Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Die Gelehrten-Republik: Rahel Jaeggi

Von Elisabeth von Thadden

Warum fühlt sich der Mensch fremd in der Welt, fragt sich Rahel Jaeggi.

Die Gelehrten-Republik: Rahel Jaeggi© juergen-bauer.comRahel Jaeggi ist Professorin für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin
Jener Sommertag, an dem Hegel knallroten Lippenstift trug und rosenumkränzt von seinem Sockel am Berliner Hegelplatz blickte, war der Tag ihrer Antrittsvorlesung. Ein paar Mitarbeiter hatten den steinernen Ahnen derart festlich gestaltet, um seiner Nachfahrin die Ehre zu geben: der Philosophin Rahel Jaeggi, Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin, Schwerpunkt Sozial- und Rechtsphilosophie. Ein Megafon bekam sie an jenem Tag geschenkt, auf dem steht: »Auch starke Stimmen brauchen Verstärkung«.

Ein Jahr später, wieder ein leuchtender Junitag, Rahel Jaeggi, 44, trifft auf die Minute pünktlich morgens um neun am Café unter den S-Bahn-Bögen ein, schließt ihr Fahrrad an, setzt den schwarzen Rucksack ab, zieht die Lederjacke aus, gleich wird sie ihr Seminar halten, schnell noch einen Kaffee. Sie hat heute schon mit Studenten deren Essays zu Habermas durchgesprochen, denn der wird hier in ein paar Tagen zu Gast sein, um mit einer Handvoll ausgewählter Philosophie studenten ein Kolleg abzuhalten, auf Einladung von Jaeggi, die jetzt noch schnell Essen und Tischordnung im Café Einstein organisiert. Das erledigt sie nebenbei, als hätte sie nicht eben erst für 1000 Leute den Kongress »Re-Thinking Marx« auf die Beine gestellt, für den zugleich ihr Hauptvortrag zu verfassen war, so wie sie ab jetzt für die internationale Hegel-Konferenz, Thema »Freiheit«, einen der tragenden Vorträge verfasst. Zugleich überarbeitet sie ihre Habilitationsschrift zur Kritik der Lebensformen - »Lässt sich von Lebensformen sagen, ob sie gut, geglückt oder rational sind?«. All das im laufenden Semester. Plus Kind. An diesem Donnerstag wird sie abends erst nach zehn aufs Rad steigen und heim nach Kreuzberg fahren.

»Von Professoren wird heute erwartet, dass sie auch Veranstaltungsmanager sind, Weltfremde sind leider kaum noch berufbar«, sagt Jaeggi nüchtern. »So wie für Studenten sich bei allem, was sie tun, die Frage nach der Lebenslaufverwertbarkeit stellt.« Jaeggi wirkt in solchen Blitzanalysen der Wissenskonsumgesellschaft nicht wie deren Dienstleisterin. Im Gegenteil: Sie will in ihren Büchern wie mit ihren Studenten ergründen, woran es liegt, dass die Welt für moderne Menschen so aussieht, dass man sich in ihr nicht heimisch fühlt: weil man erfährt, das eigene Leben nicht autonom steuern zu können, obwohl ein moderner Mensch das doch angeblich kann. Sie will ergründen, was Freiheit dann heißt, die vielleicht ja ein Prozess der Begegnungen mit Entfremdung ist; und ob es gelingen kann, das Fremde sozusagen wegzuarbeiten, indem man sich die Welt Schritt für Schritt zu eigen macht.

Das sind Grundfragen ihrer Doktorarbeit gewesen, die unter dem Titel Entfremdung erschien und Jaeggi weit über ihr Fach hinaus Anerkennung eintrug. Die Geringschätzung akademischer Arbeit, der Antiintellektualismus, die im Gewese um Guttenbergs Doktorarbeit zum Ausdruck kamen, haben sie geärgert - mehr nicht. Als die Sache aufkam, war sie in New York. Die Amerikaner haben es leichter, meint sie, weil sie früher akademisches Selbstbewusstsein lernen als deutsche Studenten in den Wirrungen der Massenuniversität. Aber die Kollegen drüben waren auch neidisch, wie selbstbewusst schließlich die deutschen Akademiker für den Rücktritt des Ministers gesorgt haben. Jaeggi scheint der Wirkungsmacht geistiger Arbeit aus Erfahrung zu vertrauen. Sie hat sogar die Kita-Gruppe ihres Sohns in ihre Vorlesung eingeladen, um den Fünfjährigen die Geschichte von Odysseus neu zu erzählen, der zugleich der Protagonist der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer ist. Da saßen sie dann, haben den einäugigen Riesen Polyphem gemalt und dabei gebannt zugehört, wie der Held sich selbst klugerweise fesselt, um nicht in Gefahr zu kommen.

Es dauert einen verwunderten Moment, sich die Konstellation klarzumachen: In die ehrwürdige Männerdomäne des deutschen Geistes, von Kant und Goethe über Hegel bis zu Marx, Freud, Adorno, dann Habermas, hat also diese schöne Frau mit den kurzen dunklen Haaren und den strahlenden Augen Einzug gehalten, eine Protagonistin des kritischen Denkens, der nichts Affirmatives anhaftet und die sich doch als Glückskind versteht: »Ein Lehrstuhl für Philosophie in Berlin, wohin ich jahrelang von Frankfurt aus gependelt bin, weil mein Mann hier Arzt ist und mit unserem Sohn lebt - was ist ein Sechser im Lotto dagegen?« Wie bei Erstberufungen üblich, hat man ihr nur die Standardausstattung an Mitarbeitern und Mitteln geboten. Doch die Humboldt-Universität, im Zentrum einer europäischen Großstadt, muss ihr geradezu königlich vorgekommen sein, denn ihr Sohn erklärte allen: »Mama muss ein Buch schreiben, damit sie im Schloss arbeiten kann.«

Wen wundert es, dass im Vorzimmer der Philosophin ein junger Mann namens Georg sitzt, studierter Sozialwissenschaftler, der offenbar auch einen Traumjob gefunden hat: als eine Art Wissenschaftsmanagement-Assistent. Rahel Jaeggi nennt ihn vergnügt »mein Sekretär«, und auch Georg findet diese Präsentation durch seine Chefin erkennbar vergnüglich. Die Verhältnisse, sie ändern sich. Montags sitzt Jaeggi in der Staatsbibliothek, »meiner Kathedrale des Rückzugs«, und überarbeitet ihr Buch für den Druck. Dort an der Potsdamer Straße, in Hans Scharouns Bücherschiff, hat sie 1989 ihr Abitur vorbereitet, dann 1995 den Magister, bis 2002 die Promotion, zuletzt die Habilitationsarbeit, mit Unterbrechungen für Aufenthalte an den namhaftesten amerikanischen Institutionen.

»Sie könnten mir glatt die Stabi-Verdienstmedaille dafür überreichen, dass ich hier immer weitergemacht habe.« Aber wie geht das, 1966 geboren und 1989 erst Abitur? Ihre Biografie hat etwas Joschka-Fischer- Haftes, wenngleich mit wegweisenden Unterschieden. Jaeggi war fast noch ein Kind, 14, als sie die Schule abbrach und auszog, um in die Hausbesetzerszene zu gehen. Als habe sie sich die Welt von Grund auf neu aneignen wollen und dafür die anarchistische Erfahrung des Regelbrechens gebraucht, hat sie sich erst unter Hausbesetzern politisiert. Und sie hat aus diesem so prägenden wie engen Milieu wieder herausgefunden, ohne Verrat, sondern durch harte Arbeit. Weil sie, wie sie merkte, mit Hannah Arendt, deren Denken sie für die sozialen Bewegungen neu geöffnet hat, die Haltung teilte: »Ich will verstehen.«

Es galt und gilt, grundsätzlich zu klären, nach welchen Kriterien eine Gesellschaft zu kritisieren ist. Das steht nämlich nie fest. Daher heißen Jaeggis einschlägige Aufsätze: Was ist Kritik? Was ist eine gute Institution? Was ist Solidarität? Die Geschichte des Denkens ist immer neu zu erschließen. Jaeggi hat also manches Haus begrifflich besetzt, Fenster geöffnet und Zimmer instand gesetzt. Eine Karriere als Philosophin hatte sie nie vor Augen. Die entstand. Es will einen nicht wundern.

Über die Wissenschaftlerin
Rahel Jaeggi, 44, zog mit 14 Jahren von zu Hause aus und brach die Schule ab, um in die Berliner Hausbesetzerszene zu gehen. Dann holte sie alles nach: Vom Abitur bis zur Habilitation. Heute ist sie Professorin für Philosophie in Berlin.


weiter: Wie sehen Affen die Welt, und was heißt das für uns, fragt sich Julia Fischer.»

zurück zum Hauptartikel»


Quelle: ZEITmagazin

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote