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Die neue Fürsorge

VON MARTIN SPIEWAK

Nur die Hälfte der Erstsemester fühlt sich aufs Studium vorbereitet. Nun stellen sich die Hochschulen dem Problem.

Die neue Fürsorge© Mehmet Yunus Yesil - iStockphoto.comDie Vorbereitung für das Studium sollte nach HIS - Experten Heine bereits auf dem Gymnasium stattfinden um, Frustration im Studium zu verhindern
Sie ist eine Frau. Sie kommt von einem altsprachlichen Gymnasium. Und im Abitur hatte sie in Mathe eine Vier. Es lag nicht unbedingt nahe, dass Laura Fröhlich ausgerechnet an der Technischen Universität München ihr Studium beginnt. Aber sie wohnte nun einmal bei München, und »irgendetwas mit Naturwissenschaften« sollte es schon sein. Biologie kam infrage, ihr erster Leistungskurs, aber auch Chemie. Oder sollte sie vielleicht doch eine Ingenieurwissenschaft wählen, die Sicherheit im Job versprach? Und was sollte sie von diesem Bachelor halten, von dem in Zeitungen zu lesen war, dass er an den Hochschulen das reinste Chaos anrichte?

Es ist ein Jahr her, dass sich Laura Fröhlich derart den Kopf zermarterte. Ihre Schule hatte sie bei der Studienwahl weitgehend alleingelassen. Irgendwann in der zehnten Klasse hatte »Berufsorientierung « auf dem Stundenplan gestanden. Danach war das Leben nach dem Abitur für die Lehrer kein Thema mehr gewesen.

Heute weiß Laura Fröhlich genau, was sie will: Biochemie studieren und später als Toxikologin im Umweltschutz arbeiten. Ihre Schwächen in Mathematik hat sie ausgebessert. Und die Universität ist für sie auch kein fremdes Universum mehr.

Entscheidungshilfe leistete ihr das »Studium Naturale« der TU München. Seit zwei Jahren bietet die Hochschule Abiturienten ein Orientierungsstudium an, wenn sie nicht wissen, ob sie eine Naturwissenschaft studieren sollen - und wenn ja, welche. In zwei Semestern erhalten die Zweifler Grundlagenwissen in Mathematik, Physik und Chemie. All das ohne Leistungsdruck, aber mit der Chance, dass ihnen Kurse später angerechnet werden. Die Schnupperstudenten absolvieren Laborpraktika, erlernen Methoden wissenschaftlichen Arbeitens - und füllen so die Bruchstelle, die in Deutschland zwischen Schulabschluss und Studienbeginn klafft.

Wie notwendig das ist, beweisen bislang unveröffentlichte Zahlen des Hochschul-Informations- Systems (HIS). Danach fühlt sich nicht einmal die Hälfte der Erstsemester von der Schule inhaltlich gut auf ihr Studium vorbereitet. Dabei ist das der eigentliche Zweck der Hochschulreife: die Studienbefähigung. Noch unsicherer zeigen sich Schulabgänger, wenn man sie zu ihrer Studien- oder Ausbildungsentscheidung befragt: Nur ein Drittel von ihnen fühlt sich genügend informiert.

Diese Ahnungslosigkeit erhöht das Risiko, »das falsche Fach zu wählen und das Studium nicht zu beenden«, sagt HIS-Experte Christoph Heine. Nach den neusten Abbruchquoten des Bundesbildungsministeriums, die der ZEIT vorliegen, schaffen 19 Prozent der Fachhochschulstudenten keinen Abschluss. Diese Quote hat sich gegenüber den Vorjahren stetig verbessert. An den Universitäten ist die Schwundrate hingegen weiter gestiegen, auf jetzt 35 Prozent.

Das »Übergangsproblem« gehört zu den Dauerbrennern der Bildungskritik. Obwohl sich Gymnasien wie Universitäten der höheren Bildung verschrieben haben, obwohl es oft nur wenige Monate dauert, bis aus Schülern Studenten werden, bestimmt seit je gegenseitiges Desinteresse das Verhältnis zwischen den Institutionen. Schon vor 20 Jahren einigten sich die Kultusminister mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) auf eine bessere Zusammenarbeit. 2004 bemängelte der Wissenschaftsrat das »Verhältnis von Informationsnutzung, Informationsstand und Entscheidungsfindung« zum Hochschulzugang als »außerordentlich unbefriedigend«. Beide Appelle blieben wirkungslos.

Jetzt endlich scheint die Kritik Gehör zu finden - wenn auch nur aufseiten der Universitäten. Immer mehr Fakultäten bieten Eignungstests an (»Self- Assessments«), mit denen Abiturienten online testen können, ob das Studium für sie das Richtige ist. Hochschulen schließen Kooperationen mit Gymnasien ab, Studenten und Professoren werben in Oberstufenkursen für ihr Fach.

Wer Defizite in Mathe oder Deutsch mitbringt, kann diese vor Studienbeginn ausgleichen: Viele Hochschulen haben die klassischen Brückenkurse und Schreibwerkstätten zu Sommercamps oder »September-Akademien« ausgeweitet. Andere verändern unter klingenden Namen wie »Basic School« (Ilmenau) oder »MINT-Kolleg« (Karlsruhe) den Studieneinstieg oder gleich das ganze erste Semester wie die Leuphana-Universität in Lüneburg. Vielerorts erleichtern Tutoren, Mentoren oder »Scouts« angehenden Akademikern den Start.

»Die meisten Ideen sind nicht neu«, sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Hochschulforscher wie Praktiker weisen schon seit Langem auf die große Bedeutung des ersten Semesters hin. »Doch jetzt endlich passiert etwas«, sagt Schavan. Hinter der Erkenntnis steckt auch ein - berechtigtes - Selbstlob. Denn ohne Geld aus Berlin hätte kaum eines der vielen Projekte eine Chance. Zwei Milliarden Euro gibt der Bund bis 2020 für bessere Lehre aus, der Großteil fließt in die sogenannte Studieneingangsphase. Die neue Fürsorge für die Erstsemester hat die Professoren nicht ganz freiwillig erfasst: Die Wirtschaft ruft nach Fachkräften. Die Politik hat eine höhere Akademikerquote deshalb parteiübergreifend quasi zum Staatsziel erklärt und knüpft die Hochschulbudgets zunehmend an Absolventenzahlen.

Besonders die technischen Hochschulen spüren den Druck. Gute Schüler versuchen sie schon seit Längerem mit Forscherlabors oder einem Frühstudium an die Uni zu binden. Die weniger Guten waren für sie bislang nur dann Thema, wenn sie sich bei den Schulen über die »mangelnde Studierfähigkeit« der Abiturienten beschwerten. Wer in der Vorlesung nicht mitkam, wurde »rausgeprüft«. Professoren begannen die Erstsemestervorlesung gern mit dem Hinweis, dass jeder Zweite auf der Strecke bleiben werde. »So ein Spruch löst heute nur noch Kopfschütteln aus«, sagt HRK-Generalsekretär Thomas Kathöfer. »Die Hochschulen haben erkannt, dass sie möglichst alle mitnehmen müssen.«

Damit verabschiedet sich die Universität endlich vom Idealbild des Normalstudenten, der dank Vorbildung und hoher Motivation schon vor dem ersten Semester genau weiß, was ihn in den nächsten Jahren erwartet. Wahrscheinlich hat es diese Spezies auch in früheren Zeiten nur selten gegeben. Schon Ende des 18. Jahrhunderts beklagte der Kanzler der Universität Halle, dass die Studenten »alle so dumm« seien und sich mehrheitlich aus den falschen Kreisen rekrutierten.

So groß wie heute waren die Unterschiede zwischen den Stu dienanfän gern freilich noch niemals - im Hinblick auf Kenntnisstand, Alter, soziale Schicht oder kulturelle Herkunft. Denn die Hochschulreife ist inzwischen »Haupt-Schulabschluss «, sagt HIS-Experte Heine. Die Quote der Studienanfänger liegt bei weit über 40 Prozent. Eine Zahl, die vor zehn Jahren noch niemand für möglich gehalten hat.

2009 hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, die Universitäten für Berufstätige ohne Abitur weiter zu öffnen. Wer eine Lehre und drei Jahre Berufserfahrung nachweisen kann, darf heute studieren, theoretisch also fast jeder. In der Anfängervorlesung sitzt inzwischen im Idealfall die Professorentochter neben dem Sohn aus der Migrantenfamilie, der Endzwanziger mit Meistertitel neben dem Abiturienten. Im vergangenen Jahr haben 850 Minderjährige ihr Studium begonnen. Dank des Wegfalls der Wehrpflicht und der verkürzten Gymnasialzeit wird ihre Zahl schnell steigen.

»Auf diese Vielfalt der Bildungsherkünfte muss die Studieneingangsphase reagieren«, sagt CDUPolitikerin Schavan. Gleiches verlangt auch die neue Bologna-Struktur. Wer früher ein Magister- oder Diplomstudium begann, bekam von der Uni zwar keine Hilfe, dafür aber Zeit. Zwei bis drei Semester benötigten viele, um sich an der Universität zurechtzufinden. Der kurze, durchstrukturierte Bachelor mit seinen eng getakteten Prüfungen lässt das nicht mehr zu. Von Anfang an gehen die Noten ins Examenszeugnis ein. Fehlende Kompetenzen offenbaren sich sofort.

Kaan Cayoglu wusste, dass sein Studienstart ohne Abitur nicht ganz glatt gehen würde. Statt höhere Mathematik wie auf dem Gymnasium hatte er nach der Realschule auf einem zweijährigen Berufskolleg Rechnungswesen gelernt. Doch auf genau solche Studenten hat sich die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Karlsruhe inzwischen eingestellt. Wer es nötig hat, kann hier das erste Semester auf ein Jahr strecken. So bleibt mehr Zeit, Lernlücken zu schließen.

Im Einstufungstest konnte Cayoglu wie erwartet gerade in Mathematik viele Aufgaben nicht lösen. Die Hochschule bietet ihm deshalb Nachhilfekurse und spezielle Tutorien an. Studenten aus höheren Semestern helfen, den Vorlesungsstoff nachzuarbeiten. »Da traut man sich viel eher, Fragen zu stellen«, sagt der 19-Jährige. In Baden-Württemberg gelangt mittlerweile die Mehrzahl der Studienanfänger nicht mehr über das klassische Abitur an die Universität. Schon 2002 belegte die Tosca-Studie die Leistungsunterschiede der Studienberechtigten. Während die Absolventen allgemeinbildender Gymnasien zumindest den Stoff der zehnten Klasse beherrschten, erreichte von den Absolventen beruflicher Gymnasien - je nach Ausrichtung - allenfalls die Hälfte dieses Niveau.

Ein zweiwöchiger Crashkurs, mit dem viele Fakultäten bislang die Leistungslöcher zu stopfen versuchten, sei da zu wenig, sagt Cornelia Niederdrenk- Felgner, Prorektorin an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Mit Mitteln aus Berlin und vom Wissenschaftsministerium in Stuttgart hat auch ihre Universität Mathematikdidaktiker, Studienberater und Mentoren eingestellt. Niederdrenk-Felgner hält das Geld für gut angelegt: »Vielen Studienanfängern fehlt es nicht an Intelligenz oder Motivation, sondern an Grundlagen wissen und Orientierung.«

Noch haben nicht alle Erstsemester die Einsicht, dass Nachhilfe nötig ist. Manch angehender Betriebswirt weiß nicht einmal, dass er sein Studium ohne Mathematik nicht bestehen kann. Genau das müsste er eigentlich in der Schule lernen. Doch während an britischen Schulen speziell ausgebildete career teachers die Schüler beraten und in den USA die sogenannten college advisors, fehlt diese Infrastruktur hierzulande fast völlig. Schlimmer noch: »Die meisten Gymnasien sehen die Studienorientierung gar nicht als ihre Aufgabe an«, moniert HIS-Experte Heine. Ihnen reicht es noch immer, wenn sie in der zehnten Klasse einen Ausflug ins Berufsinformationszentrum organisieren und den Oberstufenschülern für einen Schnuppertag an einer Hochschule freigeben.

Wie schlecht es in dieser Hinsicht in Deutschland steht, belegen gerade die Vorzeigebeispiele in Deutschland. In Baden-Württemberg gibt es zwar ein Netz von Beratungslehrern sowie einen Pool von Studenten, die als »Botschafter« an die Schulen kommen. Einen festen Platz im Stundenplan hat das Thema aber nicht. Bayerische Gymnasiasten wiederum müssen in der Oberstufe zwei wissenschaftspropädeutische Seminare absolvieren - doch wie sie sich im Dschungel der rund zehntausend verschiedenen Bachelorangebote zurechtfinden, erfahren sie auch dort nur selten.

So geben laut HIS zwar 61 Prozent der Studienanfänger an, sie hätten ihre Lehrer zurate gezogen. Nur jeder fünfte von ihnen fand die Auskünfte jedoch nützlich. Nicht selten stiften die Lehrer sogar Verwirrung oder schüren Panik, wie Laura Fröhlich erfahren musste. Sie machte ihr Abitur noch im alten, neunjährigen Gymnasium. Ihre Lehrer vermittelten den Eindruck, sie solle sich möglichst schnell für ein Fach entscheiden und anfangen zu studieren. Denn, so hieß es: »Sonst nehmen euch die G-8ler die Plätze weg.« Zum Glück ignorierte sie die Botschaft. Während die Ersten aus ihrem Abi-Jahrgang das Studium schon wieder geschmissen haben, wird sie nach den Sommerferien »sehr entspannt« das erste Semester Biochemie beginnen.


Aus DIE ZEIT ::: 03.05.2012

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