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Die unendliche Bibliothek

von Uwe Böhme und Silke Tesch

Die richtige Strategie hilft, aus der Vielzahl kostenfreier gedruckter und digitaler Quellen die geeigneten Informationen zu extrahieren.

Die unendliche Bibliothek© froodmat - photocase.comDie Beantwortung der Fragen "Was, wie viel, wo und wie suche ich?" liefert die richtige Suchstrategie
Sogar für wissenschaftliche Fragen ist eine Internet-Suchmaschine häufig der erste Anlaufpunkt. Andere Informationsquellen sind Fachportale und Datenbanken. Daneben liefert die Suche in Katalogen wissenschaftlicher Bibliotheken zahlreiche wichtige Treffer. Die kostenfreie Suche nach wissenschaftlichen Informationen beginnt in den meisten Fällen im Internet. Suchmaschinen wie Google bieten einen schnellen und einfachen Einstieg und liefern in Sekunden viele Treffer. Schwierigerer ist es, sie zu sichten. Vielfach beschränkt der Suchende sich deshalb darauf, die ersten ein oder zwei Trefferseiten durchzusehen. Aufgrund der Rankingtechniken der Suchmaschinen nimmt die Relevanz der Treffer nach unten hin ab. Wenn auf Seite Zwei oder Drei der Trefferliste nur noch einzelne Wörter mit der Suchanfrage übereinstimmen, lässt sich meist ruhigen Gewissens auf die weitere Durchsicht verzichten. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass Bekanntes weit vorn in den Trefferlisten erscheint. Hingegen stehen neuere Entwicklungen aufgrund fehlender Verlinkungen oft weit hinten.

Suchmaschinen

Google Scholar durchsucht wissenschaftliche Literatur. Dazu gehören Bücher, Zeitschriftenaufsätze und Patente. Die Benutzeroberfläche ist ebenso einfach und intuitiv zu nutzen wie Google. Die Treffer sind so sortiert, dass diejenigen mit den meisten Links von anderen Webseiten zuerst erscheinen. Die Suchmaschine Scirus (for scientific information only) erfasst wissenschaftsspezifische Internetseiten von den Domains .edu, .org, .ac.uk, .com und .gov. Daten aus frei zugänglichen Datenbanken wie Pubmed und Arxiv.org sind integriert. Zudem sind mehr als zwei Millionen Dissertationen aus der Networked Digital Library of Theses and Dissertations suchbar. Weitere Spezial- und Metasuchmaschinen stellt Lotse zusammen, der Wegweiser zur Literatursuche der Universität Münster.

Fachportale und frei verfügbare Datenbanken

Zu den fachspezifischen Portalen, die kostenlos Informationen rund um die Chemie bereitstellen, gehören www.chemie.de und www.chem.de sowie die englischsprachigen Webseiten www.chemweb.com und www.chemspider.com. Typischerweise enthält ein solches Portal Kataloge, einen Einkaufsführer, Marktübersichten, eine Chemikaliensuche, eine Übersicht über verfügbare Chemiesoftware, ein Webverzeichnis, ein Chemielexikon, eine Kategorie Beruf und Karriere, Hinweise auf Veranstaltungen und eine Liste mit Chemiefachbereichen im Zielgebiet. Ergänzend gibt es systematische Kataloge wie bei Yahoo: Der Katalog Chemistry (dir.yahoo.com/Science/chemistry) bietet Informationen zur Chemie und angrenzenden Gebieten. Wikipedia, die wohl bekannteste freie Enzyklopädie, ist bei Lehrenden nicht beliebt: Die Studierenden beziehen zwar schnell Informationen. Diese werden aber mitunter zusammenhanglos, fragmentarisch oder sogar falsch wiedergegeben. Allerdings haben die Wikipedia-Artikel in den letzten Jahren an Qualität gewonnen. Mittlerweile enthalten viele Wikipedia-Einträge nachprüfbare Quellenangaben und weiterführende Links. Mit Wikibu. ch lässt sich auf der Grundlage einer statistischen Auswertung die Zuverlässigkeit eines Artikels einschätzen. Inzwischen ist Wikipedia das umfangreichste Lexikon der Welt und wird eine immer größere Rolle bei der Informationsbeschaffung spielen. Daher ist es gut, wenn Chemiker ihre Fachkompetenz bei Wikipedia einfließen lassen. Eine Übersicht über frei über das Internet zugängliche Datenbanken liefert das Datenbankinfosystem (DBIS). Inzwischen nutzen 279 deutschsprachige Bibliotheken das Infosystem und pflegen gemeinsam dessen Inhalte. DBIS erleichtert das Finden von Datenbanken und liefert einen Zugang dazu durch direkte Links.

Haben Sie's gewusst?

  • Suchmaschinen bieten einen schnellen und einfachen Einstieg in wissenschaftliche Themen
  • Eine vollständige Literaturrecherche erfordert jedoch darüber hinausgehende Kenntnisse
  • Rechercheanfänger unterschätzen häufig Bibliothekskataloge und Fachdatenbanken
  • Jede Recherche ist eine Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig. Die Recherchestrategie muss so lange angepasst werden, bis alle benötigten Informationen vorhanden sind

Sichtbares und unsichtbares Internet

Eine gewöhnliche Suchmaschine wie Google erfasst nur einen kleinen Teil der Inhalte des World Wide Web: das sichtbare Internet, Visible oder Surface Web genannt. Der größere Teil des Internets, das Invisible oder Deep Web (unsichtbares Internet), besteht aus Inhalten mit Zugangsbeschränkungen. Zudem gibt es Daten, die aus technischen oder lizenzrechtlichen Gründen nicht indexiert werden (Abbildung 1). Vermutlich ist die im Deep Web verborgene Menge an Information 400- bis 500-mal so groß wie das sichtbare Internet. Suchmaschinen durchsuchen das Internet mit Computerprogrammen, Crawler oder Spider genannt. Sie bewegen sich über Links von Webseite zu Webseite und nehmen die Daten in ihr Verzeichnis auf. Webseiten, die keinen Link von einer bereits indexierten Webseite haben, kann die Suchmaschine so nicht finden. Solche einsamen Webseiten sind die einfachste Form des unsichtbaren Internets.

Technische Probleme bereitet die Indexierung von dynamischen Webseiten, von Datenbanken und von Daten, die nicht aus Text bestehen wie Programme, Bilder, Audio- und Videodateien. Es gibt mehrere tausend frei über das Internet zugängliche Datenbanken, die zum Teil qualitativ hochwertige Daten enthalten. Das Benutzerinterface einer Datenbank ist jedoch für den Crawler einer Suchmaschine ein unüberwindbares Hindernis. Diese online zugänglichen Datenbanken machen den größten Teil des unsichtbaren Internets aus. Kompetente Nutzer können sich die Inhalte über die Suche der in DBIS enthaltenen Datenbanken und Bibliothekskataloge erschließen.

Die unendliche Bibliothek © Thomas Böhme Abb. 1. Visible Web und Deep Web

Suche in Bibliothekskatalogen

Ein klassischer Bibliothekskatalog sammelt die Bestände der Bibliothek mit strukturierten und normierten Beschreibungskategorien sowie Standortkennzeichnungen. Typischerweise ist er als lokaler Online-Katalog (online public access catalog, Opac) für jede wissenschaftliche Bibliothek über das Internet frei verfügbar. Wer täglich intuitiv die Suchmasken der Internetsuchmaschinen nutzt, findet die standardisierten Suchkategorien der Bibliothekskataloge eher lästig. Daher gehen wissenschaftliche Bibliotheken dazu über, auf Suchmaschinentechnik basierende Systeme einzuführen (Discovery-Systeme). Mit einem solchen angereicherten Katalog lassen sich sowohl die Bestände der lokalen Bibliothek als auch elektronische Aufsätze in lizensierten Datenbanken durchsuchen. Diese neuartigen Kataloge liefern ähnlich wie eine Suchmaschine mit intuitiven Suchanfragen schnell viele Treffer. Dabei ist deren Relevanz nicht immer hoch. Im Unterschied zum herkömmlichen Katalog fehlt der Überblick, welche Inhalte eingebunden sind und welche nicht. Zudem bieten die Discovery-Systeme im Vergleich zu wissenschaftlichen Datenbanken nur eingeschränkte Recherchemöglichkeiten. So fehlen Thesaurussuche, Faktensuche und hierarchische Suche. Da eine einzelne Bibliothek nur einen Teil der weltweit erscheinenden Literatur erwerben kann, lohnt es sich, Verbundkataloge einzubeziehen. So enthält beispielsweise der Onlinekatalog des Südwestdeutschen Bibliotheksverbunds die Medienbestände von mehr als 1.200 Bibliotheken aus Baden-Württemberg, dem Saarland und Sachsen sowie Spezialbibliotheken anderer Bundesländer. Der Karlsruher Virtuelle Katalog ist ein Metakatalog mit mehr als 500 Millionen Medien. Er erfasst neben den deutschen Verbundkatalogen zahlreiche nationale Kataloge weltweit. Außerdem lassen sich Buchhandelskataloge recherchieren. Damit funktioniert der KVK wie eine Metasuchmaschine für Bibliothekskataloge.

Recherchestrategien

Unabhängig davon, ob jemand in Suchmaschinen, Katalogen oder Datenbanken sucht, sollte er sich zu Beginn einer Recherche einige grundsätzliche Fragen stellen: Was suche ich? Wie viel suche ich? Wo suche ich? Wie suche ich? Die Antworten darauf führen zu einer effizienten Recherchestrategie.

Was suche ich? Im ersten Schritt wird das Thema analysiert, strukturiert und in Komponenten zerlegt. Dazu werden Wortlisten erstellt, die Synonyme, Abkürzungen, Ober- und Unterbegriffe sowie entsprechende Übersetzungen einschließen. Ein Beispiel für eine solche Strukturierung zeigt die Tabelle. Beim Suchen nach deutschsprachigen Begriffen, Synonymen, Ober- und Unterbegriffen ist die Gemeinsame Normdatei GND ein nützliches Hilfsmittel. Wissenschaftliche Bibliotheken verwenden sie für die inhaltliche Literaturerschließung. Außerdem sind Thesauri, Nachschlagewerke und Wörterbücher hilfreich. Der Nutzer sollte zusätzlich eine Wörterliste in Englisch erstellen, da die meisten wissenschaftlichen Artikel in englischer Sprache publiziert sind.

Die unendliche Bibliothek Abb. 2. Suchbegriffe zur Recherche "Untersuchungen zur Extraktion von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen aus kontaminierten Böden".
Wie viel suche ich? Im zweiten Schritt ist zu überlegen, ob nur ein Überblick oder ein Einstieg zu einem Thema ohne die aktuelle Literatur notwendig ist. Dann reichen oft einzelne Kapitel in einem Nachschlagewerk oder in Büchern aus. Dafür ist häufig eine Suche in einem Bibliothekskatalog zielführend. Literatur zum Einstieg liefern auch die Quellenangaben der entsprechenden Wikipedia-Artikel. Soll die Recherche dagegen umfassend sein und aktuelle Literatur einschließen, sind Fachdatenbanken nötig. Diese werten die neuesten Forschungsergebnisse von Zeitschriften, Kongressberichten und Patenten aus.

Wo ich suche, bestimmen im dritten Schritt Fachgebiet, Art, Umfang und Aktualität der Rechercheanfrage. Damit lassen sich über DBIS relevante Datenbanken wählen. Für wissenschaftliche Probleme eignen sich besonders Fachbibliografien und bibliografische Datenbanken. Bei einer Faktensuche helfen Nachschlagewerke, Tabellenbücher, Handbücher und Faktendatenbanken. Der vierte Schritt geht der Frage nach, wie zu suchen ist. Die Boolschen Operatoren OR, AND und NOT erweitern die Suche oder grenzen sie ein. Der OR-Operator zwischen Begriffen liefert eine nahezu vollständige Suche: Dokumente, die den einen oder den anderen Begriff enthalten. Der AND-Operator verbindet die einzelnen Komponenten eines Themas. Die NOT-Verknüpfung schließt Dokumente aus. Ein nützliches Hilfsmittel ist die Trunkierung. Dabei nutzt man Platzhalter für Zeichen. Damit lassen sich verschiedene Formen eines Begriffs gleichzeitig finden. Gängige Trunkierungszeichen sind *, ?, ! und $. Die Hilfetexte in den Katalogen und Datenbanken informieren über die jeweilige Funktion. Manche Kataloge oder Datenbanken bieten die Möglichkeit, durch die Indizes (mitunter als Register, Liste oder in englischsprachigen Datenbanken als Browse bezeichnet) zu blättern und damit zu schauen, ob bestimmte Begriffe in dem Suchinstrument überhaupt auftauchen. Solche Indizes gibt es zum Beispiel für Stichwörter, Schlagwörter, Autorennamen und Einrichtungen. Um die Suchergebnisse nachträglich einzuschränken sind Facettierung oder Drill-Down-Funktionen nützlich: In einer Spalte neben der Trefferliste lassen sich die Treffer zum Beispiel hinsichtlich der Schlagwörter, der Sprache oder des Publikationsjahrs einengen.

Anpassen und Bewerten

Jede Recherche ist eine Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig finden. Ergibt eine Suche nur wenige Treffer, die aber alle relevant sind, dann sind weitere Treffer zu erwarten, die bisher nicht gefunden wurden. Sind dagegen nichtrelevante Treffer dabei, kann die Suche vollständiger sein - oder aber die Suchstrategie war noch nicht ausgereift. Die Treffermengen lassen sich wie folgt ändern: Bei zu wenigen Treffern sind die Wortlisten durch Synonyme zu erweitern sowie verwandte Begriffe und vor allem Oberbegriffe einzubeziehen. Zudem kann der Suchende nacheinander eine der Komponenten weglassen. Damit sinkt die Zahl der relevanten Treffer, aber es werden zusätzliche Dokumente gefunden, die für die Recherche hilfreich sein können. Die Suche kann auch zitierte und zitierende Arbeiten eines relevanten Dokuments einbeziehen. Außerdem sind Trunkierungen und Indexsuche hilfreich. Bei zu vielen Treffern ist das Thema durch eine oder mehrere zusätzliche Komponenten abzugrenzen, Unterbegriffe sind stärker zu nutzen und Oberbegriffe wegzulassen. NOT-Operator und Facettierung sind bei zu vielen Treffern ebenfalls nützlich.

Die Qualität und Zuverlässigkeit der gefundenen Dokumente lassen sich überprüfen. Lotse bietet eine Liste mit Kriterien dafür. Sollte bei der Bewertung festgestellt werden, dass die benötigten Informationen nicht gefunden wurden, muss die Aufgabenstellung verfeinert werden, und die Recherche beginnt erneut.

Fazit

Die Recherche nach wissenschaftlicher Information über kostenfreie Suchmaschinen liefert häufig sekundenschnell viele tausend Treffer. Es ist jedoch gerade für Studenten häufig schwierig einzuschätzen, wie seriös die gefundenen Quellen sind. Es gehört zu den Aufgaben der Lehrveranstaltungen zur Informationskompetenz, die zur Selektion der Quellen notwendigen Kenntnisse zu vermitteln.

Wikipedia wird vermutlich eine immer größere Rolle beim Einstieg in ein neues Thema spielen. Die Suche in Bibliothekskatalogen und in Fachdatenbanken, die über DBIS leicht zu finden sind, ist unerlässlich. Bibliothekskataloge und die Fachdatenbanken bieten einen Zugang zum Deep Web und werden von Recherche-Anfängern häufig unterschätzt.


Über die Autoren
Uwe Böhme studierte Chemie an der TH Merseburg, promovierte dort im Jahr 1992 und absolvierte danach einen Postdoc-Aufenthalt bei Robin J. H. Clark am University College London. Seit 1993 arbeitet er am Institut für Anorganische Chemie der TU Bergakademie Freiberg. Die Habilitation schloss er im Juni 2004 ab.

Silke Tesch promovierte im Jahr 1993 in Verfahrenschemie an der Bergakademie Freiberg. Von 2001 bis 2003 studierte sie Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität, Berlin. Seit 2003 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Analytische Chemie und Fachreferentin für Naturwissenschaften an der Universitätsbibliothek der TU Bergakademie Freiberg.

Die Autoren danken Andreas Stumm (Universitätsbibliothek Freiberg) für hilfreiche Hinweise und die Durchsicht des Manuskripts. Ein weiterer Beitrag wird kostenpflichtige Datenbanken vorstellen.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Dezember 2013

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