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Die Spritze gegen Krebs

VON ULRICH BAHNSEN

Durch Impfungen könnten in Deutschland jährlich bis zu 100.000 neue Tumorerkrankungen vermieden werden.

Die Spritze gegen Krebs© Eisenhans - Fotolia.comEine HPV-Impfung ist sinnvoll, hat sich aber in Deutschland noch nicht durchgesetzt
Henrietta Lacks war gerade 31 Jahre alt geworden, als sie sterben musste. Ihr Krebs aber blieb am Leben. Lacks, fünffache Mutter, litt an einem Gebärmutterhalskarzinom, unheilbar zu ihrer Zeit. Als ihr Leben 1951 endete, begann die Karriere ihres Tumors: Aus ihm stammten die ersten menschlichen Zellen, die Wissenschaftler im Labor züchteten: »HeLa-Zellen« wurden zu einem wertvollen Werkzeug der biomedizinischen Forschung. Doch warum hatte der Krebs in Henrietta Lacks' Körper zu wuchern begonnen? Die Antwort fanden Lars Steinmetz und seine Kollegen erst jetzt - 62 Jahre nach dem Tod der jungen Afroamerikanerin - im Genom der HeLa-Zellen. Im Chromosom 8 entdeckte die Truppe vom European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg gefährliche Virusgene. Lacks muss sich früh infiziert haben, mit Papillomaviren vom Typ 18, krebsauslösenden Erregern. Bis heute, trotz umfassender Früherkennung, bedroht Gebärmutterhalskrebs viele Frauen in Deutschland. Rund 6.500 erkranken jedes Jahr, 1.700 sterben daran.

In den fünfziger Jahren war die Existenz von Tumorviren unbekannt. Es war der Krebsforscher Harald zur Hausen, der in beharrlicher Arbeit bewies, dass humane Papillomaviren (HPV) für den gefürchteten Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind. 2008 erhielt der Deutsche dafür den Medizin-Nobelpreis. Seither rücken Viren in den Fokus der Krebsforschung. Experten vermuten, dass jeder siebte, nach anderen Schätzungen gar jeder fünfte Tumor durch chronische Infektionen entsteht. Vorsichtig gerechnet, werden dabei jährlich 70.000, vielleicht mehr als 100.000 Deutsche zu Krebspatienten. Anfang Oktober präsentierte eine Gruppe schwedischer Tumorgenetiker in Nature Communications eine Liste jener Krebserkrankungen, die von Viren ausgelöst werden können. Die Forscher hatten dafür über 4.400 Gewebeproben von Patienten auf nicht menschliche Gene untersucht - und immer wieder Spuren der Erreger entdeckt. Sie bedrohen auch Männer. Eine Gruppe von 14 sexuell übertragenen HPV-Typen löst nach den Befunden aus Schweden nicht nur sämtliche Gebärmutterhalskrebse aus, sie sind auch für 15 Prozent der Weichteilkrebse in Mund, Rachen und Halsbereich verantwortlich. Sogar beim häufigen Darmkrebs ist eine HPV-Infektion bei einem von 20 Patienten die Ursache. Dazu kommen Enddarm-, Anal- und Peniskarzinome, die nicht nur, aber vor allem junge homosexuelle Männer treffen können. Der zweite Haupttäter, das Hepatitis-B-Virus (HVB), ist kaum weniger aggressiv; offenbar gehen ein Drittel aller Leberzellkrebse auf sein Konto.

Das Leiden und Sterben durch Krebsviren könnte heranwachsenden Generationen nahezu vollständig erspart werden - rechtzeitige Impfungen genügen. Eine Vakzine gegen Hepatitis B steht seit Jahrzehnten zur Verfügung. Wie effektiv sie ist, demonstrierte Taiwan vor 20 Jahren. Da startete die Regierung eine Impfkampagne für Kinder gegen das grassierende Virus - die Häufigkeit von Leberkrebs schrumpfte bei den Geimpften auf die Hälfte. Seit 1995 ist die Hepatitis-Immunisierung in Deutschland vom zweiten Lebensmonat an im Impfkalender vorgesehen, lief aber schleppend an: 2001 waren unter 60 Prozent der Schulanfänger geimpft, inzwischen stagniert die Rate bei 86 Prozent. Zu wenig, bemängelt das zuständige Robert-Koch-Institut in Berlin. Viele Nichtgeimpfte stammen aus Migrantenfamilien und sind bei Besuchen in der Heimat oft einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Trostlos ist die Lage bei der Verhütung der Papillomavirusinfekte. Das Ziel der kompletten Durchimpfung 12- bis 17-jähriger Frauen vor dem ersten Sex - bei dem sich viele bereits anstecken - ist in Deutschland nicht in Sicht.

Gegen Papillomaviren stehen längst zwei Impfstoffe zur Verfügung: Cervarix (GlaxoSmith-Kline) schützt gegen die häufigsten und gefährlichsten krebsauslösenden HPV-Typen 16 und 18, Gardasil von Sanofi Pasteur MSD zusätzlich gegen HPV 6 und 11, welche nicht behandelbare Genitalwarzen hervorrufen. Obwohl die blockierten Virustypen nur 70 Prozent der Gebärmutterhalskrebse auslösen, verhindern die Vakzinen bis zu 90 Prozent der Krebsvorstufen im Unterleib. Die Impfungen wirken besser als erwartet; infolge einer Kreuzimmunisierung schützen sie sogar gegen HPV-Typen, die im Impfstoff gar nicht enthalten sind. Eine neue Vakzine immunisiert gleich gegen neun HPV-Arten. Sein Unternehmen, sagt Klaus Schlüter von Sanofi Pasteur, rechne damit, den Impfstoff in wenigen Jahren in Deutschland verfügbar zu haben. Zudem gelten die Impfungen als außerordentlich sicher; weltweit wurden bereits 120 Millionen Dosen des Marktführers Gardasil verimpft. Gerade erst haben Forscher des Stockholmer Karolinska-Instituts im British Medical Journal eine neue Prüfung mit insgesamt einer Million junger Frauen veröffentlicht: Es gebe keine Anzeichen für irgendein Risiko schwerer Nebenwirkungen, sagt die Studienleiterin Lisen Arnheim-Dahlström.

Bei deutschen Eltern verfängt die Botschaft dennoch nicht: Weniger als 30 Prozent der Mädchen erhalten derzeit den Schutz. Und gegen den Willen der Eltern dürfen sie sich erst ab 16 impfen lassen. Wie man es besser macht, haben Australien, Kanada oder das Vereinigte Königreich vorexerziert. Dort werden Impfstoffe zentral und kostengünstig bei den Herstellern gekauft und flächendeckend in den Schulen verimpft. Australien erreichte so eine Impfquote von 80, Großbritannien von 70 Prozent - genug, um die Zirkulation der Erreger zu brechen. Selbst in Ruanda sind die jungen Frauen immunisiert. In Deutschland aber, gelähmt durch föderales Klein-Klein, mangelnden politischen Willen und verbreitete Impfskepsis, wird eine historische Chance verspielt. Keineswegs geholfen hat in der Sache, dass 13 deutsche Gesundheitsforscher 2008 in einem »Manifest« die Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut attackierten. Tenor: Die Wirksamkeit der Impfstoffe gegen die Krebserkrankungen sei nicht belegt, die Empfehlung müsse zurückgezogen werden. Unterstützung fanden die »Wilden 13« - zum Entsetzen der Bundesärztekammer - bei der Berliner Ärztekammer und ihrem Präsidenten Günther Jonitz und Teilen der Medien. Bei der Berichterstattung erlitt die Süddeutsche Zeitung geradezu einen journalistischen Total-Blackout, als sie die Kampagne der »Wilden 13« praktisch reflexionsfrei in mehreren Artikeln kolportierte. Tatsächlich gab es schon 2008 weder an der Sicherheit noch an der Effizienz der Impfstoffe begründbare Zweifel. Zur Untermauerung ihrer Kritik hatten die Dissidenten Resultate sogenannter intention to treat-Analysen herangezogen.

Ansteckend

Papillomaviren
rufen Gebärmutterhalskrebs hervor. Schon seit Jahren existieren wirksame Impfungen.

Die Erreger
werden auch für Tumore in Mund und Darm verantwortlich gemacht.

Hepatitisviren
sind die Ursache jedes dritten Leberzellkrebses. Auch gegen diese Erreger empfehlen Experten, Kinder zu impfen.
Solche Auswertungen erfassen den Einfluss der Impfung bei allen Studienteilnehmerinnen, egal, ob sie alle nötigen Spritzen erhalten hatten (kein oder geringer Impfschutz) oder bei der Vakzinierung bereits infiziert waren (Immunisierung wirkungslos). Hinter dem Zwist um die Krebsverhütung mit der Spritze steht eine Grundkontroverse in der Gesundheitsforschung: Schützt man die Volksgesundheit besser durch pharmakologische oder soziale Intervention? Kurz vor einem Eklat stand kürzlich ein Expertentreffen der Bundesärztekammer zur Gesundheitsprävention in Berlin. Andreas Kaufmann, Tumorvirologe an der Charité, schilderte die Lage bei der HPV-Verhütung in Deutschland schonungslos. Den Forscher treiben tragische Fälle um: unter 30-Jährige mit einem invasiven Karzinom. Deren Tumor könne nicht mehr fruchtbarkeitserhaltend operiert werden, klagte er vor den Kollegen. »Die sind traumatisiert.« Der Schlagabtausch folgte umgehend: 200 Millionen Euro würde eine Impfung aller jungen Frauen pro Jahr kosten, hielt der Gesundheitsforscher Rolf Rosenbrock dagegen, 2008 einer der Unterzeichner des Manifests: »Mit diesem Geld könnte ich mehr bewirken«. Da wiederum platzte dem Leiter der Veranstaltung der Kragen. »Ihr habt damals einen schweren Fehler gemacht«, rief Peter Scriba, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, dem Kritiker zu. »Ich hätte erwartet, dass ihr das jetzt einräumt.« Zwar mögen beide Strategien in der Gesundheitsvorsorge ihre Berechtigung haben. Zur Eliminierung eines krebserregenden Virus allerdings, das in weit über zwei Dritteln der Bevölkerung zirkuliert, dürften soziale Maßnahmen wenig geeignet sein. Infektionsexperten fordern inzwischen eine Ausweitung der HPV-Vakzinierung auch auf junge Männer. In Australien und den USA werden die Jungen bereits geimpft.

Der Infektiologe Carl Knud Schewe hält es für richtig, auch hierzulande junge Männer gegen HPV zu schützen: »Um den Infektionszyklus zwischen den Geschlechtern zu brechen«, sagt der Arzt vom Infektionsmedizinischen Zentrum Hamburg. »Und weil jeder zwanzigste Mann Sex mit Männern hat.« Er sehe Jahr für Jahr einige seiner Patienten an einem Analkrebs sterben, klagt Schewe. »Homosexuelle Männer haben ein drastisch höheres Risiko. Vieles spricht indessen dafür, dass ein Impfprogramm nicht nur Leid verhindern könnte, sondern langfristig auch ökonomisch geboten ist. »Wir wissen, dass die HPV-Impfung trotz des hohen Preises kosteneffektiv ist«, sagt Andreas Kaufmann. Die Kosten sind indessen nicht so hoch, wie von den Kritikern behauptet: Durch gesetzliche Preisabschläge und Rabattverträge schlagen drei Spritzen pro Patient bei den Krankenkassen mit 400 Euro zu Buche. Inzwischen hat sich gezeigt, dass schon zwei Spritzen einen robusten, wahrscheinlich lebenslangen Schutz erzeugen. Man habe die Zulassung für die reduzierte Impfdosis beantragt, versichert Sanofi Pasteur-Sprecher Klaus Schlüter. Mehr Enthusiasmus werden jedoch auch sinkende Preise bei impfskeptischen Eltern und Ärzten wohl nicht erzeugen. In Australien dagegen sind erste Wirkungen der Impfung zu beobachten. Dort werde Gebärmutterhalskrebs in Zukunft nur noch selten vorkommen, rechnete Charité-Fachmann Kaufmann in Berlin vor. Genitalwarzen kennt die Jugend Australiens jetzt schon nicht mehr.

Aus DIE ZEIT :: 31.10.2013

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