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Die Wüste - eine einzige Baustelle

VON ARNFRID SCHENK

Städte, Brücken, Stadien: Qatar ist vom Baufieber befallen. Und immer mit dabei sind Ingenieure aus Deutschland.

Die Wüste - eine einzige Baustelle© HOCHTIEFIn Qatar entsteht die Barwa Commercial Avenue, eine 8,6 Kilometer lange Geschäfts- und Einkaufsstraße
Nach fünf Kilometern kommen Zweifel: Ist das noch dieselbe Baustelle, oder spiegelt die Luft einem etwas vor? Ein grauer Rohbau, vier Stockwerke hoch, zieht sich entlang der sechsspurigen Straße, die aus Doha, der Hauptstadt Qatars, in die Wüste führt. In der Morgensonne zeigt sich das immergleiche Bild: Baukräne, Lastwagen, dazwischen Arbeiter im Blaumann, die Gesichter unter den Helmen vermummt mit Halstüchern und Sonnenbrillen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite nichts als steinige Wüste. Endlich knickt der Gebäuderiegel nach rechts ab, formt so ein L und findet ein Ende.

Willkommen auf der zukünftigen Barwa Commercial Avenue. Einer 8,6 Kilometer langen Geschäfts- und Einkaufsstraße, die in 53 Monaten aus dem Sand gestampft wird, die 920 000 Quadratmeter Fläche bieten soll für Büros, Läden und Apartments, an der zurzeit 11 000 Arbeiter aus 35 Ländern schuften. Einer Baustelle, die dem deutschen Konzern Hochtief mit 1,3 Milliarden Euro den größten Einzelauftrag seiner Unternehmensgeschichte bescherte. Qatar, das kleine Emirat am Persischen Golf, ist vom Baufieber befallen: Im Norden von Doha entsteht Lusail City, eine Stadt für 200 000 Bewohner, auf einer künstlichen Insel wurde ein Wohn- und Ausgehviertel namens Pearl gebaut, ein Metrosystem mit 98 Stationen ist in Auftrag gegeben, die längste Brücke der Welt ist in Planung. Der Zuschlag für die Fußball-WM 2022 hat das Fieber erhöht, jetzt wollen auch noch acht Stadien gebaut werden. Und bei fast all diesen Projekten mit dabei sind Ingenieure aus Deutschland.

Einer davon ist Christoph Dümpelmann. In einem Toyota-Jeep holpert er über die Baustelle der Barwa Commercial Avenue, der Hochtief-Ingenieur ist stellvertretender Projektleiter, obwohl er erst 34 Jahre alt ist. Während der Fahrt versucht er das Megaprojekt knapp zusammenzufassen. »Die Schwierigkeit hier ist nicht die bauliche Komplexität«, sagt er, technisch gesehen, sei das einfach, »die Schwierigkeit ist die Logistik«. Die Materialien kommen aus den USA, aus Europa, aus Indien, aus den Golfstaaten, aus Australien, aus Südostasien, und alles muss zur rechten Zeit am rechten Platz sein. Langsam rollt er an der baustelleneigenen Moschee vorbei, dann am Krankenhaus. Es gab bisher nur zwei lost time accidents, so nennt man das, wenn nach einem Unfall am nächsten Tag die Arbeit nicht wieder aufgenommen werden kann. Ein Arbeiter hatte sich am Fuß verletzt, ein anderer das Bein gebrochen. Bei zusammengerechnet 43 Millionen geleisteten Arbeitsstunden sei das in der Baubranche ein unglaublich guter Wert, sagt Dümpelmann. Hochtief fungiert hier als Generalunternehmer, die Masse des Arbeiterheeres wird von Subunternehmern angestellt und bezahlt.

Ein kurzer Stopp, ungefähr in der Mitte der Anlage: Die Treppe hoch aufs Dach, der Wind fegt einem fast den Helm vom Kopf. Schaut man auf die eine Seite, sieht man: Baustelle bis zum Horizont; schaut man auf die andere Seite: Baustelle bis zum Horizont. Hinter der parallel verlaufenden Autobahn beginnt die Wüste, und etwas entfernt wächst eine Kleinstadt aus dem Sand, Barwa City genannt. Auch dort sind deutsche Ingenieure am Werk, von der Konkurrenz. Wer all die Räume einmal füllen soll, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Aber Dümpelmann sagt: »Der Bedarf scheint da zu sein.« Qatar ist halb so groß wie Schleswig-Holstein und hat 1,7 Millionen Einwohner. Der IWF sagt dem Emirat für 2011 ein Wirtschaftswachstum von fast 19 Prozent voraus. Die Revolution, die seit Monaten einen Großteil der arabischen Welt erfasst hat, scheint um Qatar einen Bogen zu machen, sie findet nur im Fernsehen statt, der Sender al-Dschasira hat hier sein Hauptquartier. Alle Macht gehört in dem streng sunnitischen Emirat der Herrscherfamilie al-Thani. Sie will Qatar auf die Zeit nach dem Öl vorbereiten, investiert viel in Bildung, hat Ableger von amerikanischen Elite-Unis ins Land geholt und kauft sich in internationale Konzerne ein, darunter auch Hochtief.

Christoph Dümpelmann ist wieder beim Auto. Eine Frage: Wie ist es eigentlich, wenn man als 34-Jähriger ein 1,3-Milliarden-Projekt mitverantwortet? »Man darf nicht an die Summe denken«, sagt er und legt den Baustellenhelm in den Kindersitz auf der Rückbank seines Toyota. Die Tochter ist gerade eineinhalb Jahre alt. Er ist seit 2007 in Qatar, mit einigen Unterbrechungen. Studiert hat er an der RWTH Aachen, Statiker ist er von Haus aus. Hochtief führte ihn rasch ins Ausland, zu seinen Stationen gehörten Taiwan, Südafrika. Jedes Mal wuchs die Verantwortung, jedes Mal führte es ein Stück weg von der Technik hin zum Management. Zurück in seinem Büro, sagt er: »Ich kann hier meistens pünktlich Feierabend machen.« Er fängt morgens um sechs Uhr an und hört abends um sechs, na gut, halb sieben auf. Das Wochenende beschränkt sich auf den Freitag. Alle 14 Tage kommt noch der Samstag dazu. Entspannt erzählt Dümpelmann von der »Terminüberwachung«. 25 000 Posten müssen dabei einmal wöchentlich geprüft werden. Er zeigt auf ein Balkendiagramm, Türkis steht für geplant, Schwarz für erzielt. Manchmal führt Türkis, meistens Schwarz. Endabgabe ist der 30. Juni 2012. Der Ingenieur wirkt zufrieden.\
Von den Einwohnern Qatars sind 80 Prozent Ausländer, der Großteil davon Gastarbeiter aus Pakistan, Indien, Nepal, Südostasien. Sie verdienen hier ein Vielfaches von dem, was sie in ihren Heimatländern bekommen würden. Trotzdem sind die Stundenlöhne, die die lokalen Unternehmer zahlen, von westlichem Standard aus gesehen, unfassbar niedrig - umgerechnet oft weniger als zwei Euro. So ist das in Qatar, einem der reichsten Länder der Erde, dank Öl und dem drittgrößten Erdgasvorkommen. Ein Land, in dem die Kinder der Herrscherfamilie zu ihrem dritten Geburtstag schon mal ein Pferd bekommen und zu ihrem zehnten einen Lamborghini, inklusive Fahrer. Rund 100 Stammmitarbeiter aus Essen hat Hochtief derzeit in Qatar. Wie lebt es sich hier als Deutscher? »Gut!«, sagen Korbinian Bittcher, 27 Jahre alt, und Sebastian Lögering, 28 Jahre alt, beide seit 2009 in Doha auf der Com mercial- Avenue-Baustelle. Und beginnen aufzuzählen, was man nach der Arbeit so machen kann: Grillabend in der Wüste, Golf und Tennis spielen, an der Uferpromenade joggen, ins Kino gehen oder in eines der zahlreichen Restaurants mit internationaler Küche, bei Speedbootrennen zusehen und, und, und. »Ich habe gar nicht das Gefühl, im Mittleren Osten zu sein«, sagt Korbinian Bittcher. Er hat in Braunschweig Versorgungstechnik studiert und dachte damals schon, »dass man im Ausland gewesen sein muss, wenn man als Ingenieur etwas zählen will«. Dass er dann gleich in Qatar in den Beruf startete, war Zufall. Hochtief suchte dringend Leute. Es klang nach Abenteuer. Alles, was er von Qatar wusste, war, dass es das Land nahe Dubai ist.

»Das Gute an einer Auslandsbaustelle ist die große Nähe zwischen dem Projektmanager und dem »einfachen« Ingenieur, sagt er. Nicht nur die Baustellen seien größer, sondern auch die Verantwortung, die man von Anfang an übertragen bekomme. Sein Kollege Sebastian Lögering nickt. Er hat in Oldenburg Europäisches Baumanagement studiert und arbeitet hier in der Terminüberwachung. Er erwähnt dann noch die Wohnungen. Die seien auch größer als zu Hause. Drei-Zimmer-Apartments bekommen sie gestellt - das Badezimmer großzügiger als die Studentenbude in Deutschland. Auch ihr Kollege Oliver Fürstmann fühlt sich wohl in Doha. Der 37-Jährige ist seit zwei Jahren im Land, davor sei er elf Jahre lang für Hochtief »mal hier, mal da« gewesen. Jetzt leitet er für Hochtief einen Bauabschnitt für die neue Stadt Lusail im Norden von Doha: eine Schnellstraße, die an einigen Kreuzungen auf über 20 Fahrspuren kommt. Seine Wohnung in Deutschland hat er aufgelöst, die Möbel in einem Container eingelagert. Mittelfristig möchte er schon wieder zurück, aber jetzt ist sein Zuhause eine Firmenanlage, in der jede Hochtief-Familie ein großes Haus hat, den Pool teilt man sich. Ein Paradies für Kinder sei das, sagt er, abgesehen von den Sommermonaten, wenn die Temperaturen über 40 Grad steigen können. Seit Hochtief da ist, gibt es auch eine deutsche Schule mit Kindergarten. Die ist so beliebt, dass sogar die Herrscherfamilie ihre Enkel dort unterbringt. Und Bayern Münchens Fußballer ließen sich während ihres Winter-Trainingslagers mit den Schülern ablichten. Auch die WM, die, etwas überraschend, für 2022 an Qatar vergeben wurde, ist mehr oder weniger made in Germany. Die Bewerbung für die Fifa vertrauten die Qatarer dem Frankfurter Planungsbüro Proprojekt an, und das Architekturbüro Albert Speer und Partner zeichnet die Stadien. Bauen werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach - Ingenieure aus Deutschland.

Aus DIE ZEIT :: 31.03.2011

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