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Die Prognose der Studienanfängerzahl

Von Jan-Martin Wiarda

Die Kultusminister haben sich verrechnet: Der Studentenberg wird kleiner ausfallen.

Die Prognose der Studienanfängerzahl© jacob Wackerhausen - iStockphoto.com
Seit Jahren schwebt eine Zahl wie eine Verheißung über den Hörsälen der Republik. 2,7 Millionen. So viele junge Menschen werden bis Mitte des nächsten Jahrzehnts in Deutschland studieren, ein Drittel mehr als heute, haben die Kultusminister 2005 prognostiziert - und aus der Verheißung gleich auch eine Drohung in Richtung ihrer Ministerpräsidenten werden lassen: Wenn nicht endlich das nötige Geld in die Hochschulen fließt, kommt es zur Bildungskatastrophe. Optimisten sprechen von einem gewaltigen "Studierendenhoch", das da, ausgelöst durch doppelte Abiturjahrgänge und hohe Geburtenraten in den Neunzigern, am Horizont auftauche.

Pessimisten sehen einen "Studentenberg" heranrollen - so groß, dass selbst die Ministerpräsidenten es mit der Angst zu tun bekommen und mit der Bundesregierung den "Hochschulpakt 2020" vereinbart haben: Milliarden zusätzlicher Ausgaben sollen die Bildungskatastrophe in letzter Sekunde abwenden. Von "einer gewaltigen Kraftanstrengung von Bund und Ländern" schwärmte nach den Verhandlungen Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). 2,7 Millionen - welch Wirkung eine Zahl haben kann. Das Problem ist, dass sie von Anfang an Unsinn war, übertrieben und falsch berechnet. Und die Kultusminister wissen das.

Was an der Prognose stimmt: Die Zahl der Studienanfänger ist tatsächlich auf Rekordhöhe geklettert, 2008 liegt sie bei etwa 385.500 - und damit genau auf dem Niveau, das die Kultusministerkonferenz (KMK) vorausgesagt hat. Und so soll es weitergehen, Jahr für Jahr, bis sie laut einer neuen, noch inoffiziellen KMK-Schätzung 2013 mit knapp 425.000 Erstsemestern ihren absoluten Höhepunkt erreicht.

Doch aus der Erstsemesterwelle wird noch lange kein Studentenberg: Gerade mal 2,01 Millionen Studierende sind in diesem Wintersemester an deutschen Hochschulen eingeschrieben, der 2005er Schätzung der Kultusminister zufolge sollten es aber dieses Jahr mindestens 2,32, im günstigsten Falle sogar 2,46 Millionen Studenten werden. Eine gewaltige Diskrepanz, die in den kommenden Jahren noch anwachsen dürfte.

Dass die Kultusminister mit ihrer Prognose derart danebengegriffen haben, liegt nur zu einem geringeren Teil daran, dass die Studienanfängerzahlen drei Jahre lang hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind und erst seit 2007 einen Sprung nach oben gemacht haben. Viel folgenschwerer ist, dass die Schätzung insgesamt auf einem eklatanten Irrtum fußt: 14,08 Semester, vermuten die KMK-Analysten, würden Studenten im Schnitt an den Universitäten verbleiben.

Ganz offen steht die Zahl in dem 90-seitigen Prognosepapier, und doch sind die meisten Bildungsexperten überrascht, wenn sie von ihr hören - zu absurd scheint ihnen ein solches Szenario. Wie übertrieben eine durchschnittliche Studiendauer von 14 Semestern in Wirklichkeit ist, zeigt schon heute eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes über die Uni- Absolventen des Jahres 2007: Sie haben im Schnitt aller Fächer gerade einmal 12,8 Semester studiert. Eine kürzere Semesterzahl bedeutet jedoch, dass mehr Studienanfänger von den Hochschulen absorbiert werden können, ohne dass sich die Gesamtstudentenzahl
dramatisch ändern muss. Genauso geschieht es derzeit.

Von längeren Studienzeiten auszugehen ist Unsinn

"Die KMK ignoriert aber nicht nur die Gegenwart, sie liegt auch im Blick auf die Zukunft vollkommen falsch", sagt Klaus Landfried. Der ehemalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz gehört zu den notorischen Querdenkern seiner Zunft. "Wenn man die KMK-Zahlen ernst nähme, hieße das, dass die Minister von einem totalen Scheitern der Bologna-Reformen ausgingen. Denn die sollen ja die Studienzeit sogar noch deutlich verkürzen." Tatsächlich sollen die im Rahmen von Bologna eingeführten, europaweit vergleichbaren Studienabschlüsse Bachelor und Master die Abbrecherquoten senken und die Studiendauer verringern. Bislang, so Landfried, sei das zwar nur teilweise gelungen, "doch von einer durchschnittlichen Verlängerung des Studiums auszugehen, halte ich für Unsinn".

Eine Beispielrechnung gibt Landfried recht: Im Idealfall dauert ein Bachelorstudium sechs Semester, ein Masterstudium weitere vier. Selbst größte Optimisten erwarten nicht, dass mehr als 75 Prozent der Bachelorabsolventen einen Master anstreben, sodass eine Studentenkarriere im Idealfall neun Semester in Anspruch nehmen würde - Abbrecher und Urlaubssemester noch nicht eingerechnet, die den Schnitt weiter senken. Natürlich wird die Studienzeit in Wirklichkeit höher liegen, doch dürften es selbst im ungünstigsten Fall kaum mehr als elf Semester werden. Immerhin scheint die KMK bei der angenommenen Verweildauer für Fachhochschulstudenten mit zehn Semestern etwas plausibler geschätzt zu haben, doch insgesamt ist das Ergebnis eindeutig: Der angekündigte Studentenberg wird auch künftig Fiktion bleiben. Dieter Dohmen, der das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) leitet, hat auf die übertriebenen Zahlen der KMK schon vor Jahren hingewiesen. Er erwartet "nur wenig mehr Studierende als heute, vielleicht 100.000 oder 150.000, wenn es gut läuft". Landfried hält einen Gipfel von 2,3 bis 2,4 Millionen für möglich - "aber nur, wenn die Hochschulen dafür ausgebaut werden und endlich die wenig effiziente Art der traditionellen Belehrung durch viel mehr aktives Lernen der Studenten ersetzen".

Angesichts der arg vergeigten KMK-Prognose stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Warum: Wie konnten sich die Kultusminister nur so verrechnen? Waren da nur ein paar Bürokraten am Werk, die, ohne nachzudenken, frühere Statistiken zur Studiendauer fortgeschrieben haben? "Bei den Steuern haben wir ja ähnliche Vorhersage- Malheurs erlebt", sagt Klaus Landfried. Oder steckt doch auch politisches Kalkül hinter den Zahlen?

"Es gibt durchaus einen Konsens unter denjenigen, die auf die dringend benötigten Mittel für das Hochschulsystem hoffen und deswegen gerne solche Prognosen bekräftigen", sagt Bildungsökonom Dohmen. Sie wider besseres Wissen bekräftigen? Eine Vermutung, die Sachsen-Anhalts parteiloser Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz nicht wirklich entkräftet, indem er sagt: "Eine politische Prognose ist ja nie nur eine Prognose, sondern gleichzeitig auch die Formulierung eines Gestaltungsziels." Olbertz, der zu den angesehensten deutschen Bildungspolitikern zählt, meint damit vor allem die ehrgeizig angesetzten Anfängerzahlen, die je nach Studierbegeisterung der Schulabgänger auch niedriger ausfallen könnten, doch auch was die absurde KMK-Annahme zur Ver weildauer angeht, räumt er ein: "Es wäre tatsächlich paradox, wenn die Studentenzahlen nur mit längeren Studienzeiten erreichbar sein sollten."

Mit der zu hoch gegriffenen Zahl kam das Geld

Fast ebenso paradox wie die Erkenntnis, dass die Wissenschaftsminister möglicherweise gar nicht anders konnten, als ihre stark über das Ziel hinausgeschossene Prognose auf Teufel komm raus beizubehalten. "Ohne das Studentenberg-Szenario hätte es den Hochschulpakt womöglich nie gegeben", sagt Dohmen. "Der Druck auf Bund und Länder war sehr heilsam." Der erste, bereits vereinbarte Teil des Hochschulpakts sieht vor, dass für die zusätzlichen Studienanfänger bis 2010 91.000 neue Studienplätze eingerichtet werden sollen. Kostenpunkt: 1,13 Milliarden Euro. Die Verhandlungen über die zweite, größere Tranche an zusätzlichen Studienplätzen bis 2020 laufen derzeit, die Hochschulrektorenkonferenz hat den Finanzbedarf bereits auf mindestens drei Milliarden Euro taxiert - pro Jahr. Jetzt könnte die gesamte Logik der Vereinbarung ins Wanken kommen, wenn sich herausstellt, dass mehr Studien anfänger eben nicht automatisch mehr Studenten bedeuten. Bestätigt fühlen dürfte sich indes Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD), der die KMK-Prognose bereits 2005 öffentlich als "blanken Unfug" kritisiert hatte. Er und seine Länderkollegen, die seit Jahrzehnten die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen zu verantworten haben, könnten sogar neues Geld verweigern und die Ministerpräsidenten auf ihre Seite ziehen mit der Begründung, dass die Kopfzahl an den Unis insgesamt ja keineswegs so explodiere, wie die Kultusminister in ihren Studentenberg- Szenarien behauptet hätten.

Die Folgen für die Qualität der deutschen Hochschullehre wären verheerend. Denn so knapp die Kassenlage der Unis bisher schon war, mit der Einführung von Bachelor und Master wird sie vollkommen unerträglich: Die neuen Studienprogramme brauchen, um wirklich zu funktionieren, ein deutlich besseres Zahlenverhältnis von Dozenten zu Studenten. Oft schon haben die Hochschulrektoren, Bildungswissenschaftler und Wissenschaftsminister versucht, das den Ministerpräsidenten und Finanzministern klarzumachen - vergeblich. Erst das Studentenberg- Argument brachte, wenn auch mit anderer Begründung, das Geld. Es gäbe also guten Grund, die fehlerhafte Prognose so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.

Nur ein paar Kilometer und doch Welten entfernt vom Regierungsviertel geht die 14-jährige Sophie Heim in die neunte Klasse eines Berliner Gymnasiums. Ihr Geburtsjahrgang 1994 wird 2012 und 2013 an die Hochschulen strömen - exakt dann, wenn die KMK-Prognose den Gipfel des vermeintlichen Studentenbergs vermutet. Sie wolle vielleicht einmal Psychologie studieren, sagt sie, doch das Studium liegt für sie noch ganz weit weg, in einer kaum fassbaren Zukunft. Dass die Politiker sich ihretwegen so einen Kopf machen, amüsiert Sophie, Angst vor der Zukunft aber hat sie keine. "Das wird schon alles irgendwie hinhauen", sagt sie schlicht. Von einem solchen Optimismus können die Kultusminister bei den Verhandlungen um den Hochschulpakt II derzeit nur träumen.

Schwierige Prognose
Es gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Kultusministerkonferenz (KMK), eine verlässliche Prognose künftiger Studentenzahlen zu erstellen. Jede Menge Variablen müssen bedacht werden: Wie viele junge Menschen kommen ins studierfähige Alter? Wie viele dürfen oder wollen studieren? Bekommen sie überhaupt einen Studienplatz? "Die KMK hat die Studierneigung jahrelang zu optimistisch eingeschätzt", sagt der Hochschulforscher Andrä Wolter von der TU Dresden. So sei etwa das tatsächliche Studienplatzangebot der Hochschulen ebenso wenig in die Berechnung eingeflossen wie die ausufernden Zulassungsbarrieren. Die KMK sei in ihren Berechnungen davon ausgegangen, dass von jenen, die theoretisch dürfen, zwischen 75 und 85 Prozent ein Studium wählten. "Tatsächlich pendelt die Quote seit den Neunzigern zwischen 70 und 75 Prozent." Die Folge: Seit 2004 hinkten die Studienanfängerzahlen den Schätzungen hinterher.

Aus DIE ZEIT :: 17.12.2008

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