Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Die Verantwortung jedes einzelnen Wissenschaftlers

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert mit etwa zwei Milliarden Euro jährlich Wissenschaft und Wissenschaftler. Bei der Auswahl der geförderten Projekte geht es vor allem um die wissenschaftliche Qualität. Spielen auch ethische Kriterien für die Begutachtung eine Rolle? Wie ist es nach Ansicht der DFG um das Ethos der Wissenschaftler bestellt? Reicht die Selbstkontrolle der Wissenschaft aus? Fragen an den DFG-Präsidenten.

Die Verantwortung jedes einzelnen Wissenschaftlers© DFG - Eric LichtenscheidtMatthias Kleiner ist Universitätsprofessor für Umformtechnik an der Universität Dortmund und seit 2007 Präsident der DFG
Forschung & Lehre: Welche Rolle spielen ethische Kriterien bei der Bewertung von Förderanträgen durch die DFG? Wurden in den letzten Jahren Anträge aus ethischen Erwägungen abgelehnt?

Matthias Kleiner: Die DFG misst ethischen Prinzipien in der Forschung und Forschungsförderung außerordentlich hohe Bedeutung bei und erwartet dies auch von ihren Antragstellern. Jeder Wissenschaftler muss sich immer wieder mit den ethischen Dimensionen seines Tuns auseinandersetzen. Dies ist zum einen eine ganz persönliche Auseinandersetzung, zum anderen muss sie sich an den auch ethischen Besonderheiten der einzelnen Fächer orientieren und an den vielfältig niedergelegten ethischen Normen, die für unsere Antragstellerinnen und Antragsteller verbindlich sind.

Forschung & Lehre: Können Sie Beispiele nennen?

Matthias Kleiner: Ja. Wer Untersuchungen an Menschen durchführen will, wird von der DFG nur gefördert, wenn er die "Deklaration von Helsinki" anerkennt. Bei Forschungen an humanen embryonalen Stammzellen ist das Stammzellgesetz zu beachten, bei gentechnologischen Experimenten das Gentechnik-Gesetz, bei Tierversuchen das Tierschutzgesetz und Forschungen zur Biodiversität das internationale Abkommen über die biologische Vielfalt. Bei vielen Projekten müssen zudem zuvor das positive Votum einer lokalen Ethikkommission und die Genehmigung staatlicher Behörden vorliegen - sonst wird der Förderantrag nicht bewilligt oder zumindest nicht weiter bearbeitet. Das kommt selten, aber immerhin doch vor. Zentral sind für die DFG schließlich die Veröffentlichung aller Forschungsergebnisse und die Einhaltung der "Regeln guter wissenschaftlicher Praxis", die wir schon 1998 beschlossen haben. Auch auf diese müssen sich alle Wissenschaftler mit ihrem Antrag verpflichten.

F&L: Ist die große Zahl von Ethikkommissionen und Kodifizierungen ein Zeichen dafür, dass der Wissenschaft ein Ethos, das sich von selbst versteht, seit langem abhanden gekommen ist?

Matthias Kleiner: Nein, dass Wissenschaft zuerst der Wahrheit und dem Wohle des Menschen verpflichtet ist - dessen ist sie sich grundsätzlich bewusst! Die Vielzahl von Kommissionen und Kodifizierungen ist ein ganz eigener Ausdruck des wissenschaftlichen Fortschritts, der mit zunehmender Komplexität und juristischer Regelungsdichte einhergeht. Beides macht immer mehr und übergreifende ethische Expertise notwendig. Auch indem sie diese Expertise einerseits anbietet und andererseits annimmt, zeigt die Wissenschaft ihr Verantwortungsbewusstsein. Dies darf allerdings nicht dazu führen, dass der einzelne Wissenschaftler seiner Verantwortung enthoben wird und das eigene ethische Denken und Handeln einstellt. Und vielfach geht es doch zunächst einmal um gute Manieren und Wahrhaftigkeit.

F&L: Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) will mit neuen ethischen Leitlinien den Blick der Wissenschaftler für möglichen Missbrauch schärfen. Plant die DFG, sich diesen Leitlinien anzuschließen oder eigene zu verfassen?

Matthias Kleiner: Ich kann die Leitlinien der Max-Planck-Gesellschaft nur ausdrücklich begrüßen, weil sie sehr fundiert und praxisorientiert sind und der Wissenschaft kein Korsett anlegen. Wir werden in der DFG auch durchaus auf diese Leitlinien hinweisen. Die DFG sieht sich als Selbstverwaltungsorganisation auch in ethischen Fragen vor allem als Forum für den Dialog und für Abwägungsprozesse, innerhalb der Wissenschaft, aber auch gegenüber Politik und Gesellschaft. Diese oft sehr schwierigen Abwägungsprozesse haben wir in unseren Stellungnahmen zur Synthetischen Biologie und zur Stammzellforschung oder auch bei der Grünen Gentechnik transparent gemacht.


F&L: Der Präsident der Royal Society, Lord Martin Rees, warnte vor einigen Jahren davor, dass die moderne Naturwissenschaft das Überleben der Menschheit bedrohe. Er begründete dies mit den langfristig nicht abschätzbaren Folgen naturwissenschaftlicher Forschung, dem "Dual use", von dem auch die MPG spricht. Was halten Sie von einem solchen Szenario?

Matthias Kleiner: Grundsätzlich denke ich nicht, dass Wissenschaft das Überleben der Menschen bedroht. Im Gegenteil: Nur Wissenschaft kann das Überleben der Menschheit sichern. Aber das "Dual use"-Problem ist natürlich gegeben. Hier muss die Wissenschaft das ihre dazu tun, dass ihre Forschungen nicht missbraucht werden. Meine Heimatuniversität, die Technische Universität Dortmund, hat schon vor 30 Jahren, als ich noch studentisches Mitglied im Senat war, in Musterverträgen für Industriekooperationen festgelegt, dass die Forschungsergebnisse nur zivil genutzt werden dürfen. Natürlich lassen sich solche Verträge ändern, doch das setzt zumindest eine intensive Auseinandersetzung mit der ethischen Problematik voraus. Ich selbst wurde später bei den Ergebnissen meiner Diplomarbeit mit dieser Frage konfrontiert und habe "Nein" gesagt.

F&L: Ist die freiwillige Selbstkontrolle der Wissenschaft der Königsweg, um Gefahren, die aus Forschungen resultieren können, und Betrugsfällen zu begegnen?

Matthias Kleiner: Ja, in jedem Fall. Die Selbstkontrolle ist die konsequente Umsetzung der Selbstverwaltung in der deutschen Wissenschaft und des Bottom- up-Prinzips, die die DFG verkörpert. So wie die Ideen für Forschungen müssen auch die Mechanismen für die Einhaltung ethischer Prinzipien und guter wissenschaftlicher Praxis aus der Wissenschaft heraus entwickelt werden. Nicht zuletzt: Es gehört selber schon zum wissenschaftlichen Ethos, dass Verstöße dagegen vor allem die wissenschaftliche Reputation schädigen. Der mögliche Verlust des guten Namens oder der Antragsberechtigung bei der DFG sind wirkungsvollere Sanktionen und halten Wissenschaftler eher von Fehlverhalten ab als staatliche Aufsichtsbehörden oder rechtliche Strafandrohungen. Unabhängig davon müssen natürlich Verstöße gegen geltendes Recht geahndet werden.

F&L: "Speed matters" ist nicht nur ein Signum der modernen Welt, sondern prägt seit Jahren mehr und mehr die Wissenschaft. Ist der sich beschleunigende Wettbewerb Ursache für die zu beobachtende Häufung von wissenschaftlichem Fehlverhalten weltweit?

Matthias Kleiner: Zunächst einmal: "Speed matters" und auch "competition matters" sind nicht per se zu verdammen - sie gehören zur Wissenschaft und machen wissenschaftliche Fortschritte oft erst möglich. Allerdings sind auch hier Auswüchse zu beobachten. Beim wissenschaftlichen Publizieren etwa ist es zu einer Überbetonung numerischer Indikatoren gekommen, die Wissenschaftler unter starken Druck setzt, möglichst viel statt möglichst gut zu publizieren, und die immer wieder auch zu Fehlverhalten führen kann.

F&L: Brauchen wir, wie Wolfgang Frühwald einmal gefordert hat, eine Entschleunigung des unabdingbar von Irrtümern aller Art begleiteten Prozesses der Wissenschaft?

Matthias Kleiner: Eine Entschleunigung allein wäre nicht nur schwer realisierbar, sondern auch kontraproduktiv. So wie Wettbewerb und Konkurrenz gehören auch die Phasen starker Beschleunigung zur Wissenschaft, in denen sich Paradigmenwechsel innerhalb kürzester Zeit vollziehen. Wichtiger ist, dass wir den tatsächlichen Auswüchsen im wissenschaftlichen Prozess entgegen wirken. Beim wissenschaftlichen Publizieren etwa haben wir in der DFG kürzlich neue Regeln für Publikationsangaben in Förderanträgen und Abschlussberichten beschlossen. Mit ihnen begrenzen wir die Zahl der zu nennenden Publikationen drastisch und machen so deutlich, dass Qualität vor Quantität geht und es in der Forschung und ihrer Förderung alleine auf die wissenschaftlichen Inhalte, deren Originalität, Güte und Wahrheit ankommt.

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote