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Die nächste Panne kommt bestimmt

Von Jan-Martin Wiarda

Bei der Wahl von Hochschulrektoren gewinnen Headhunter an Einfluss. Das geht zulasten der universitären Demokratie.

Die nächste Panne kommt bestimmt: Hochschulrektoren© eva serrabassa - iStockphoto.com
Der Gutachter war voll des Lobes für die Kandidatin. Schlank sei sie und sportlich, habe blondes schulterlanges Haar und einen elegant-ansprechenden Kleidungsstil. Sie kommuniziere sehr gut und habe die Fähigkeit, kluge und maßvolle Entscheidungen zu treffen. Die logische Schlussfolgerung: Frau Prof. Dr.-Ing. Monika Auweter-Kurtz sei mit 7,0 von 10 möglichen Punkten für die Position der Präsidentin der Universität Hamburg qualifiziert.

Das streng vertrauliche Persönlichkeitsprofil, das ein sogenannter Headhunter von der ehemaligen Uni-Chefin erstellte, stand jahrelang in Auszügen fast unbeachtet auf einer Website. Wenige Tage nachdem die Raumfahrtexpertin durch einen Uniweiten Aufstand gegen ihren autoritären Führungsstil zum Rücktritt gezwungen wurde, wird es für ihre Gegner jetzt zum Symbol für das beklagte Demokratiedefizit ihrer Amtszeit. "Man muss nur schauen, wie alles angefangen hat", sagt Bela Rogalla, der 2006 als studentischer Vertreter im Senat gegen die Wahl von Auweter-Kurtz gestimmt hat. Statt sich um den fehlenden Rückhalt der Kandidatin in der UniÖffentlichkeit zu kümmern, hätte sich die eingerichtete Findungskommission oberflächliche Gedanken darum gemacht, wie präsentierbar sie sei. »Das Berufungsverfahren war abstrus und intransparent «, kritisiert der Sinologe Michael Friedrich, Initiator einer Unterschriftenaktion Hamburger Professoren, die dem Abgang der als "Raketen-Moni" gescholtenen Auweter-Kurtz vorausging. "Wir brauchen mehr Partizipation - und das nach Möglichkeit schon bei der nächsten Präsidentenwahl."

Die Demokratie zurück an die Uni - auch bei den jüngsten Bildungsstreiks war es eine der Kernforderungen. Und der Druck auf die Politik nimmt zu: Die Hamburger Personal-Querele wirft ein grelles Licht darauf, wie radikal sich die Personalpolitik von Hochschulen bundesweit verändert hat. Rektoren und Präsidenten werden dank neuer Landeshochschulgesetze mit zuvor ungekannten Machtbefugnissen zu Chefmanagern aufgewertet, ihre Wahl wurde vielerorts den alten Uni-Gremien entrissen und in die neuen, Aufsichtsräten nachgebildeten Hochschulräte ausgelagert, in denen sich auch Firmenlenker und Nichtwissenschaftler wiederfinden. Die dritte Analogie zur Unternehmenswelt besteht in der Einschaltung professioneller Personalberater: Bonn, Bielefeld, Siegen und Regensburg sind nur einige der Universitäten, die in den vergangenen Jahren Headhunter beauftragt haben. Die Berater berichten einer eigens eingerichteten Findungskommission vertraulich über mögliche Bewerber. Erst kurz vor der Wahl wird eine kleine Auswahl von Kandidaten den Medien präsentiert. Kritiker sprechen von einem abgekarteten Spiel. Nach mehreren Pannen, von denen der Fall Auweter-Kurtz die letzte war, wachsen die Zweifel an einem Verfahren, das durch das Anwerben externer Kandidaten hartnäckige Uni-interne Reformblockaden aufbrechen soll. Doch während der Nutzen privater Agenturen für die Hochschulen kaum messbar ist, sind die Kosten beträchtlich. Dabei wiegt das Honorar, gewöhnlich ein Drittel des jährlichen Präsidentengehalts, am geringsten. Der Frust der ausgebooteten Uni-Öffentlichkeit ist der eigentliche Preis - und kann wie in Hamburg zur Hypothek für den Amtsinhaber werden.


Kandidatenkür

Oft werden Headhunting-Agenturen erst in verfahrenen Situationen engagiert, wenn die Gefahr des Scheiterns hoch ist. So wie an der Uni Siegen. Dort kam es im vergangenen Jahr zum Eklat: Der Hochschulrat wählte einen Kandidaten zum Rektor, der laut Uni- Senat der Hochschule unbekannt war. Der Senat verweigerte die Bestätigung, am Ende gab der Hochschulrat klein bei. Für die erneute und dann erfolgreiche Kandidatensuche wurde ein Headhunter eingeschaltet. Das Hickhack um externe Bewerber macht die internen wieder attraktiver. So wurden an den Unis Bielefeld und Gießen gerade interne Kandidaten gewählt - und der künftige Gießener Präsident hat gleich ein Plädoyer für mehr Uni- Demokratie gehalten.
Ein Personalberater formuliert den Konflikt so: "Das hohe Informationsbedürfnis der Hochschulangehörigen beißt sich mit dem Wunsch der exzellenten Kandidaten nach absoluter Vertraulichkeit." Das ist einer der klareren Sätze, die man aus einer für ihre Verschwiegenheit bekannten Branche zu hören bekommt - und natürlich will auch der Zitierte anonym bleiben. Der Gewinnschwund im klassischen Unternehmenssektor lässt die Agenturen große Hoffnungen an die Expansion in die Hochschulwelt knüpfen - so groß, dass sich sogar die Professorengewerkschaft Deutscher Hochschulverband ein Stück vom Kuchen sichern will und die Beratungsfirma Leaders in Science gegründet hat. Entsprechend nervös ist man in der Branche, sobald sich Misserfolge einstellen. Wie in Regensburg: Der amtierende Rostocker Uni-Chef Thomas Strothotte ließ sich vom Marktführer Egon Zehnder International überreden, für den dortigen Rektorenposten zu kandidieren. Als das öffentlich wurde, zwang der Rostocker Uni-Senat Strothotte wegen seines angeblichen Vertrauensbruchs zum Rücktritt. Dann scheiterte der erste Wahlgang in Regensburg, und Strothotte drohte alles zu verlieren. Nach wochenlanger Zitterpartie wurde Strothotte zwar gewählt, fordert seitdem aber noch mehr Datenschutz für die Bewerber. Erste Headhunter empfehlen den Hochschulen, der Öffentlichkeit nur noch einen Kandidaten zu präsentieren, sonst würden die besten aus Angst gar nicht mehr an den Start gehen.

Es wäre der Gipfel der Mauschelei - denn sie würde im Vorfeld eine geheime Abmachung zwischen Hochschulrat und Senat voraussetzen, der die Wahl des Hochschulrats häufig bestätigen muss. Andernfalls droht, wie zuletzt in Siegen, ein noch gewaltigeres Chaos (siehe Kasten). »Die Alternative zu noch mehr Geheimniskrämerei ist, mit dem Quatsch aufzuhören«, sagt Wiebke Esdar, die als studentisches Senatsmitglied an der Universität Bielefeld gerade in einer Findungskommission saß. Es könne nicht angehen, dass die öffentliche Debatte um die besten Kandidaten durch die geheime Evaluation einer Agentur ersetzt werde, die nicht einmal wissenschaftliche Mindeststandards erfülle. »Solange der Hochschulrat in seiner jetzigen Zusammensetzung den Rektor wählt, ist diese Hinterzimmerpolitik jedoch die logische Konsequenz.« Forderungen nach einem Ende der neuen Berufungspraxis kommen mittlerweile auch aus den höchsten Ebenen der Wissenschaftspolitik. »Der Einsatz von Headhuntern ist ein Armutszeugnis für die Besetzung von Hochschulräten und Findungskommissionen«, sagt Ulla Burchardt (SPD), Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses im Bundestag. »Die zentralste Personalentscheidung einer staatlichen Hochschule kann nicht quasi von einer privaten Firma und unter Ausschluss der Hochschulöffentlichkeit erledigt werden. « In Hamburg werden Konsequenzen möglicherweise bald gezogen: Das Hochschulgesetz soll erneut umgeschrieben werden und wieder mehr Mitbestimmung bringen.

Es wäre ein Punktsieg der Bewegung, die der Expräsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, als "Aufstand der Mittelmäßigen" bezeichnet. "Sie erklären sich selbst für demokratisch, aber was sind das für Demokraten, die keine spürbare leistungsbezogene Mittel- und Stellenverteilung mögen, die der erste Schritt in Richtung Exzellenz wäre?" Landfried, der mittlerweile bei Leaders in Science unter Vertrag steht, hat auch die abgetretene Hamburger Uni-Chefin geholt. In einem ist er sich einig mit den Personalberatern aller Agenturen: Die Personalie Auweter-Kurtz habe dem Geschäft keinen dauerhaften Schaden zugefügt. "Der Bedarf der Hochschulen an professioneller Hilfe nimmt zu." So hört sich Berufsoptimismus an.

Aus DIE ZEIT :: 23.07.2009

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