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Die Rückkehr ist nicht einfach

von Nora Schoenthal

Früher galten Auslandsaufenthalte im Job als Karriere-Garant. Stimmt das noch? Ein Gespräch mit Nora Schoenthal, Leiterin der Mitarbeiterentwicklung bei Henkel.

Die Rückkehr ist nicht einfach © knallgrün - photocase.de Wie passen Work-Life-Balance und berufliche Auslandsaufenthalte zusammen?
DIE ZEIT: Frau Schoenthal, Sie haben acht Jahre in den USA gelebt und gearbeitet. Hat das Ihrer Karriere gutgetan?

Nora Schoenthal: Absolut. Als es mich 2003 für die Arbeit ins Ausland gezogen hat, war das noch unüblich. Ich wurde daher oft wegen meiner internationalen Erfahrung zurate gezogen, und meine Verantwortlichkeiten im Unternehmen haben sich stark weiterentwickelt. Nach meiner Rückkehr hatte ich zudem den Vorteil, dass ich im Umgang mit internationalen Kunden glaubwürdig vermitteln konnte, eine globale Sicht auf die Dinge zu haben.

ZEIT: Heute wollen viele Berufseinsteiger in der Heimat bleiben. Meinungsforscher haben herausgefunden, dass jeder zweite Studierende in der Nähe seines Studienortes arbeiten will. Können Sie Ihre Auslandsstellen überhaupt besetzen?

Schoenthal: Ja, definitiv. Berufseinsteiger, die sich bei uns bewerben, wissen, was sie erwartet. Henkel ist ein sehr internationales Unternehmen mit Mitarbeitern aus 125 Ländern und Standorten auf allen Kontinenten. Wir können niemanden in die Pflicht nehmen, aber wer aufsteigen will, der sollte mindestens zwei bis drei Jahre in einer ausländischen Niederlassung gearbeitet haben. Allerdings können wir feststellen, dass junge Menschen ihre Auslandsaufenthalte sehr viel bewusster planen als früher.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Schoenthal: Früher haben Unternehmen nach Bedarf entsendet und den Mitarbeiter wenig einbezogen. Das ist heute anders. Vielen Mitarbeitern ist wichtig, dass der Schritt ins Ausland zu ihren beruflichen Interessen passt und auch fachlich eine Weiterentwicklung darstellt.

ZEIT: Woher kommt die Zurückhaltung?

Schoenthal: Ein Praktikum in England, ein Austauschsemester in Japan oder vielleicht sogar ein ganzer Auslandsmaster - das haben viele schon im Studium gemacht. Im Ausland zu sein allein ist nicht mehr so etwas Besonderes wie früher.

ZEIT: Der Generation Y wird nachgesagt, sie strebe deutlich stärker nach Work-Life-Balance als ihre Vorgängergenerationen. Wie passt das zu Ihrer Vorgabe, möglichst viele Mitarbeiter ins Ausland zu bringen?

Schoenthal: Unseren Mitarbeitern ist das passende Umfeld sehr viel wichtiger als früher. Finde ich vor Ort eine gute Kita für meine Kinder? Wie hoch ist die Luftverschmutzung? Wie sicher ist das Leben, gerade in Schwellenländern? Wir arbeiten dafür vor Ort mit »Relocation-Agenturen« zusammen, die unsere Mitarbeiter bei diesen Themen unterstützen.

ZEIT: Trotzdem sind Auslandsaufenthalte für Familien oft eine Belastung, insbesondere wenn beide Partner Karriere machen wollen.

Schoenthal: Die Vereinbarkeit mit der Karriere des Partners ist für viele das Hauptkriterium dafür, ob man einen Job annimmt. Allerdings sind die Möglichkeiten, wie ein Auslandsaufenthalt gestaltet wird, vielfältiger geworden. Manche Mitarbeiter, die in Europa arbeiten, pendeln nach Hause. Oder der Partner kommt mit, kann aber seinen Job über einen virtuellen Arbeitsplatz weiterführen.

ZEIT: Und wenn das nicht geht?

Schoenthal: Dann gibt es noch die Möglichkeit, Auslandsaufenthalte kürzer zu gestalten, während die Familie zu Hause bleibt. Allerdings ist es bei uns inzwischen so, dass viele Mitarbeiter ins Ausland gehen, noch bevor sie Familie haben. Früher waren Auslandsaufenthalte das Karriere-Sahnehäubchen für Senior Manager. Mittlerweile sehen wir Auslandserfahrung als essenziell an, um junge Talente weiterzuentwickeln.

ZEIT: Aber gerade bei Berufseinsteigern ist es doch viel wichtiger, sich erst einmal ein Netzwerk im Hauptsitz aufzubauen.

Schoenthal: Natürlich ist das für Berufseinsteiger wichtig. Aber man ist im Ausland nicht von der Zentrale abgeschnitten. Und ein bisschen Eigeninitiative hilft: Mal macht man die Kollegen in der Heimat auf ein erfolgreiches Projekt aufmerksam, mal vermittelt man einen wichtigen Kontakt ins Ausland.

ZEIT: Trotzdem hat man keine Garantie, dass man nach dem Auslandsaufenthalt besser dasteht: Der alte Job ist neu vergeben, und einen anspruchsvolleren gibt es vielleicht gerade nicht.

Schoenthal: Wir setzen mit jedem Mitarbeiter vor dem Auslandsaufenthalt einen Entwicklungsplan auf, wie es nach seiner Rückkehr weitergeht. Aber eine Garantie dafür, dass das auch eintritt, gibt es nicht.

ZEIT: Studien zeigen, dass bis zu einem Drittel der Mitarbeiter ihr altes Unternehmen kurz nach dem Auslandsaufenthalt verlassen - auch weil sie sich nicht entsprechend wertgeschätzt fühlen.

Schoenthal: Diese Zahlen können wir nicht bestätigen. Natürlich ist die Rückkehr manchmal nicht einfach. Es gibt Mitarbeiter, die haben im Ausland jeden Tag mit dem Geschäftsführer zusammengearbeitet. Dann kommen sie zurück in die Zentrale und haben eine ganze Reihe an Hierarchiestufen über sich. Auch die Arbeitsprozesse sind anders: Im Ausland können zwei Anrufe reichen. Hier in der Zentrale müssen viel mehr Menschen mit eingebunden werden.

Das Gespräch führte Katja Scherer.

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