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Die Spitze des Eisbergs?

von Debora Weber-Wulff

Durch die Mitarbeiter der Internetplattform "VroniPlag Wiki" wurden seit 2011 etliche Plagiate in Doktorarbeiten prominenter Politiker aufgedeckt. So geschehen beim damaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, der daraufhin zurücktreten musste. Ein Gespräch mit einer Plagiatsjägerin über ihre Arbeit bei VroniPlag Wiki.

Die Spitze des Eisbergs?© Pressureua - Dreamstime.comDebora Weber-Wulff, von VroniPlag Wiki, sieht Ursachen für die Häufung von Plagiaten im Wissenschaftssystem
Forschung & Lehre: Seit seiner Gründung im März 2011 hat die Arbeit von VroniPlag Wiki dazu geführt, dass acht Personen der Öffentlichkeit ihren Doktortitel abgeben mussten. Ist dies nach Ihrer Einschätzung nur die Spitze des Eisbergs?

Debora Weber-Wulff: Ich fürchte, ja. Ich glaube kaum, dass zufällig alle plagiierten Doktorarbeiten inzwischen dokumentiert sind, denn eines wird bei der näheren Beschäftigung mit den Arbeiten sehr deutlich: Das ist kein Zufall. Es scheinen sich Unarten im Umgang mit fremden Quellen eingeschlichen zu haben, von "vergessenen" Anführungszeichen über sog. Bauernopfer (die Quelle ist zwar angegeben, aber der Umfang der Übernahme wurde nicht deutlich gemacht) bis hin zu großflächigen Übernahmen, ggf. mit kleinen Editierungen, teilweise sogar aus der Wikipedia. Das deutet auf ein viel größeres Problem hin - der Umgang mit Texten scheint verlernt, bzw. gar nicht erst korrekt vermittelt worden zu sein.

F&L: Wenn auf mehr als zehn Prozent der Seiten Plagiate festgestellt wurden, wird der Autor der Dissertation im Wiki genannt. Warum ausgerechnet zehn Prozent? Wer hat das festgelegt?

Debora Weber-Wulff: Diese "Regel" existiert so nicht im VroniPlag Wiki! Das ist irgendwann in der Presse gelandet und geistert seitdem dort herum. Es soll nicht sein, dass jemand wegen einer kleineren Übernahme gleich mit Namen genannt wird. Aber wenn es eine bedenkliche Menge an Übernahmen gibt - das können nur zehn von 400 Seiten sein, die aber komplett übernommen sind, oder ein Fünftel der Seiten mit immer wiederkehrenden Bauernopfern - dann kann der Autor genannt werden. Jedes Werk ist ein Einzelfall, und verlangt eine Einzelentscheidung.

F&L: VroniPlag Wiki wird aufgrund der strikten Geheimhaltung seiner Akteure kritisiert. Was ist der Grund für dieses Vorgehen?

Debora Weber-Wulff: Das stimmt so nicht ganz - mindestens drei der Aktiven, unter anderem ich, sind mit bürgerlichem Namen bekannt. Wenn man sieht, mit welchen Mitteln gegen meine Person agiert wird - Versuche, mich zu diskreditieren; absurde Vorwürfe des Mobbings; persönliche Bedrohungen bis hin zum Rat, dass ich aufpassen muss, weil man mich sonst umbringen würde -, kann man vielleicht verstehen, dass nicht jeder Lust darauf hat. Hier wird gegen den Überbringer der schlechten Nachrichten vorgegangen, statt gegen diejenigen, die schlechte wissenschaftliche Praxis an den Tag gelegt haben! Letzten Endes ist es aber egal, wer die Akteure im Wiki sind - man kann sie anhand ihrer "Nicks" zuverlässig zuordnen und die Qualität der jeweiligen Dokumentationen nachvollziehen. Alles ist im Wiki offen dokumentiert.

F&L: Kritik gab es auch an der Qualifikation der Mitglieder oder am methodischen Vorgehen der Plagiatsjäger. Ist sie berechtigt?

Debora Weber-Wulff: Um Textparallelen zu dokumentieren, braucht man keine besondere Qualifikation, außer Lesen und Schreiben zu können! VroniPlag Wiki beurteilt die Arbeiten nicht inhaltlich, obwohl es mir schon auf den Nägeln brennt, wenn ich sehe, dass die SuperIllu als Quelle für die Bevölkerungsstatistik angegeben wird oder eine preiswürdige Dissertation Übernahmen aus der Wikipedia enthält. Es wird lediglich dokumentiert. Es gehört allerdings eine gute "Forschernase" dazu, die jeweils verwendeten Quellen aufzuspüren. Gute Kenntnisse von Recherchemethoden und des Angebotes an bibliothekarischen Hilfsmitteln sind schon notwendig; ein Auge für Details und Genauigkeit schadet auch nicht.

F&L: Wie demokratisch und offen verläuft die Diskussion beispielsweise unter Mitgliedern von Vroniplag Wiki? Wie geht die Plattform mit internen Meinungsunterschieden um?

Debora Weber-Wulff: Diese Frage verwundert mich sehr. Was für ein Anspruch wird hier an VroniPlag Wiki erhoben, eine Gruppierung, die ohne jegliche Finanzierung oder Mandat auf Missstände innerhalb der Wissenschaft in Deutschland hinweist? Wir stimmen in der Wissenschaft nicht darüber ab, ob die Welt flach ist oder nicht - wir dokumentieren, experimentieren, sammeln Belege und Argumente. Bei VroniPlag Wiki sind die Beweismittel die Fragmente, die Textparallelen dokumentieren. Es kann sich jeder - sapere aude! - eine eigene Meinung bilden. Die Gruppe ist offen für alle, die aktiv mitarbeiten wollen, solange es nach wissenschaftlichen Prinzipien geschieht. "Blindsichtungen" ohne Quelle sind genau so problematisch wie tendenziöse Kommentare. Derartiges wird gruppenintern entsprechend harsch - bis zum Ausschluss aus VroniPlag Wiki - geahndet. Bei Meinungsverschiedenheiten wird, wie es sich in der Wissenschaft gehört, diskutiert. Zu jedem Fragment gibt es eine Diskussionsseite, zusätzlich wird in einem Chat das eine oder andere Problem erörtert. Da geht es schon mal heiß her, aber es gilt, mit Argumenten zu überzeugen und nicht mit Einschüchterungen.

F&L: Welche konkreten präventiven Maßnahmen sind im Kampf gegen das Plagiieren nach ihrer Beobachtung erfolgversprechend?

Debora Weber-Wulff: Sorgfältiges Lesen und Schreiben! Die eingereichten Arbeiten müssen gründlich gelesen werden - und die Studierenden müssen wissenschaftlich recherchieren und schreiben lernen. Die Universitäten sollten sich nicht darauf verlassen, dass dieses schon in der Schule vermittelt wurde, sondern vielmehr selbst Kurse für wissenschaftliches Schreiben anbieten. Es muss auch offen über Plagiat gesprochen werden - was ein Plagiat ist, wie man es vermeidet und warum es nicht zu tolerieren ist. Die Professorenschaft muss natürlich auch mit gutem Beispiel vorangehen. Sie dürfen nicht die Texte ihrer Studierenden als eigene Texte ausgeben oder Foliensätze aus dem Netz auf den eigenen Namen umbiegen. Wir brauchen eine Kultur des Zitierens, nicht weitere Regeln und Vorschriften.

F&L: Wie sollten Studenten und der wissenschaftliche Nachwuchs auf dieses Problem hin vorbereitet und geschult werden?

Debora Weber-Wulff: Seminare im Grundstudium über Wissenschaftlichkeit, Ethik und wissenschaftliches Schreiben sind unerlässlich. Man braucht auch Zeit, um die Arbeiten zu lesen und konstruktive Rückmeldungen zu geben; das ist nahezu unmöglich, wenn 100 oder gar 200 Personen an einer Grundlehrveranstaltung teilnehmen. Man kann das Plagiieren auch als Symptom grundlegenderer Krankheiten im Wissenschaftssystem sehen. Man kann nicht beliebig vielen Studierenden mit immer weniger Personal auf immer engerem Raum eine ordentliche Bildung zukommen lassen. Die Professorinnen und Professoren müssen sich auch als Teil einer Gemeinschaft verstehen - einer Gemeinschaft aus Lehrenden und Lernenden - und weniger als Koryphäen, denen nicht widersprochen werden darf. Sie sind letztlich auch dafür verantwortlich, Dissertationen akzeptiert, und teilweise mit Bestnoten oder Preisen versehen zu haben, die dies nicht verdient haben.


Über die Interviewte
Debora Weber-Wulff ist Professorin für Medieninformatik an der Berliner Hochschule für Technik und Wissenschaft, (HTW) und aktiv bei VroniPlag Wiki.

Aus Forschung & Lehre :: August 2012

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