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Die Mikro-Master - Die magische Vervielfältigung von Studienabschlüssen im Rahmen der Bologna-Reform

von STEFAN KÜHL

Nach aktuellem Stand gibt es an deutschen Hochschulen etwa 16.000 Studiengänge. Ist diese hohe Zahl sachlich gerechtfertigt oder die Folge von überbordendem Reformeifer und Selbstprofilierung? Eine Kritik.*

Die Mikro-Master - Die magische Vervielfältigung von Studienabschlüssen im Rahmen der Bologna-Reform© sulupress - Fotolia.comMikro-Master entpuppen sich oftmals als Mogelpackungen
Bei der Wahl ihres Studienabschlusses haben heutige Studierende die Qual der Wahl, müssen sie doch aus Tausenden von unterschiedlichen Studienfächern auswählen. Sie müssen sich zwischen Mastern in "Hospitality Management" und "Hospital Management" entscheiden, zwischen Mastern in "Government" und "Governance" oder zwischen Mastern in "Medienkommunikation", "politischer Kommunikation" und "Wirtschaftskommunikation".

Sie müssen wählen zwischen "Change Management für kleine und mittlere Unternehmen", "Global Change Management" und "Change Management für alle". Im Prinzip kann sich an den Hochschulen inzwischen jeder einzelne Professor "seinen" ganz eigenen kleinen exklusiven Master zusammenbasteln und dafür Studierende rekrutieren. Man erklärt dafür einfach seinen eigenen persönlichen Forschungsschwerpunkt zu einem neuen Lehrschwerpunkt an seinem Fachbereich, gibt dem Master eine attraktive Bezeichnung, in der möglichst Worte wie international, innovativ oder integrativ vorkommen sollten, und lässt sich diesen dann von seinem Fachbereich genehmigen. Von der Hochschulleitung ist in den seltensten Fällen Protest zu erwarten, weil es als Auszeichnung betrachtet wird, wenn eine Fachhochschule oder Universität möglichst viele verschiedene Studiengänge anbietet, besonders wenn diese international, integrativ oder innovativ sind. Wie ist es zu dieser - angesichts eher stagnierender Ressourcen an den Hochschulen - nahezu magisch wirkenden Vervielfältigung von Studiengängen gekommen?

Die aufwandsneutrale Schaffung neuer Studiengänge

Der Trick bei der Schaffung neuer Studiengänge ist simpel. In der deutschen Fassung der Bologna-Reform wird nicht nur verlangt, dass jede Veranstaltung, jede Prüfung und jedes Praxisseminar in Zeiteinheiten - den sogenannten ECTS-Punkten - festgelegt wird, sondern die in Zeiteinheiten verrechneten Veranstaltungen und Prüfungen müssen auch in sogenannten Modulen zusammengefasst werden. Bei der Gestaltung eines neuen Studiengangs mischt man jetzt aus den sowieso in anderen Studiengängen angebotenen Veranstaltungen einige neue Module zusammen und kombiniert sie mit an der Hochschule bereits existierenden Modulen - fertig ist ein neuer Studiengang. Selbst kleine Fachhochschulen können so den Eindruck erwecken, dass sie ein vielfältigstes Studienangebot für ihre Studierenden parat halten.

In solchen Mikro-Mastern könnten didaktische Chancen liegen, wenn ein einziger Lehrender einen Jahrgang im Klassenverband führt. Dieser Lehrende würde die Schüler seiner Klasse selbst aussuchen, sie in ein Spezialgebiet einführen und sie dann als eine Art "Klassenlehrer" in einer Reihe von aufeinander aufbauenden Veranstaltungen zu einem Abschluss führen. Die Kunst- und Musikhochschulen haben gezeigt, dass solche in Meisterklassen stattfindenden Ausbildungswege nicht die schlechtesten sind, weil die sich über mehrere Semester vertiefende Bindung zwischen Meister und Schüler zu einer engen Betreuung der Studierenden führt.

Die Mikro-Master als Mogelpackung

Aber auch wenn Master auf den ersten Blick nur die englische Übersetzung von Meister ist, hat ein Masterstudium mit dieser Form des Meisterstudiums kaum etwas zu tun. Schließlich muss ein Professor nicht nur die Studierenden seines Mikro-Masters betreuen, sondern seine Veranstaltungen müssen dann auch immer noch für eine ganze Reihe von Studierenden aus anderen Mikro-Mastern geöffnet werden. Letztlich sieht ein Professor in seinem Mikro-Master seine Studierenden auch nicht häufiger als ein Professor in einem Vertiefungsgebiet in einem umfassend definierten Masterstudiengang.

Viele Mikro-Master sind also lediglich mehr oder minder gut getarnte Mogelpackungen. Ein Masterprogramm wird mit vielen attraktiv klingenden Adjektiven ausgestattet, und es wird auf die Aktualität der durch den Studiengang abgedeckten Themen wie "nachhaltiges Tourismusmanagement", "kreatives Marketing Management" oder "Abenteuer- und Erlebnispädagogik" verwiesen. Die Studierenden stellen jedoch fest, dass sie in dem Studiengang weitgehend ein FH-Studium in Tourismus, Marketing oder Pädagogik absolvieren und dass der Zusatz der Nachhaltigkeit, der Kreativität oder des Erlebnisses nur durch ein oder zwei Module abgedeckt wird.

Es geht noch weiter: Häufig stellen Studierende, die Mikro-Master-Studiengänge belegen, fest, dass sie in den breiter angelegten Studienfächern wie Tourismuswirtschaft, Betriebswirtschaft oder Pädagogik mehr oder minder genau das gleiche hätten studieren können wie in ihrem Spezialmaster. Bloß dass ihnen im Spezialmaster die Auswahl zwischen unterschiedlichen Modulen häufig stärker eingeschränkt wird als in den breiter angelegten Studienfächern.

Das einsetzende Mastersterben

Schon jetzt sind erste Ansätze eines großen Sterbens besonders bei Masterstudiengängen zu beobachten, weil viele der mit hoher verbaler Kreativität produzierten Studiengänge nur mit einer Handvoll von Studierenden auskommen müssen und die Studiengangsverwaltungen mit der Koordination einer Vielzahl von unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Studiengängen völlig überfordert sind. Hochschulleitungen, die anfangs die Vervielfältigung von Studiengängen noch unterstützt haben, fangen an zu überlegen, wie viele Studiengänge sich eine Hochschule sinnvollerweise leisten sollte.

So kann es Studierenden passieren, dass sie zwar einen Studienabschluss in einem so modischen Spezialthema wie "Kompetenzmanagement", "nachhaltige Ernährungspädagogik" oder "Kinderrechte" haben, dass aber diese Studienabschlüsse wenige Jahre später gar nicht mehr existieren. Entweder weil die Nachfrage zu gering war, die verantwortliche Professorin in den Ruhestand gegangen ist oder auch einfach deswegen, weil das Thema nicht mehr so aktuell ist. Aber immerhin kann man als Absolvent eines solchen Spezialmasters sicher sein, dass die erste Frage bei einem Bewerbungsgespräch sein wird, was das denn für ein exotisches Studienfach gewesen sei, das man damals studiert habe.

* Zuerst erschienen in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.11.2013, Nr. 258, S. N5


Über den Autor
Stefan Kühl ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld und Autor des Buches "Der Sudoku-Effekt. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie" (transcript-Verlag 2012).

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2014

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