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Die Gelehrten-Republik: Christoph Möllers

Von Heinrich Wefing

Woran orientiert sich eigentlich das Recht, fragt sich Christoph Möllers.

Die Gelehrten-Republik: Christoph MöllersProf. Dr. jur. Christoph Möllers lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie
Minuten vor der vereinbarten Zeit kommt Christoph Möllers ins Restaurant gefegt - heller Sommeranzug, Dreitagebart, randlose Brille. Der dichte dunkle Schopf gibt ihm etwas Jungenhaftes, aber heute sieht der Verfassungsjurist ein wenig blass aus. Mitte April kam sein erstes Kind zur Welt, ein Junge, »das reine Glück«, und jetzt ist es noch rätselhafter, wie Möllers sein immenses Pensum bewältigt.

Der Professor an der Humboldt-Universität, Jahrgang 1969, ist einer der jungen Stars seines Fachs. Er schreibt unfassbar viel, zu den Folgen von WikiLeaks, über Gewaltenteilung oder Bahnprivatisierung, und wenn die SPD mal wieder einen Richter für Karlsruhe vorschlagen darf, gilt Möllers als heißer Kandidat. Ja, sagt er, es sei schon viel, es gebe Tage, »da muss ich zwölf Sachen machen und habe das Gefühl, ich komme nicht durch«. Dabei hat Möllers ein irres Tempo. Er spricht schnell, jagt von These zu These, nie um ein Urteil verlegen. Er hat eine ebenso dezidierte Meinung zur Predigtqualität in seiner Herz-Jesu-Kirche in Prenzlauer Berg, »einer typischen Cappuccino-Gemeinde«, wie zu seinen Erfahrungen an der Law School in Chicago: »Das war mit Abstand das beste akademische Jahr meines Lebens. Da wurde intellektuell tausendmal mehr geboten als an jeder juristischen Fakultät in Deutschland.« Klar, solche Vergleiche seien immer problematisch, »aber für mich ist es dennoch die Wahrheit, das Angebot war breiter, das intellektuelle Niveau höher, die Profs waren besser vorbereitet«.

Möllers ist SPD-Mitglied; von den Grünen trieb ihn der dort verbreitete Antiamerikanismus fort. Aber hochschulpolitisch kennt er keine Sozialromantik: »Die Massenuniversität hat nicht nur das Niveau der Studierenden im Schnitt gesenkt, sondern auch das Niveau der Professoren.« Eine Fakultät mit zwei Lehrstühlen für Verfassungsrecht kann sich die besten Bewerber aussuchen. Sind zehn Lehrstühle zu besetzen, kommen auch weniger brillante Kandidaten zum Zug. Möllers lehrt seit Herbst 2009 in Berlin. Sein recht karges Büro hat er im historischen Zentrum, im Alten Palais, früher Kaiser-Wilhelm-Palais, dem die DDR alles Wilhelminische austrieb. Ein geschichtsträchtiger Ort, viele der bedeutendsten deutschen Juristen sind hier Unter den Linden herumspaziert, und heute lehrt an der Humboldt-Universität mancher Großmeister seines Faches, Dieter Grimm etwa, Christian Tomuschat oder Susanne Baer, die gerade ans Bundesverfassungsgericht berufen wurde.

»Es sind ganz tolle Leute hier, das ist ein Segen«, sagt Möllers. Und doch packe ihn ab und zu Sehnsucht nach der Idylle süddeutscher Universitätsstädte. In Tübingen und München hat er studiert, in Heidelberg seine Habilitationsschrift verfasst. Aber in Wahrheit kann man sich Möllers nirgendwo anders als in Berlin vorstellen. Er hat etwas Nervöses, sehr Urbanes an sich, und ihn reizt ganz offenkundig die Nähe zum politischen Betrieb. Schon mit zwanzig habe er Professor für Öffentliches Recht werden wollen, sagt Möllers, »klingt schrecklich, ich weiß, ist aber so. Ich habe halt immer gern geschrieben und gern unterrichtet. Und ich wollte etwas machen, das politisch ist und theoretisch.« Heute schreibt er verfassungsrechtliche Gutachten, sitzt als Sachverständiger in Anhörungen des Bundestages, vertritt die Bundesregierung vor dem Verfassungsgericht in Karlsruhe, zuletzt beim Streit um die Vorratsdatenspeicherung, diesmal ohne Erfolg.

In Berlin gibt es kaum eine verfassungspolitisch bedeutende Veranstaltung, bei der Möllers nicht vorbeischaut. Bei aller Betriebsamkeit aber beharrt er darauf, dass ihn vor allem die Theorie umtreibe. Gerade ringt er mit einem Buch, das klassischen Fragen der Rechtsphilosophie nachgeht: Woran orientiert sich eigentlich das Recht, wenn es eine Regelung vorschreibt? An Moral und universellen Menschenrechten - und taugt die Moral überhaupt als Bezugsrahmen? »Das Bedürfnis, das Recht ganz auf Menschenrechte, auf das Gute, auf das Gemeinwohl zu reduzieren, ist mir fremd«, sagt Möllers. Ihn reizt es eher, das Recht als Text zu lesen und mit anderen Texten zu vergleichen. Er will rechtliche Urteile mit anderen Urteilen, ästhetischen etwa, zusammendenken, Parallelen wie Unterschiede verstehen. Fragt man ihn nach dem Nutzen solcher Studien, ihrer Anwendbarkeit im praktischen Geschäft, wird Möllers »zögerlich«, wie er sagt.

In Wahrheit heißt das, er wird radikal: »Die Theorie, die mich interessiert, ist nicht anwendbar. Die wird vielleicht mal wichtig, weil sie Diskurse verschiebt, weil Menschen andere Fragen stellen. Aber was mich wissenschaftlich interessiert, ist nicht anwendbar.« Punkt. Eine entschiedene Haltung, die gar nicht erst so tut, als lasse sich alle Forschung rasch und effizient verwerten. Wissenschaft, sagt er, sei »zunächst einmal ein Ruheraum für Reflexion«. Er wünsche sich »eine Wissenschaft, die ergebnisoffen die Gesellschaft analysiert, auf eine Weise, die quer liegt zu den Erwartungen, die die Gesellschaft an die eigene Kritik formuliert«. Möllers lächelt: »Das ist jetzt furchtbar abstrakt formuliert.« Es müsse möglich sein, einmal drei Jahre lang nichts anderes zu tun, als ein Buch zu schreiben. Das werde im deutschen wissenschaftspolitischen Diskurs langsam wieder begriffen. Dabei ist Möllers alles andere als ein Privatgelehrter. Er ist öffentlich viel sichtbarer als die meisten Kollegen. Sein populäres Büchlein über »Zumutungen und Versprechen« der Demokratie ist ein Glücksfall durchsichtiger Vermittlung komplexer Materie. In der FAZ schreibt Möllers eine Kolumne, in der er abgelegene, mitunter kuriose Urteile kommentiert; ein Spaß, der ihm ernst ist. Er bemühe sich, sagt er, »vorzuführen, dass Recht etwas ist, das man erörtern, kritisieren, deuten kann«. Vielleicht ist das ein zentraler Antrieb seines Auftretens: der Versuch, das Gespräch über das Recht aus dem engen Kreis der Juristen herauszuholen. »Ja«, sagt er lachend, »ich bin schon der Sohn eines Vaters, der an der Volkshochschule unterrichtet hat.«


Über den Wissenschaftler
Christoph Möllers, 42, geboren in Bochum, studierte Rechtswissenschaften, Philosophie und Komparatistik in Tübingen, München und Berlin. Nach Stationen in Chicago und New York habilitierte er sich 2004 mit einer Arbeit zur Gewaltenteilung. Er lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie.


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Quelle: ZEITmagazin

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