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Die Quadratur des Kreises?

Von JENS-PETER GAUL

Forschungsförderung durch die Europäische Union.

Die Quadratur des Kreises?@ malerapaso - iStockphoto.comForschungsförderung "Horizon 2020" - so unmöglich wie die Quadratur des Kreises?
Die Verhandlungen über das Programm "Horizon 2020" der Europäischen Union gehen in die entscheidende Phase. In dieser Situation lohnt noch einmal ein Blick auf die Struktur des siebten Forschungsrahmenprogramms (FP7, 2007 bis 2013), in dem bereits viele Elemente von Horizon 2020 angelegt sind.

In der Geschichte der Forschungsrahmenprogramme markiert das siebte Forschungsrahmenprogramm (FP7) einen Einschnitt, denn das Programm akzentuiert den wissenschaftsnahen Gedanken einer "Bottom Up"-getriebenen Forschung in besonderer Weise. Im Kern besteht FP7 aus vier sog. Spezifischen Programmen, dessen finanziell zweitgrößtes, das Programm "Ideas", den European Research Council (ERC) repräsentiert. Mit der Orientierung ausschließlich an der wissenschaftlichen Qualität der Forschung und einer umfassenden Offenheit bei der Wahl von Thema und Methode folgt das Programm den Grundsätzen, die in Deutschland seit Jahrzehnten die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) erfolgreich verkörpert. "Ideas" tritt neben das (drittgrößte) Spezifische Programm "People", in dem Mobilität und wissenschaftlicher Nachwuchs gefördert werden und das mit seiner thematischen Freiheit ebenfalls wichtige Kennzeichen eines wissenschaftsgetriebenen Förderangebots aufweist.

FP7

Gleichwohl zeigt die Verteilung der Mittel in FP7 die konzeptionelle Herkunft der Forschungsrahmenprogramme aus der Mitte der 80er Jahre: Deutlich mehr als die Hälfte der über 50 Mrd. Euro des Programms sind für die Verbundforschung im Spezifischen Programm "Cooperation" reserviert; hier folgt die Forschung, oftmals in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, einem Themenkanon aus staatlicher Daseinsvorsorge und industrieller Relevanz. Tatsächlich wurde dann im Zuge der Neuausrichtung der EU nach 2009 im Rahmen der Strategie "Europa 2020" gerade das Spezifische Programm "Cooperation" zum Ansatzpunkt für eine Dynamik, die das Gesicht von FP7 während dessen Laufzeit stark verändert hat. Weil Innovation, Marktnähe und Ressourcenkonzentration nun eine besondere Bedeutung zukam, ist FP7 gleichsam rückblickend in einen erweiterten Kontext gestellt und als Testfeld für Horizon 2020 genutzt worden. In der Folge entstanden oder etablierten sich neue Förderverfahren auf der Basis privat-öffentlicher Zusammenarbeit, staatenübergreifender Programmplanung oder unternehmerischer Grundsätze. Schon diese Förderangebote betrafen "Cooperation" in vielen Fällen durch die Reservierung von Forschungsthemen oder den Abfluss von Mitteln; vor allem aber zeigt sich die neue Betonung von Innovation in der letzten großen Ausschreibungswelle von "Cooperation" selbst.

Horizon 2020

Mit dem Programm Horizon 2020 will die Europäische Union die Interessen der akademischen Forschung mit denen der Industrie in Einklang bringen und zugleich politisch relevante europäische Fragestellungen bedienen. Der Vorschlag der Europäischen Kommission zeigt dann auch im Kern eine dreiteilige Struktur, die unter der Überschrift "Excellent Science" u.a. den ERC und die Maßnahmen des "People"-Programms aus FP7 übernimmt, in "Industrial Leadership" die Förderung von Schlüsseltechnologien und der Kleinen und Mittleren Unternehmen (KMU) ins Zentrum stellt und schließlich eine Reihe von themenübergreifenden "Societal Challenges" (Gesundheit, Energie, Klima, Verkehr etc.) definiert; die EU-Mitgliedsstaaten, die gemeinsam mit dem Europäischen Parlament am Ende die entsprechenden Rechtsakte verabschieden müssen, haben dieser dreiteiligen Struktur im Grundsatz bereits zugestimmt. Flankiert wird sie von den oben genannten, in FP7 bereits erprobten eher industriell oder mitgliedsstaatlich organisierten Förderverfahren. Der politische Prozess wird sich in den nächsten Monaten darauf konzentrieren, Horizon 2020 trotz der angespannten Finanzsituation in Europa ein angemessenes Budget zu sichern und die Förderangebote durch eine massive Vereinfachung der Beteiligungsregeln noch attraktiver zu machen.


Über den Autor
Dr. Jens-Peter Gaul ist Leiter der Kooperationsstelle EU der Wissenschaftsorganisationen (KoWi) in Bonn und Brüssel.


Aus Forschung & Lehre :: November 2012

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