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Die neuen Imame kommen

VON ARNFRID SCHENK

Deutsche Universitäten bilden jetzt islamische Geistliche aus. Noch sind Fragen offen: Ziehen die Verbände mit? Wer soll die Absolventen einmal bezahlen?

Die neuen Imame kommen© Andre Zelck - Universität OsnabrückProf. Dr. Bülent Ucar
Auf einem weißen DIN-A4-Blatt in der Eingangshalle des Universitätsgebäudes in Osnabrück, Kolpingstraße 7, steht »Imame«. Der Pfeil darunter weist ins Treppenhaus. Im dritten Stock geht es über einen langen Flur, links die Evangelische Theologie, rechts eine Fensterreihe, die einen Blick auf blauen Herbsthimmel und Kirchtürme gewährt. Vor Raum 314, Lehrstuhl für islamische Religionspädagogik, Professor Bülent Uçar, ist man am Ziel. An der Tür hängt eine Liste mit 40, 45 Namen, türkischen, arabischen, bosnischen, pakistanischen. Es sind die Namen der Bewerber für eine Premiere an deutschen Hochschulen: eine Weiterbildung von Imamen, über zwei Semester, in Sachen Sprache, Landeskunde und Pädagogik. Die Weiterbildung, die diese Woche beginnt, ist eine Vorstufe zu dem eigentlichen Ziel, das sich Bülent Uçar mit seinen Kollegen gesteckt hat: die Einrichtung eines Studiengangs für islamische Theologie, Start 2012. Ein Studium, das Imame ausbildet - nicht nur in Koranexegese und islamischem Recht, sondern auch in zeitgenössischer Pädagogik.

Man könnte Raum 314 des Religionspädagogischen Instituts auch als eine Art Keimzelle verstehen für einen Islam made in Germany. Vor Raum 314 hat sich eine kleine Traube von wartenden Männern in Anzügen gebildet. Da steht zum Beispiel Ahmed Shiraz, geboren in Pakistan. Er hat dort als Geschichtsprofessor gearbeitet. Seit zwanzig Jahren hat er die deutsche Staatsbürgerschaft, seine Töchter gehen auf ein Gymnasium in Minden. Die zentrale Botschaft des Islams ist für ihn, »dass er Menschen dazu bringt, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen«. Oder Mehmet Jakubovich, Diplomtheologe aus Sarajevo, der seit 1995 in Aachen lebt. Er hofft, dass ihm diese Weiterbildung hilft, besser zwischen den Religionen vermitteln zu können. Im Bewerbungsgespräch werden die Kandidaten geprüft, im Hinblick auf ihr Sprachvermögen, ihre theologischen Kompetenzen und auch auf ihre Haltung zu Staat und Gesellschaft. Als Anfang diesen Jahres der Wissenschaftsrat vorschlug, Imame und Religionslehrer in Deutschland auszubilden und dafür an zwei, drei deutschen Hochschulen islamische Zentren einzurichten, hatte man in Osnabrück diesen Weg schon lange eingeschlagen. Trotzdem hofft man auch hier natürlich auf eine Unterstützung des Bundes.

Unter deutschen Hochschulen ist eine Art Wettrennen entbrannt um die Einrichtung von islamischen Studiengängen, um den Zuschlag von Bildungsministerin Schavan und die damit verbundenen Fördergelder vom Bund in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Konzepte wurden entwickelt, Anträge eingereicht, Konferenzen abgehalten von Niedersachsen über Berlin und Nordrhein-Westfalen bis Baden-Württemberg. Ein halbes Dutzend Universitäten haben sich beworben. Mit guten Chancen sind Münster, Tübingen und Osnabrück im Rennen. Die endgültige Entscheidung stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest, sie wird in diesen Tagen verkündet.

Auch wenn der Tanz um die Imame etwas hektisch wirkt - es ist gut, dass es ihn gibt, er hätte schon viel früher beginnen sollen. Jahrzehntelang hat sich auf deutscher Seite niemand dafür interessiert, wer diese Leute sind, woher sie kommen, was sie denken - und was sie predigen. Ein Versäumnis, könnten doch Imame Schlüsselfiguren der Integration sein. Vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Die 2000 Imame im Land haben einen großen Einfluss auf ihr Denken und Handeln. Sie leiten nicht nur die Gebete und halten die Freitagspredigt, sie unterweisen auch die Kinder und Jugendlichen in Religion, bestimmen also die Zukunft des Islams in Deutschland mit. Und sie sind hierzulande auch als Seelsorger und Ratgeber in Alltagsfragen gefordert. Dazu müssten sie sich aber auskennen in der Welt, in der sie leben. Weil das nur die wenigsten tun, gibt es Raum für einige Selfmade-Imame, die mit radikalen Predigten auf Jüngerjagd gehen.

Ein Besuch bei Rauf Ceylan. Der gebürtige Duisburger ist seit einem Jahr Professor für Religionswissenschaften in Osnabrück, vor Kurzem ist sein Buch erschienen Die Prediger des Islam. Jahrelang hat Ceylan Predigten von Imamen in den Moscheen verfolgt, Hunderte von Gesprächen mit ihnen geführt. Wie ist es also bestellt um die Imame in Deutschland, Professor Ceylan? Und Ceylan beginnt zu erzählen, dass ungefähr 90 Prozent der Imame kein Deutsch sprechen, dass viele von ihnen die Lebenswelt in Deutschland nicht kennen, gar nicht kennen können, weil sie als Import-Imame vom türkischen Staat entsendet und nach vier Jahren wieder abberufen werden. Dass ihre Predigten sich auf die Situation in islamischen Ländern berufen und nicht auf die Lebensumstände in Deutschland. Dass sie schweigen bei öffentlichen Diskussionen um den Islam in Deutschland - mangels Sprachkenntnissen. Dass ein Großteil der Imame als »traditionell-konservativ« einzustufen ist. Obrigkeitshörigkeit ist ihnen wichtig, traditionelle Geschlechterrollen, religiöse Kontinuität.

Und wie soll der neue Imamtypus, der in Deutschland ausgebildet wird, nun sein? Auf Konferenzen machte schon halb spöttisch, halb ernst gemeint das Wort vom Super-Imam die Runde, einem Allroundtalent, das als Integrationslotse, Sicherheitsbeauftragter und Sozialarbeiter nebenbei auch noch die Glaubensvermittlung übernimmt.


Die neuen Imame kommen © Andre Zelck - Universität Osnabrück Prof. Dr. Rauf Ceylan
Bülent Uçar sagt: »Gute Imame sind zuerst Glaubensvermittler und nicht Integrationslotsen. Der Integration werden sie mit ihrer Ausbildung in Deutschland automatisch dienlich sein.« Und: »Es soll hier auch kein Islam light entstehen. Wir können weder einen hyperliberalen Islam lehren noch einen stockkonservativen, der keinen Bezug zur Basis hat.« Es sollen Theologen ausgebildet werden, die sich im Grundgesetz genauso zu Hause fühlen wie im islamischen Mainstream. Und was ist für Mouhanad Khorchide die Hauptaufgabe eines Imams? Der 38-Jährige ist seit diesem Sommer Professor für islamische Religionspädagogik in Münster. Er hat in Beirut ein Theologiestudium absolviert und in Wien seinen Doktor in Soziologie gemacht. Dort hat er auch selbst als Imam gearbeitet, fünf Jahre lang, und dabei eine Enttheologisierung bei Jugendlichen festgestellt. »Sie fühlen sich als Muslime, wissen aber wenig über den Islam. Diese Lücke zu füllen, das ist die Hauptaufgabe eines Imams«, sagt Khorchide. »Und«, fährt er fort, »er muss Mediator sein können, zwischen Eltern und Kindern. Bei Schwierigkeiten gehen die nicht zum deutschen Sozialarbeiter, sondern kommen zum Imam. Und der hat dann ein Problem«, sagt Khorchide: »Wenn ein Mädchen ausgehen will, genauso wie sein Bruder, die Eltern es aber nicht erlauben - was sage ich als Imam? Wir brauchen ein theologisches Gerüst für solche Alltagsfragen.«

Es gibt eine Reihe offener Fragen, die die neue Imamausbildung noch eine Weile begleiten dürften. Woher soll das wissenschaftliche Personal in so kurzer Zeit kommen? In Deutschland sind Professoren wie Uçar oder Khorchide die Ausnahme. Das ist logisch, woher sollen auch die Eier kommen, wenn es noch keine Henne gibt? Wie schwer es ist, geeignete Professoren zu finden, hatte sich in Münster gezeigt. Auf der Besetzungsliste für die Religionspädagogik standen nur zwei Namen. Und schon nach Khorchides Vorgänger, Kalisch, hatte man lange suchen müssen. Der deutsche Konvertit hatte nach kurzer Zeit im Amt Zweifel an der historischen Existenz des Propheten geäußert. Für einen Wissenschaftler legitim, für einen gläubigen Muslim undenkbar. Die Verbände forderten seine Ablösung, die Islamlehrerausbildung in Münster hatte eine ordentliche Fehlzündung. Man wird das Personal nun erst einmal in muslimischen Ländern rekrutieren, in der Türkei, in Bosnien, in Ägypten - und den Bewerbern befristete Verträge anbieten. Das braucht Zeit, und die Sprachhürde schränkt die Auswahl ein.

Ein weiteres Problem: Wer soll die an deutschen Universitäten ausgebildeten Imame einmal bezahlen? Der Staat? Schwierig, da dieser weltanschaulich neutral ist. Die muslimischen Gemeinden? Woher sollen sie das Geld nehmen? So etwas wie eine Kirchensteuer gibt es für die Muslime nicht. Langfristig wäre das vielleicht denkbar, dazu müsste aber erst der Islam als Religionsgemeinschaft, als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt werden. Bisher werden Imame über Spenden aus der Gemeinde finanziert. Viele müssen mit 600 Euro über die Runden kommen. Das ist zu wenig und wird Hochschulabsolventen schwer zuzumuten sein. Eine Ausnahme bilden die Imame der Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion), als Angestellte des türkischen Staates verdienen sie ordentlich. Bülent Uçar wirbt deshalb für einen Vorschlag aus Niedersachsen: Die Imame sollen gleichzeitig als Lehrer für Religionsunterricht beschäftigt werden, mit einer halben Stelle etwa. So könnten Land und Gemeinden die Kosten gemeinsam tragen.

Das heikelste Thema in Bezug auf die Imamstudiegänge ist der Umgang mit den Verbänden. Laut Empfehlung des Wissenschaftsrates sollen die Universitäten eng mit ihnen in Beiräten zusammenarbeiten. Ohne sie geht es nicht, allein schon aus verfassungsrechtlichen Gründen. Und aus ganz praktischen: Schließlich bilden diese Organisationen das Scharnier in die Praxis. Kaum eine Gemeinde wird Imame einstellen, die komplett an den Vorstellungen der Verbände vorbei ausgebildet wurden. Die Krux daran ist, dass diese Verbände nicht mit Theologen besetzt sind, es sind Funktionäre, die vor allem an Einfluss interessiert sind. Oft vertreten sie sehr orthodoxe Sichtweisen. Freie Forschung an unabhängigen Universitäten ist ihre Sache nicht. Nicht wenige fürchten übergriffiges Verhalten der Verbände. Das macht ein Miteinander nicht einfach.

Anders sieht es bei der Ditib aus, die mit knapp 900 Gemeinden der größte Moschee-Dachverband in Deutschland ist, eng verbunden mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Allerdings glauben viele der hiesigen Wissenschaftler, dass die Ditib kein allzu großes Interesse an einer Imamausbildung in Deutschland hat. Schließlich würde man an Einfluss verlieren. An der Uni Tübingen geht man davon aus, dass die Zusammenarbeit mit den Verbänden gut funktioniert. Ihr Rektor Bernd Engler hat in den Vorgesprächen gute Erfahrungen gemacht, auch mit der Ditib. Zu viel Einflussnahme fürchtet er nicht, schließlich solle der Beirat nicht über die wissenschaftliche Befähigung der künftigen Professoren urteilen, er dürfe nur ein Votum darüber abgeben, ob sie religiös tragbar seien oder nicht. Mag die erste Strecke der Imamausbildung auch holprig werden - es führt kein Weg daran vorbei.

Aus DIE ZEIT :: 14.10.2010

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