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Die Gelehrten-Republik

Von Ulrich Schnabel

Ihnen geht es nicht um Titel, sondern um Erkenntnis. Zu Besuch bei den spannendsten Forschern Deutschlands.

Die Gelehrten-Republik© sommerkind - Photocase.comWas tun Forscher in der Bildungsrepublik Deutschland eigentlich?
Wissenschaft sei »die aufregendste Sache, die man mit angezogenen Hosen tun« könne, befand die Zeitschrift Science einmal und beschrieb damit die Stimmung vieler Forscher. Außerhalb des Labors hat man als Wissenschaftler jedoch einen schweren Stand. Mit Atomphysik oder Gentechnik kann man auf einer Party jedes Gespräch abwürgen. »Das hab ich schon in der Schule nie kapiert«, ist meist das Netteste, was man zu hören bekommt.

Schon merkwürdig: In jeder Sonntagsrede wird die »Bildungsrepublik« beschworen, alle Parteien sind sich einig, wie zukunftsweisend Wissenschaft ist. Doch was Forscher tatsächlich tun und was sie umtreibt, ist den meisten herzlich unbekannt. Unsere klügsten Köpfe gelten - anders als Schauspieler, Musiker oder Sportler - hierzulande nicht als Stars. Stattdessen leben sie in einer Art Parallelwelt. Sie sind unter Fachkollegen berühmt, werden vielfach geehrt, eilen von Kongress zu Kongress - doch in der Öffentlichkeit findet ihre Arbeit kaum Widerhall. Und daran ändert sich in Deutschland meist nicht einmal etwas, wenn sie den Nobelpreis bekommen. Schade eigentlich. Schließlich hat wissenschaftliches Denken viel mit Lust zu tun (was der Schulunterricht leider erfolgreich verdrängt). Und es gibt wenig Aufregenderes - da hat Science recht - als das Glücksgefühl, das sich beim gemeinsamen Lösen eines lange bearbeiteten Rätsels einstellt. Von dem Hirnforscher Valentin Braitenberg stammt die - halb ernst, halb scherzhaft gemeinte - Theorie, Menschen verfügten über einen »Kapiertrieb«, der dem Sexualtrieb ganz ähnlich sei. Denn nichts charakterisiert unsere Spezies so sehr wie der Drang, immer Neues zu entdecken und sich einen Reim auf die Welt zu machen. Und den entscheidenden Kick dazu, meint Braitenberg, gebe uns die »Hirnlust«, die wir mit einem Aha-Erlebnis verknüpfen.

Irgendwann in grauer Vorzeit müsse dazu in den Köpfen unserer Ahnen eine Verbindung entstanden sein zwischen den Arealen des logischen Denkens und einem Hirnzentrum, das Lust vermittelt. »Die Vermutung liegt nahe«, sagt Braitenberg, »dass es sich dabei um das Sexualzentrum handelt.« Darum empfinde Homo sapiens eine unstillbare Lust daran, das Puzzle der Einzelheiten zu einem Ganzen zu fügen und neue Verknüpfungen zu erkennen - sei es beim Lösen eines Sudoku-Rätsels oder beim Aufdecken eines mathematischen Theorems. Allerdings ist damit nur der romantische Impuls des Forschens beschrieben. Unabhängig davon wird der moderne Wissenschaftsbetrieb natürlich auch von wirtschaftlichen und politischen Interessen angetrieben. Denn bei vielen Zukunftsthemen - von der Vorhersage des Klimawandels über die Entwicklung »sanfter« Energien bis zum Aufspüren eines Ehec-Keimes - verlangt die Gesellschaft nach wissenschaftlichen Antworten.

Anders gesagt: Kreativität und kritisches Denken sind die einzigen Rohstoffe, über die Deutschland unbegrenzt verfügt. Auf ihrer klugen Verwendung basiert nicht nur unsere Ökonomie, sondern letztlich ein Großteil unserer Kultur. Doch im umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Bedeutung der Wissenschaft steht die Achtung, die sie hierzulande genießt. Wie groß diese Kluft ist, erhellte blitzlichtartig die Guttenberg-Affäre: Schockiert nahmen viele Forscher zur Kenntnis, dass weite Teile von Politik und Öffentlichkeit die Tragweite des Guttenbergschen Betrugs gar nicht zu erfassen schienen.

Spätestens mit der Erklärung von Angela Merkel, sie habe den Verteidigungsminister nicht »als wissenschaftlichen Assistenten« angestellt, stand die Geschäftsgrundlage der Wissenschaft zur Disposition: Es ging eben nicht um fehlerhafte Fußnoten, sondern um die zentrale Frage, welchen Stellenwert hierzulande das wissenschaftliche Streben nach Wahrheit und Redlichkeit genießt. Kurze Zeit stand das alles auf der Kippe - bevor sich dann doch die wissenschaftlichen Standards durchsetzten. Das wurde im Ausland genau registriert. Im britischen Fachblatt Nature erschien eine Lobeshymne auf das »Land der Dichter und Denker«, in dem offenbar »die Verbreitung ehrenhafter akademischer Werte« noch immer hochgehalten werde - anders etwa als in Italien. Dort wurde vor drei Jahren bekannt, dass ausgerechnet die Bildungsministerin sich einen akademischen Titel erschlichen hatte; es gab ebenfalls massive Proteste der Wissenschaft, doch im Lande Berlusconis verhallten sie ungehört.

Dass das Ethos der Forschung hierzulande mehr zählt, haben seither noch weitere Politiker (Koch-Mehrin, Chatzimarkakis) zu spüren bekommen. Und auch finanziell wurde die Wissenschaft in Deutschland in den vergangenen Jahren kräftig gefördert. Trotz aller - berechtigten - Klagen über die Zustände an den Universitäten finden Forscher hierzulande inzwischen teils günstigere Arbeitsbedingungen als in den USA, dem Gelobten Land der Wissenschaft. Nur in der Öffentlichkeit scheint noch nicht so richtig angekommen zu sein, über welches Potenzial die »Gelehrten-Republik Deutschland« verfügt und welcher Schatz in den Köpfen hiesiger Forscher(innen) schlummert.

Rund dreihunderttausend sind es, die hier zulande an neuen Ideen arbeiten, in Hochschulen, Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Stellvertretend für sie alle porträtieren wir auf den folgenden Seiten sechs von ihnen - eine Philosophin und eine Verhaltensforscherin, einen Ökonomen, einen Rechtswissenschaftler sowie zwei Biologen, Vater und Sohn, die einer echten Forscherdynastie entstammen. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, was sie umtreibt, wie sie ihre Arbeit sehen und an welchen Fragen sich ihre »Hirnlust« entzündet. Willkommen in der Gelehrten-Republik!


weiter: Woran orientiert sich eigentlich das Recht, fragt sich Christoph Möllers.»



Quelle: ZEITmagazin

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