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Die Solar-Revolution

VON ANGELA KÖCKRITZ

China will Milliarden in die Sonnenenergie stecken. Als Exporteur der Technik ist das Land jetzt schon spitze.

Die Solar-Revolution© misterQM - Photocase.comIn China werden Milliarden in die Solarenergie gesteckt
Gleich hinterm Fensterglas beginnt die Wüste. Die Luft flirrt vor Hitze, in der Ferne breiten sich die endlosen Sanddünen der Gobi aus. Einst zogen hier die Karawanen der Seidenstraßen entlang, müde, verschwitzte Händler, voll Sehnsucht, die Oase Dunhuang zu erreichen. Es ist still in Ren Taos Büro, so still, dass man seine Zigarette knistern hören kann. Auf seinem Schreibtisch steht ein Bild, grüne, sanfte Hügel, Südchina. Immer hängen sich die Menschen die Sehnsucht ins Zimmer. In den Tropen nageln sie gerahmte Schneelandschaften an die Wand, in Europa Palmenstrände und in der Wüste frisches Grün.

Ren Tao hat etwas vom letzten Wachsoldaten auf der äußersten Bastion der großen Mauer. Er besitzt die gelassene Stimme eines Menschen, dem alle Zeit der Welt gehört, seine Bewegungen sind langsam wie die einer gerade erwachten Katze. Nur, dass Ren im Gegensatz zum Wachsoldaten nicht auf einfallende Reitervölker wartet. Sondern darauf, dass sich die Solarzellen seines Kraftwerks mit Sonnenenergie füllen. Stark ist die Sonne hier, sie färbt die Haut innerhalb kürzester Zeit dunkel, in China gibt es nur im Hochland von Tibet und Qinghai bessere Sonnenenergie. »Wir«, sagt Ren und streckt seine Glieder, »waren die Ersten. Das Modellprojekt.« Am 30. September 2009 startete die Solaranlage Dunhuang, deren Manager er ist, ihren Betrieb. Als erste Solaranlage Chinas. Und damit ist man schon beim ersten Paradox des chinesischen Solarmarktes. Chinas Solarmodulhersteller beliefern die ganze Welt. Sie bestreiten fast die Hälfte der globalen Umsätze und streichen rund 60 Prozent der Gewinne ein, die in der Branche gemacht werden. Unter den Top Ten der wachstumsstärksten Solarunternehmen finden sich acht aus China und Taiwan, aber kein einziges aus Deutschland. Und ausgerechnet ein Solargigant beginnt so spät mit einem kleinen 20-Megawatt-Kraftwerk in Dunhuang, Provinz Gansu?

»Sonnenenergie ist viel teurer als Wasser, Wind oder Kohlekraftwerke, die Investition ist hoch«, sagt Ren. »Deswegen hat man sich Zeit gelassen.« Inzwischen aber sei so gut wie jeder große Fluss mit Staudämmen zugebaut, die Regierung müsse andere Energieformen entwickeln. Und das tut sie in rasender Geschwindigkeit. China ist der größte CO2-Verschmutzer der Welt. Lange hat sich das Land dagegen gesperrt, rechtlich verbindliche Begrenzungen seiner Emissionen einzugehen, es berief sich stets auf seinen Status als Entwicklungsland. Diesen Montag aber erklärte der Chef der chinesischen Delegation auf der Klimakonferenz in Durban erstmals, dass Peking bereit sei, einem rechtlich verbindlichen Abkommen zuzustimmen, das alle Länder einschließe. Es würde dies aber nur tun, wenn fünf Voraussetzungen erfüllt seien - und wahrscheinlich nicht vor 2020. Zuerst sollten sich die EU und andere Länder zu einem rechtlich verbindlichen Abkommen nach dem Kyoto-Protokoll verpflichten. Entwickelte Länder sollen ärmere Länder finanziell unterstützen, damit diese ihren Klimaverpflichtungen nachkommen können. Und die Fähigkeiten jedes Landes, seinen Teil gegen die Klimaerwärmung zu tun, sollten berücksichtigt werden.

Peking hatte bereits auf der Klimakonferenz von Kopenhagen gelobt, seine Emissionen pro Einheit des Bruttosozialprodukts bis 2020 um 40 bis 45 Prozent zu senken, gemessen am Stand von 2005. Vor Kurzem untersuchte die deutsche Beratungsfirma Ecofys dieses Versprechen und kam zu dem Schluss, dass China seine Ziele womöglich sogar übererfüllen wird. Trotzdem würde das Land mehr verschmutzen als geplant, denn die Wirtschaft wachse schneller als gedacht. Noch bezieht China vier Fünftel seiner Energie aus Kohlekraftwerken. Mancherorts ist die Verschmutzung lebensbedrohlich, sie gilt neben illegalen Landnahmen als Hauptgrund für unzählige Proteste im ganzen Land. Normalerweise werden Industrieländer erst reich und dann grün. China muss grün werden, bevor die meisten Chinesen reich geworden sind. Bis 2015 soll der Anteil der nichtfossilen Energieformen auf 11,4 Prozent des Energiemixes steigen, bis 2020 sollen es 15 Prozent sein.

Im vergangenen Jahr waren es 9,5 Prozent. Nichtfossile Energien, dazu zählen Wasser, erneuerbare Energien und Kernkraft. Umweltschützer sind nun gespannt, ob nach dem Unfall in Fukushima der Anteil der Kernenergie gesenkt und jener der erneuerbaren Energien steigen wird. Die Solarenergie jedenfalls wächst schneller als vorgesehen. »2007 plante man noch 1,8 Gigawatt (also 18 000 Megawatt) installierte Solarkapazität bis 2007. Der neue Plan sieht bereits 5 bis 10 Gigawatt für 2015 vor«, sagt Yan Li, Klimacampaignerin von Greenpeace China. Die Entwicklung der Windenergie habe die Ziele der Regierung schon ein paar Mal übertroffen, »und wir haben große Hoffnung, dass das auch bei der Solarenergie so sein wird«. In diesem Jahr soll die landesweite Kapazität drei Gigawatt betragen. Überall im Land werden Solarparks eröffnet, der größte wird derzeit in Golmud, Qinghai, gebaut. Qinghai, sagt Ren und schaut ein wenig gequält.

Er wird nicht gern an die Konkurrenz erinnert und außerdem: Sie hätten ja selbst Großes vor. Ren führt zu einer Karte, darauf sieht man den Istzustand des Dunhuang-Solarparks, ein kleines Rechteck in der Ecke, das von einem gigantischen Feld fast aufgefressen wird. Noch in diesem Jahr soll sein Kraftwerk um 95 Megawatt aufgestockt werden. »Und dann«, sagt Ren, und seine Augen werden groß: 1000 Megawatt bis 2015, 5000 bis 2020! Und das sei nur die herkömmliche Solarenergie, darüber hinaus soll Energie mit Wasserdampf erzeugt werden, den man mithilfe großer Spiegel, Wasser und Sonnenenergie gewinnt. »Theoretisch«, sagt Ren, »könnte man die ganze Wüste Gobi mit Solaranlagen zupflastern.« Fläche und Sonne, davon hat China mehr als genug. »Das Problem ist nur: Wie integriert man den Strom in das nationale Stromnetz?« Die Solarbranche steht vor einem Dilemma: Dort, wo es die besten Bedingungen für Solarstrom gibt, also im Westen des Landes, leben die wenigsten Menschen. »Es gibt nur zwei Staatsfirmen, die das Stromnetz bauen dürfen«, sagt Ren. Und die kommen mit den Leitungen kaum noch hinterher. Solar ist nur ein Teil, auch in Windenergie wird in Dunhuang viel investiert.

»Das Wichtigste ist: einen stabilen Einspeisetarif zu haben«, sagt Ren. Die erste Solaranlage Chinas soll damit experimentieren, also herausfinden, wie hoch die staatlichen Subventionen sein müssen. Denn noch immer ist Solarstrom mehr als doppelt so teuer wie Windenergie und viermal so teuer wie der Strom aus Kohlekraftwerken. Seit diesem August gibt es einen nationalen Einspeisetarif, er liegt bei 1,15 Yuan (umgerechnet zwölf Cent), im nächsten Jahr soll er auf einen Yuan gesenkt werden. Es waren vor allem die ehrgeizigen Lokalregierungen, die darauf drängten, denn sie haben große Pläne. Fahrt durch Dunhuang. Es ist, als hätte man dem oft überhitzten China einfach mal den Stecker rausgezogen. 180 000 Menschen leben hier, Hausfassaden und Straßenlaternen zieren die tian fei, die eleganten Engel, die man in den buddhistischen Grotten bewundern kann. Wir wollen ein Interview von der Lokalregierung. Oft muss der Journalist, der darum ersucht, Wochen zuvor Faxe schicken. Zhao Tingqian, Leiter der Energieabteilung, sagt nur: »Ich bin da. Kommt einfach vorbei.«

Noch kann Zhao nicht viel zeigen, die Zukunft, sie steckt lediglich zwischen Pappdeckeln. »Im Juni wurde Dunhuang zur zweiten Modellstadt für die Anwendung der Solarenergie erklärt«, sagt er. Gemäß dem zwölften Fünfjahresplan soll es bald hundert solcher Städte geben, viele im Westen hätten ehrgeizige Pläne, aber, sagt Zhao feierlich, »nur wir haben die Anordnung des Staatsrates«. Die Konkurrenz unter den Städten ist groß und natürlich, sagt Zhao, wollten sie die Ersten, Besten und Größten werden. Wollten die Solaranlagen ausbauen, vor allem aber die privaten Nutzer ermutigen, Sonnenenergie zu nutzen. Jeder, der sich eine Solarzelle aufs Dach oder in den Hof stellt, bekommt von der Regierung die Hälfte der Investitionskosten erstattet. Ins Stromnetz einspeisen kann man den Strom nicht, er soll privat genutzt werden, genauso wie die solarbetriebenen Wasserheizungen.

Bis 2013, sagt Zhao, wolle man in Dunhuang mehr Energie produzieren, als man verbrauche. Alle Ampeln, Straßenlichter, ja, selbst die kleinen Lampen, mit denen Insekten vernichtet werden, sollen mit Solarstrom betrieben werden. Auf Dunhuangs Straßen, so der Plan, werden fortan Solarelektroautos fahren, auf deren Dach eine große Solarzelle montiert wurde, es soll spezielle Solarstromtankstellen geben. »Wir leben hier gut vom Tourismus, aber entwickeln wollen wir uns trotzdem. Doch es fehlt uns an Wasser, die Landwirtschaft zu entwickeln. Viele Industrien sind schmutzig und brauchen viel Wasser.« Einst waren sie arm und unterentwickelt, jetzt dreht sich das zu ihrem Vorteil. Wer keine Industrie hat, ist auch nicht verschmutzt. Erneuerbare Energien, das sei die Zukunft für Dunhuang, für Chinas Westen, sagt Zhao. »Wir verwandeln Abfall in einen Schatz. Der Wüstenwind brachte früher viel Zerstörung, und jetzt nutzen wir ihn.

Die Sonne störte uns früher. Jetzt profitieren wir von ihr.« Zhao lehnt sich zurück, er lächelt zufrieden: »Der Mann im Mond ist gut zu uns.« Baoding, Provinz Hebei, fast 2000 Kilometer von Dunhuang entfernt im Osten des Landes, dort, wo Chinas Herz mindestens doppelt so schnell schlägt. Hier kommen die Solarzellen her, die in Ren Taos Kraftwerk stehen. Auf dem Fabrikgelände von Yingli, dem zweitgrößten Solarhersteller Chinas, stehen Basketballkörbe und eine Bühne. Wer inspiriert ist, kann den Kollegen nach Feierabend eine kleine Show bieten. Fotos an den Fabrikwänden zeigen die Angestellten bei Kampfkunstübung und Katastrophenschutztraining: Yingli beteiligt sich an der Volksmiliz. Grüne Energie und Volksmiliz, das geht bei Yingli ideologisch offensichtlich problemlos zusammen. Leon Zhao, Direktor der Verkaufsabteilung, ist ein smarter Typ, der perfekt Englisch spricht und alle deutschen Bundesligateams ohne Stottern nennen kann. Kein Wunder, denn Deutschland, das ist ihr Markt. Vergangenes Jahr verschifften sie 55 Prozent ihrer Fertigung nach Deutschland, in diesem Jahr sind es bis zu 50 Prozent.

Kein chinesischer Hersteller, der die Details der deutschen Einspeisevergütung nicht aus dem Effeff herunterbeten könnte, die Deutschland zum größten Solarmarkt weltweit machte. Und von ihr haben vor allem die Chinesen profitiert. Geplant war das so nicht, eigentlich wollte die deutsche Regierung die heimische Industrie fördern. Doch weil chinesische Hersteller bis zu 30 Prozent günstiger anbieten, kaufen viele deutsche Verbraucher eben chinesisch, was die deutschen Hersteller bitter beklagen. In diesem Jahr aber hat auch die chinesische Branche zu kämpfen, Yinglis Kurs ist seit Wochen im Keller. Und das alles wegen Italien. »Italien hat die deutsche Politik kopiert, nur dass die Einspeisevergütung noch besser war.« Auch scheine dort doppelt so häufig die Sonne, sagt Zhao. »Alle haben sich auf ein tolles Jahr eingestellt, haben produziert wie verrückt.« Dann aber, die Ware habe schon in den Containern gelegen, sei der italienischen Regierung das Ausmaß ihrer finanziellen Probleme bewusst geworden. Sie stoppte Projekte, reduzierte Subventionen. Und die Chinesen blieben auf ihrer Überkapazität sitzen. »Allein in diesem Jahr sind die Preise um 50 Prozent gesunken«, so Zhao.

Für viele ist das das Ende.« Zahlreiche der mehr als 1000 chinesischen Solarfirmen mussten bereits schließen. Zhao aber sieht im Preiskampf eine Chance. Denn nur wenn die Solarenergie noch günstiger werde, habe sie die Möglichkeit, sich gegen andere erneuerbare Energieformen zu behaupten. »Die Regierungen werden nicht ewig zahlen. Darauf müssen wir uns vorbereiten.« Yingli, sagt Zhao, sei mit am besten, was die Produktionskosten angehe. Grund dafür sei die integrierte Fertigung. Bei Yingli werden fast alle Produktionsschritte vereinigt: Sie schmelzen, pressen und schneiden das Silizium, um es dann auf Solarzellen aufzuziehen. Doch gebe es noch ein weiteres Erfolgsgeheimnis, sagt Zhao. Nie hätten sie sich von Deutschland abgewandt, selbst als anderswo das bessere Geschäft gewunken hätte. »Der deutsche Markt ist stabil. Und in diesem Jahr haben wir mit 14 Prozent den besten Anteil dort.« Wie aber machen sie das, diese Kampfpreise, gegen die die Deutschen nicht ankämen? Es seien vor allem die niedrigen Produktionskosten, sagt Zhao. Inzwischen brauche man hier so wenig Mitarbeiter, dass die Personalkosten kaum ins Gewicht fielen.

Deutsche und amerikanische Hersteller argwöhnen hingegen, dass die chinesischen Hersteller von den Banken Großkredite zum Vorzugspreis bekämen. Soeben hat die internationale Handelskommission der Vereinigten Staaten einer Untersuchung zugestimmt, die zeigen soll, ob die Handelspraktiken chinesischer Hersteller den Wettbewerb verzerren. Es drohen Strafzölle. »Reiner Protektionismus«, schimpfen hingegen die Chinesen. Was die Deutschen ganz besonders ärgert, ist, dass sie auf dem chinesischen Markt wenig Chancen haben. Äußerst selten erhalten hier ausländische Firmen einen Zuschlag. Zhao argumentiert die Vorwürfe lächelnd weg. Er hat schon neue Ziele im Auge. Die Dächer. »Dort liegt die Zukunft. Auf der ganzen Welt. Wir müssen näher zum Verbraucher. Wir müssen auf sein Dach.« Deswegen habe Yingli die Fußball- WM gesponsert, deshalb unterstützten sie jetzt den FC Bayern. Sie wollen eine Marke schaffen. Deutschlandweit bekannt. Das zweite Ziel liegt näher. China. Der beste Weg, die Industrie zu fördern, sei doch, einen heimischen Markt zu schaffen, sagt Zhao. »Im Moment ist Deutschland das grünste Land des Erde. Ich hoffe, dass es eines Tages China wird.«

Aus DIE ZEIT :: 08.12.2011

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