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Die Nachprüfung

VON MARTIN SPIEWAK

Annette Schavan soll in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben haben. Die Ministerin für Bildung und Forschung duckt sich weg. Wird ihr das helfen?

"Die Politik hat Fehler gemacht"© BMBFSie gilt als seriöse Akademikerin: Annette Schavan trifft der Plagiatsverdacht besonders hart
Am 16. Februar 2009 ernennt die Freie Universität Berlin Dr. Annette Schavan zur Honorarprofessorin. Die Auszeichnung würdigt ausdrücklich »ihre geisteswissenschaftliche Exzellenz« und ihr »Werk in Moraltheologie und Praktischer Theologie«. Umgehend lässt die Bundesbildungsministerin den neuen Titel im Organigramm ihres Hauses ergänzen. Allen soll klar sein, dass an der Spitze ihres Ministeriums jetzt eine Professorin steht.

Die Begebenheit zeigt: Der jetzt erhobene Vorwurf, sie habe in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben, trifft Annette Schavan an einer empfindlichen Stelle. Ausgerechnet ihre akademische Glaubwürdigkeit ist angekratzt. Dabei zählt sich die konservative Politikerin zu den wenigen Intellektuellen der Regierung. Sie ist eine, die morgens Gedichte liest, während Parlamentskollegen die ersten Polterinterviews im Radio geben; statt parteipolitischer Kampfschriften verfasst sie Visionen für Kirche und Welt. Bei keinem anderen Mitglied im Kabinett fallen Aufstieg, Anspruch und Amt so sehr zusammen wie bei der Bildungs- und Forschungsministerin. Ihr ganzes politisches Kapital verdankt sie Bildung und Wissenschaft. Jetzt muss Annette Schavan dabei zusehen, wie dieses Kapital schlagartig entwertet wird - und sie sich kaum dagegen wehren kann. Denn zumindest einige der Plagiatsvorwürfe, welche die Internetseite schavanplag für jedermann nachlesbar präsentiert, sind berechtigt. Auf 56 Seiten hat ein Anonymus in Schavans Doktorarbeit zum Thema Person und Gewissen aus dem Jahr 1980 Übernahmen aus anderen Werken entdeckt, ohne dass die Autorin diese ausreichend gekennzeichnet hätte.

In den meisten Fällen kopierte die Doktorandin Schavan nur wenige Wörter oder Fragmente eines Satzes ohne Quellenangabe. Dann wiederum nennt sie zwar den Stichwortgeber in einer Fußnote, ohne aber klarzumachen, dass nicht nur die gekennzeichnete Stelle, sondern auch ihr folgender Text konkrete Wendungen oder Gedanken ebendieses Autors wiedergibt.

Längst nicht alle Verfehlungen erweisen sich als Plagiate

Auf Seite 263 schreibt Schavan etwa über Thomas von Aquin, er formuliere »den allgemeinsten Grundsatz der handlungsbezogenen praktischen Vernunft: das Gute ist zu tun, das Böse ist zu meiden«, sowie später »Der Mensch steht im Widerstreit der Interessen, Bedürfnisse und Güter. Er muss abwägen ...« Ganz ähnlich liest es sich bei dem Theologen Wilhelm Korff, der schreibt: »Das erste und allgemeinste Prinzip der handlungsbezogenen praktischen Vernunft, nämlich: das Gute ist zu tun und anzustreben, das Böse ist zu meiden« sowie: »Der Mensch steht im Widerstreit von Interessen und Gütern. (...) Er muß zwischen ihnen abwägen.« Zwar hat Schavan Korff zuvor erwähnt, jedoch nicht nach diesem Satz. Das jedoch wäre nötig gewesen.

»Bauernopfer« nennt man dieses Verfahren, fremdes geistiges Eigentum nicht eindeutig als solches auszuweisen. Solche Übernahmen widersprechen einer guten wissenschaftlichen Praxis - zumindest nach dem Standard heutiger Zitiervorschriften. Dennoch dürfte man sie in unzähligen Promotionsschriften finden. Ein Plagiat im strengen Sinne sind sie nicht. Anders sieht es bei Stellen aus, die der Anonymus als »herausragend« bezeichnet. Auf Seite 280 räsoniert Schavan über »die im täglichen Leben gemachte Erfahrung, daß sich ein schlechtes Gewissen stärker und über längere Zeiträume hinweg bemerkbar macht als ein gutes ...« Zu einer verblüffend ähnlichen Einsicht kam schon 1961 der Moraltheologe Johannes Stelzenberger in seiner Abhandlung Das Gewissen: »Auch aus unseren Lebenserfahrungen wissen wir, daß sich das Schuldgefühl meist stärker (...) und über längere Zeiträume hinweg bemerkbar macht als das gute Gewissen.« Stelzenbergers Urheberschaft des Gedankens wird verschwiegen.

Hier ist die Formulierungshilfe offensichtlich. Anderer Natur sind die Übernahmen auf den Seiten 311 und 312. Hier fasst Schavan die Ausführungen verschiedener Autoren wie Sigmund Freud zur Normbildung zusammen. Anscheinend hat sie die Fleißarbeit jedoch nicht selbst erledigt. Denn die Formulierungen und Literaturangaben stehen so fast exakt in dem Buch des Kriminologen Lutz Hupperschwiller, der an dieser Stelle nicht erwähnt wird. Und auf Seite 316 schreibt die Verfasserin dem Pädagogen Heinrich Roth ein wörtliches Zitat zu, das sich in dessen angegebenen Aufsatz nirgends findet. Vermutlich ist auch das von Hupperschwiller entlehnt, der Roth zusammenfasst. Die Doktorarbeit von Annette Schavan enthält also eine Reihe von Plagiaten - wenn die Analyse stimmt. Daran besteht jedoch wenig Zweifel. Der anonyme Betreiber von schavanplag gehört zu den Rechercheuren der Internetplattform VroniPlag, welche Schavans Arbeit mit demselben Ergebnis Anfang dieses Jahres geprüft haben. Die rund zwei Dutzend Aktivisten, viele selbst Wissenschaftler, arbeiten gewissenhaft und kontrollieren jeden Vorwurf mehrfach. Sie neigen nicht zu vorschnellen Urteilen. Genau deshalb haben sie nach knapper Abstimmung beschlossen, die Analyse von Schavans Dissertation - trotz offensichtlicher Mängel - nicht auf eine Stufe zu stellen mit den Elaboraten von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg oder FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin.

Die Universität Düsseldorf sollte einen Tadel aussprechen

Da gehört sie auch nicht hin. Denn ähnlich wie vor Gericht muss man auch in der Wissenschaft lässliche Verfehlungen von Ordnungswidrigkeiten unterscheiden, kleine Gesetzesverstöße von Offizialdelikten trennen. Beurteilt man Schavans Dissertation in der Gesamtschau, dann lassen sich rund 30 bis 40 Verstöße gegen die guten Sitten des exakten Zitierens finden sowie ein knappes Dutzend eindeutige Verletzungen wissenschaftlicher Standards, sprich Plagiate. Für eine Wissenschaftsministerin ist das peinlich, für Annette Schavans Image eine kleine Katastrophe. Dennoch reichen die Verfehlungen bei einer Arbeit von 350 Seiten bei Weitem nicht aus, die gesamte Dissertation als Plagiat zu kennzeichnen.

Um im Bild zu bleiben: Während man bei Guttenberg gewissermaßen die Beute eines Bankraubs entdeckte, hat man bei Schavan bislang nur eine Bibel und zwei Handtücher von mehreren Hotelbesuchen gefunden. Nun darf man rätseln, wie sie in ihren Besitz gelangt sind. War Schludrigkeit im Spiel oder Unwissen? Wollte sie die Mitbringsel später zurückgeben, hat es aber vergessen? Auffällig ist jedenfalls, dass Schavan auf über 300 Seiten korrekt gearbeitet zu haben scheint, auf 50 Seiten jedoch nicht. Sie hat ihre Dissertation, anders als manche Politikerkollegen, auch nicht nebenbei geschrieben. Dass sich noch viele weitere verdächtige Stellen finden lassen, halten auch die Rechercheure von VroniPlag eher für unwahrscheinlich. Sie haben die gesamte in der Dissertation angegebene Literatur sowie alle in Google Books digital erfassten Texte zum Thema geprüft.

Um weitere Unstimmigkeiten zu finden, müsste man jetzt nach Übernahmen aus Büchern und Aufsätzen fahnden, die nicht im Internet stehen - eine Arbeit von Monaten ohne große Erfolgsaussichten. Die Universität Düsseldorf, welche die Arbeit nun prüft, wird sich dieser Mühe kaum unterziehen. Vielmehr wird sie ihr Urteil wohl auf den Recherchen von schavanplag gründen und der CDU-Politikerin ihren Titel belassen - vielleicht verbunden mit einem Tadel. Beides wäre angemessen. Auf einen solchen Ausgang setzt offenbar auch die Bundesbildungsministerin. Sie will sich nach einer ersten verunglückten Kritik an der Anonymität der Plagiatsvorwürfe bis zur Entscheidung der Universität nicht mehr äußern. Ihre angekratzte wissenschaftliche Glaubwürdigkeit poliert sie damit nicht wieder auf. Doch was soll sie zu den wenigen, aber offenkundigen Verstößen gegen den Zitierkodex sagen? »Ich habe das eine oder andere Werk damals offenbar etwas schludrig exzerpiert«? Oder: »Ich habe mir wohl vorgenommen, ein paar Primärquellen noch einmal nachzurecherchieren - es dann aber leider später vergessen«?

Andere Politiker kämen mit solchen Erklärungen vermutlich durch. Die oberste politische Hüterin wissenschaftlicher Regeln kann sich ein solches Eingeständnis nicht leisten, Annette Schavan schon gar nicht. Zumal ihr Statement (»ich schäme mich nicht nur heimlich«) zur Doktorarbeit ihres Kabinettskollegen zu Guttenberg noch vielen im Ohr ist. Politisch bleibt Annette Schavan also nichts anderes übrig, als sich wegzuducken. Sie kann sich wünschen, dass der Freispruch aus Düsseldorf schnell ergeht und der Rüffel milde ausfällt. Eines aber kann sie fortan nicht mehr: unbefangen Kompromisslosigkeit beim Einhalten akademischer Standards anmahnen. Der nächste wissenschaftliche Plagiatsfall muss ohne Kommentar der Wissenschaftsministerin auskommen.

Aus DIE ZEIT :: 10.05.2012

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