Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Die üblichen Verdächtigen

VON ANANT AGARWALA

Eine Studie bestätigt: Frauen erhalten weniger Stipendien als Männer, obwohl sie bessere Noten haben.

Die üblichen Verdächtigen© alain wacquier - fotolia.comWie steht es um die Chancengleichheit bei Stipendienvergaben?
Mädchen haben die Jungen in der Schule längst abgehängt. Aber später, als Frauen, werden sie weiterhin häufig benachteiligt, ob im Studium oder im Beruf. Jüngstes Beispiel: die Vergabe von Stipendien für Studierende. Sie ist nicht gerecht. Das hat die Initiative für transparente Studienförderung, unterstützt durch die Stiftung Mercator, in einer neuen Studie herausgefunden, die der ZEIT vorab vorliegt. Die Stipendienstudie 2016 zeigt, dass neben den Frauen zwei weitere Gruppen benachteiligt werden: Migranten und Arbeiterkinder. »Diejenigen, die von den Stipendien am meisten profitieren würden, bekommen sie am wenigsten«, sagt Oliver Döhrmann von der Stiftung Mercator.

Der erste Befund: 21 Prozent der Frauen, die sich um ein Stipendium bewarben, erhielten den Zuschlag, bei den Männern liegt die Erfolgsquote bei 23 Prozent. Das sieht auf den ersten Blick nach einem geringen Unterschied aus. Rechnete man die Zahlen allerdings auf die aktuell knapp 2,8 Millionen Studierenden hoch, bekommen Frauen knapp 30.000 Stipendien weniger. Was besonders nachdenklich macht: Die Bewerberinnen haben im Schnitt sogar bessere Noten als die Bewerber (1,9 zu 2,1), trotzdem sind sie seltener erfolgreich. »Hier liegt der Verdacht nahe, dass alte Vorurteile noch nicht vollständig überwunden sind«, sagt Döhrmann. Immerhin gehe der Trend in die richtige Richtung. Richtig gerecht sei es zwar noch nicht, aber schon deutlich gerechter. Etwas schlechter als bei den Frauen sieht es bei anderen chronisch benachteiligten Gruppen aus. Die Erfolgsquote bei Bewerbern aus Akademikerhaushalten liegt bei 23 Prozent, bei Arbeiterkindern bei 20 Prozent, fast identische, ebenfalls signifikante Unterschiede zeigen sich bei Bewerbern aus Migrantenfamilien. Wie so häufig verstärkt sich das Problem durch den Matthäus-Effekt (»Wer hat, dem wird gegeben«): Abiturienten und Studierende aus privilegierten Verhältnissen bewerben sich öfter als Arbeiterkinder und Migranten. Ist die Mutter Ingenieurin oder der Vater Professor, ermutigen die Eltern ihr Kind viel häufiger, sich um ein Stipendium zu bemühen, als es bei Maurern oder Kassiererinnen der Fall ist. Arbeiterkinder wissen über Stipendien in der Regel deutlich schlechter Bescheid, auch das zeigt die Erhebung.

Fast 28.000 Abiturienten und Studierende wurden für die Studie online befragt, eine enorme Zahl. Die Teilnehmer kamen über das Internetportal mystipendium.de, hinter dem die Initiative für transparente Studienförderung steckt. Das heißt auch: Die Erhebung ist nicht repräsentativ. Die Befragten dürften überdurchschnittlich über Stipendien informiert sein; auch der Anteil der Stipendiaten an den Befragten wird höher liegen als in der Grundgesamtheit der Studierenden. Das tue den Erkenntnissen aus der Studie jedoch keinen Abbruch, sagt Döhrmann, im Gegenteil: »Eben weil es sich um überdurchschnittlich informierte Befragte handelt, gehen wir davon aus, dass die Effekte unter allen Studierenden noch stärker sind.«

Die Stipendienstudie 2016 ist zunächst einmal nur Bestandsaufnahme - tiefere Gründe für die Ungleichheiten oder Vorschläge, wie sich die Situation verbessern ließe, zeigt sie nicht auf. Gewisse Empfehlungen ließen sich aber ableiten, sagt Oliver Döhrmann von der Stiftung Mercator. Die aus seiner Sicht wichtigste Maßnahme sind frühere und umfassendere Informationen. Schüler müssten deutlich besser über Stipendien informiert werden, um gleiche Voraussetzungen unter Akademiker- und Arbeiterkindern zu schaffen. Auch die Stipendiengeber müssten ihre Auswahlprozesse kritisch hinterfragen. Unternehmen sie genug, um nicht nur das Bildungsbürgertum zu fördern? Das setzt unmittelbar beim Selbstverständnis der Stiftungen an: Verstehen sie sich als Elitenförderung - und zementieren somit bestehende Unterschiede? Oder als Wegbereiter, die soziale Unterschiede ausgleichen? Sicherlich ist beides wichtig: Spitzenförderung und sozialer Auftrag. Noch stimmt das Verhältnis nicht.

Aus DIE ZEIT :: 13.10.2016

Ausgewählte Stellenangebote