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Die Wiege der Seuche

VON KLAUS JACOB

Wo immer die Cholera auftritt, verschwindet sie auch wieder. Nur in Indien und Bangladesch ist sie nicht auszurotten. Deutsche Forscher wollen das Rätsel ihrer Verbreitung lösen.

Die Wiege der Seuche© Koustav2007 - Wikimedia CommonsDie Sundarbans sind die Wiege der Cholera
In den Sundarbans, den riesigen Mangrovenwäldern an der Grenze von Indien und Bangladesch, tummeln sich Krokodile, Tiger und Piraten. Hier zu arbeiten »ist kein Spaß«, sagt Ruben Lara. Der Biogeochemiker vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie in Bremen kommt trotzdem immer wieder hierher. Denn die Sundarbans sind die Wiege der Cholera. Derzeit hat das erdbebengeschüttelte Haiti mit der Plage zu kämpfen. Die Schreckensbilanz von Januar 2010 bis Ende Mai 2011: mehr als 5300 Tote, mehr als 300 000 Kranke. Zurzeit steigt die Zahl der Infektionen sprunghaft an. Jeden Tag infizieren sich 550 Menschen. Doch nach ein paar Jahren wird die Cholera wieder aus Haiti verschwinden, genau wie aus den Ländern Afrikas oder Südamerikas. In Peru, wo sie Anfang der neunziger Jahre wütete, half es schon, das Ballastwasser der Schiffe auf Cholera-Erreger zu kontrollieren. Nur in Indien und Bangladesch ist sie zu Hause, hier drangsaliert sie seit Jahrhunderten die Bevölkerung. Warum das so ist, gehört zu den Rätseln, die Lara und seine Kollegen lösen wollen.

Der Erreger der Cholera, das Bakterium Vibrio cholerae, hat den Menschen eigentlich gar nicht im Visier. Sein angestammter Lebensraum sind das tropische Meer und das Brackwasser von Flussmündungen, wo es sich an die Chitin panzer von Plankton-Organismen heftet und davon zehrt. Für die Fortbewegung braucht es außerdem Natrium, das es aus dem Meersalz gewinnt. Ein körpereigenes Mikrokraftwerk, die NADH-Dehydrogenase, liefert seinem Paddelschwanz, der »Geißel«, die nötige Energie. Aber auch in Süßwasser und ohne genügend Nährstoffe stirbt das Bakterium nicht ab, sondern fährt seinen Stoffwechsel nach Belieben herunter. So kann es jahrelang »schlafend« überleben. Wie der Erreger aus seinem salzigen Milieu in die Städte vordringt, ist noch längst nicht restlos geklärt. Ruben Lara und sein Team untersuchen derzeit in einem deutsch-indischen Gemeinschaftsprojekt, welche Umwelteinflüsse die Krankheit begünstigen.

Nicht nur unhygienische Zustände ebnen der Seuche den Weg in die Häuser, das zeigt schon ihr saisonales An- und Abschwellen: Der Durchfall kommt immer mit dem Regen. Dann treten die Flüsse über die Ufer und schwemmen große Mengen Abwässer ins Meer. Das führt zu einer Algenblüte, von der sich das Zooplankton ernährt, sodass es sich ebenfalls explosionsartig vermehrt. Davon profitiert schließlich der Cholera- Erreger. Allerdings lebt das Bakterium nicht nur auf Plankton-Organismen, wie Experten bislang vermutet haben. Lara konnte nachweisen, dass es sich ebenso an Algen, Pilze und Bruchstücke von Chitinpanzern heftet. Möglicherweise steckt es sogar im Flusssediment und wird bei Unwettern, wenn die Böschungen bröckeln, frei. Das würde erklären, warum nach jedem Wirbelsturm die Zahl der Erreger sprunghaft steigt. Über verdrecktes Brunnenwasser und verseuchte Meeresfrüchte gelangen die Bakterien schließlich in den menschlichen Körper. Dort müssen sie zunächst die Säurebarriere des Magens überwinden. In der Schleimhaut des Dünndarms finden sie angenehme Bedingungen vor. Allerdings müssen sie an Natrium kommen, um beweglich zu bleiben. Sie sondern ein Gift ab, das dem Körper das Mineral entzieht - sowie Unmengen an Wasser. Die Erkrankten trocknen regelrecht aus. In Gegenden ohne ausreichenden hygienischen Standard breitet sich die Krankheit über die menschlichen Ausscheidungen seuchen artig aus. Allerdings wird nicht jeder krank, der sich angesteckt hat. Manche Menschen scheiden den Erreger aus, ohne etwas davon zu merken - und dienen so der Seuche als Transportmittel in alle Welt.

Jedes Jahr registriert die Weltgesundheitsorganisation zwischen 2000 und 6000 Cholera-Tote. Wahrscheinlich sterben daran viel mehr Menschen. Der Klimawandel verschärft das Problem, weil die Regenfälle in den Sundarbans heftiger werden. Auch die Ballung der Menschen in Megastädten und die vermehrte Aquahaltung von Shrimps, einem beliebten Wirt von Vibrio cholerae, könnten die Krankheit begünstigen. Umso wichtiger ist die Forschung auf diesem Gebiet. Julia Fritz-Steuber von der Universität Hohenheim geht im Kampf gegen die Cholera einen neuen Weg. Sie untersucht das zelluläre Natriumkraftwerk der Erreger, die NADH-Dehydro genase, um es lahmlegen zu können. Gelänge ihr das, könnte das Bakterium nicht mehr aktiv zu den Darmzellen schwimmen. Allerdings wird aus Fritz-Steubers Ergebnissen wohl niemals ein Medikament zur Behandlung akuter Cholera-Fälle hervorgehen. Dafür nimmt die Krankheit einen zu explosiven Verlauf. »Entweder die Bakterien führen nach Stunden mit heftigem Durchfall zur Dehydrierung und schließlich zum Tod, oder aber der Körper schwemmt sie aus«, sagt die Biologin. Selbst Antibiotika wirken nur begrenzt. Was im akuten Fall tatsächlich hilft, ist eine isotonische Zucker lösung, oral oder intravenös verabreicht - und zur Vorbeugung sauberes Trinkwasser.

Aus DIE ZEIT :: 22.06.2011

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