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Die Germanisten von Erbil

VON ALBRECHT METZGER

Der DAAD baut im Nordirak den ersten Deutsch-Studiengang Kurdistans auf. Die Erwartungen sind groß.

Die Germanisten von Erbil© Lasse Kristensen - Fotolia.comIm Irak steigt der Bedarf an deutschsprachigen Kurden. Der DAAD unterstützt den Aufbau des Fachbereichs Germanistik an der Hochschule von Erbil
Awesan hat sich ein ungewöhnliches Ziel gesetzt: Sie will Deutschlehrerin in Köln werden, obwohl sie noch nie in Deutschland war und von der Domstadt nur Fotos kennt. Warum gerade Köln, weiß sie selber nicht genau, aber eines weiß die junge Kurdin dafür umso besser: Sie liebt deutsche Literatur und Philosophie, hat Nietzsche, Kant, Marx, Goethe und Schiller in kurdischer Übersetzung gelesen. Ihr großer Wunsch ist es, die Klassiker auch im Original lesen zu können. Deswegen studiert Awesan Choschnau Madschmulidn seit Herbst 2011 Deutsch als Fremdsprache an der Hochschule von Erbil, der Hauptstadt der Kurdistan-Region im Nordirak. Sie und ihre 26 Kommilitonen sind damit die ersten Germanistikstudenten überhaupt in Kurdistan.

Es war ein gesellschaftliches Ereignis erster Güte in Erbil, als der Fachbereich im April eingeweiht wurde, in Anwesenheit zahlreicher deutscher Gäste. Gefördert wird das Projekt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Kooperation mit dem Herder-Institut der Universität Leipzig, der größten Abteilung für Deutsch als Fremdsprache in der Bundesrepublik.

Der krisengeschüttelte Nordirak verbindet eine große Hoffnung mit dem neuen Zentrum für Germanistik. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland spielt eine wachsende Rolle in der Entwicklung der Region, der Bedarf an irakischen Kurden, die Deutsch sprechen und als Kulturvermittler auftreten können, steigt. »Es gibt viele deutsche Firmen hier«, sagt Ahmed Disaji, Präsident der Universität von Erbil, der die Einrichtung der Deutschabteilung vorangetrieben hat. »Es gibt auch viele kurdische Rückkehrer aus Deutschland, die gern wollen, dass ihre Kinder mit der deutschen Kultur in Verbindung bleiben.« Eine deutsche Schule gibt es auch schon, sie braucht mehr Deutschlehrer.

Isabell Mering, die Lektorin des DAAD in Erbil, ist zufrieden mit dem Verlauf des ersten Semesters. »Das Niveau unserer Studenten hat sich sehr stark verbessert«, sagt sie. »Am Anfang wussten viele nicht, wozu das Studium eigentlich gut ist. Aber ich habe nach Abschluss des ersten Buches gemerkt, dass die Motivation steigt.«

Isabell Mering hat Erfahrung im Nahen Osten, sie hat einige Jahre an der Deutsch-Jordanischen Hochschule in Jordaniens Hauptstadt Amman unterrichtet. In Erbil fühlt sie sich allerdings nicht ganz so wohl, obwohl es hier seit Jahren - im Gegensatz zum restlichen Irak - weder Anschläge noch Entführungen gegeben hat. Aber besonders für Frauen gilt die Stadt abends als unsicher, erst kürzlich ist eine Lehrerin der deutschen Schule überfallen worden. Abgesehen davon, ist das kulturelle Angebot in Erbil mager, sodass Mering die meiste Zeit zu Hause verbringt.

Dabei ist der Studiengang in Erbil in seiner Praxisorientierung tatsächlich etwas ganz Besonderes. In vielen alteingesessenen Germanistikabteilungen in der arabischen Welt - an der Cairo University in Ägypten etwa - ist das anders. Dort werden immer noch deutsche Curricula aus den sechziger und siebziger Jahren reproduziert, mit dem Ergebnis, dass die Absolventen am Ende zum Beispiel mittelhochdeutsche Literatur lesen können, aber auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben. »Wenn es gut läuft, werden sie noch Reiseführer und zeigen den Leuten die Pyramiden«, sagt Christian Hülshörster, Gruppenleiter Nordafrika, Naher und Mittlerer Osten beim DAAD. »Wenn es schlecht läuft, fahren sie Taxi. Das kann nicht sinnvoll sein.«

2005 hat der DAAD deshalb damit angefangen, in Kooperation mit einigen deutschen Hochschulen neue Konzepte zu entwickeln, wie die Germanistikabteilungen im Ausland künftig um der wirtschaftlichen Entwicklung willen berufsorientierter werden können. »Das Wichtigste ist, dass man weiß, für welchen Arbeitsmarkt die Studierenden ausgebildet werden«, sagt Christian Fandrych, Professor am Herder- Institut, der das Curriculum für die Deutschabteilung in Erbil mitentwickelt hat. Man müsse mit den Arbeitgebern sprechen und Berufsfelder identifizieren. »Die Herausforderung ist, einen sehr intensiven Deutschunterricht zu geben, aber auch schon sehr früh, im zweiten und im dritten Jahr, berufspraktische Elemente zu vermitteln«, sagt Fandrych.

Drei Berufsfelder gelten als besonders zukunftsfähig: Deutsch als Fremdsprache, Übersetzung sowie interkulturelle Kommunikation. Die Deutschabteilung in Erbil steht exemplarisch für diese innovative Herangehensweise, die ersten Semester sind geprägt von intensivem Sprachstudium, im Anschluss daran wird viel Wert auf Methodik, Didaktik, Sprachwissenschaft und auch Landeskunde gelegt, um den Studenten deutsche Kultur und »deutsches Denken« näherzubringen. Letztlich wird in Erbil eben tatsächlich Deutsch als Fremdsprache gelehrt und keine klassische Germanistik.

Aber werden tatsächlich alle Studenten am Ende des Studiums so gut deutsch sprechen, dass sie beruflich etwas damit anfangen können? Leise Zweifel sind angebracht, denn die Studenten der Deutschabteilung sind, statistisch betrachtet, nicht die mit den besten Abiturnoten. Schulische Überflieger in Irakisch-Kurdistan wählen meistens Fächer wie Medizin oder Ingenieurwissenschaften, die Nächstbesten entscheiden sich, wenn sie Sprachen studieren wollen, eher für Englisch oder Französisch. Erst dann kommt Deutsch.

Trotzdem gibt es Studenten wie Awesan Choschnau Madschmulidn, die aus Überzeugung Deutsch studieren und schnelle Fortschritte machen. Nach fünf Monaten Sprachstudium - ohne jegliche Vorkenntnisse - ist sie schon in der Lage, eine Konversation auf Deutsch zu führen. »Ich liebe die deutsche Sprache und die deutsche Kultur«, sagt sie, »für mich ist es nicht schwer, Deutsch zu lernen.« Ob sie allerdings jemals in Köln unterrichten wird, wie sie sich das wünscht? Nach Vorstellung des DAAD nicht, vielmehr soll sie in Kurdistan bleiben und sich am Wiederaufbau des Landes beteiligen. Awesan aber hält an ihrem Traum fest, später nach Deutschland zu gehen.

Wobei ihr Traumland ausgerechnet im Laufe ihres Studiums für Awesan unerwartete Schrammen bekommen könnte. Denn ihre Lektorin Isabell Mering legt viel Wert darauf, dass die Studenten auch die dunkle Seite der deutschen Geschichte kennenlernen - Stichwort Holocaust. Das ist im Nahen Osten nicht immer einfach, auch in Erbil trifft man schnell auf Taxifahrer, die ihre Sympathie für Adolf Hitler bekunden. »Aber ich habe in Jordanien die Erfahrung gemacht, dass man die Studenten zum Nachdenken bringen kann«, sagt sie. »Manche ändern dann ihre Meinung.« Ihr Kollege Christian Hülshörster aus der DAAD-Zentrale sagt, es gehe nie darum, ein plump positives Deutschlandbild zu vermitteln. »Wenn wir Mediatoren wollen, die zwischen den Kulturen vermitteln können, muss man auch die problematischen Seiten der Geschichte beleuchten.«

Aus DIE ZEIT :: 21.06.2012

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