Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Die Verleihung des Dr. art. und Dr. mus.

Von Peter M. Lynen

Die Frage, ob es eine "künstlerische Promotion" geben soll, also einen Doktor der Kunst oder der Musik, wird derzeit nicht nur innerhalb der Kunsthochschulen diskutiert. Ist die damit verbundene Entwicklung aus der Sicht der Künste und insbesondere der Wissenschaften gerechtfertigt? Oder ist sie als hochschulpolitische Fehlentwicklung zu beurteilen?

Die Verleihung des Dr. art. und Dr. mus.© Wahlers - Photocase.com
Seit einiger Zeit sind Bestrebungen im Gange, einen künstlerischen Doktorgrad zu ermöglichen. Vielen in der Welt der Wissenschaften und der Künste ist dies bisher verborgen geblieben. Solche Überlegungen geschehen häufig im Rahmen der Ausgestaltungen des "Dritten Zyklus", die sich im Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess und dem damit verbundenen gestuften System der Studiengänge, Abschlüsse und akademischen Titel befinden.

Es ist aber auch möglich, dass solche Initiativen unabhängiger vom Bologna-Prozess und stärker in Verbindung mit der generellen Überlegung der Gleichstellung der Künste mit den Wissenschaften im hochschul- und bildungspolitischen Raum stehen. Gleichstellung meint hier die grundsätzliche Forderung nach adäquaten Gestaltungs- und Förderungsmöglichkeiten für Kunst und Wissenschaft. Auch in die Konferenzen der Präsidenten und Rektoren der Kunst- und Musikhochschulen sind solche Vorstöße bereits eingedrungen.

Die kunstwissenschaftliche Promotion

An dieser Stelle gilt es bereits, ein erstes Missverständnis auszuräumen. Kunstwissenschaftliche Promotionen (im weiten Sinne der Kunst-, Medien- und Musikwissenschaften und anderer Kulturwissenschaften) sind seit langem statthaft und werden erfolgreich durchgeführt. Außer den Universitäten besitzen auch etliche Kunst- und Musikhochschulen längst (zum Teil seit über 20 Jahren) das Promotionsrecht in den an ihnen vertretenen wissenschaftlichen Fächern. Dieses Promotionsrecht der Kunsthochschulen und seine Ausübung unterscheiden sich nicht von dem der Universitäten. Das betrifft insbesondere die Zugangsvoraussetzungen zur Promotion, die Einstellungsvoraussetzungen der wissenschaftlichen Professoren und die notwendigen Qualifikationen der Prüfer einerseits und der Kandidaten andererseits sowie das Promotionsverfahren mit dem Kernstück der Dissertation als einer genuin wissenschaftlichen Arbeit. Auch Absolventen künstlerischer Studiengänge (also Künstlern) ist längst gestattet, diese Qualifizierungsart in Anspruch zu nehmen und den dementsprechenden Doktorgrad und Titel (meist Dr. phil.) zu erwerben, wenn sie die promotionsspezifischen Voraussetzungen erfüllen und sich den prüfungsbezogenen wissenschaftlichen Anforderungen und Leistungen im Promotionsverfahren stellen. Die Promotionsordnungen (als Satzungen der Kunsthochschulen) regeln dies im Einzelnen. Insoweit können insbesondere "Doppelbegabungen" in Kunst und Wissenschaft gefördert und ausgezeichnet werden. Dies sind zwar Einzelfälle, weil es sich bei den Künsten und den Wissenschaften in der Regel um unterschiedliche Begabungspotentiale, Werdegänge und Leistungsprofile handelt. Es sind aber durchaus respektable Ergebnisse entstanden und auch veröffentlicht worden. Insoweit besteht keinerlei Nachhol- oder Änderungsbedarf.

Die künstlerische Promotion

Die Forderungen nach einem "Dr. art." oder "Dr. mus.", also diejenigen nach einer "künstlerischen" Promotion, gehen über diesen gesicherten Regelungsumfang weit hinaus. Man bezieht sich darauf, dass es auch "künstlerische Forschung" gäbe und dass künstlerische oder gemischt künstlerisch-wissenschaftliche Forschungsleistungen über die bisherigen gestuften Abschlüsse (heute vor allem den Bachelor- und den Mastergrad, dazu insbesondere noch das erste Staatsexamen in den Schulfächern Kunst und Musik) mit einem dritten Abschluss - nämlich dem künstlerischen Doktorgrad - ausgezeichnet werden müssten. Dahinter steckt auch die Forderung, dementsprechende Förderungen und Finanzquellen für die "künstlerische Forschung" zu erschließen, weil die Kunst (und die Kunsthochschulen) teilweise aus dem rein wissenschaftsbezogenen System der staatlichen und privaten Unterstützung heraus fielen. Zudem wird in Deutschland auf ausländische Beispiele verwiesen, welche die Graduierung der Promotion nicht so "eng" ausgestalteten und künstlerische Promotionen bereits zuließen.

Gut gemeint als Gegenteil von gut gemacht

Dieser Argumentation ist entschieden entgegenzutreten. Sie will zwar den Künsten dienen, geht aber falsch vor und bewirkt das Gegenteil. Sie vermengt tatsächlich bestehende Probleme und Verhältnisse mit vermeintlichen und nicht anzutreffenden, ist unsystematisch, teilweise irreführend und falsch und widerspricht auch den gerechtfertigten Anforderungen der Praxis. Insbesondere würde die Verwirklichung dieser Vorschläge zu Qualitätsverlusten und der Aufweichung bisher klarer Titel und Termini führen. Die Absolventen solcher Promotionsverfahren können weder in der Welt der Künste noch in derjenigen der Wissenschaften mit gesteigerter Anerkennung rechnen. Überdies widerspricht dieses Bestreben geltendem Hochschulrecht und lässt verfassungsrechtliche Bedenken zu. Um dieses Urteil zu begründen, muss man auf die unterschiedlichen Begriffe und Kategorien "Künstlerische Forschung", "Kunstausübung" und "künstlerische Entwicklungsvorhaben" genauer eingehen. Der Forschungsbegriff ist inhaltlich mit Ausschließlichkeitscharakter auf die Wissenschaften bezogen. "Wissenschaftliche Forschung" ist ein Pleonasmus.

Forschung ist Ausübung und Entwicklung der Wissenschaften. Sie steht innerhalb der Wissenschaften in bedeutsamer Wechselwirkung zur Lehre. Das eine bedingt und fördert das andere. Nun könnte man dann an begriffliche Erweiterungen denken, wenn es für die Künste und die Kunsthochschulen kein anerkanntes und wirkungsmächtiges Pendant zur Aufgabe der Forschung gäbe. Das Gegenteil ist der Fall. Sowohl das Hochschulrahmengesetz als auch das Recht der deutschen Bundesländer und nicht zuletzt die darauf aufbauende Praxis sehen neben der Aufgabe der Lehre seit langem für die Künste und die Kunsthochschulen die Aufgaben der Kunstausübung und der künstlerischen Entwicklungsvorhaben vor.

In Österreich gibt es diesbezüglich den Begriff der "Erschließung der Künste". Zwischen künstlerischer Lehre einerseits und der Kunstausübung mit den künstlerischen Entwicklungsvorhaben andererseits besteht eine notwendige und vitale Austauschbeziehung, die der Wechselwirkung von wissenschaftlicher Lehre und Forschung entspricht. Auch wenn die kunstbezogenen Parallelbegriffe nicht so eingebürgert sind wie der Forschungsbegriff und man über die Schönheit solcher Termini streiten kann, so umfassen sie doch ein wichtiges Betätigungsfeld im Werk- und Wirkbereich der Künste. Dies bildet das adäquate Gegenstück zur Forschung. Denn sowohl das Schaffen von Kunstwerken als auch die Förderung der Entwicklung der Künste einschließlich Fragen der Methodik, der Technik, der Präsentation, der Veröffentlichung und der Vermittlung sind darin enthalten. Zudem ist hochschulrechtlich festgelegt und inzwischen unumstritten, dass für die Förderung der Kunstausübung und der künstlerischen Entwicklungsvorhaben die Bedingungen für die Forschung in analoger Weise anzuwenden sind. Insoweit wird regelmäßig auf die entsprechenden Vorschriften verwiesen.

Dies bedeutet konkret, dass künstlerische Professoren "Freisemester" (Befreiung von der Lehrverpflichtung) zur Durchführung künstlerischer Entwicklungsvorhaben in Anspruch nehmen können, dass solche Vorhaben förderungsfähig sind (sowohl durch staatliche Mittel als auch im Drittmittelbereich) und dass Kunstausübung und künstlerische Entwicklungsvorhaben grundsätzlich zu den Hauptaufgaben des künstlerischen Personals gehören (und nicht a priori Nebentätigkeit sind), wie das für die Forschung beim wissenschaftlichen Personal entsprechend der Fall ist. Auf die Studierenden bezogen bedeutet dies insbesondere, dass die eigene Kunstausübung bereits innerhalb der Studiengänge des ersten und zweiten Zyklus eine zentrale - oft ganz überwiegende - Rolle spielt und sich die künstlerische Graduiertenförderung und die Förderung des künstlerischen Nachwuchses besonders hierauf und auf die künstlerischen Entwicklungsvorhaben beziehen. Demzufolge sahen bereits vor Jahren Graduiertenförderungsgesetze (z.B. in NRW) vor, dass außer der wissenschaftlichen Promotion künstlerische Entwicklungsvorhaben für Absolventen künstlerischer Studiengänge (ohne den Abschluss der Promotion) statthaft und finanziell förderungsfähig waren. Danach ist auch gefördert worden. Heute könnte man durchaus einen "dritten Zyklus" in künstlerischen Studiengängen entwickeln, der weitere künstlerische und/oder künstlerisch-wissenschaftliche Leistungen im Anschluss an die bisherigen Graduierungen fördert, mit Abschlüssen bestätigt und mit Titeln belohnt. Statt des für wissenschaftliche Leistungen reservierten Doktorgrades können die früheren kunsthochschulspezifischen Titel - wie das "Konzertexamen" oder der "Meisterschüler" - Pate stehen. Man kann aber auch neue Graduierungen und Titel oder Zertifikate schaffen. Insoweit haben einige Kunst- und Musikhochschulen auch schon damit begonnen, solche kunstadäquaten Angebote zu entwickeln. Diesbezüglich gibt es ein lohnendes und noch nicht abgeschlossenes Betätigungsfeld. Hier kann man durchaus "kreativ" sein.

Damit trifft die Behauptung, "künstlerische Forschung" und deren Förderung seien bisher nicht vorgesehen, nicht zu. Unter den spezifischen kunstbezogenen Begriffen ohne Verwechslungsgefahr mit dem Forschungsbegriff gibt es längst statthafte und anerkannte adäquate Gestaltungsräume. Diese kann und muss man nutzen. Es ist lediglich richtig, dass in der wissenschafts- und bildungspolitischen Praxis die bisher durchgeführten Förderungen künstlerischer Exzellenz und die bislang zur Verfügung stehenden Finanzquellen gegenüber denjenigen in Wissenschaft und Forschung de facto hinterher hinken. Zum Beispiel sind der Begriff "Exzellenzhochschule" und dementsprechende Programme in Bezug auf die Kunsthochschulen zu Unrecht bisher nicht vorgesehen. Zu Unrecht deshalb, weil die Kunsthochschulen mit ihren künstlerischen Ergebnissen und der Entwicklung der Künste bei außergewöhnlich guten Betreuungsrelationen und der gezielten Auswahl der Studierenden durchaus Exzellenz mit großem internationalem Renommee aufweisen und unter Beweis stellen können.

Im Bezug auf Exzellenzprogramme ist indes eine besondere Strategie vonnöten. Es ist nicht richtig, durch Etikettenschwindel und Aufweichungen des Forschungsbegriffs durch die Hintertür zu versuchen, an Förderungsprogrammen der Wissenschaft partizipieren zu wollen. Mit solchen Zugriffsversuchen auf die begrenzten Ressourcen erweckt man begründeten Argwohn und gibt sich teilweise der Lächerlichkeit preis. Stattdessen sollte man selbstbewusst auf die bereits verankerte Gleichwertigkeit von Kunst und Wissenschaft und diejenige der Kunsthochschulen mit den Universitäten sowie auf die eigenen Leistungen in Kunstausübung und künstlerischen Entwicklungsvorhaben pochen und fordern, dass sich künftig Exzellenzprogramme und Nachwuchsförderungen verstärkt auch auf die Künste, die Kunsthochschulen und deren Mitglieder zu beziehen haben. Dies setzt freilich voraus, dass besondere und qualitativ hochstehende Leistungen in den Künsten dargestellt werden. Künstlerische Mittelmäßigkeit vermischt mit solcher wissenschaftlicher Art nach dem Rezept "man nehme dies und das" kann das nicht zeitigen.

Qualität und Interdisziplinarität

Dabei unterliegen künstlerische und wissenschaftliche Leistungen durchaus unterschiedlichen Qualitätsmaßstäben. Diese darf man nicht in einer künstlerisch-wissenschaftlichen Promotion profillos vermengen. Deren Absolventen werden auch auf dem akademischen Arbeitsmarkt als künstlerischer oder wissenschaftlicher Nachwuchs keine erhöhten Chancen haben. Insbesondere sind die Einstellungsvoraussetzungen für künstlerische und wissenschaftliche Professoren rechtlich und faktisch ausdifferenziert und enthalten solche Mischformen nicht. Die diesbezügliche Behauptung, man eröffne dem künstlerischen Nachwuchs zusätzliche Chancen, ist weder belegt noch stichhaltig. Auf dem außerhochschulischen Arbeitsmarkt - z.B. im Kulturbereich - sind ebenfalls keine relevanten Wünsche nach derartigen akademischen Zwitterwesen geäußert worden. Damit wird indes nicht behauptet, dass es keine fruchtbaren interdisziplinären Ansätze gäbe. Auch hier ist das Gegenteil der Fall. Bereits in grundständigen künstlerischen Studiengängen sind wissenschaftliche Anteile enthalten. Dies ist auch ausbaufähig und ausbauwürdig. Die Kunsthochschulen, die sich um die Verstärkung des wissenschaftlichen Angebots bemühen (vom früheren peripheren "Theoriebereich" über qualifiziert besetzte Lehrstühle und Fächer bis zu eigenen kunstwissenschaftlichen Fachbereichen), sind zu unterstützen. Die Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Wissenschaftlern ist erweiterbar und förderungsfähig, setzt aber voraus, dass man differenzierte Fragestellungen entwickelt und die jeweiligen Anteile und Beiträge definiert. Man muss sich insbesondere darüber im Klaren sein, um welche einzubringenden Qualifikationen, Möglichkeiten der Zusammenarbeit und anzustrebenden Ziele es geht.

Natürlich kann ein stärker wissenschaftsbezogenes Programm auf ein künstlerisches gesetzt werden oder umgekehrt ein künstlerisches auf ein wissenschaftliches. Dritter Zyklus und Weiterbildung bieten exemplarische Möglichkeiten dafür. Den Hochschulen und anderen Institutionen von Kunst, Kultur und Wissenschaft ist eigen, dass solche Verbindungen den Charakter von Experimenten haben dürfen. Insoweit sind den Bemühungen kaum Grenzen gesetzt. Diese zeigen sich aber dann, wenn es um definierte Begriffe geht, die statusbildend sind. Dies ist hinsichtlich der Begriffe Forschung und Promotion der Fall.

Rechtliche Bedenken

Diese Argumentation lässt sich auch rechtlich untermauern. Sowohl das Hochschulrahmengesetz als auch das Hochschulrecht der Länder (exemplarisch wird auf § 22 HRG, §§ 67 und 70 HG NRW sowie auf §§ 59 und 62 KunstHG NRW und die Kommentierungen dazu verwiesen) gehen beim Forschungsbegriff und der Promotion davon aus, dass es sich um wissenschaftliche Betätigungen handelt. Kunstausübung und künstlerische Entwicklungsvorhaben sind unter analoger Anwendung der Regeln über die Forschung zu behandeln und zu fördern. Dies beinhaltet, dass es sich um etwas anderes, aber gleichwertiges, handelt. Die Promotion selber mit ihrem Kernstück der wissenschaftlichen Dissertation ist insoweit rechtlich nicht auf künstlerische Leistungen erweiterbar, wenn das Landesrecht keine ausdrückliche diesbezügliche Öffnungsklausel enthält. Das geltende Hochschulrecht steht daher den Bestrebungen zur Einführung eines "künstlerischen" Doktorgrads regelmäßig entgegen. Die bisherigen Projekte sind am jeweiligen Landesrecht zu messen. Insoweit ist zu befürchten, dass sie einer Prüfung nicht standhalten. Dann müsste die Rechtsaufsicht (Ministerium) einschreiten, wenn sich örtliche Promotionsordnungen oder die Praxis von Hochschulen über diesen gesetzlichen Rahmen hinweg setzen.

Damit stellt sich natürlich die Frage, ob man das geltende Hochschulrecht in dem Sinne novellieren dürfte, dass "künstlerische Forschung" und die "künstlerische Promotion" zukünftig statthaft würden. Das eröffnet verfassungsrechtliche Dimensionen, auf die an dieser Stelle nur kurz hingewiesen werden kann. Unter Ausklammerung des ebenfalls zu prüfenden Landesverfassungsrechtes ergeben sich Bedenken daraus, dass die Begriffe "Wissenschaft", "Kunst" und "Forschung" in Art 5 Abs. 3 Satz 1 GG nicht nur enthalten sind, sondern verfassungsrechtliche Bedeutungsinhalte erfahren haben. Diese werden - durchaus konturiert - in der (höchstrichterlichen) Rechtsprechung und der (verfassungsrechtlichen) Literatur umschrieben und ausgefüllt. Sowohl die Wissenschaft als auch die Kunst unterliegen eigenen Strukturmerkmalen und Eigengesetzlichkeiten, die nicht miteinander identisch sind. Das schließt die Mischform der "künstlerischen Forschung" aus, weil diese einerseits den Rahmen der Wissenschaften überschreitet, es andererseits im Rahmen der Künste hierfür die oben dargestellten künstlerischen und der Kunstfreiheit im Werk- und Wirkbereich adäquaten Betätigungen der Kunstausübung und der künstlerischen Entwicklungsvorhaben gibt. Da die "künstlerische Promotion" aber auf dem Postulat "künstlerischer Forschung" beruht, den wissenschaftlichen Forschungsbegriff damit unangemessen ausweitet und zu akademischen - vom Staat verliehenen - Graden und Titeln (Dr. art., Dr. mus.) führen soll, erstrecken sich die verfassungsrechtlichen Bedenken auch auf diesbezügliche Modelle und Reformvorhaben. Das Bundesverfassungsgericht hat hierzu zwar noch nicht Stellung genommen, ist aber z.B. der Vereinheitlichung und Verwirrung der Begriffe bei den Professorentiteln entgegen getreten, was zur gesetzlichen Differenzierung in diesem Bereich geführt hat. Auch hier waren die Eindeutigkeit der Begrifflichkeiten und die Eindämmung von Verwechslungsgefahren entscheidungserheblich. Doppelstrategie empfehlenswert Deshalb ist eine Doppelstrategie zu empfehlen.

Einerseits sollte man den Bestrebungen, "künstlerische Forschungen" und Doktorgrade einzuführen und zu entwickeln, wirksam entgegen treten. Der hochschulpolitische und hochschulrechtliche Rahmen muss nicht erweitert werden. Eine erneute Hochschulreform auf diesem Feld diente nicht der Qualitätsförderung und bedeutete einen weiteren Schritt der Nivellierung und Schwächung der Hochschulprofile. Sie führte zur Aufweichung vorhandener Grade und Titel mit Verwechslungsgefahren. Andererseits ist zu fordern, dass der bereits bestehende rechtliche Förderungsrahmen faktisch intensiver ausgefüllt wird. Kunsthochschulen und künstlerische Projekte in Bezug auf Kunstausübung und künstlerische Entwicklungsvorhaben, auch der künstlerische Nachwuchs, sind stärker zu fördern, als dies bislang der Fall war. "Exzellenz" der Kunsthochschulen als Institutionen sowie ihrer Mitglieder und Absolventen sollte in Förderprogramme der Hochschulpolitik von Bund und Ländern einbezogen werden. Dies verlangt - ebenso wie bei den Wissenschaften und Universitäten - Einzelfallprüfungen unter Anlegung kunstbezogener Qualitätsmaßstäbe. Insofern ist nicht angemessen, auf den öffentlichen und privaten Kulturbereich oder die Kulturwirtschaft zu verweisen und dies zur "Nichtaufgabe" des tertiären Bildungsbereichs zu erklären. Bezüglich der Wissenschaften wird auch von mehreren Seiten (Bund, Länder und Wirtschaft) gefördert und nicht mit Ausschließlichkeitscharakter auf den privaten Drittmittelbereich und die Industrie verwiesen. Eine oder mehrere Exzellenzhochschulen im Kunst- und Musikbereich würden deren internationaler Bedeutung entsprechen.


Über den Autor
Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Peter M. Lynen ist Leiter des Zentrums für Internationales Kunstmanagement der Hochschule für Musik und Tanz Köln und Sekretar der Klasse für Künste der NRW-Akademie der Wissenschaften und der Künste.


Aus Forschung und Lehre :: März 2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote