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Die Methode Frau

VON JUDITH SCHOLTER

Eine Revolution kündigt sich an: Sie wird verändern, wie wir morgen Arbeit und Leben einrichten.

Die Methode Frau© Guillermo Perales Gonzalez - iStockphoto.comFrauen erobern zunehmend neue Arbeitswelten
Jeden Morgen, wenn Elisabeth von Szczepanski ins Büro geht, steigt sie eine Treppe hinauf, vorbei an düsteren Bildern in Rot und Braun. Arbeiter sind darauf zu sehen, die vor großen Öfen mit Schaufeln hantieren, die Gluthitze in ihrer Fabrik scheint noch in den kühlen Gängen des Gerichts spürbar. Es ist, als hätte sich der Wandel der Arbeitswelt in diesem Gebäude sein eigenes Denkmal errichtet: Wo sich vor einhundert Jahren der Zusammenschluss der deutschen und luxemburgischen Eisen- und Stahlindustrie seinen Sitz erschuf, ist heute das Düsseldorfer Verwaltungsgericht untergebracht. Hier geht es nicht mehr um heiße Körperarbeit, sondern um kühle Analyse. 38 Richterinnen arbeiten hier, davon sechs als Vorsitzende einer Kammer.

Von Szczepanski ist 45, sie führt den Vorsitz der 22. Kammer des Düsseldorfer Verwaltungsgerichts, unter anderem zuständig für Waffen- und Ausländerrecht; der Fall eines Sprengmeisters steht zur Verhandlung an, bei dem nicht klar ist, ob er möglicherweise einer extremistischen Vereinigung angehört. Sie terminiert die Verhandlung, als Richterin ist sie unabhängig - und das Erstaunliche an dieser Tatsache wird erst klar, wenn man einen kurzen Blick zurückwirft, in die Geschichte. Gut 39 Prozent der Richter sind laut Statistischem Bundesamt heute weiblich, 1991 waren es gerade einmal 20 Prozent. Die Honoratioren der Gesellschaft tragen längst nicht mehr alle Bart und sprechen nicht mehr nur mit tiefer Stimme, längst sind es auch Frauen, die richten, lehren und Menschen heilen. Richtig spannend aber wird es beim Blick auf die Details: Was unterscheidet diese Berufe, in denen Frauen schon heute in der ersten Reihe stehen, von anderen, in denen sie sich noch immer hinten anstellen müssen? Welche Bedingungen müssen in einem Beruf herrschen, damit mehr Frauen sich für ihn entscheiden? Und wie verändert sich im Gegenzug die Arbeitswelt, wo Frauen sie erobern?

Denn so wie sich die Wirtschaft wandelt, Dienstleistungsberufe wichtiger werden und Unternehmen die Frauen öffentlichkeitswirksam für sich entdecken, lässt sich auch etwas lernen aus diesen Berufen, die die Frauen anziehen. Darüber, wie die Arbeitswelt in Zukunft aussehen wird: Ein Prozess ist in Gang gekommen, von dem noch nicht ganz klar ist, wohin er führen wird. Aber in welche Richtung es geht, dafür gibt es Anhaltspunkte, Muster, die sich wiederholen.

Einige finden sich im Leben von Elisabeth von Szczepanski. Eine Ausbildung sah ihr Vater für seine Tochter vor, »etwas Internationales, Kaufmännisches«. Sie setzte sich durch, verzichtete auf einen Teil der Unterhaltsansprüche, die Kindern geschiedener Eltern zustehen - und studierte Jura. Von Szczepanski wollte sich viele Wege offenhalten, am Verwaltungsgericht gefiel ihr, dass es relativ leicht ist, sich abordnen zu lassen, also etwa einmal einen Ausflug in die Verwaltung zu machen. Ihr zweites Kind bekam sie während der Erprobung für die Beförderung. Ohne zu wissen, dass sie schwanger war, hatte sie sich um die Stelle im Justizministerium bemüht, die ihr am Ende den Vorsitz ihrer Kammer einbringen sollte. Direkt nach der Geburt arbeitete sie weiter, in Teilzeit. »Jedes Kind war mit einem beruflichen Kürzertreten verbunden, entweder von mir oder von meinem Mann«, sagt sie.


Was von Szczepanski immer machte: Sie bestand darauf, dass das zwischenzeitliche reduzierte Arbeiten mitnichten bedeutete, dass sie nun beruflich weniger Ambitionen hätte. Und so sitzt sie heute in Vollzeit in ihrem Büro hinter Kommentaren zum Asylrecht und unter einem Bild mit einem Pferd darauf. Das hat ihre Tochter gemalt, »für Mama«. Vor allem zwei Gründe scheinen dafürzusprechen, dass an Gerichten und vor allem an Amtsgerichten heute viele Richterinnen arbeiten: Die Sicherheit der konjunkturunabhängigen Arbeitsplätze und die Souveränität, selbst über seine Zeit entscheiden zu können. Es sind Güter, die schwieriger zu messen sind als etwa der Lohn - und dennoch wertvoll.

Im Altonaer Kinderkrankenhaus wurde Janneke Ohlhoff 2005 mit einer Teilzeitstelle Assistenzärztin. Inzwischen ist sie Fachärztin und nicht die einzige, die mit Familie und reduzierter Stelle beruflich vorwärtsgekommen ist. In der Kinderheilkunde in Hamburg-Altona arbeiten zwei Assistenzärzte und 23 Ärztinnen, davon neun in Teilzeit. Es ist lange her, da war der Arzt noch der stets einsatzbereite Helfer, Einzelkämpfer, ob in der Praxis als Unternehmer oder während der Nachtschicht im Krankenhaus. Heute gehen Krankenhausärzte für angemessene Bezahlung und geregelte Dienstzeiten auf die Straße - bei gleichzeitigem Ärztemangel. Es ist eine Marktsituation entstanden, in der angehende Mediziner sich die Stellen aussuchen können. Und unter ihnen sind eben immer häufiger junge Frauen. 2008 haben sie rund 61 Prozent der bestandenen Staatsprüfungen in Medizin abgelegt. Die Medizin zieht Frauen an, das war schon immer so in den helfenden und heilenden Berufen - das Neue ist, dass sie Bedingungen fordern können, die ihnen entgegenkommen. Fortbildung in Teilzeit ist eines der Stichworte, eigene Kindertagesstätten mit besonderen, dem Krankenhausalltag angepassten Öffnungszeiten sind ein zweites. Wie dabei die Sphären von Arbeit, Familie und Freizeit zu kombinieren sind, ist aber in jedem einzelnen Fall ein Experiment.

Janneke Ohlhoff ist Teil eines erfinderischen Teams. Während des praktischen Jahres, des letzten Teils des Medizinstudiums, wurde sie schwanger. Sie vereinbarte mit ihrem Mann, dass sie sich mit der Betreuung abwechseln würden. Und als Janneke Ohlhoff gut ein Jahr nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes Lelio nicht mehr so sicher war, ob sie nun wirklich wieder anfangen sollte zu arbeiten, war es ihr Mann, der sie fragte, ob sie wahnsinnig sei: »Das war so abgemacht, jetzt will ich zu Hause bleiben.« Karsten Ohlhoff, selbst Internist, ging während ihrer Arzt-im-Praktikum-Zeit also auf eine halbe Stelle - und sein damaliger Chef war schier entsetzt. Ohlhoff solle doch aus seinem Vertrag ausscheiden.

Ein Mann mit Familienambitionen, das war ungewohnt. Mittlerweile ist es ein Muster, das sich verbreitet: Wenn Männer ihren Anspruch auf das Sorgerecht gerichtlich durchsetzen, auch wenn sie nicht mit der Mutter des Kindes verheiratet sind, wenn Männer ganz selbstverständlich in Elternzeit gehen, wandeln sich die Familien - auch wenn Männer sich nach der Brigitte-Studie 2009 immer noch längere Arbeitszeiten wünschen, wenn sie Kinder haben.

Und so gehört gerade hier, wo gut ausgebildete Frauen sich ihr Terrain erobern, zum Gesamtbild ein Mann, der mitmacht. »Wir hatten eine Abmachung, dass immer derjenige, für den es beruflich gerade weitergeht, die Chancen auch wahrnehmen darf«, sagt die Richterin Elisabeth von Szczepanski. Solche Beziehungen sind idealtypisch - noch, denn berufliche Übereinkünfte werden wichtiger, wenn Frauen mehr als die Hälfte der Hochschulabschlüsse machen, die Geschlechter gleich gut ausgebildet sind. Und wenn bei vielen Paaren die Frage danach, wer denn eigentlich für den Broterwerb zuständig sein soll, zumindest bis zum ersten Kind aufgrund des Gehalts nicht eindeutig zu beantworten ist. Der Führungskräftemonitor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung 2010 zeigt, dass rund die Hälfte der Frauen in Führungspositionen sich die Hausarbeit mit ihrem Partner teilen. Von Männern in Führungspositionen tut das nur jeder fünfte. Übereinkünfte verändern die Arbeitswelt, wenn zwischen Partnern immer normaler wird, sich beide Sphären zu teilen. Die Diversity Managerin bei Daimler, Ursula Schwarzenbart, beobachtet, dass junge Männer beim Autokonzern einsteigen, die »eine andere Idee der Rollenverteilung« mitbringen.

Mittlerweile nehmen 39 Prozent der Väter bei Daimler Elternzeit. Die Zahl hat sich in den vergangenen drei Jahren verdreifacht. Es tut sich etwas in der Arbeitswelt - trotzdem wird es auch in den Berufen mit hohem Frauenanteil beim Thema Aufstieg noch immer eng. Dass Susanne Fröhlich so weit gekommen ist, verdankt sie ihrem Können und einem Chef, der sie förderte. Susanne Fröhlich ist Oberärztin für Orthopädie an der Universitätsklinik Rostock, in einem Männerfach. Ihr Chef war es, der ihr nach einer schwierigen Zeit, in der sie ihre Richtung noch nicht gefunden hatte, sagte: »Wenn Sie möchten, können Sie bei mir Oberärztin werden.« Einen Monat nach ihrer Facharztprüfung war es so weit, und sie sagt, dass viele Kollegen sich gefreut hätten - und manche ihr nicht mehr die Hand hätten geben können. Inzwischen sind ein Viertel aller Oberärzte Frauen. Vor 20 Jahren war es nur ein Fünftel, der Wandel, er geht langsam vonstatten. Susanne Fröhlich ist jetzt 39: »Wenn Sie Kinder bekommen möchten, ein kein so lustiges Alter.«


Corinna Kleinert vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg erwartet, dass der Wandel des Arbeitsmarktes und die immer höheren Bildungsabschlüsse der Frauen langfristig die Einstellungen von Arbeitgebern verändern. Dass Frauen irgendwann nicht mehr als Risikoarbeitnehmer betrachtet werden. Der Arbeitsmarkt ist zwischen Männern und Frauen streng aufgeteilt, dass Frauen einen so stark abgeschirmten Beruf wie den des Arztes stürmen - noch ist das eine Ausnahme und wenig erforscht. Und dennoch: Wenn Frauen in Berufe mit Männerüberschuss vordringen, bringen sie eigene Vorstellungen mit.

Karina Metzdorf ist nicht nur Ingenieurin, sie ist auch eine große Ausnahme. Die 29-jährige Elektrotechnikerin leitet bei Bosch eine ganze Gruppe für die Entwicklung der Netzwerkkommunikation, zum Beispiel für die Dieseleinspritzung oder für ESPSteuergeräte. In ihrer Firma hatte auch sie immer einen Chef, der sie förderte, und dieser Chef rief sie eines Tages in das Büro seines Vorgesetzten. »Ein flaues Gefühl hatte ich, irgendwie war klar, dass es um die Zukunft ging.« Metzdorf wurde Gruppenleiterin, damit ist es nun ihre Aufgabe, ihren Mitarbeitern das Arbeiten zu ermöglichen, die Aufgaben zu verteilen, zu motivieren. »Ich wollte immer die Macht haben, Entscheidungen zu treffen«, sagt sie.

Metzdorf ist dort, wo sie immer hinwollte. Doch inzwischen, sagt sie, wisse sie nicht, ob ihr die Arbeit genug gebe, um mehr als zehn Stunden pro Tag im Büro zu verbringen. »Ich will nicht Karriere machen, wenn das mit unendlichen Überstunden verbunden ist.« Es ist ein Gefühl, das auch viele Männer kennen, in Phasen, in denen der Beruf überhandzunehmen scheint. Aber vielleicht sind es die Frauen, die eher Konsequenzen ziehen. Die Oberärztin Susanne Fröhlich arbeitet an ihrer Habilitation, sie sagt: »Ich gehe abends um sieben, auch wenn woanders noch das Licht brennt.« Karina Metzdorf hat sich zum Ausgleich für einen Nähkurs angemeldet, und wenn man sie fragt, ob sie weitere Hobbys habe, die ihr wichtig seien, ruft sie laut: »Ja, viele!«

Die Soziologin Hildegard Maria Nickel ist in einer älteren Befragung der Führungskräfte der Berliner Landesbank zu dem Ergebnis gekommen, dass Frauen, die dort Führungspositionen besetzten, auf einem ausgeglichenen Verhältnis von Arbeit und Freizeit bestanden - auch wenn sie keine Kinder hatten. Es werden Bücher über die neue Generation, die »Generation Y« geschrieben, der es um Selbsterfüllung geht, im Beruf und außerhalb. Die mal ein Sabbatical macht, wenn sich die Gelegenheit bietet. Die Brigitte- Studie 2009 fand heraus, dass junge Frauen führen wollen, nicht aber für den Job die Familie zurückstellen. So scheint eine Generation von Frauen und Männern ins Arbeitsleben nachzurücken, die viel arbeiten möchte, auch bis zum Anschlag - aber nicht darüber hinaus.

Jakob Kern (Name geändert) ist Ende dreißig, jung eigentlich - doch er gehört zur Generation, die bald ausgedient haben könnte. Mit schnellen Schritten und vorgebeugtem Oberkörper ist er unterwegs. Er ist immer auf dem Sprung - und hat einen Sprung zu viel gemacht. Kern war Marketingleiter in einem mittelständischen Softwareunternehmen, es lief gut, er hatte zunehmend mehr Mitarbeiter, schon vor dem Aufstieg trennte er sich von der Freundin. Kurz nach dem Einstieg in den neuen Job waren auch alle anderen freundschaftlichen Bindungen futsch. »Ich habe mich auf die Arbeit konzentriert, die Mails von Freunden fehlten, die Anrufe fehlten, die Treffen mit ihnen, das Feierabendbier, und ich habe es noch nicht mal gemerkt.« So redet einer, dem sich die Schlinge um den Hals zugezogen hat. Seit drei Wochen verbringt Kern seine Tage nicht mehr zwischen E-Mails und Präsentationen, sondern in Gruppenübungen in der Heiligenfeld Klinik in Bad Kissingen. Hier werden Menschen mit psychischen Erkrankungen behandelt, bei Kern ist es ein Burn-out. »Man fällt sehr hart«, sagt er, obwohl er eigentlich gerade lernt, »ich« zu sagen, statt »man«.

In einer entgrenzten Arbeitswelt hält die absolute Hingabe an den Beruf nicht nur Frauen fern, weil sie eben auch noch Kinder bekommen - sie macht auch zunehmend krank, und das verursacht Kosten. Wer mit einer psychischen Erkrankung zu Hause bleibt, tut das länger als jemand mit Husten. In der hellen Vorhalle der Westdeutschen Landesbank in Düsseldorf strebt Maren Lorth dem Empfang entgegen, gleich um 18 Uhr hat sie noch einen weiteren Kundentermin. Lorth ist 38 Jahre alt und weit gekommen. Seit 2006 ist sie als Executive Director bei der WestLB, sie berät seit 12 Jahren für verschiedene Investmentbanken Unternehmen bei der Gewinnung von Eigenkapital, etwa bei Börsengängen. In der Finanz- und Versicherungsbranche bleibt sie Exotin. Zwar sind Frauen in der Gesamtbelegschaft, wo die Arbeitszeiten planbar sind, mit über 50 Prozent vertreten. Doch in den oberen Etagen wird es wie immer dünn. Der Führungskräftemonitor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zählt nur gut zwei Prozent Frauen in Führungspositionen bei den größten Unternehmen in diesem Sektor. Lorth ficht das nicht an. »Ich wollte Karriere machen. Es ist manchmal eine gute Idee, zu wissen und zu machen, was man will.« Als sie auf einem Kapitalgipfel auf dem Podium saß, kam eine Studentin zu ihr und sagte, dass es ihr viel gegeben hätte, eine Frau da vorne zu sehen. Da wurde Lorth noch einmal bewusst, dass sie erst in ihrer Zeit in London auf weibliche Vorbilder in Führungspositionen getroffen war.


Lorth glaubt, dass Kunden die Beratung durch Frauen schätzen, weil sie ihnen nicht eine Meinung aufdrängen, sondern erst zuhören, was für Wünsche der Kunde überhaupt hat. Sie spricht von einer anderen Sensibilität der Frauen - einer, die sich auszahlt. Studien der Unternehmensberatungen McKinsey und Accenture zeigen, dass Unternehmen mit besonders gut gemischten Teams erfolgreicher arbeiten als die mit den einsamen Wölfen an der Spitze. Es sind auch harte wirtschaftliche Gründe, die für die Frauen sprechen - und die Frauen sind genau wie Männer bereit, für eine Karriere viel zu leisten. Allerdings ist Lorths Erfahrung, dass Frauen eher auf eine angemessene Balance zwischen Beruf und Privatem achten. Denn sie kennt auch Beispiele von Managern, deren einziger Lebensmittelpunkt die Arbeit war, und sie hat erlebt, wie Kollegen in der Krise den Job und damit jegliche private und berufliche Bodenhaftung verloren. Sie ist sich sicher, dass Frauen von Männern viel lernen können - »aber eben auch umgekehrt«. Dass es bei Besprechungen nicht darum gehen muss, wessen Idee verhandelt wird, sondern dass über die beste Idee verhandelt wird, dass es nicht darum geht einen Dienstwagen zu fahren, sondern zum Dienst zu fahren - und dass manche Wochenenden einfach Wochenenden sind.

Frauen wie Maren Lorth, wie Elisabeth von Szczepanski, wie Karina Metzdorf zeigen, dass etwas in Bewegung ist, ein Prozess aus der Mitte der Gesellschaft, dessen Ergebnis schwer zu prognostizieren ist. Klar ist, dass er zu Verunsicherungen führt, dass Männer und Frauen ihre Rollenbilder neu finden müssen - und doch könnte sich der Aufstieg der Frauen für alle, selbst für die Männer, als Segen erweisen. Denn die Bildungserfolge der Frauen fallen in eine Phase, in der das Angebot an gut ausgebildeten Arbeitskräften in vier Jahren um 250 000 Menschen zurückgegangen ist und in der viele Männer gern kürzer und ein Großteil der Frauen gern länger arbeiten würde. »Wenn die teilzeitbeschäftigten Frauen ihre Verlängerungswünsche verwirklichen könnten, entspräche das einem Potenzial von fast einer Million Arbeitsstellen«, sagt Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Wenn dazu Bereiche wie die Gesundheitsbranche, in denen Frauen schon heute sind, wichtiger werden, dürften sie dort auch aufsteigen.

Es ist eine Zeit, in der deutlich wird, dass entgrenzte Arbeitszeiten krank machen, und sich die Rolle der Väter wandelt. Eine Zeit, in der Unternehmen Frauen aus wirtschaftlichen Gründen für sich entdecken. »In dem Moment, in dem das Konstrukt des allzeit bereiten Machers als ein Konstrukt entlarvt wird, verschieben sich die Chancen der Geschlechter«, sagt der Konstanzer Arbeitssoziologe Thomas Hinz. Es scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass neue Spielregeln gelten. Wer Frauen ganz oben sehen will, muss ihnen gut zuhören. »Ob Talente eine Lernphase für ein Jahr einlegen wollen, einen Master oder ein Sabbatical machen, für die Familie da sein oder ihr Arbeitspensum auf vier Tage beschränken möchten - legitim«, sagt der Personalvorstand der Telekom, Thomas Sattelberger.

Der Wandel ist an vielen Stellen längst im Gange. Die Werkzeuge dafür sind ein Kalender oder ein Handy. In den Kalender trägt die Familie Ohlhoff alle ihre Termine ein. Vier Nachtdienste stehen da für Janneke Ohlhoff umkringelt, bei den Jungs ist Hapkido-Training angesagt. Elisabeth von Szczepanski organisiert ihre Familie per Telefon. Auch wenn sie im Gericht ist, bleibt sie die Schaltzentrale, aus praktischen Gründen. Wenn ihr Mann im Gefängnis arbeitet, darf er kein Handy dabeihaben. Und so klingelt es bei ihr, wenn eines ihrer Kinder krank geworden ist. Mit Erfindergeist managen beide Familien ihr eigenes Unternehmen. »Aber zum Glück spielen die Jungs keinen Fußball«, sagt Janneke Ohlhoff, sonst hätten sie noch am Wochenende Spiele.

Aus DIE ZEIT :: 02.09.2010

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