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Die Stunde der Bio-Punks

VON ANNE KUNZE

In amerikanischen Garagenlabors wird die Medizintechnik neu erfunden: Biologen, Programmierer und Computerfreaks wollen den Menschen gesünder machen. Ihre Konkurrenz: Die Konzerne. Ihr Vorbild: Das Silicon Valley.

Die Stunde der Bio-Punks© LeifStiller - iStockphoto.comBio-Punks entwickeln in den USA Implantate zur Überwachung der Gesundheit des Menschen
Olivia Webb panscht in einem Messbecher aus dem Supermarkt eine reichlich unappetitliche Flüssigkeit zusammen. Webb ist Wissenschaftlerin, was man nicht vermuten würde, wenn man sie in ihrem Arbeitskeller in Pittsburgh, Pennsylvania, stehen sieht. Destilliertes Wasser, Backpulver und Essig: Diese Zutaten mischt Webb so lange zusammen, bis die Brühe dem pH-Wert von Blut entspricht. Als Nächstes nimmt die Biologin ein kleines blau blinkendes Gerät zur Hand und tunkt es unter. Das Blinklicht erlischt, das ist schlecht. Es bedeutet nämlich, dass der Apparat im Blut nicht funktionieren würde. Dabei soll er so bald wie möglich, spätestens im September, in einen menschlichen Oberarm implantiert werden.

Das Implantat ist die neueste Erfindung einer Gruppe junger Biologen, Computerexperten und Tüftler. Wenn es nach ihnen geht, sollte bald jeder ein solches Gerät in sich tragen. Es misst wichtige Funktionen des Körpers und soll verhindern, dass der Mensch krank wird. Wie das geschieht? Eine schmale Platine, klein wie ein Feuerzeug, zeichnet Herzschlag und Körpertemperatur auf und schickt die Daten übers Handy ins Internet.

Tim Cannon, 33, ist der Softwareingenieur der Gruppe und außerdem sein eigenes Versuchskaninchen. Ihm soll das Gerät in den Arm gesetzt werden, eingepackt in eine Hülle, damit es nicht mit Blut in Berührung kommt. Andernfalls platzt die Batterie im Apparat, und Cannon stirbt. Sein Herz und seine Nieren würden vergiftet, sagt er, innerhalb von Minuten. Es schreckt ihn nicht. »Nur wenn wir mit dem eigenen Körper experimentieren, können wir den Wettlauf mit den großen Konzernen gewinnen.« Cannon geht es um die Frage, wer das Sagen über die Gesundheit der Menschen hat: Punks wie er selbst oder die Krawattenträger in den großen Medizinkonzernen. Er steigt die wacklige Treppe hinauf, die zum Büro der Gruppe führt, einem kleinen Raum mit aufgeschraubten Computern auf dem Holzfußboden und zerschlissenen Polstersesseln.

Die USA ist dieser Tage ein Land in erregter Gründerzeitstimmung: Amateure, Wissenschaftler und Unternehmer richten in Küchen, Kellern und Garagen ihre Labore ein. Sie nennen sich Bio-Hacker, Do-it-yourself-Biologen oder Bio-Punks. Sie züchten Zellen, setzen Gene neu zusammen und entwickeln Implantate. Es ist eine junge Bewegung, die sich lustvoll und neugierig auf das Leben stürzt, das sich da vor ihnen in Petrischalen und Reagenzgläsern windet.

An dem medizintechnischen Fortschritt, für den sich die Bio-Punks interessieren, wird auch in Konzernen und an Universitäten geforscht. Neue Apparate und Testverfahren gelten als nächste Innovation schlechthin, welche die Lebensqualität der Menschen erheblich verbessern soll. Obendrein sollen die Menschen dadurch auch produktiver werden. Forscher und Unternehmer erhoffen sich so einen regelrechten Schub für das Wirtschaftswachstum - so wie nach der Erfindung der Dampfmaschine und der Entwicklung des Internets. Bill Gates, Gründer des Softwarekonzerns Microsoft, des größten Computerprogramm-Herstellers der Welt, sagt in einem YouTube-Video, wenn er heute jung wäre, würde er sich an der Nahtstelle von Computern und Medizin aufhalten. Für den Einsatz von Software zur Verbesserung der Medizin breche ein »goldenes Zeitalter« an.

In einer Firma will man bald lebensfähige Haut drucken

Es gibt viele Jungunternehmer, die genau daran glauben und dabei aufs große Geld hoffen. Bei BioCurious etwa, einem Bio-Hacker-Labor in San Francisco, mieten sich regelmäßig Investoren ein. Die neueste Entwicklung ist ein 3-D-Drucker, der Zellen von Pflanzen, Tieren und Menschen zu Gewebe verbinden kann. In dem Prozess werden einzelne Zellen mit Lasertechnik quasi miteinander verschmolzen, das Verfahren ist bei Kunststoffen schon marktreif. Aber nicht nur BioCurious, auch Spitzenforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) versuchen, den 3-D-Druck auf menschliches Gewebe zu übertragen. Der Unterschied: Die Bio-Hacker haben den Bauplan ihres neuen Druckers veröffentlicht.

Bald hofft man bei BioCurious, lebensfähige Haut drucken zu können. In ein vergleichbares Start-up hat der deutschstämmige Peter Thiel einen sechsstelligen Betrag investiert. Thiel gilt als einer der konsequentesten, radikalsten Wagniskapitalgeber in den USA. Sein bislang größter Erfolg war ein frühes Investment in das Soziale Netzwerk Facebook, und insofern hoffen viele Bio-Hacker nun, mit Thiel einen Wegbereiter für den wirtschaftlichen Erfolg gefunden zu haben. Parallel dazu hat ein Wettlauf zwischen kapitalismuskritischen Bio-Punks und Pharmakonzernen, Computerherstellern und Lifestyle-Unternehmen begonnen, wer den Menschen technisch besser und schneller optimieren kann.

An einer Konkurrenzlösung zu dem Implantat von Olivia Webb und Tim Cannon arbeitet Intel, Weltmarktführer bei Computerchips. Intel entwickelt Systeme, die Krankenhäuser überflüssig machen sollen. Kliniken seien out, sagt Intel-Gesundheitschef Eric Dishman, da müsse man hinfahren, dort fange man sich Keime ein, außerdem seien Hospitäler zu teuer. Stattdessen müssten Menschen für ihre Gesundheit selbst verantwortlich sein. Intel schaffe dazu die passenden Computersysteme. Millionen von Menschen würden bald Implantate tragen, glaubt auch Dishman, die immer mehr Daten aufzeichnen, Blutwerte, Herzschläge, Hormone. So könne man sich akribisch selbst überwachen, sich bei Bedarf mit einem kleinen Ultraschallstab, der ans Smartphone angeschlossen werde, in den eigenen Bauch schauen. Wenn nötig, würde auf dem Handybildschirm ein Arzt dazugeschaltet, der bei der Auswertung hilft.

Dishman oder Cannon - wer macht das Rennen?

Es mag nach Science-Fiction klingen, aber es ist real. Dishman kennt die Szene so gut wie kaum ein anderer, weiß von großen Firmen, die auf diesen Markt drängen. Die US-amerikanische Firma Medtronic arbeitet zum Beispiel an einem drahtlosen Herzschrittmacher, nur so groß wie eine Pille soll er sein und im Brustkorb liegen. Und dann ist da noch der Lifestyle-Markt: Samsungs Smartphone Galaxy S4 kann über eine Schnittstelle die sportlichen Aktivitäten messen, die Ernährung protokollieren, den Verlauf der Stimmung verfolgen.

Apple hat Patente für Kopfhörerstöpsel angemeldet, die automatisch den Puls, den Sauerstoffgehalt des Blutes und die Körpertemperatur messen. Nike verkauft längst Sportschuhe, in deren Sohle Sensoren eingelassen sind, die nicht nur die Schritte messen, sondern mithilfe einer Software ein Bewegungsprofil erstellen und den Nutzer über eine korrekte Körperhaltung belehren. Es ist ein gigantischer neuer Markt der alterslos alternden Gesellschaft, der hier entsteht.

Bio-Hacker sehen das alles mit Unbehagen. Sie werfen den Konzernen vor, Ideen zu ersticken, weil sie jede Erfindung sofort patentieren lassen. Ein Patent ist ein Schutzrecht. Wer ein Patent hält, kann anderen verbieten, mit der Erfindung zu arbeiten. Allein Siemens meldet jedes Jahr mehr als tausend neue Patente in der Medizintechnik an, und Bio-Punks wünschen sich das genaue Gegenteil: eine Welt ganz ohne Patente. Sie kämpfen dafür, dass jeder Zugang zu Wissen und Mitteln hat, die ihm erlauben, an dem zu forschen, was ihn wirklich interessiert, am eigenen Erbgut zum Beispiel. Genetisch bedingte Krankheiten etwa könnten viel schneller geheilt werden, wenn jeder experimentieren dürfte - glauben sie.

In den Außenbezirken von Pittsburgh, der alten Stahlmetropole, hat die Gruppe um Tim Cannon diesen Gedanken schon ziemlich weit getrieben. Sie nennt sich Grindhouse Wetware, und der Name deutet es an: Hier geht es eher wie in einem B-Movie zu als wie in einer Universitätsklinik. Hier wird der Mensch durch den Wolf gedreht und neu verarbeitet.

Innovationen der Bio-Punks

BioSensor

Lebendige, genetisch veränderte Bakterien wechseln ihre Farbe, sobald das Instrument mit verseuchtem Wasser in Berührung kommt. Die Erfindung könnte es Menschen in Entwicklungsländern ermöglichen, Wasser darauf zu testen, ob es trinkbar ist.

Mess-Implantat

Das kleine Gerät misst Herzschlag und Temperatur, überträgt die Daten aufs Handy und von dort ins Internet, wo eine Software sie auswertet. Die Erfinder möchten Volkskrankheiten wie Herzstörungen so früh erkennen, dass sie günstig zu behandeln sind.

Bio-Printer

Der Bio-Printer verbindet pflanzliche, tierische oder menschliche Zellen zu einem Gewebe. Die Technik ist als 3-D-Druck bekannt und für Kunststoffe marktreif. Der Bio-Printer steht eher noch am Anfang. In einigen Jahren wollen Entwickler aber Haut drucken können
Das Gesundheitssystem sei »soul-sucking«, sagt Cannon, es stürze die Menschen in Armut. Und mit dem technischen Fortschritt komme alles nur noch schlimmer. Er erzählt davon, wie es ist, wenn Gesundheitskonzerne das Sagen haben, zumindest in Amerika, wo viel weniger Menschen krankenversichert sind als in Europa. Cannon hat es selbst erlebt: Sein Blinddarm brach durch, da war er gerade mal 22 Jahre alt und George W. Bush noch Präsident, eine Zeit, die er als »when you're poor, you're fucked« beschreibt. Cannon hatte seine Mittelschichtfamilie hinter sich gelassen und reiste die Ostküste der USA entlang, »into the wild«. Er war sogar krankenversichert, aber nicht für jene Klinik, in die er an diesem Tag gefahren wurde, fiebernd, halluzinierend. Operation und Aufenthalt kosteten 50.000 Dollar. Noch heute, elf Jahre später, darf er keinen Kredit aufnehmen.

Bio-Punks fürchten, dass Firmen ihre Ideen stehlen und patentieren lassen

Diese Episode, vorgetragen in übernächtigt-nervösem Trotz, muss man kennen, um zu begreifen, warum Tim Cannon für seine Erfindung sein Leben riskiert. Er sagt, sein Implantat namens Heeled solle Volkskrankheiten so früh erkennen, dass sie nicht mehr gefährlich sind, und es solle so günstig sein, dass jeder es kaufen oder sogar selbst bauen kann.

Beispiel Herz: Wer eine Herzoperation samt Schrittmacher brauche und nicht versichert sei, zahle dafür in den USA bis ans Lebensende. Sein Implantat dagegen überwache den Herzschlag konstant und melde Unregelmäßigkeiten so rechtzeitig, dass sie noch günstig behandelt werden könnten. »Ich baue das Gerät für 200 Dollar!« Er ruft es noch einmal: »200 Dollar!« Heeled zeichnet jetzt schon Herzschlag und Körpertemperatur auf und soll bald auch Daten zu Blutdruck und Hormonen anzeigen. Cannon will mit den Daten des Geräts sogar gesellschaftliche Strukturen verändern, die krank machen.

Er visioniert, irgendwann könne man die Daten zum Beispiel dem Chef zeigen und sagen: »Ich muss weniger arbeiten, ich bin so gestresst, es wird gefährlich für mein Herz.« Denn im Gegensatz zum Menschen, der dauernd Fehldiagnosen stelle, würden Daten niemals lügen, glaubt Cannon. Er schreibt gerade die Software, die personalisierte SMS ans Handy eines Heeled-Nutzers schicken soll, an solche vor allem, die nicht wissen, was gesund ist: »Vielleicht solltest du etwas mehr laufen und etwas weniger Cheeseburger essen.« Oder: »Hey, du hattest in dieser Woche genug Zigaretten.« Oder: »Wenn du auf der Hauptstraße zur Arbeit gehst, bist du viel gestresster.«

Cannon sieht sich im ständigen Ringen mit den Konzernen: geplante Großforschung gegen anarchische, risikofreudige, auf billigste Hilfsmittel angewiesene Punk-Labors. Dieser Kampf hält Cannon wach. Er sagt, er schlafe fast gar nicht mehr, allenfalls von zwei Uhr bis vier Uhr in der Nacht. »Schlafen ist Zeitverschwendung.« Er fürchtet, ein Unternehmen könnte seine Erfindung stehlen und seinerseits patentieren lassen.

Seine Erfindungen würden dann nicht mehr allen, sondern einer Firma gehören. Vor Kurzem ist dem Kollektiv ein Anwalt beigetreten, er hat Cannon geraten, für alle Erfindungen prophylaktisch Patente anzumelden. Cannon verzieht das Gesicht, als er das erzählt, denkt aber darüber nach. Noch verkauft er seine Apparate nicht als Medizin, sondern als Körperkunst, denn sonst müssten sie ein aufwendiges Prüfverfahren durchlaufen. Als body art fallen die Geräte von Grindhouse unter das in der amerikanischen Verfassung verbürgte Recht auf Meinungsfreiheit - sie werden nur dann geprüft, wenn etwas schiefgeht. Zum Beispiel, wenn Cannon beim Selbstversuch stirbt.

Und was halten die Konzerne von den Bio-Hackern? »Wir beobachten diesen Trend in den USA natürlich sehr aufmerksam«, heißt es von Siemens Healthcare. »Sehr interessiert« schaut man sich die Bio-Hacker auch bei General Electric Healthcare an. Und es fehlt nicht der Hinweis, dass für Amateurforscher, sofern sie mit lebendiger Materie arbeiteten, die »höchsten Sicherheits- und Qualitätsanforderungen« (Siemens) gelten müssten.

Die Bio-Hacker hingegen glauben, man wolle sie klein halten. Mit Patenten ausbremsen. Sie verstehen sich nicht nur als Forscher, sondern auch als politische Aktivisten. »Wer die Technologie hat, hat die Macht.« Das sagt Lucas Dimoveo. Der 21-jährige Schwarze organisiert die Gruppe um Cannon, deshalb ist er nach Pittsburgh gezogen. Wie bei vielen Bio-Hackern begründet auch sein Hintergrund sein Engagement: Aufgewachsen ist er tief im New Yorker Stadtteil Queens, einer überwiegend schwarzen, sehr armen Gegend. Der Vater trank, seine neun jüngeren Geschwister hat Lucas Dimoveo fast allein aufgezogen. Er war 16, als er zum ersten Mal vor einem Computer saß und eine Welt außerhalb seines Viertels kennenlernte. Er traf, in Chatrooms und auf Facebook, Leute, die andere Fragen stellten als seine Eltern und Nachbarn. Lucas lernte viel, vor allem Naturwissenschaften, er arbeitete hart. Als Einziger aus seinem Block schaffte er es schließlich auf die Universität - und studierte Biologie. »Niemandem darf ein Teil deines Körpers gehören«, flüstert er, fast beschwörend.

Im vergangenen Jahr ist Grindhouse Wetware auf 15 Menschen angewachsen, die über das Internet vernetzt sind, ausgebildete Biologen und Physiker, Hacker, ein programmierendes Wunderkind und eine Software-Sicherheitsexpertin im Ruhestand. Sie forschen in Minnesota, Australien, Kanada. Die Gruppe ventiliert pausenlos Ideen, Projekte, Gedanken, meist übers Internet, real treffen sie sich selten.

Cannon ist selbst der größte Ventilator. Er sitzt auf seinem rissigen Ledersessel im Büro, den Laptop auf den Knien, und erklärt die zwei Grundannahmen der Bio-Hacker. Die erste ist: Die Biologie ist eine Blaupause. Für jedes Problem hält die Natur bereits irgendwo eine Lösung bereit. Die zweite Annahme lautet: Der Mensch ist eine Maschine. Die Teile kann man reparieren - oder gegen bessere austauschen.

Wie er da sitzt, wirkt Cannon, der Punk, wie ein gut gelaunter römischer Kaiser in seiner Loge im Kolosseum, der mit dem Daumen entscheidet, ob eine Idee den Kampf gegen die Mächtigen in der Medizin voranbringt (sie lebt!) oder eher nicht (sie stirbt!). Gute Idee: Ein Softwareentwickler, der behauptet, nicht mehr essen zu müssen, weil er sich Drinks aus chemischen Nährstoffen mixt. Cannon: »Er ist unabhängig von der Lebensmittelindustrie!« Blöde Idee: Ein Unternehmer aus dem Silicon Valley, der durch Selbstvermessung einen 30 Minuten langen Orgasmus erreicht haben will. Cannon: »Der will nur Geld machen!«

So wie die meisten Bio-Hacker forscht Cannon in seiner Freizeit, er hat einen Job als Programmierer, der seine Punk-Existenz finanziert. Doch das soll sich irgendwann ändern. Grindhouse verkauft erste Geräte, unter anderem eine Kappe mit Elektroden, die kleine Stromschläge ins Gehirn schickt und so Gehirnaktivität stimulieren soll. Sie kostet 50 Dollar und wird so oft bestellt, dass das Team mit dem Produzieren gar nicht mehr nachkommt. Von jedem Gerät stehen Bauanleitung und Quellcode der Software öffentlich auf der Internetseite von Grindhouse Wetware. Auch das gehört zum Konzept der Bio-Punks. Sie forschen, wie man es aus der Internetszene kennt: Freiwillige widmen sich dabei einem Projekt und erheben keinen Anspruch auf Profite oder Patente. Auf diese Weise sind einige der bedeutendsten Erfindungen im Internet entstanden, etwa die meistbenutzte Software zur Bereitstellung von Internetseiten im Netz (Apache und MyQSL) sowie der populärste Internetbrowser (Firefox) und ein komplettes Computerbetriebssystem namens Linux. Auch die Möglichkeit, online einzukaufen und dabei seine Kreditkartendaten mathematisch zu verschlüsseln, kommt aus der Open Source, von einer Bewegung namens Cypherpunk. Sie sind so etwas wie die geistigen Ahnen der Bio-Punks, denn sie arbeiteten an ihren Erfindungen abseits von Konzernen - im Untergrund, in Kellern, so, wie es jetzt die Bio-Punks tun.

Das älteste Untergrundlabor der Bio-Hacker heißt Genspace und wurde 2010 von Wissenschaftlern, Künstlern, Ingenieuren und anderen Begeisterten gegründet. Es liegt an der Flatbush Avenue im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Im siebten Stock einer ehemaligen Fabrik befindet sich in der Mitte das Labor, ein wenige Quadratmeter großer Glaskasten, außen vollgeschrieben mit Formeln, innen vollgestopft mit Reagenzgläsern, Petrischalen, Pipet ten, Zentrifuge, Kühlschrank, Waage, Rührmaschine und einem Gerät, das Erbgut kopieren kann. Oliver Medvedick, einer der Gründer des Labors, steht unbeteiligt da, in T-Shirt und Kapuzenjacke. Aber sobald er über sein Projekt spricht, findet er kein Ende. Er hat seinen Doktortitel in Molekularbiologie an der Eliteuniversität Harvard gemacht und als pharmazeutischer Berater gut verdient. Aber er wollte freier arbeiten, als er es aus der Wirtschaft und von der Universität kennt. Deswegen hat Medvedick Genspace gegründet.

Ein neues Gerät der Bio-Hacker erkennt Giftstoffe in Trinkwasser

Genspace will allen Menschen, auch Amateuren, die Möglichkeit zum Experimentieren geben. Die meisten, die kommen, sind Softwareentwickler. Sie machen Workshops zu synthetischer Biologie, Biotechnologie und Bio-Hacker-Bootcamps. Unterrichtet wird meist von Leuten wie Medvedick, ausgebildeten Experten, die auch an den New Yorker Universitäten lehren und dort ihr Geld verdienen. Bei Genspace bilden sie Laien aus, ihre eigenen Gene auf Mutationen zu untersuchen, Saatgut gentechnisch zu verändern, Bier zu brauen oder die DNA von Bakterien zu trennen und neu zusammenzusetzen.

Seit der genetische Code des Menschen und vieler anderer Lebewesen offengelegt ist, gibt es Massen von Daten, die neu kombiniert werden können. »So was interessiert die Hacker«, sagt Medvedick. Als er Genspace gründete, hat er gemerkt, dass die meisten Hacker nicht dem Stereotyp entsprechen: gestalten, die Systeme attackieren, Viren verbreiten und andere berauben. Nein, sagt Medvedick, Hacker seien von dem Wunsch getrieben, zu lernen, zu gestalten und zu erschaffen. Jeder Hack berge die Herausforderung, ein Ding so zu manipulieren, dass es hinterher etwas tue, wofür es nicht gedacht gewesen sei. Archetyp aller Hacker ist Steve Wozniak, der in den Siebzigern gemeinsam mit Steve Jobs die ersten Apple-Computer zusammenlötete und aus Computern, die ganze Räume ausfüllten, kleine Geräte machte, deren Nachfolger heute jedermann in der Tasche tragen kann. Eine ähnliche Entwicklung, glauben die Bio-Hacker, nimmt gerade die Biologie. »Manche Hacker sind allerdings frustriert, weil die Gene langsamer sind als die Programme der Computer«, sagt Medvedick. Manchmal sträubt sich das Leben.

Und wie gefährlich ist es, wenn Menschen an sich selbst forschen? Wenn sie Gene klonen? Implantate bauen? Genetisch veränderte Samen züchten? »Wenn hier einer etwas Gefährliches macht, würden wir ihn sofort aus dem Labor werfen«, sagt Medvedick. Außerdem würden Bio-Hacker, weil sie alles offenlegen, sehr gut überwacht - von anderen Bio-Hackern und vom FBI. Letzteres hat bereits eine Sicherheitskonferenz mit den Bio-Punks veranstaltet. Dort wurden diese ermahnt, sofort zu melden, wenn jemand nach einer Reise in ein arabisches Land plötzlich Killerviren züchten möchte. (In Deutschland müssen übrigens alle Genexperimente angemeldet werden.)

Den Beweis dafür, wie produktiv Bio-Hacker sein können, liefert Medvedick gerade selbst. Er hat gemeinsam mit anderen ein kleines, günstiges Gerät entwickelt, das Gifte im Wasser anzeigt: Lebende, genetisch veränderte Bakterien wechseln ihre Farbe, sobald das Instrument mit verseuchtem Wasser in Berührung kommt. Die Bakterien reagieren auf das Gift, und es wird nicht mehr lange dauern, bis Menschen in Entwicklungsländern Wasser darauf testen könnten, ob sie es trinken dürfen. Ein Investor ist bereits gefunden.

Welches Potenzial solche Erfindungen haben können, zeigt auch die Geschichte von Jack Andraka, 16, Schüler aus Maryland, USA. Sein Gesicht ist blass, die Stimme noch im Bruch, er hat womöglich einen Test zur Früherkennung von Krebs entwickelt. Andraka sagt, sein Test, ein Papierstreifen, koste drei Cent und dauere fünf Minuten: Man soll damit in Blut oder Urin ein Protein messen, das Krebs in Bauchspeicheldrüse, Lungen und Eierstöcken anzeigt. Es ist noch nicht ganz klar, ob das Protein nur den Krebs oder auch andere Veränderungen in den Organen meldet. Trotzdem sprechen Wissenschaftler, etwa von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, bereits von einer Revolution. Im Februar war Andraka Ehrengast des US-Präsidenten bei dessen Rede zur Lage der Nation.

Wie Andraka darauf kam? Ein Nennonkel war an Bauchspeichelkrebs gestorben, und der Jugendliche wollte nicht hinnehmen, dass es keinen Test gab, der den Krebs in einem Stadium erkennt, in dem man seinen Freund noch hätte heilen können. Im Biologieunterricht kam Andraka auf die erste Idee. Den Rest hat er sich zusammengesucht. Im Internet.

Aus DIE ZEIT :: 02.05.2013

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