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Die Retter der Welt

Von Marc Hasse

Geowissenschaftler haben gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt - ihre Einsatzorte allerdings liegen oft in der Fremde.

Die Retter der Welt: Geowissenschaften© Vikram Raghuvanshi - iStockphoto.com
Geht es nach Hans-Jürgen Weyer, Geschäftsführer des Berufsverbandes Deutscher Geowissenschaftler (BDG), dann muss seine Zunft die Welt retten - zumindest ein bisschen. »Die großen Probleme der Menschheit - Klimawandel, Naturkatastrophen, Energieversorgung, Wasserknappheit -, das sind alles auch geowissenschaftliche Probleme «, sagt der promovierte Geologe. »Da sind wir entsprechend gefordert.« Geowissenschaftler könnten durch ihre Forschungen dazu beitragen, Erdbeben früher vorauszusagen; sie könnten helfen, die Ausbreitung der Wüsten einzudämmen und neue Wasserquellen zu erschließen. Könnten, wohlgemerkt, denn natürlich, sagt Weyer, ziehe es nicht alle Kollegen als Entwicklungshelfer nach Afghanistan, sondern auch in mittelständische Ingenieurbüros oder zu Großkonzernen wie Exxon oder RWE. Nicht alle Geowissenschaftler werden also an der Rettung der Welt mitwirken. Sicher ist allerdings, dass die meisten nach dem Studium fernab der Heimat arbeiten. »Die Bereitschaft zu weltweiten Einsätzen ist fast schon eine Grundvoraussetzung, um einen Job zu bekommen«, sagt Hans-Jürgen Gursky, stellvertretender Vorsitzender der Geokonferenz und Professor für Geologie an der TU Clausthal.

Mit Spitzhammer und Lupe gehen die Studenten auf Exkursion

Den Nachwuchs schreckt das nicht - im Gegenteil: Die Zahl der Studenten im Fach Geowissenschaften hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf 4900 verdoppelt; die Zahl der Studienanfänger hat sich sogar verdreifacht. Wie viele von ihnen später Arbeit finden, ist derzeit schwer zu sagen. Allerdings gibt es - trotz Wirtschaftskrise - auch keinen Grund zu großer Sorge, denn selbst im vergangenen Jahr ist die Arbeitslosigkeit in dieser Berufsgruppe stetig gesunken: Hatten im Januar 2008 noch 736 Geowissenschaftler keinen Job, waren es im März 2009 nur noch 526. »Wer flexibel ist und in verschiedenen Branchen arbeiten kann, hat auch zukünftig gute Chancen«, sagt Hans-Jürgen Gursky.

Flexibel zu sein, das verlangt schon das Studium. Denn hinter dem Begriff Geowissenschaften verbergen sich verschiedene Einzeldisziplinen. Dazu zählen die Geologie, die sich mit der Entstehung und dem Aufbau der Erde beschäftigt; die Mineralogie, die Gesteine auf ihre chemische Zusammensetzung hin untersucht, und die Geophysik, die physikalische Aktivitäten der Erdkruste (zum Beispiel Erdbeben) und Erscheinungen im Erdinnern (Lagerstätten für Erze, Kohle oder Salz) erforscht.

Vor allem in diesen drei Fächern erwerben die Studenten in den ersten Semestern ein breites Grundwissen. Parallel dazu stehen Grundlagenkurse in Mathematik und Physik auf dem Lehrplan. Viel Theorie - trotzdem bleibt auch Zeit, um mit Karte, Spitzhammer und Lupe auf Exkursionen zu gehen. Für viele die schönste Zeit des Studiums. »Es fasziniert mich immer wieder, das Gelernte im Gelände anwenden zu können«, erzählt Manuela Kasten, Studentin aus Freiburg. Ihre Erkundungen führten die 26-Jährige schon nach Campolungo in die Schweizer Alpen und ins südfranzösische Montpellier.

Einführungsseminare für Geologie, Mineralogie, Geophysik sowie Exkursionen bieten die meisten geowissenschaftlichen Studiengänge. Aber durch die Umstellung der Studiengänge auf die Abschlüsse Bachelor und Master ist es nicht leichter geworden, sich im Gewirr der Angebote zu orientieren. 28 Hochschulen bieten derzeit 84 geowissenschaftliche Studiengänge an. »Eine klare berufliche Identifikation geht dadurch verloren«, sagt BDG-Geschäftsführer Hans-Jürgen Weyer. Bei vielen Arbeitgebern herrsche Unsicherheit, für welche Berufe die neuen »Geowissenschaftler« konkret ausgebildet würden. Die Folge: »Derzeit läuft die Industrie mit der Chloroformflasche durch die Unis und betäubt alle Diplomgeologen, die sie noch kriegen kann.«

Die Wirtschaft setzt Spezialisierungen nicht unbedingt voraus

Tatsächlich kann ein erster Blick auf die Vielzahl der Studiengänge verwirrend sein. Die Universität Bremen etwa hat einen breit angelegten Bachelorund Masterstudiengang für »Geowissenschaften« im Programm, nutzt aber die Kompetenz des hauseigenen Zentrums für Marine Umweltwissenschaften (MARUM), um alternativ den englisch sprachigen Masterstudiengang »Marine Geosciences« anzubieten, der die Rolle der Ozeane für die Rohstoff ver sor gung und das Klima thematisiert. Dagegen bietet etwa die Uni Darmstadt neben einem Bachelor- und Masterstudiengang für »Angewandte Geowissenschaften« zusätzlich einen spezialisierten Masterstudiengang für »Tropical Hydrogeology, Engineering Geology and Environmental Management« an, der sich mit Projekten zu erneuerbarer Energie in tropischen Ländern beschäftigt.

Andere Hochschulen wollen schon beim Bachelor Akzente setzen, etwa die Universität Jena mit dem Studiengang »Biogeowissenschaften«, der »an der Schnittstelle der Teildisziplinen Biologie, Geowissenschaften, Geographie und Chemie angelegt« sein soll und die Absolventen befähigen will, Umweltthemen fachübergreifend anzupacken - etwa zu untersuchen, wie Schadstoffe aus kontaminierten Böden in die Nahrung gelangen. Studienanfänger haben also die Qual der Wahl. Doch welches Gebiet führt zum Erfolg? »Eine Spezialisierung ist wünschenswert, aber in der Wirtschaft nicht überall Voraussetzung«, sagt Hans-Jürgen Gursky. Zumindest große Unternehmen würden ihre Mitarbeiter oft einarbeiten, zu komplex seien bestimmte Aufgaben. Genügt der Bachelor, oder muss es der Master sein? »Der Bachelor mag ausreichen, ich sehe aber die Gefahr, dass Absolventen nach nur drei Studienjahren zwar von allem etwas können, aber nichts richtig gut«, so Gursky. »Nach Möglichkeit macht man den Master.« Tobias Rudolph, 33, Shell-Mitarbeiter und promovierter Geologe, rät Studenten, sich erst im Masterstudium zu spezialisieren, aber selbst dann nicht die Breite zu vergessen. Für die Erdölbranche sei es wichtig, die Geologie als Ganzes zu verstehen und nicht nur Teilaspekte. »Alles Wissen, das speziell für unser Geschäft relevant ist, bekommt man bei Shell durch die Arbeit im Team oder durch Fortbildungen vermittelt.«

Etwas anders sieht das im Stuttgarter Ingenieurbüro Smoltczyk & Partner aus, einem Kleinunternehmen, das 40 Mitarbeiter beschäftigt, darunter 10 Geologen. »Wir haben kaum Zeit, Berufseinsteigern Spezialwissen zu vermitteln - das sollten sie mitbringen«, sagt Büropartner Klaus Brenner. Aber was heißt all das für junge Leute, die Geowissenschaftler werden wollen? Hans-Jürgen Gursky rät zu einer Vier-Punkte-Strategie: »Den Studiengang würde ich vor allem nach Interesse wählen. Während des Studiums würde ich dann den Arbeitsmarkt im Auge behalten und auf dieser Grundlage eine erfolgversprechende Vertiefung wählen. Schließlich würde ich für die Abschlussarbeit - ob Bachelor oder Master - ein Thema wählen, das potenzielle Arbeitgeber interessiert.«

Bei der Entscheidung für den Studienort ist vielleicht ein Blick auf das neue CHE-Ranking für die Geowissenschaften hilfreich. Demnach hat sich zum Beispiel die Universität Bonn gegenüber dem letzten Ranking deutlich verbessert und befindet sich in puncto Betreuung, Exkursionen und Studien situa tion nun in der Spitzengruppe. Das Gleiche gilt für die Universität Potsdam sowie für die private Jacobs University Bremen, die zusätzlich noch bei den Forschungsgeldern spitze ist. Zu den Besten bei Forschungsreputation und Forschungsgeldern zählt die Universität Tübingen - allerdings haben die Studenten davon nichts: Studiensituation und Betreuung sind aus ihrer Sicht nur Mittelmaß. Noch schlechter schneidet die LMU München ab: Bei der Forschungsreputation liegt sie zwar vorn, doch in puncto Betreuung, Exkursionen und Studiensituation fällt ausgerechnet diese »Elite-Uni« in die Schlussgruppe zurück.

Aus DIE ZEIT :: 04.06.2009

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