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Die Patienten "ziehen die Rikscha" - Fragen an den Hochschullehrer des Jahres

Der diesjährige "Hochschullehrer des Jahres" ist Hochschulmediziner und wurde für seinen Einsatz für die Unabhängigkeit der Forschung ausgezeichnet. Dem Preisträger geht es um die größtmögliche Transparenz und Regeln im Umgang mit Interessenkonflikten. Ein Interview.

Die Patienten "ziehen die Rikscha" - Fragen an den Hochschullehrer des Jahres© Peter PukowskiProfessor Klaus Lieb, Hochschullehrer des Jahres, ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz
Forschung & Lehre: Sie sind zum Hochschullehrer des Jahres gewählt worden. Was bedeutet dies für Sie?

Klaus Lieb: Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung - nicht nur für mich persönlich, sondern vor allem darüber, dass der Deutsche Hochschulverband damit die Themen Transparenz, Unabhängigkeit und Freiheit der Forschung und der Krankenversorgung in den Vordergrund rückt und ihnen eine besondere Bedeutung beimisst.

F&L: Wie wurde Ihr Bewusstsein für die Interessenkonflikte, die durch die Kooperation mit Pharmafirmen entstehen, geschärft? Gab es eine Art Schlüsselerlebnis?

Klaus Lieb: Ich selbst habe in meiner Zeit als Oberarzt, wie die meisten anderen Ärzte auch, Zuwendungen von Pharmafirmen angenommen. Dazu zählten finanzielle Unterstützungen für Kongressreisen, Honorare für Vorträge zu frei gewählten Themen oder Facharztvorbereitungskurse sowie die Annahme von Arzneimittelmustern, Büchern oder kleineren Werbegeschenken. Eine Art Schlüsselerlebnis hatte ich auf einem Kongress in Asien im Jahr 2002. Nicht zuletzt das sehr umfangreiche Beiprogramm und eine Rikschafahrt - wir saßen zu zweit hinten und ein schmaler Mann zog uns - weckten bei mir Zweifel an der Angemessenheit meines Verhaltens. Wir waren dort nicht auf eigene Kosten und Rechnung, sondern es waren und sind die Patienten, die die Zuwendungen der Industrie an Ärzte finanzieren. Denn: Alle Marketingmaßnahmen der Industrie werden letztendlich auf den Arzneimittelpreis umgelegt. Und den haben die Patienten zu bezahlen - sinnbildlich "ziehen sie die Rikscha".

F&L: Welche Auswirkungen hat es für einen Arzt bzw. Wissenschaftler, wenn er sich der Einflussnahme der Pharmaindustrie entzieht?

Klaus Lieb: Ich habe seit 2002 persönlich kaum noch Zuwendungen der Industrie angenommen, und seit 2007 nehme ich gar nichts mehr an. Dadurch erfahre ich ein höheres Maß an Unabhängigkeit in meinen Therapieentscheidungen, in der Forschung und in wissenschaftlichen Diskussionen. Auch in meiner Arbeit als Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ist diese Unabhängigkeit bei Arzneimittelbewertungen von essentieller Bedeutung. Auf der anderen Seite führt meine Klinik in Kooperation mit der Pharmaindustrie auch klinische Studien durch, wenn wir von dem getesteten Medikament einen Fortschritt für den Patienten erwarten können. Hier stehen Aufwand und Erlös in einem angemessenen Verhältnis und die Zahlungen der Pharmaindustrie werden über Drittmittelkonten verwaltet. Diese Gratwanderung, sich einerseits der Einflussnahme auf das Verordnungsverhalten zu entziehen und andererseits den Fortschritt konstruktiv zu ermöglichen, ist nicht immer einfach.

F&L: Welche psychologischen Mechanismen liegen diesen Interessenkonflikten zugrunde?

Klaus Lieb: Sicherlich sind die meisten Ärzte und Wissenschaftler hoch motiviert, sich zum Besten für ihre Patienten einzusetzen bzw. "die Wahrheit" zu suchen. Auf der anderen Seite können sekundäre Interessen diese primären Interessen unangemessen beeinflussen. Dazu gehören etwa Zuwendungen der Industrie an Ärzte, damit sie deren Produkte häufiger verschreiben oder umfangreiche Drittmittel für Auftragsforschung an Wissenschaftler. Nach der Reziprozitätsregel lösen Zuwendungen und Geschenke immer den - häufig unbewussten - Reflex aus, sich dafür erkenntlich zu zeigen - etwa durch eine Änderung der Verschreibungspraxis oder eine Verzerrung in der Dateninterpretation. Wir haben einen blinden Fleck für unsere Beeinflussung - so konnten wir und andere in Studien zeigen, dass sich die meisten Ärzte für unbeeinflussbar durch Geschenke halten, während sie ihre Kollegen als deutlich mehr beeinflusst einschätzen.

F&L: In den USA müssen alle Pharmafirmen ab März 2014 in einer Datenbank sämtliche Zahlungen an Ärzte und Krankenhäuser offenlegen. Ein Vorbild für Deutschland bzw. für Europa?

Klaus Lieb: Transparenz ist sicher eine Grundvoraussetzung für einen adäquaten Umgang mit Interessenkonflikten. Eine solche Datenbank, in der Patienten für jeden Arzt herausfinden können, welche Zuwendungen er von der Industrie ab einer Höhe von zehn Dollar erhalten hat, kann ein sinnvoller Weg sein, mehr Transparenz zu schaffen. Man darf aber nicht glauben, dass damit das Problem aus der Welt ist. Wenn Transparenz zum Selbstzweck wird und nicht von Regeln zum Umgang und zur Reduktion von Interessenkonflikten begleitet ist, kann Transparenz mehr schaden als nutzen. Wir beobachten heute regelmäßig, dass Referenten auf Kongressen zu Beginn ihres Vortrages ihre Interessenkonflikte in Sekundenschnelle offenlegen und sich damit quasi des Themas entledigen. Das kann es nicht sein.

F&L: Ist der zunehmende Einfluss der Pharmaindustrie auf die medizinische Forschung und Krankenversorgung nicht die Folge eines tiefer liegenden Problems, und zwar das der zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitssystems und der daraus resultierende härter werdende Wettbewerb um Marktanteile?

Klaus Lieb: Interessenkonflikte entstehen keinesfalls nur in der Zusammenarbeit mit der Industrie. Das Gesundheitssystem selbst in seiner zunehmenden Ökonomisierung bringt viele Interessenkonflikte mit sich. Beispiele sind Bonusverträge für Chefärzte, die von den Krankenhausleitungen dafür belohnt werden, dass sie bestimmte Mengen z.B. an Operationen erbringen, oder die Notwendigkeit, bestimmte teure Diagnostik- und Therapiegeräte durch eine Vollauslastung zu refinanzieren. Hier kann schnell das primäre Interesse des Arztes, dem Patienten das für ihn Beste zu empfehlen, in Konflikt mit ökonomischen Zielen geraten. Aber auch hier gilt: Zielvereinbarungen und ökonomisches Handeln sind nie für sich schlecht, sie führen sogar häufig zu Qualitätsverbesserungen. Entscheidend ist, dass sich eine Sensibilität für daraus möglicherweise entstehende negative Auswirkungen für die Patienten entwickelt und sich die Ärzteschaft Regeln zum Patientenschutz gibt - an dieser Stelle kann man nicht allein den selbstregulierenden Kräften des Marktes vertrauen.

F&L: In letzter Zeit gab es Kritik an der mangelnden Transparenz von öffentlich-privaten Forschungskooperationen (z.B. Universität zu Köln und Bayer AG). Ist es im Sinne der Freiheit von Forschung und Lehre, wenn Kooperationsverträge nicht öffentlich gemacht werden müssen?

Klaus Lieb: Ich kenne die Einzelheiten des Vertrages von Bayer mit der Kölner Universität nicht. Durch die Kooperation entsteht allerdings ein Interessenkonflikt, und die Öffentlichkeit hat zu Recht ein Interesse daran zu erfahren, ob der negative Auswirkungen hat und Schaden anrichten kann. Ich hielte es beispielsweise für wichtig, offenzulegen, welchen Anteil die kooperierende Firma an Patentrechten für Medikamente hat, die die Uni erforscht, wer die Forschungsthematik festlegt oder wer entscheidet, welche Forschungsergebnisse publiziert werden und welche nicht. Diese Transparenz darf nicht verwechselt werden mit dem aus Wissenschaftsund Wettbewerbsgründen nachvollziehbaren Wunsch nach Geheimhaltung, an welchen Themen inhaltlich genau geforscht wird.

Aus Forschung & Lehre :: März 2013

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