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Die Verschulung des Geistes

Von Julian Nida-Rümelin

Mehr Systematik in den Studiengängen forderte in der Vorwoche Volker Meyer-Guckel. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin ist da ganz anderer Ansicht.

Die Verschulung des Geistes© chrisberic - Fotolia.comQualitätsverlust als Folge der Verschulung im Bereich der Geisteswissenschaften
Die Geisteswissenschaften befinden sich gegenwärtig auf einer abschüssigen Bahn, an deren Ende ihre weitgehende Marginalisierung stehen könnte. So wie das 19. Jahrhundert die Zeit der Geburt und der Reifung der geisteswissenschaftlichen Fächerkultur war, so könnte das 21. Jahrhundert zum Zeitalter ihres Niedergangs werden.

Das liegt zweifellos auch am Prozess der Verschulung und Ökonomisierung der akademischen Bildung, die vergangene Woche auch in dieser Zeitung wieder einmal propagiert wurde, wie immer mit Blick auf die USA. Dabei sind die amerikanischen vierjährigen Bachelorstudiengänge gerade nicht von ökonomischen Erwartungen geprägt, ja nicht einmal von einem unternehmerischen Leitbild. Vielmehr wurden die B.-A.-Angebote ursprünglich eingeführt, um das Qualitätsgefälle des US-amerikanischen Highschool-Diploms zum deutschen Abitur zu überbrücken. Sie sollten auf ein wissenschaftliches Studium vorbereiten, das erst mit dem Masterprogramm beginnt. Die Ironie besteht darin, dass Deutschland seither die Hochschulreife durch eine bloße Hochschulzugangsberechtigung ersetzt hat. Damit ist in der Tat eine analoge Zwischenphase bis zur Aufnahme eines wissenschaftlichen Studiums für einen wachsenden Anteil derjenigen erforderlich geworden, die formal als studierfähig gelten.

Diese Zwischenphase ist aber in ihrer aktuellen Bologna-Form missglückt. So wurden in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften B.-A.-Studiengänge eingeführt, die sich oft nur auf eine einzige Disziplin beschränken (anders als zuvor im Magisterstudiengang, der ein Hauptfach mit zwei Nebenfächern kombinierte). In ihrer Schmalspurigkeit und mit ihrer jedenfalls in den Geisteswissenschaften albernen Berufsorientierung wird mit einem solchen Bachelor oftmals nicht einmal die Befähigung zu einem wissenschaftlichen Studium erworben. Dass dies unter dem Rubrum der Herstellung internationaler Konkurrenzfähigkeit insbesondere gegenüber der transatlantischen Bildungskultur vollzogen wurde, könnte man für einen Treppenwitz halten, wenn dieser Vorgang nicht so weitreichende Folgen hätte.

Denn die Umstrukturierung des Studiums im Zuge der Bologna-Reform betrifft, anders als oft behauptet, ja mitnichten nur Äußerlichkeiten wie die neue Messzahl des ECTS-Punktes (ein Punkt entspricht einem durchschnittlichen Arbeitsaufwand von 25 bis 30 Stunden), die Normierung auf einen ersten Abschluss nach sechs Semestern Regelstudienzeit oder die Einteilung in Module, die kontinuierlich geprüft werden. In Bologna-Studiengängen sollen die Lehrinhalte in den eigenen Modulen (zusammengefasst im Modulhandbuch) genau beschrieben werden, einschließlich der begleitenden Lektüre und der Kompetenzen, die in einer Klausur oder in einer anderen Prüfungsform abgefragt werden. Diese harmlose Vorschrift zerstört aber, wenn man sie konsequent umsetzt, ein wichtiges Charakteristikum der geisteswissenschaftlichen Fächerkultur, nämlich die Verbindung eigener Forschung mit eigener Lehre.

Vom Anbeginn der Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert gehörte es zum Ethos der in diesen Disziplinen Lehrenden, dass sie den Studierenden ihre eigenen Forschungsergebnisse präsentieren. Da die wissenschaftliche Lehre in Deutschland frei ist, das heißt alle entsprechend (in der Regel durch Habilitation) Qualifizierten als Professoren oder Privatdozenten selbst entscheiden können, welche Lehre sie anbieten, gehört auch die Bereitschaft dazu, mit den Kollegen hinsichtlich des Lehrangebotes so zu kooperieren, dass alle Bereiche hinlänglich abgedeckt sind. Damit ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen den Erfordernissen des jeweiligen Lehrprogramms eines Studienganges einerseits und der Verkoppelung eigener Forschung mit den Inhalten eigener Lehre andererseits. Dass dieses Ethos auch in der Vergangenheit nicht immer friktionsfrei umgesetzt wurde, liegt auf der Hand.

Aber eines dieser beiden Elemente aufzugeben hieße, die spezifische Kultur geisteswissenschaftlicher Praxis an den Universitäten zu beerdigen. Dabei ist es den Kolleginnen und Kollegen nicht zu verdenken, wenn sie den Kampf um dieses Identitätsmerkmal der Geisteswissenschaften aufgeben. Die Freiheit von Forschung und Lehre ist anstrengend, sie verlangt traditionell, mindestens jede zweite Vorlesung über eigene Forschungsleistung zu erschließen, Neues zu präsentieren und damit neue Publikationen vorzubereiten. Doch gerade in den Geisteswissenschaften ist die Arbeitsbelastung explodiert - so liegt die Zahl der von einem Professor beziehungsweise einer Professorin betreuten Studierenden in den Geisteswissenschaften unterdessen bei über 100. Wer nun auf die ständige Wiederholung des gleichen, in der Kollegenschaft weithin normierten Stoffes und die Bezugnahme auf denselben Korpus von Standardliteratur setzt, minimiert den Arbeitsaufwand beträchtlich.

Diejenigen, die in der Verbindung von Forschung und Lehre immer noch ein Identitätsmerkmal geisteswissenschaftlicher Praxis sehen, geraten dagegen in Konflikt mit den Studiengangbeauftragten, im ungünstigsten Fall auch mit Ministerialen oder der Rechtsabteilung der jeweiligen Universität, die sich um die Gerichtsfestigkeit des Lehrangebots und der Prüfungspraxis sorgen. Was jahrzehntelang Praxis war, gilt unterdessen als rechtlich unzulässig.

In der Tat hat die Neigung von Studierenden, die das Studium als Recht auf eine möglichst rasche und glatte Berufsausbildung missverstehen, zugenommen, sich in Module, in Zulassungen und Abschlüsse hineinzuklagen. Während früher an den meisten führenden Universitäten die selbstgewisse, aber nonchalante Einstellung dominierte, dass man sich die freien Gestaltungsmöglichkeiten der Lehre nicht dadurch nehmen lassen wolle, dass klagende Studenten vor Gericht wegen des einen oder anderen Formfehlers, der der Universität unterlaufen ist, obsiegen, gilt jetzt die entgegengesetzte Regel, die Lehr- und Prüfungspraxis auf den Worst Case des klagenden Studierenden auszurichten. Das etabliert dann entsprechende Standards der Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit, der Explizitheit und der Kontrolle.

Welche Relevanz die nun bedrohte Verkoppelung von Forschung und Lehre hat, zeigt sich auch an der Offenheit der Geisteswissenschaften zu einem breiten, bildungsorientierten Publikum. Das nämlich nimmt als Leserschaft teil an der in Buchform präsentierten Auseinandersetzungen der Wissenschaftler. Der Vorlesungsraum muss als Brücke zwischen allgemein interessierter, Bücher und Feuilletonbeiträge lesender Öffentlichkeit und innerwissenschaftlicher Auseinandersetzung erhalten bleiben. Hier müssen sich Argumente in einer verständlichen Form bewähren, oder es ist zu erwarten, dass sie in einem breiteren, nicht akademischen Resonanzraum scheitern werden.

In Ländern mit einer hohen Dichte kultureller Einrichtungen, wie sie besonders für Mitteleuropa charakteristisch ist, wirken diese geisteswissenschaftlichen Publikationen so auch in die Theater-, Museums- und Musikpraxis hinein. Keiner der genannten Aspekte hat ein direktes Analogon in den Naturwissenschaften. Die möglicherweise verheerendste Auswirkung auf die geisteswissenschaftliche Fächerkultur hat die Orientierung der Wissenschaftspolitik an der Naturwissenschaft.

In der Gründungsphase der modernen Wissenschaftsdisziplinen im 19. Jahrhundert war es noch umgekehrt: Da hatten die Philosophie und die aus ihr früh hervorgegangenen Geisteswissenschaften eine normierende Kraft, zum Nachteil der Naturwissenschaften. Die Habilitationsleistung sollte in der Erarbeitung einer größeren Studie bestehen; es galt, große Bereiche geisteswissenschaftlicher Forschung in kohärenter Weise und mit eigenen Überlegungen angereichert zu präsentieren. Den Naturwissenschaften, etwa der Physik, ist das fremd. Zwar sind die berühmtesten Lehrbücher der Physik von führenden Forschern geschrieben worden, aber niemand käme auf die Idee, diese Lehrbücher selbst für eine Forschungsleistung in der Physik zu halten.

Auch die Vielfalt der Paradigmen, der Theorieansätze, der Grundlagenstreitigkeiten, die für die Geisteswissenschaften charakteristisch ist, gibt es in der Physik und in den Naturwissenschaften generell nicht oder nur in ganz spezifischen Teilbereichen. Dennoch tendiert die Forschungssteuerung durch Wissenschaftspolitik und Hochschulleitungen zunehmend dazu, die Forschungspraxis der Natur- und Lebenswissenschaften auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften zu etablieren. Beispielsweise wurden in allen Disziplinen in den vergangenen Jahren die Rankings und Ratings internationaler wissenschaftlicher Journale wichtiger.

Das, was früher eher zufällig erfolgte, nämlich die Publikation in einem A-Journal, wird nun oft zu einem entscheidenden Kriterium der Berufbarkeit. Es hat schon Berufungsverfahren gegeben, in denen der hoffnungsvollen Kandidatin gesagt wurde, sie sei grundsätzlich berufen, nur wolle man noch die Publikation ihres ersten Papers in einem A-Journal abwarten. Ökonomen haben Algorithmen entwickelt, wie man die eigene wissenschaftliche Publikationspraxis über das Ranking von Journals und angesichts der unterschiedlichen Ablehnungsquoten optimieren kann. Kaum diskutiert wird jedoch, dass allein schon das Ranking von Zeitschriften unvereinbar ist mit der geisteswissenschaftlichen Forschungskultur.

Die einzelnen Zeitschriften sind in der Regel von mehr oder weniger bedeutenden Repräsentanten einer bestimmten Richtung, eines etablierten Paradigmas geisteswissenschaftlicher Forschung gegründet worden und repräsentieren ein bestimmtes fachliches Verständnis. Es ist gerade der Streit darüber, was gute Fachlichkeit in der jeweiligen Disziplin oder im jeweiligen Forschungsgebiet ist, der die geisteswissenschaftlichen Debatten vorantreibt. Ein Ranking von Zeitschriften legt diesen Streit implizit bei oder setzt die Beilegung dieses Streites vielmehr voraus. Ein Phänomenologe und ein Analytiker in der Philosophie verstehen unter einem guten philosophischen Argument etwas grundlegend anderes. Anhänger von Heidegger und Anhänger von Russell können sich nicht einigen, was sie unter Logik verstehen.

Selbst das stilistische Verständnis eines guten geisteswissenschaftlichen Textes variiert erheblich zwischen denjenigen, die Derrida oder Deleuze als Inspirationsquelle nutzen, und denjenigen, die beide als wissenschaftlich irrelevant erachten. Konflikte dieser Art werden im günstigsten Fall durch Argumente, im ungünstigeren durch Gefolgschaften, Schulbildungen, Kongressorganisationen und intellektuelle Polemiken ausgetragen. Wer sie, und sei es nur mit dem harmlosen Mittel der Forschungsevaluation, unterbindet, der zerstört - vermutlich ohne Absicht, aber dafür umso wirksamer - ein wesentliches Merkmal geisteswissenschaftlicher Forschungspraxis.

Mit anderen Worten: Wo das Bewertungsmaß umstritten ist, ja wo dieser Streit um die angemessene Form eines geisteswissenschaftlichen Argumentes für die Forschungspraxis konstitutiv ist, bedroht jede Normierung, und sei es nur in der harmlos erscheinenden Form der Forschungsevaluation, die Identität der entsprechenden Disziplin. Wer die Geisteswissenschaften erhalten will, sollte deshalb verstehen, dass sie schlicht anders sind als die Naturwissenschaften - und auch anders behandelt werden müssen.


Über den Autor
Julian Nida-Rümelin lehrt an der LMU München Philosophie.

Aus DIE ZEIT :: 16.04.2015

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