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Die "verschwejkte" Reform

Ist der Bologna-Prozess ein Projekt, das Europa weiterbringt? Kann es für die Universitäten und die Studenten als Erfolg verbucht werden? Lässt sich damit die Humboldtsche Universität retten? Nachdenkliche - und durchaus selbstkritische - Antworten eines international bekannten tschechischen Hochschullehrers und Politikers.

Die "verschwejkte" Reform© V. Pokorný - Wikimedia CommonsIst Bologna der einzige vernünftige Plan, die Humboldtsche Universität eingermaßen zu retten?
Forschung & Lehre: Die Bologna-Reformen haben vehemente Befürworter und hartnäckige Gegner gefunden. Wie beurteilen Sie die vergangenen zehn Jahre?

Jan Sokol: Als einen Erfolg mit vielen Missverständnissen. Bologna wurde alles Mögliche untergeschoben und zu viele haben darüber gar nicht nachgedacht. Es wurde z.T. mechanisch "angewendet", und dann sich beklagt, dass es nicht funktioniere. Auf tschechisch würde man sagen, es wurde "verschwejkt". Dabei ist es ein sehr vorsichtiger, flexibler und eigentlich dünner Rahmen, den erst wir Akademiker mit Inhalt füllen sollen. Es ist peinlich zu beobachten, wie wir einerseits auf unserer Autonomie beharren und pochen, andererseits andere über diese Inhalte entscheiden lassen - und dann über die Misserfolge jammern.

F&L: Sie sagen "andere über diese Inhalte entscheiden lassen": Hochschullehrer und Studenten sind doch nicht danach gefragt worden, ob sie diese Reform wollen. Sie ist von Bund- und Länderpolitikern, Hochschulrektoren sowie Interessengruppen "von oben" durchgesetzt worden. Studenten und Hochschullehrer waren gezwungen, sie umzusetzen. Ist Kritik deshalb nicht berechtigt?

Jan Sokol: Ich will keine der verschiedenen Bürokratien verteidigen, sondern nur auf die Tatsache hinweisen, dass wir als Akademiker über die längst fälligen Reformen zu wenig nachgedacht und fast nichts unternommen haben. Warum haben wir geschwiegen, als sich die Zahlen unserer Studenten vervielfachten und alle sich in zu spezialisierte Studienprogramme einschreiben mussten, die sie dann wiederholt wechselten? Als autonom denkende und verantwortliche Fachleute - nicht nur in unseren Fächern, sondern auch in der universitären Erziehung überhaupt - hätten wir uns schon viel früher über die neue Lage der Universitäten den Kopf zerbrechen müssen, so wie es einmal Humboldt getan hat. Dann hätten diese Reformen wohl auch vernünftiger werden können - z.B. flexibler und fügsamer in den verschiedenen Bereichen. In guten Zeiten waren wir leider mit dem Zulauf der Studenten ganz einverstanden, ohne über die notwendigen Folgen nachzudenken, und werden kritisch, erst wenn es mit Geld etwas knapper wird. Kein gutes Zeugnis für unser Verantwortungsbewusstsein.

F&L: Ist Bologna ein Projekt, das Europa weiterbringt?

Jan Sokol: Das weiß ich freilich nicht, vernehme es immerhin als eine große Chance. Wenn man die Hälfte eines Jahrgangs an die Universitäten bringen will, kann man es nicht nach dem ehrwürdigen Humboldtschen Schema machen. Viele von diesen jungen Leuten wissen mit ihren 19 Jahren noch gar nicht, was sie machen möchten und sollten die Gelegenheit haben, es im pre-graduate erst zu suchen und zu finden. Diese große Zahl von jungen Menschen kann unmöglich erwarten, dass sie alle einmal als Wissenschaftler und Akademiker eine Stelle finden werden - und wir sollten auch nicht diese falsche Erwartung schüren. Die Auswahl für graduate studies sollte von beiden Seiten erst später und viel sorgfältiger geschehen, damit es nicht zu groben Fehlentscheidungen kommt und das Ganze nicht nur finanzierbar, sondern auch vernünftig vertretbar wird. Wenn wir als Akademiker diese Verantwortung nicht wahrnehmen, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn dann von Bürokraten eben "bürokratisch", d.h. mechanisch und ohne viel Einsicht, darüber entschieden wird.

F&L: Ein deutscher Wissenschaftspolitiker hatte einmal nach der Wende gesagt: "Humboldt ist tot", d.h. für die Universitäten sei sein Modell der Einsamkeit und Freiheit, der Einheit von Forschung und Lehre nicht mehr relevant. Dem hat ein Hochschullehrer und ehemaliger Bürger der DDR dezidiert und mit tiefster Überzeugung widersprochen. Nein, die Ideen Humboldts seien es gewesen, die ihm unter dem totalitären DDR-Regime für Wissenschaft und Universität Hoffnung gegeben hätten. Wie sehen Sie die Zukunft der Idee der Universität?

Jan Sokol: Ich kannte diese Zitate nicht, sie sind aber eine treffliche Illustration jener Missverständnisse, die ich erwähnt habe. Es ist ganz umgekehrt so, dass Bologna der einzige vernünftige Plan ist, die Humboldtsche Universität eingermaßen zu retten - wenigstens in den höheren Zyklen. Oder anders gesagt: ein Versuch, unsere 19-jährigen für die Einheit von Forschung und Lehre erst reifen zu lassen. Denn auf diese Idee kann keine Universität verzichten, ohne ihren eigenen Sinn zu leugnen. Es ist aber halt so, dass die Hochschulbildung für die Hälfte des Jahrgangs bzw. der "Kohorte" nicht nur für Forschung und Akademie, sondern für alle möglichen Lebensbereiche von Nutzen sein soll. Diese Sortierung darf jedoch nicht a priori, im Alter von 19 Jahren auf Grund einer Prüfung vorgenommen werden, sondern erst nach beiderseitiger Erfahrung - der Universität mit den einzelnen Studenten und auch der Studenten mit den Wissenschaften.

F&L: In einem Vortrag vor der Guardini-Stiftung haben Sie einmal gesagt, dass die Universität sich der Kurzsichtigkeit des heutigen öffentlichen und privaten Lebens anpasse und ihren dauerhaften Auftrag - d.h. ihren eigenen Sinn und ihre besondere Verantwortung - allmählich vergesse. Liegt dies an ökonomistischem und utilitaristischem Zeitgeist?

Jan Sokol: Sehr wahrscheinlich ja. Es gibt jedoch auch einen anderen Mechanismus: wir betäuben uns gegenseitig - mit kräftiger Unterstützung der Medien - mit den alltäglichen "Problemen" und "Neuheiten", die schon morgen niemanden mehr interessieren. Damit bleibt keine Zeit für Wichtigeres und am Ende schämt man sich sogar, Ernsthaftes überhaupt zu erwähnen. Es ist ja lästig, nicht richtig spannend und verspricht keine unmittelbaren Erfolge. Es ist meist nicht im Handumdrehen zu "lösen", wie man heute sagt und erwartet. Sollte diese Krankheit des Geistes jedoch auch die Universitäten erobern, müsste man sich fragen, wozu sie noch da sind.

F&L: Sie gehörten zu den Erstunterzeichnern der Charta 77. Haben Kernthesen des Manifestes noch heute Gültigkeit?

Jan Sokol: In manchen Gegenden der Welt wahrscheinlich ja - wie etwa die weißrussische "Charta 97" oder die chinesische "Charta 08" bezeugen, die auf die tschechische ausdrücklich verweisen. Hierzulande leben wir heute mit anderen Problemen und Hoffnungen, obwohl eine Erinnerung an die Menschenrechte und die Freiheit auch hier von Zeit zu Zeit geboten ist. Für uns scheint mir heute dringender die Frage zu sein, was wir mit dieser Freiheit anfangen wollen.

F&L: Sie haben die Europäische Union einmal als ein "äußerst kühnes Experiment" bezeichnet. Ist es bislang gelungen? Oder wird die ursprüngliche Idee mehr und mehr unter technokratischem Zentralismus und dem Pragmatismus der Währungsunion begraben?

Jan Sokol: Einerseits ist die EU - in historischen Massstäben gesehen - ein unglaublicher Erfolg: wer hätte so etwas noch vor 60 Jahren für möglich gehalten? Denken Sie an die Politiker der Vorkriegszeit, aber auch noch des kalten Krieges oder der Détente. Andererseits wächst mit der heutigen Bequemlichkeit und Ängstlichkeit auch eine Art kollektiver Egoismen. Hoffentlich bringen die jetzigen Krisen die Menschen wieder zur Vernunft, d.h. zu der Erkenntnis, dass man sich gegenseitig braucht. Das Menschenleben kann unmöglich nur und überall ein Wettbewerb zu sein.

F&L: In der EU gibt es 23 Amtssprachen. Für Übersetzer gibt es 506 mögliche binationale Sprachkombinationen... Gilt für Europa, frei nach Kant: "Habe Mut, dich deiner eigenen Sprache zu bedienen!"? Oder braucht Europa eine Einheitssprache?

Jan Sokol: Diese Armee von Übersetzern schien mir früher auf den ersten Blick auch etwas lächerlich. Heute sehe ich darin ein Zeichen großer Vorsichtigkeit der EU, die die Verschiedenheit der Mitglieder sorgfältig respektiert. Was jedoch etwas lächerlich bleibt, ist die Hartnäckigkeit, mit der diese Mitglieder auf solchen "Rechten" in Brüssel und Strassbourg beharren. Sonst ist freilich die gemeinsame Sprache Europas die Übersetzung, wie Umberto Eco mal bemerkt hat - und ich hoffe, dass es dabei bleibt. Ein einheitliches Europa wäre eine contradictio in adiecto, ein Ende seiner Geschichte.


Über den Wissenschaftler
Professor Jan Sokol, Philosoph an der Karlsuniversität Prag, Erstunterzeichner der Charta 77, Minister für Schulwesen 1998, 2003 parteiloser Kandidat der bürgerlichen Parteien für das Amt des tschechischen Staatspräsidenten, Seniorfellow an der Harvard-Universität 2008/2009 und Mitglied des tschechischen PEN-Clubs und Officier der Légion d'honneur

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