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Die stille Ausnahme

VON ILKA KREUTZTRÄGER

Ingo Barth hat als erster Gehörloser in Deutschland einen Doktortitel in Chemie und wurde für seine Grundlagenforschung bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem academics-Nachwuchspreis. Dabei waren seine Voraussetzungen für eine akademische Laufbahn denkbar schlecht.

Die stille AusnahmeIngo Barth, Nachwuchswissenschaftler des Jahres 2012, mit seiner Frau Tanja
75 Minuten trennen die zwei Leben von Ingo Barth. An dem einen Ende, ganz im Nordwesten Berlins unweit des Tegeler Sees, lebt er mit seiner Frau und den beiden Töchtern. Einmal mit der Bahn quer durch die Stadt in den Südosten der Stadt arbeitet der 36-jährige Physiker seit fast zwei Jahren am Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie (MBI), berechnet dort in einem kleinen Team Prozesse im Inneren von Atomen und Molekülen.

In einem kleinen schlichten Büro betreibt Barth Grundlagenforschung in Starkfeld- und Attosekundenphysik. Schon in seiner Doktorarbeit fand er heraus, wie Elektronen durch Laserpulse auf eine ringförmige Bahn gezwungen werden können und so in ihrem Inneren irrsinnig starke Magnetfelder erzeugen. Magnetfelder, die nach seinen Berechnungen das bislang stärkste im Labor erzeugte permanente Magnetfeld von knapp 100 Tesla weit übertreffen. Am MBI führt er diese Forschung zur Kontrolle von Elektronenbewegung durch Laserpulse fort. Für seine Erkenntnisse wurde Barth bereits mit dem Carl-Ramsauer-Preis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu Berlin und dem Wilhelm-Ostwald-Nachwuchspreis der Wilhelm-Ostwald-Gesellschaft, der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und der Deutschen Bunsen-Gesellschaft (DBG) ausgezeichnet - und jetzt mit dem Nachwuchswissenschaftlerpreis 2012 von academics.

Barth, der als erster Gehörloser in Deutschland in Chemie promoviert hat, nimmt solche Auszeichnungen auch immer mit ein wenig Genugtuung an. "Ich bin kein Angeber, aber ich bin stolz auf die Preise und kann damit anderen Menschen auch zeigen, was man als Gehörloser erreichen kann", sagt Barth - oder besser - gebärdet Barth und übersetzt sein Dolmetscher, den er zum Treffen mitgebracht hat. Im Alltag muss er außer bei Vorträgen ohne Dolmetscher auskommen, regelt viel per Mail, kommuniziert mit seinen Kollegen mit Stift und Zettel, einige können auch ein paar Gebärden.

Arbeiten gegen das Stigma vom dummen Tauben

Im Prinzip ist seine Karriere eine Aneinanderreihung kleiner Siege im Kampf gegen das Stigma "taub gleich zurückgeblieben", das immer noch vielen Gehörlosen angeheftet wird. "Ich weiß nicht, warum vor allem Lehrer irgendwann beschlossen haben, dass Gehörlose dumm sein müssen", sagt Barth, der die zweite Klasse überspringt, 1996 mit einem Notendurchschnitt von 1,7 in Essen sein Abitur macht, 2004 sein Physikstudium an der TU Berlin mit Auszeichnung abschließt und für seine preisgekrönte Summa-Cum-Laude-Doktorarbeit in die theoretische Chemie wechselt.

Die Voraussetzungen für eine akademische Laufbahn waren für Barth, der 1976 in Leipzig geboren wurde und in Eberswalde und Berlin aufwuchs, denkbar schlecht. Die Gehörlosenschule nahe Eberswalde war eine Schule für hörbehinderte, lernschwache Kinder. Nichts für Barth, der in die Gehörlosenschule nach Berlin pendelt. Aber auch dort wurde nicht in der deutschen Gebärdensprache, seiner Muttersprache, unterrichtet, sondern nach der oralen Methode. Sie mussten von den Lippen ablesen lernen und sprechend antworten. Barth erinnert sich an Stunden, in denen er mit Kopfhörern da saß und Laute nachsprechen sollte, die der Lehrer vorgab. "Ich habe natürlich nichts gehört, sondern nur am Ausschlag des Pegels gesehen, dass etwas gesagt wurde", sagt Barth. Er könne immer noch ein bisschen Lippenlesen, aber die Fehlerquote sei sehr hoch.

"Wäre die Mauer nicht gefallen, hätte ich nie Abitur machen können und würde wie meine gehörlosen Eltern ein bescheidenes Gehörlosenleben leben", sagt Barth. Sein Vater ist Werkzeugmacher, seine Mutter Damenschneiderin - Gehörlose hatten in der damaligen DDR einfach keine große Wahl. Zahntechniker, Feinmechaniker oder Koch konnten sie lernen, aber handwerkliche Berufe haben ihn nie interessiert. Barth spielt Schach seit er sechs ist, erst in der Schule und später im Verein, mag Logik-Sachen, interessiert sich für Mathematik, für Naturwissenschaften und ist in seiner Familie der erste, der promoviert hat.

An der Uni die Liebe gefunden

Barth ist zu Beginn seines Physikstudiums der einzige Gehörlose an der TU, ein guter Dolmetscher für sein Fach war schwer zu finden und er hätte ihn selbst bezahlen müssen. Unmöglich, also begleiten ihn Studenten aus höheren Semestern in die Vorlesungen und Seminare, schreiben für ihn mit und übernehmen die Kommunikation mit den Dozenten. Aber der Kontakt zu den anderen Studierenden bleibt schwierig. Es fehlen die Plaudereien zwischen den Seminaren, der unmittelbare Austausch beim Mittagessen oder beim Ausgehen am Abend. Barth geht in den Pausen oft die Mitschriften aus der Vorlesung durch und unternimmt abends was mit anderen Gehörlosen. Bis er beginnt, Kurse in Gebärdensprache anzubieten - und hier seine Liebe findet.

Seine Frau Tanja studiert Psychologie und Jura an der FU Berlin und kommt aus einer hörenden Familie. Doch sie hatte durch Zufall während der Schulzeit Kontakt zu einer Klasse mit Gehörlosen, da war sie 14 Jahre alt und war sofort von der Gebärdensprache fasziniert. Diese Faszination ging bis zum Studium nicht verloren, also besuchte sie Ingos Kurs und verliebte sich in ihn. 2004 haben die beiden geheiratet. Durch ihren Mann hat sie sich dann gewissermaßen auch für ihren Beruf entschieden, sie arbeitet heute als Gebärdendolmetscherin.

Unter der Woche sei sie momentan quasi alleinerziehend. "Ingo ist den ganzen Tag im Institut und als Familie sehen wir uns dann nur abends oder am Wochenende", sagt sie. Die beiden hörenden Töchter wachsen zweisprachig auf. In der Familie müsse sie trotzdem manchmal aufpassen, dass sie nicht so etwas wie die Familiendolmetscherin werde. Oft kämen die beiden fünf- und achtjährigen Mädchen erst zu ihr, wenn sie etwas wollen, sie eine Frage haben oder wenn es schnell gehen soll. "Aber ich sage ihnen dann, wenn ihr was vom Papa wollt, dann geht zu ihm", sagt Tanja Barth.


Immer wieder der erste seiner Art

Barth war der erste Nicht-Hörende am Max-Born-Institut und für die Kollegen war das am Anfang nicht leicht. "Manche Leute sind unsicher, wissen nicht so richtig, wie sie das handhaben sollen, ich weiß auch, dass das nicht einfach ist", sagt Barth. Es sei darum immer gut, wenn beim ersten Treffen ein Dolmetscher dabei sei, auf Konferenzen beispielsweise komme so schnell ein Gespräch zustande.

Aber selbst die Dolmetscher stellt er immer wieder vor Herausforderungen, denn für viele Fachworte gibt es keine Gebärde. "Wenn ich auf einer Konferenz bin und ein Fachwort zum ersten Mal sehe, muss ich mir eben eine Fachgebärde ausdenken", sagt Barth. Er hat sich dann irgendwann mal mit einem Physik-Wörterbuch hingesetzt und sich überlegt, welche Gebärden er für seine Arbeit brauchen könnte. Herausgekommen ist eine alphabetisch sortierte Tabelle mit Gebärden für sich und seine Dolmetscher. Außerhalb seines Arbeitsbereiches verstehe sowieso keiner, was er mache. Ob taub oder hörend, ob Gebärde oder Wort - zirkular polarisierte Elektronen, Laserpulse oder Tunnelionisation müsse er immer erklären. Gäbe es andere gehörlose Wissenschaftler, mit denen er auf dem gleichen Niveau sprechen könnte, würde er seine Gebärden teilen. "Aber die gibt es nicht", sagt Barth. "Ich bin eben die Ausnahme."

Immer weiter gehen

Früher schon ging Barth mit seinen Eltern wandern, als die Mauer fiel konnten sie endlich in die Alpen, hoch auf die Gipfel. Heute sind es nicht mehr die Alpen, sondern er sucht mit seiner Familie oder anderen Geocachern via GPS nach versteckten Schätzen. Er braucht eben immer ein Ziel und das haben schon Freunde in der Schule als eine seiner zentralen Eigenschaften ausgemacht, als sie ihm seine Namensgebärde gaben. Den kleinen Finger abspreizen für das I im Fingeralphabet und dann den Finger schräg nach vorn bewegen - übersetzt bedeutet das so viel wie Ingo hat ein Ziel, Ingo geht immer weiter, geht immer vorwärts.

"Ich finde immer meinen Weg, Schritt für Schritt", sagt Barth. Nur an der Kommunikation scheitert er manchmal. Und nicht alles lässt sich planen, in seinem Bereich sind befristete Verträge üblich und seiner am MBI läuft Ende Dezember aus. Es könne also sein, dass er nächstes Jahr schon woanders arbeitet. Aber Europa möchte er nicht verlassen, Berlin eigentlich auch nicht, auch wenn die Bedingungen für Gehörlose in den USA sehr gut sind und es dort die weltweit einzige Universität für Gehörlose gibt. In Deutschland werde den Gehörlosen das Leben noch immer schwer gemacht und Barth wolle nicht einfach irgendwo hingehen, wo es besser sei. "Ich möchte mich dafür einsetzen, dass in Deutschland die Bildung für Gehörlose verbessert wird und bessere Arbeitsbedingungen geschaffen werden", sagt Barth.

Mit ein paar Mitstreitern arbeitet er deswegen an der Idee der "European Deaf University". "Gäbe es eine inklusive europäische Uni für Gehörlose und Hörende, wäre es einfach", sagt Barth. Die Hörenden müssten an einer solchen Uni Gebärdensprachen lernen, wer nach China an die Uni ginge müsse chinesisch sprechen und warum solle das nicht für die deutsche Gebärdensprache, die seit 2002 offiziell eine anerkannte Sprache ist, genau so möglich sein. Bislang scheitert die Idee an der Finanzierung - aber Aufgeben ist seine Sache nicht.

academics :: November 2012

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