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Die Kunst der Zulassung

Von Christine Brinck

Wie man Studenten richtig auswählt, zeigen amerikanische und englische Hochschulen.

Die Kunst der Zulassung: Cambridge© Jorge Salcedo - iStockphoto.comUniversity of Cambridge
Die vornehmste Aufgabe einer Universität sei es, sich ihre Studenten selbst auszusuchen, so der frühere Präsident der Stanford University, Gerhard Casper. Harvard oder Oxford, Yale, Cambridge oder Princeton fanden die Idee, die Studenten zugeteilt zu bekommen, stets absurd. Große Zulassungsabteilungen sorgen in all diesen Unis dafür, dass die Besten aufgenommen werden - und dass deren Mischung stimmt. Das ist nicht einfach. Alison Richard, Vice Chancellor von Cambridge, sagt zum Thema Auswahl: "Bewerber zu bewerten ist hart, weil die Bewertung nicht nur ihre bisherigen Leistungen, sondern auch ihr Potenzial berücksichtigen muss. Und dann müssen wir eine Balance zwischen beidem finden. Der Zulassungsprozess ist eine Kunst, keine Wissenschaft."

Eine Kunst, von der man in Deutschland noch nicht viel versteht. Erst seit der Exzellenzinitiative befassen sich die Universitäten mit der Auswahl ihrer Studenten. Aber sie waren auf Ausleseverfahren schlecht vorbereitet. Jetzt bewerben sich die Studenten quer durch die Republik, manche gleich zwölfmal, und warten auf Antwort, ob sie denn nun einen Studienplatz bekommen. Die Verwaltungen, die schon zu Zeiten der ZVS, der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, stöhnten, werden der Papierflut nicht mehr Herr. In Hamburg kommen sieben Bewerber auf einen Platz, in Bonn gar acht. Die Hochschulen bleiben lange im Ungewissen, ob der Studienplatz, den sie zugestehen, denn auch angenommen wird. Konsequenz dieses Chaos ist, dass Nachrückverfahren sich nun in großer Zahl bis in die Vorlesungszeit hinziehen werden.

Deutsche Unis können mit ihrer neuen Freiheit noch nicht umgehen

Es zeigt sich, dass die Universitäten mit der Freiheit, die sie sich wünschten, gar nicht um gehen können. Auslese bedeutet nicht nur mehr Bürokratie, sie verlangt auch nach darauf vorbereiteten Spezialisten. Es reicht nicht, die Anzahl der Studienplätze in den einzelnen Fächern zu zählen, man sollte auch den interessanten Mix unter den Neuzugängen im Auge haben, um spannende Studienjahrgänge zu garantieren.

Da lohnt ein Blick auf das englische Modell und die amerikanischen Aufnahmeprozesse. Das englische Auswahlmodell nennt sich UCAS - Universities and Colleges Admissions Service. Es ist in Cheltenham beheimatet und ist gewissermaßen das aufgeräumte und effiziente Vorzimmer aller Universitäten im Vereinigten Königreich. Alle Studenten benutzen die gleichen vierseitigen Bewerbungsbögen, neben den üblichen Daten sind vor allem Emp fehlungen von Lehrern und Persönlichkeiten wichtig sowie ein personal statement.

Jeder Bewerber wird hier geprüft, Benotungen aller Schulsysteme werden umgewandelt in verständliche Zensuren. Bewerber, die den Anforderungen nicht genügen oder die Unterlagen vergessen oder mangelhaft ausgefüllt haben, werden von UCAS aussortiert und darauf hingewiesen. Die Universitäten haben diesen bürokratischen Teil klug ausgegliedert.
UCAS hilft den zukünftigen Studenten aber auch, die Abertausenden Kurse, die die Unis anbieten, zu finden. Auf der Website (www.ucas.com)» gibt es ausführliche Informationen. Und es werden Links zu allen Hochschulen bereitgestellt, wo sich der Neugierige durch alle Vorlesungen und Seminare klicken kann, um zu finden, was ihn interessiert. Erst wenn das Portfolio eines Kandidaten formal perfekt ist, wird es an die gewünschten Hochschulen - mehr als sechs Nennungen sind nicht möglich - weitergeleitet.

Die Universitäten bleiben die Herrscher über die Auswahl ihrer Studenten. Das ist der große Unterschied zwischen der planwirtschaftlich anmutenden ZVS und UCAS. UCAS wird von den Universitäten dafür bezahlt, dass es ihnen bürokratische Arbeit abnimmt. Die Auswahl jedes einzelnen Studenten (auch in Fächern wie Medizin) bleibt die vornehme, wiewohl anstrengende und zeitraubende Arbeit der Hochschullehrer und Zulassungsspezialisten.

Wer die ZVS wiederhaben und gleichzeitig in ein UCAS-ähnliches Instrument verwandeln will, kann das nur wollen, wenn er auch bereit ist, Zulassungsabteilungen an den Unis aufzubauen, die über weit mehr nachdenken als Zeugnisdurchschnitt und Motivation.

Die Hochschulen haben große Zulassungsabteilungen aufgebaut

Das amerikanische System ist anders, weil es kein zentrales Einfallstor hat. Dort hat jede Uni ihr eigenes Zulassungsprofil. Der Student, der sich an mehreren Hochschulen bewirbt, muss also mehrfach eine Bearbeitungsgebühr entrichten und immer wieder - entsprechend angepasste - Bewerbungen abliefern, das ist für sie zeitraubend und kostspielig. An Hochschulen wie Berkeley oder Stanford sind viele Mitarbeiter monatelang nur damit befasst, aus dem riesigen Pool an sehr guten und ziemlich guten Bewerbern den nächsten Jahrgang zu schmieden. Erfahrene Zulassungsexperten in großen Hochschulen wie Columbia oder NYU lesen leicht 1000 Bewerbungen in den Monaten Januar bis April.

Da in Deutschland ein verändertes zentrales Zulassungsbüro geplant ist, sollte auch gleichzeitig über Zeitfenster diskutiert werden. Engländer und Amerikaner bewerben sich meist nicht mit dem Abschlusszeugnis, sondern mit dem Zeugnis des letzten (also elften) Schuljahrs und mit den Voraussagen, die ihre Lehrer aufgrund dieser Zeugnisse wagen. Sie bewerben sich bis zum 1. oder 15. Januar und erhalten im April die dünnen (Absagen) oder dicken (Zusagen) Briefe. Das verschafft den angehenden Studenten Zeit für die Zusage und den Unis für das Abarbeiten von Wartelisten bis zum Vorlesungsbeginn.

Deutsche Bewerbungen trudeln erst in den Sommerferien ein, Zusagen der Unis an die neuen Studenten wie der Studenten an die Unis kommen so spät, dass der Prozess vor Beginn des Wintersemesters oft nicht abgeschlossen ist. Leere Stühle in den Seminarräumen sind die Folge. Zumindest gegenwärtig fällt den Hochschulen eine geschmeidige Zulassung schwer, so ähnelt das Zulassungschaos einer variierten Reise nach Jerusalem: Am Anfang gibt es zu viele Mitspieler und am Ende zu viele freie Stühle.

Aus DIE ZEIT :: 11.12.2008

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