didaktischer Strömungen eine Reader- und Power-Point-Kultur entwickeln mit einer fatalen Tendenz zur Fast-Food-Mentalität. In der Forschung können sich Förderungskartelle bilden.

Wettbewerbsfreier Raum für freie Forschung?

Die wettbewerbliche Stimulation im Rahmen notwendigerweise stets fragwürdiger Koordinaten darf in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht so weit getrieben werden, dass nicht mehr Raum und Mittel für zunächst einmal "wettbewerbsfreie" Forschung verbleiben. Den schöpferischen Gedanken kann Wettbewerbsdruck auch ersticken. Wie analysierte doch Josef Haydn die Bedeutung seiner Zeit auf Esterhaz mit ihrer Abgeschirmtheit? "Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen oder quälen, und so musste ich original werden." Nicht jeder Forscher und Gelehrte ist ein Haydn oder Einstein seines Faches, aber große und weiterführende Gedanken entstehen nicht selten in einer Atmosphäre nahezu autistischer Einsamkeit, die dem Vergleich und Wettbewerb bewusst ausweicht. Wettbewerbsbesessenheit kann zur Perversion des Wettbewerbs in "Award"-Systemen und wissenschaftlicher Planwirtschaft führen. "Wir müssen die Universitäten fit machen, damit Deutschland wieder Spitze ist und wir mehr Jobs haben." Dieser Slogan, wie er in Jahren deutscher Depression um die Jahrtausendwende so oder ähnlich aus politischem Munde zu hören war, formuliert allenfalls ein Element notwendiger Unruhe, taugt aber nicht als Zeitanzeige der bildungspolitischen Uhr. Die jüngste Gegenwart hat ihn auch bereits widerlegt. Denn Ergebnisse der Exzellenzinitiative als Folge bildungspolitischer Geschäftigkeit können in der gerade wieder prosperierenden produzierenden Wirtschaft noch gar nicht angekommen sein. Es sind die oft geschmähten, weiter zurückliegenden Jahrzehnte mit ihrer vermeintlichen Geruhsamkeit und Verkrustung in Forschung und Bildung, die sich als eine sehr zuverlässige Grundlage wirtschaftlicher und nicht zuletzt auch gesellschaftlicher Behauptungsfähigkeit erwiesen haben. Die freie Forschung und Lehre in deutschen akademischen Forschungs- und Bildungsstätten hätte eigentlich einen Vertrauensvorschuss ohne allzu viele gängelnde Vorgaben verdient.


Über den Autor
Professor Dr. Dr. h.c. Rolf Stürner ist Direktor am Institut für deutsches und ausländisches Zivilprozessrecht an der Universität Freiburg. Bei C.H. Beck erschien 2007 sein Buch "Markt und Wettbewerb über alles? - Gesellschaft und Recht im Fokus neoliberaler Marktideologie".


Aus Foschung und Lehre :: Juli 2011

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