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Die große Kraft

Von Ulla Hanselmann

Informatiker verändern unsere Welt. Aber das Studienfach schreckt offenbar ab: Die Studentenzahlen gehen zurück, und weiblicher Nachwuchs wird dringend gesucht.

Die große Kraft© Venusianer - Wikimedia CommonsDer erste programmgesteuerte Rechner, der »Zuse Z 3« wurde 1941 von Konrad Zuse entwickelt
Mit »Zuse Z 3« fing 1941 alles an. Damals entwickelte Konrad Zuse den ersten programmgesteuerten Rechner. Heute steckt Informatik nicht nur im PC, sondern in fast allem, was der Mensch im Alltag sonst noch so benutzt, sei es sein Handy, sein Auto oder die Spülmaschine. Informatik unterstützt Theologen bei der Textexegese genauso wie Pharmaforscher bei der Medikamentenentwicklung, sie versteckt sich in Heizungen und Hörgeräten, und selbst beim Golfen mischt die Wissenschaft von der systematischen Informationsverarbeitung mit: So können Golfspieler ihren Abschlag verbessern, indem sie ihn rechnergestützt analysieren lassen. In der globalisierten Welt ist Informatik eine allgegenwärtige Kraft, die tagtäglich Produkte und Prozesse verändert - der Innovationstreiber schlechthin, wie Vertreter der Zunft gerne sagen. Seit ihren Anfängen als Orchideenfach in den 1970er Jahren hat sich die Informatik zu einer der großen Disziplinen gemausert, mit derzeit mehr als 122 000 Studenten.

Das Studienfach Informatik sei an deutschen Hochschulen »sehr gut aufgestellt und international wettbewerbsfähig«, sagt Stefan Jähnichen, Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI). Absolventen haben immer noch beste Aussichten, auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen - so weist die Bundesagentur für Arbeit in ihrem jüngsten Arbeitsmarktbericht für IT-Fachkräfte auf den anhaltenden Fachkräftemangel in der Branche hin. Umso erstaunlicher ist das Problem, das der Disziplin zunehmend zu schaffen macht. Denn ungeachtet ihrer enormen Bedeutung hat die Informatik ein denkbar schlechtes Image - ausgerechnet bei den Net-Kids, die mit Computern und Internet groß geworden sind, stößt das Fach auf immer weniger Interesse.

Informatik braucht Teamarbeiter, die gerne reden

Seit dem Spitzenjahr 2000, als 38 000 Informatikneulinge an die Universitäten und Fachhochschulen strömten, gingen die Anfängerzahlen in den Keller - 2006 nahmen nur noch rund 29 000 Studie rende ein Informatikstudium auf, seit 2007 steigen die Zahlen wieder geringfügig. Die Vertreter der Zunft wissen, dass sie den Einbruch nicht allein der geplatzten Dotcom-Blase anlasten können. Sie sehen vor allem die falschen Vorstellungen von ihrem Fach als Ursache. Informatiker würden nach wie vor mit Hackern und Computer-Nerds verwechselt, also jenen weitgehend als kontaktarm geltenden Zeitgenossen, die - so will es zumindest das Klischee - mit blutleeren Gesichtern und ungewaschenen Haaren Tag und Nacht kaffeetrinkend in irgendwelchen Kellern vor ihren Rechnern sitzen, Codes knacken und Netzwerke manipulieren.

Solche Leute könne die Informatik nicht gebrauchen, sagt Volker Claus, Informatikprofessor an der Universität Stuttgart, und zieht einen Vergleich aus der Autoindustrie heran: Wer Motoren frisiere, könne schließlich noch lange keine neuen Motoren bauen. Für das Zerrbild, so die Experten, sei nicht zuletzt der dürftige Informatikunterricht an den Schulen mitverantwortlich: Dort werde die Informatik, falls sie denn überhaupt stattfinde, entweder aufs reine Programmieren reduziert oder aber mit der Vermittlung von Softwareprogrammen wie beispielsweise PowerPoint oder Excel verwechselt.

Mit dem Kern des Fachs hat beides wenig zu tun. Das Programmieren, etwa bei der Entwicklung von Softwaresystemen, macht nur einen kleinen Teil der Arbeit eines IT-Spezialisten aus. Zu dessen ersten Tugenden sollte neben einem guten Abstraktionsvermögen eine ausgeprägte Kommunikationsfreude zählen. Schließlich entwickeln Informatiker Informationssysteme für Kunden aus den verschiedensten Anwendungsbereichen. Deshalb sollten sie nicht nur deren Probleme gut verstehen, sondern ihre eigenen Lösungsvorschläge so gut wie möglich verständlich machen können. Informatik sei »Teamarbeit pur«, sagt Alexander Wobser, Student der Softwaretechnik an der Stuttgarter Uni; wer das nicht begreife, habe im Job keine Überlebenschancen. Die kommunikative Seite der Informatik, genauso wie ihr gestalterisches Potenzial (etwa beim Design von Bedienungsoberflächen), wird vielfach verkannt, dabei sind es gerade diese Facetten, die das Fach auch für Mädchen attraktiver machen könnten. Denn der geringe Anteil an Frauen unter den Studierenden - er liegt bei 15 Prozent - bereitet den Informatikern mindestens genauso große Sorgen wie ihr Image.

GI-Präsident Jähnichen führt zur Abhilfe einige »interessante Anwendungen« der Informatik ins Feld, etwa in der Gehirnforschung oder der Robotik. Doch bevor es im Studium und später im Beruf zur Anwendung kommt, müssen die Grundlagen sitzen - und die sind in der Informatik stark formalistisch-mathematisch und technisch ausgeprägt: Da geht es um Automatentheorien und formale Sprachen, um Rechenwerke und Prozessorarchitekturen, um Datenstrukturen, Algorithmen und Programmierkonzepte. Angesichts der kurzen Halbwertszeit des Informatikwissens gilt es für den Berufserfolg als unabdingbar, die grundlegenden Methoden und Konzepte der Informatik zu beherrschen. »Ich erkläre meinen Studenten nicht das Betriebssystem von Linux oder Windows, sondern bringe ihnen bei, wie solche Systeme grundsätzlich funktionieren, sodass sie sich später im Beruf auf jedes andere Betriebssystem einstellen können«, sagt Hans-Ulrich Heiß, Vorsitzender des Fakultätentags Informatik (FTI) und Informatikprofessor an der TU Berlin.

Erich Ortner hingegen, Professor für Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt, sieht die sogenannte angewandte Informatik - als vierte Teildisziplin nach der theoretischen, technischen und praktischen Informatik - stark vernachlässigt und führt diese Schieflage auf das erschreckende Desinteresse an der Kerninformatik zurück. Der Wirtschaftsinformatiker hält es deshalb für ratsam, den Praxisbezug und die angewandte Informatik in den Informatiklehrplänen deutlich zu stärken. Der von Ortner angestoßenen Debatte um die Gewichtung von Grundlagen und Anwendungen begegnet FTI-Vorsitzender Heiß mit Gelassenheit. Im Zuge des Bologna-Prozesses habe man »massiv aufgeräumt« und die Bachelor- und Masterstudiengänge im Vergleich zum Diplomstudiengang »in Richtung Berufsqualifizierung getrimmt«. Stephan Pfisterer vom IT-Verband Bitkom hält die Ausbildung zwar für weniger »theorielastig« als früher, erkennt im sechssemestrigen Bachelor jedoch »zu wenig Raum für Praxisphasen«.

Um die Stofffülle im BA-Studium unterzubringen, verzichtet die eine oder andere Universität schon mal auf das Nebenfach oder streicht Praxisanteile aus den Lehrplänen. An der Uni Magdeburg hingegen ist ein fünfmonatiges Berufspraktikum Pflicht. Beim jüngsten Hochschulranking stuften die Magdeburger Informatikstudenten ihre Uni in Sachen Praxis- und Berufsbezug als »sehr gut« ein; mit der Studiensituation insgesamt sind sie, wie schon beim letzten Hochschulvergleich, ebenfalls sehr zufrieden. Bei der Betreuung und der IT-Infrastruktur konnte sich Magdeburg noch verbessern und schaffte den Aufstieg aus dem Mittelfeld in die Spitzengruppe. Zu den Newcomern in der Spitzengruppe bei der Bewertung der Studiensituation insgesamt zählen unter anderem die Uni Passau, die TU Dresden, die TU Ilmenau sowie die private Jacobs University Bremen.

Die hohen Abbrecherquoten bereiten die meisten Sorgen

Zu den Verlierern hingegen gehört nach Aussage von Petra Giebisch, Projektleiterin des CHE-Hochschulrankings, die Universität Duisburg-Essen am Campus Essen. Sie hat sich unter anderem bei der Studiensituation insgesamt sowie bei der Betreuung, beim Lehrangebot, beim Praxisbezug und bei der Ausstattung deutlich verschlechtert. Nicht ausreichend gut betreut sehen sich auch die Studenten an der Stuttgarter Uni, die in diesem Punkt, aber auch bei der Studiensituation insgesamt aus der Mittel- in die Schlussgruppe abrutschte.

Auf die Frage, wie gut die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge der Hochschulausbildung insgesamt tut, fallen die Antworten der Informatiker unterschiedlich aus. Für den Stuttgarter Informatikprofessor Volker Claus ist im Zuge des Bologna-Prozesses die weitgehend einheitliche Qualität, die der alte Diplomstudiengang garantierte, verloren gegangen. »Von Harmonisierung keine Spur, jetzt wird die Vielfalt organisiert. Ein Personalchef weiß in zehn Jahren nicht mehr, was ein BA-Absolvent kann«, kritisiert der Hochschullehrer und befürchtet, dass sich die Niveauunterschiede zwischen den einzelnen Unis so deutlich ausprägen werden wie in den Vereinigten Staaten.

Hans-Ulrich Heiß hingegen kann das »Gejammer über Bologna nicht nachvollziehen«. Er könne »keine Verflachung« des Studiums erkennen. Doch ein Sorgenkind hat auch der FTI-Vorsitzende: die hohen Abbrecherquoten, die bundesweit zwischen 40 und 50 Prozent liegen und zu einem großen Teil den ungenauen Vorstellungen über das Fach geschuldet seien. Die Herausforderung der Zukunft besteht für die Informatiker deshalb vor allem darin, das Bild ihres Fachs zu schärfen und Abiturienten - vor allem weiblichen - endlich klarzumachen: Informatik ist mehr als die leuchtende Kiste auf dem Schreibtisch.

Mehr über das Gehalt eines Informatikers lesen Sie hier.

Aus DIE ZEIT :: 20.05.2009

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