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Die Seele studiert mit

von Birgit Derntl, Michael Paulzen & Frank Schneider

Aktuelle Studien zeigen, dass sehr viele Studierende unter psychischen Problemen leiden. Um diesem alarmierenden Phänomen zu begegnen, wurde in Aachen eine psychiatrisch-psychotherapeutische Beratungsstelle für betroffene Studierende eröffnet.

Die Seele studiert mit© lassedesignen - Fotolia.comPsychische Erkrankungen bei Studenten häufen sich
Verschiedene repräsentative Gesundheitsberichterstattungen weisen durchgängig auf die zunehmende Bedeutung psychischer Störungen für die Arbeitsunfähigkeit in Deutschland hin. Daten repräsentativer Studien zufolge wird das Lebenszeitrisiko, irgendwann im Laufe des Lebens von einer psychischen Störung betroffen zu sein, auf über 40 Prozent geschätzt.

Studierende wurden lange als eine sehr gesunde Bevölkerungsgruppe angesehen, die jung, dynamisch und selbstreflektiert mit einer hohen Grundausstattung psychischer Ressourcen den Übergang von der Schule über das Studium bis hin zum Einstieg in die Arbeitswelt meist problemlos absolviert. In den frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde jedoch erstmals die Aufmerksamkeit auf psychische Störungen bei Studierenden gerichtet, und es wurden psychologische und psychotherapeutische Beratungs- und Behandlungseinrichtungen eingeführt, die reinen Versorgungsaufgaben nachgingen.

Obwohl der Bedarf erkannt wurde, war es lange Zeit unklar, wie es tatsächlich um die seelische Belastung der Studierenden stand. Systematische Erhebungen psychischer Störungen bei Studierenden fanden in diesem Zeitraum nicht statt. Aktuelle Ergebnisse des Gesundheitsreports 2011 der Techniker Krankenkasse, der Daten von ca. 140.000 Studierenden umfasst, erlauben erstmals eine differenziertere Sichtweise: Im Vergleich zu gleichaltrigen Erwerbstätigen verdoppelte sich die Menge verordneter Psychopharmaka bei Studierenden zwischen 2006 und 2010, und die Anzahl der Besuche bei Psychotherapeuten ist wesentlich höher als jene der Vergleichsgruppe. Die Zahlen weisen darauf hin, dass aktuell ca. 21 Prozent der Studierenden an einer psychischen Störung gemäß den Diagnoserichtlinien der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) leiden (gleichaltrige Nicht-Studierende: 20 Prozent). Bei differenzierter Betrachtungsweise zeigt sich allerdings ein deutlicher Anstieg nach dem 26. Lebensjahr, d.h. ältere Studierende und Doktoranden sind besonders häufig betroffen. Im Alter von 31 Jahren werden männliche Studierende etwa doppelt so häufig wie männliche Erwerbstätige mit Antidepressiva (Stimmungsaufhellern) behandelt, weibliche Studierende sind davon zu einem mehr als 60 Prozent größeren Anteil als weibliche Erwerbstätige betroffen. Im Bereich der Stimmungsstörungen, Angsterkrankungen und der Essstörungen zeigt sich ein besonderer Betreuungsbedarf.

Mögliche Ursachen

Diese aktuellen Zahlen zeigen somit deutlich auf, dass die Fähigkeit, ein Studium anzutreten, und die hiermit assoziierten Eigenschaften nicht vor dem Auftreten psychischer Störungen "schützen". Der Beginn verschiedener psychischer Erkrankungen fällt meist in die Adoleszenz und das frühe Erwachsenenalter. Allerdings wird das in dieser Zeitspanne häufig nicht erkannt oder behandelt, mit der Konsequenz, dass sich der Zustand verschlimmern kann und psychische Erkrankungen chronifizieren.

Der Lebensabschnitt des Studiums ist als besonders vulnerable Phase häufig mit Reifungskrisen und sozialen Problemen assoziiert, während die Studierenden zugleich vielfältige Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben: Sie müssen einen akademischen Arbeitsstil lernen, die Beziehung zu den Eltern und "peers" transformieren, neue Beziehungen gestalten und eigene kreative, emotionale und intellektuelle Werthaltungen weiter entwickeln. Auch das gesteigerte Ausmaß an Nebentätigkeiten, oftmals notwendig zur Finanzierung des Studiums, führt dazu, dass Studierende eine Doppelbelastung erleben, was zu einem Anstieg der psychischen Störungen führen kann. Die durch die Umstrukturierung der Studiengänge im Rahmen der Bologna-Reform deutlich höhere Verschulung mit einer gestiegenen Zahl an Pflichtlehrveranstaltungen, das vorgegebene Leistungspensum pro Semester und die Vorbereitungen für zahlreiche Leistungsnachweise führen laut Bericht des Deutschen Studentenwerks 2011 zu höheren Belastungen. Daneben geben Studierende vermehrt Konkurrenzdruck als eine Ursache für psychische Beschwerden an, und sie nehmen die deutliche Beschleunigung des Systems wahr (z.B. durch Verkürzung der Studienzeit). Dadurch kann Stress erzeugt werden, der im Sinne von Stress-Vulnerabilitätskonzepten den Ausbruch einer psychischen Störung begünstigt.

Zentrum für Psychische Gesundheit

Angesichts der oben genannten Fakten wurde in Aachen ein neuer Weg eingeschlagen: Die RWTH Aachen und die FH Aachen haben gemeinsam die erste psychiatrisch-psychotherapeutische Beratungsstelle im Januar 2012 eröffnet. Im Zentrum für Psychische Gesundheit für Studierende und Doktoranden (ZPG, www.zpg. ukaachen.de) bietet ein Team aus Psychiatern und Psychotherapeuten, Psychologen und Sozialpädagogen Studierenden und Doktoranden kurzfristig niedrigschwellige professionelle Hilfe bei psychischen Problemen und bereits manifesten psychischen Störungen an. Die neue Beratungseinrichtung ist an die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen angebunden, damit ist im Bedarfsfall auch eine optimale Vernetzung mit weiterführenden klinischen Angeboten gegeben und eine umfassende Versorgungs- und Beratungsmöglichkeit sichergestellt. Das ZPG kooperiert mit der hochschulärztlichen Einrichtung der RWTH und der FH, den beiden psychosozialen Beratungsstellen, der Gleichstellungsbeauftragten, den Rektoraten und Dezernaten beider Institutionen und dem allgemeinen Studierendenausschuss (AStA). Das ZPG wurde im September 2012 in die Landesinitiative "Gesundes Land NRW" aufgenommen und als beispielgebend für die Weiterentwicklung des nordrhein-westfälischen Gesundheitswesens bewertet.

Studierende sind aber nicht die einzige Gruppe, deren psychische Belastungen und Störungen untersucht werden müssen: Im Hochschulsystem ist auch eine Analyse der psychischen Gesundheit der Lehrenden und Mitarbeiter notwendig. Diese beiden Gruppen arbeiten und handeln in einer Vorbildfunktion für Studierende, stoßen jedoch oftmals selbst durch unzählige Systemreformen, gestiegene Studierendenzahlen, Ideologiewandel, Internationalisierung des Wissenschaftssystems, "publish or perish" sowie Personaleinsparungen an ihre persönlichen Grenzen.


Über die Autoren
Dr. Birgit Derntl ist Juniorprofessorin für Translationale Hirnforschung in Psychiatrie und Neurologie (JARA BRAIN) an der RWTH Aachen sowie psychologische Leiterin des Zentrums für Psychische Gesundheit für Studierende und Doktoranden.

Dr. Michael Paulzen ist Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Aachen und ärztlicher Leiter des Zentrums für Psychische Gesundheit für Studierende und Doktoranden.

Professor Dr. Frank Schneider ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen und Geschäftsführender Direktor von JARA.

Aus Forschung & Lehre :: November 2012

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