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Die Putzkolonne im Eisschrank

Von Frauke Lüpke-Narberhaus

Besuch an der Universität Greifswald, die Deutschlands größte Sammlung ölfressender Mikroben beherbergt.

Die Putzkolonne im Eisschrank© Jan Meßerschmidt - Universität GreifswaldProf. Frieder Schauer vor einer Sammlung von Bakterienkulturen
Frieder Schauer hält sich seinen eigenen Zoo im Keller. Kalt ist es dort unten in dem kleinen Raum mit nur einem Fenster und dunkel. Die Bewohner seines Zoos stört das nicht. Sie sind eingefroren. Schauer hält sie bei minus 196 Grad in einem mit flüssigem Stickstoff gefüllten Behälter, so groß wie eine Regentonne. In der Tonne hängen an Stangen längliche Kästen aus Metall. Jeder Kasten hat mehrere Schubladen, in jeder Schublade lagern 100 Glasröhrchen, in jedem Röhrchen Milliarden Mikroorganismen. Summa summarum besitzt Frieder Schauer 6500 verschiedene Stämme.

Einige dieser Bakterien, Hefen und Pilze ernähren sich leidenschaftlich gern von Desinfektionsmitteln und Pestiziden. Rund 1500 der Arten fressen am liebsten Öl. Damit besitzt Frieder Schauer deutschlandweit die wohl größte Sammlung erdölabbauender Mikroorganismen. Bakterielle Putzkolonnen wie diese versuchen derzeit, den Golf von Mexiko vom Öl zu befreien. Der 61-jährige Schauer leitet die Abteilung für Angewandte Mikrobiologie an der Universität Greifswald. Er hat dort studiert, promoviert und habilitiert. Mit Mitte zwanzig, als er gerade seine Doktorarbeit schrieb, sammelte er seine ersten Mikroben ein. An der Greifswalder Tankstelle der Deutschen Reichsbahn waren die Tanklager nicht ganz dicht, es hatten sich kleine Öllachen gebildet, und Schauer brachte die ersten Proben ins Labor.

Seitdem wuchs seine Sammlung stetig. So wie andere Menschen Briefmarken sammeln, sammelte er Pilze, Hefen und Bakterien. »Wenn ich hörte, jemand hat einen Stamm, den ich noch nicht besitze, habe ich ihn mir schicken lassen«, erzählt Schauer. Auch Professoren, die in den Ruhestand gingen, überließen ihm ihre Mikroorganismen. Sie stammen unter anderem aus Deutschland, Südamerika, Russland und Saudi-Arabien.

»Man muss sich das tatsächlich vorstellen wie einen kleinen Zoo«, sagt Schauer. »Die Mikroorganismen haben alle ihre eigenen Ernährungsansprüche. « Denn Öl ist nicht gleich Öl: Es setzt sich aus mehreren Tausend Bestandteilen zusammen, und jeder Mikrobenstamm bevorzugt eine andere Substanz. Die Candida maltosa ist Schauers Liebling unter den Organismen. »Die ist schon eine tolle Hefe«, schwärmt er. Eine Superölhefe. Schnell und effektiv vernichtet sie das Öl. Gegen eine Ölpest aber kann eine einzelne Hefe nichts ausrichten. »Da brauchen wir schon eher einen Cocktail verschiedener Organismen.«

Zu Beginn einer Ölpest allerdings seien die Mikroorganismen völlig überfordert. Zunächst müssten Maschinen die größte Menge Öl entfernen. Dümpeln dann nur noch einzelne Fetzen im Meer, helfen die Mikroben am besten. »Im Volksmund heißt es dann schlicht: Das war der Selbstreinigungsprozess der Natur«, sagt Schauer. Genau genommen haben jedoch tonnenweise Pilze, Hefen und Bakterien das Meer gesäubert. »Die arbeiten ohne Zutun des Menschen«, sagt Schauer, »aber der Mensch kann die Arbeit beschleunigen.« Menschen können die Mikroben sozusagen düngen, mit Phosphor und Stickstoff beispielsweise, dann arbeiten sie schneller. Früher, erzählt Schauer, hätten Forscher gedacht, sie könnten die tierischen Putzhelfer nachzüchten und dann bei einer Ölpest tonnenweise ins Meer schütten. Das wolle heute aber niemand mehr. Zu teuer und zu aufwendig sei das. An ihren Modellorganismen haben Schauer und sein Team genau studiert, unter welchen Bedingungen die Mikroorganismen das Öl wie zersetzen. Und wenn sie wissen wollen, wie eine Mikrobe auf einen neuen Schadstoff reagiert, können sie das an mehreren Stämmen gleichzeitig testen - ohne dass man erst losziehen und neue einsammeln muss. Zudem nutzen die Wissenschaftler ihre Sammlung für die Biotechnologie. Mithilfe der Organismen können sie chemische Produkte herstellen, die in der Industrie, Medizin und Chemie gebraucht werden.

Allerdings können die Mikroben nicht unbegrenzt auf Eis liegen: »Alle drei bis vier Jahre müssen wir sie zum Leben erwecken. Sonst würden sie langsam kaputtgehen«, sagt Schauer. Seine Kollegin hat gerade einen Trichosporon mucoides, einen Hefepilz, aus der eiskalten Tonne im Keller gefischt. Sie legt ihn erst in eine Petrischale, dann in einen Brutschrank, dort taut er gerade bei 30 Grad auf und beginnt zu wachsen. Noch ein, zwei Tage, dann wird sie ihn mit vier Tropfen Phenylalkan, einem Erdölbestandteil, ernähren. Zusammen mit 100 Milliliter Wasser wird sie alles in einem Glaskolben vermischen, für einen Tag in einen Schüttelinkubator stellen und dort gut durchrütteln lassen. Wenn dann kein Ölbestandteil mehr im Wasser schwimmt, weiß sie: Der Hefepilz lebt noch und ist bereit für seine nächste Eiszeit. »Dann können wir ihn wieder für drei Jahre einfrieren«, sagt Schauer. »Wenn man so will, haben die Mikroorganismen bei uns ein ewiges Leben.«

Aus DIE ZEIT :: 21.05.2010


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